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Wie wir intelligenter essen

Fast Food? Nicht vor Kindern!

| 8 Lesermeinungen

19-05-2014-12-36-01-hamburger-dpa-29293205Zeit für einen Big Mac                                                                                Foto dpa

Kinder lernen von ihren Eltern. Sie lernen zum Beispiel, dass die Ananas in Scheiben aus der Dose kommt, ihr Saft einen leicht metallenen Geschmack aufweist, und man sie unter Scheibletten-Käse begraben als Toast Hawaii verzehren kann. Vielleicht lernen sie aber auch, wie eine Ananas wirklich aussieht, wie rote Bete schmeckt und wie herrlich süß und saftig frisch gepflückte Erdbeeren sind.

Welche Nahrung wir mögen und welche wir als ungenießbar ablehnen, ist das Ergebnis unserer Sozialisation innerhalb einer bestimmten Esskultur. Wer in Bayern aufwächst, liebt andere Speisen als jemand, dessen Kindheit sich in einem thailändischen Dorf abspielt. Innerhalb der einzelnen Nahrungskosmen wiederum bilden sich durch Erziehung, Lernprozesse, Erfahrung und Veranlagung individuelle Geschmackspräferenzen und Abneigungen heraus. Die treibende Kraft, was den Geschmack betrifft, ist die Familie. Sie ist die Sozialisationsagentur Nummer 1. So weit, so einleuchtend.

Forscher der Cornell University in Ithaca fanden nun heraus, dass bereits Kleinkinder im Alter von einem Jahr den Einfluss des sozialen und kulturellen Kontextes der Essenden registrieren. Im Rahmen der Studie wurden 200 Babys verschiedene Essensszenen per Video vorgeführt. In einem der Filme sprachen die Schauspieler unterschiedliche Sprachen und verhielten sich, als seien sie einander fremd. In einem anderen Kurzvideo sprachen sie eine Sprache und gingen äußerst vertraut miteinander um. Was sie aßen, quittierten die Schauspieler in beiden Filmen entweder mit Begeisterung oder sichtbarer Ablehnung. Gemessen wurde, welche Szenen die Blicke der Babys besonders fesselten (sind sie überrascht, ist die Blickdauer besonders lange), und welche kaum ihr Interesse weckten. Das Ergebnis: sprachen die Schauspieler eine Sprache und strahlten Vertrautheit aus, gingen die Babys davon aus, dass sie dasselbe Essen mögen. „Wenn Babys“, so eine an der Studie beteiligte Wissenschaftlerinnen, „jemanden essen sehen, lernen sie nicht nur etwas über das Essen, sie lernen auch, wer mit wem isst.“ Besonders interessant war, dass beim Ausdruck deutlichen Ekels die Kleinkinder erwarteten, dass alle den Ekel teilen würden.

Warum wir uns bisweilen ekeln müssen

Ekel erfüllt fernab kultureller Ausdifferenzierung und kulinarischer Vorlieben eine wichtige Funktion: Er warnt uns vor potenziellen Krankheitserregern und schützt und vor Infektionen. Ekel ist überlebensnotwendig. Der Mensch als „Allesfresser“ wäre ohne dieses Sensorium für gefährliche Nahrung und Stoffe aufgeschmissen. Spiegelt sich in einem Gesicht Ekel wieder – übrigens weltweit auf die gleiche Art und Weise –, wissen die anderen, dass hier Vorsicht geboten ist. Valerie Curtis, Anthropologin und Epidemiologin von der London School of Hygiene und Tropical Medicine, die seit Jahrzehnten über Ekelgefühle forscht, ist überzeugt, dass wir Ekel nicht erst erlernen. Er habe sich vielmehr im Laufe der Evolution entwickelt und sei fest in unseren Genen verankert. In einem ihrer Versuche wurden 40 000 Probanden weltweit verschiedene Bilder vorgelegt. Blut, Kot, Kadaver, Eiter lösten kulturübergreifen bei nahezu allen Menschen starke Ekelgefühle aus.

Die amerikanische Psychologin Hanah A. Chapman verwies in einem Inteview auf die physiologische Komponente von Ekel, die aus dem parasympathischen System komme, und zwar in erster Linie Übelkeit. „Sie wird zwar nicht nur durch Ekel ausgelöst, aber es besteht ein starker Zusammenhang. Hinzu kommt ein charakteristischer Gesichtsausdruck, nämlich ein Heben der Oberlippe und Naserümpfen, was auch die Augen verengt. Auch kann sich die Kehle zusammenziehen. Dies wird als Schutz des sensorischen Systems interpretiert – wir verringern das eingeatmete Volumen sowie die Oberfläche der Augen.“

Fazit: Die Zeiten, da man vor dem gerade mit Karottenbrei gefütterten Nachwuchs entspannt Fast Food verzehren kann, sind vorbei. Und das Gesicht bei Brokkoli zu verziehen, ist erziehungstechnisch freilich auch fatal; das Kleinkind registriert es. Die Forscherin Katherine Kinzler, die an der Studie beteiligt war, rät in der „New York Times“ zu mehr Achtsamkeit – Kleinkinder können demnach gar nicht früh genug in soziale Kontexte integriert werden, in denen Erwachsene vorbildliche kulinarische Muster pflegen, sprich gesunde Nahrungsentscheidungen treffen. Man kann ja tatsächlich lernen, Gemüse zu lieben. Zumindest gewisse Sorten.

Das Buch: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-kunst-des-klugen-essens/978-3-446-44875-9/

 

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8 Lesermeinungen

  1. Esskultur
    Ich esse mit den Kindern bei Mc Donals, bei der Pizzerie um die Ecke oder auch ein 7-Gänge-Menü beim Mützen-Koch. Alles eine Frage der Kultur. Jedes zu seiner Zeit. Nur eines ist klar: Gutes Fleisch muss schon dabei sein.
    Und ja, es gibt auch Cola udn Süßigkeiten bei uns im Haus. Allerdings mögen das die Kinder gar nicht (hat anscheinendn nciht den Reiz des Verbotenen).

  2. Fast Food? Nicht vor Kindern!
    Tritt hier jemand gegen Mac Donalds, Burger King u.ä. in den Ring? Der Kampf geht mit Sicherheit verloren, das entscheiden nämlich die Kinder in den Fastfood-Buden und die sind nun mal in absoluter Überzahl! Drinnen die Kinder bei Pommes mit Mayo, draußen auf dem Markt die Kundschaft mit Rollator. Wer stirbt eher?

  3. Dieses Jahr
    war ich schon öfters in Restaurants mit Sternen als in Fast-Food-Restaurants. Sternegastronomie wäre für den täglichen Bedarf zu teuer, Fast Food zu minderwertig. Aber ich mag beides und ich koche selbst gerne. Schon als Kind hatte ich meinen eigenen Geschmack und meine Eltern konnten mir so sehr von Rosenkohl und Blutwurst vorschwärmen wie sie wollten, ich mochte das nicht. Die Blutwurst wurde inzwischen von der Spitzengastronomie entdeckt und lässt sich in kleinen Dosen (nicht die aus Blech) genießen. Kohl esse ich allenfalls über den Wolken, wo er nicht als Kohl zu erschmecken ist.

  4. Neue Speisegebote
    …ersetzen augenscheinlich immer mehr die alten religiösen Vorschriften, treten an deren Stelle nur dann noch rigoroser irgendwelchen diffusen Reinheitsvorstellungen und Gesundheitsideologien folgend. Was ist überhaupt gesunde Ernährung? In jeder Epoche und jedem Kulturkreis gibt es eine andere Vorstellung davon. Wie wäre es einmal nur auf sich selbst zu schauen und zu prüfen was für mich bekömmlich und gut verträglich ist? Die heute heiliggesprochene Salat- und Rohkost, die wahrhaftig nicht jeder vertragen kann (fragen Sie mal Ihren Gastroenterologen), gab es z.B. vor einigen Jahrzehnten noch gar nicht:
    in älteren Kochbüchern werden z.B. Blattsalate mit Ausnahme von Feldsalat fast immer nur geschmort zubereitet. Warum wohl? Vielleicht weil man früher noch um die Unverträglichkeit rohen Gemüses wusste? Allerdings gab es da auch noch kein standardisiertes Industrieessen mit zahllosen Zusatzstoffen- Also einfach mal entspannen und frisch und von Grund auf abwechslungsreich kochen, dann können auch Pizza und Burger nicht nur lecker und gesund sein, sondern auch noch das Familienleben fördern, besonders wenn die Kinder beim Kochen miteinbezogen werden und Mikrowelle und Lieferservice außen vor bleiben.

  5. Was wir und die Kinder essen ist nicht "das Ergebnis unserer Sozialisation" ...
    … solang wir damit nicht auch die Wirkung der aufgeblähten Werbeindustrie meinen. Eine Sparte der Ökonomie, die in den letzten Jahrzehnten immer mehr zur Propagandaindustrie für Produkte, Marken, Unternehmen und Konzerne geworden ist. Einen sehr instruierenden Beitrag zu diesem Problem gibt es in den NachDenkSeiten: http://www.nachdenkseiten.de/?p=34952

  6. Ich esse mit, nicht vor den Kindern bei McDonalds, ungefähr einmal im Monat.
    Oder auch an der Currywurstbude. Im Urlaub essen wir Pizza al Taglio beim Italiener. Oder öfters auch Slow Food. Letzteres auch manchmal im Dorfgasthof um die Ecke. Im Winter gibt’s Kürbissuppe zu Hause. Rosenkohl oder Salat mögen beide Kinder nicht. Allenfalls Broccoli. Der schmeckt aus der Tiefkühltruhe oftmals besser als der frische (weil garantiert reif). Noch Fragen ?

  7. Fast Food? Nicht vor Kindern!...
    aus der „Babystudie“ abgeleitet, da Dialog mit Babys nicht möglich…
    und zur Diskussion gestellt?
    Wie „tief, stark, starr…“ diese „Baby-Nahrung-Beobachtungslernphase“
    nachhaltig wirkt und dann doch wieder auf Grund anderer
    Lebenumstände über die Zeit geändert, werden kann, wird, auch
    nachhaltig, fehlt eigentlich.
    Ich möchte lediglich auf Bedeutungsmaße aufmerksam machen,
    die dann zu…“Verhaltensreligion(en) oder „Lügenrituale“…
    zum Wohle des/der „Babys“ führen…das/die nach dieser These
    dann erwachsen wird/werden und ewig „Ekel-“ oder „Burger-„Leiden leide/t/n; wenn nicht…gelogen = versteckt gehandelt…wird.
    Noch ein anderer Gedanke dazu. Wie oft „verstecken“, „schauspielern“,
    „lügen“…wir, weil in unserer Gesellschaft, auf Grund der Freiheit
    und ihrer Qualität, Güte, oder besser ihrem Qualitätmangel,
    Gütemangel, all die notwendig ist…um „Not aus dem „Freiheitgütemangel“ zu wenden?
    Und wo „landen“ wir dann?…die Qualität, die Güte der Freiheit…
    ob es und wieviel es überhaupt „Ungesundes auf dem Markt gibt“…
    ist abhängig von dem humanen Geist-„Reife“grad und besonders
    dem „resultierend wirkenden“ Reifegrad…“Zeitgeist-Reifegrad?…
    des Einzelnen, der Familie, des Freundeskreises…bis der Menschheit.
    Der Gesamtvernunftlevel, der humane Gesamtzeitgeistlevel
    der Vernunft fordert uns…die Menschheit, jeden Einzelperson
    auf…zur Vernunftbildung und zum Vernunfthandeln…
    dann haben „Religionen jeder Art, auch Geldreligion, …
    „vor dem Baby-Verhalten-Religion“…und noch viele andere
    ausgedient…weil der reifender Vernunftlevel siebt, eliminiert,
    gleichbedeutend mit balance, Gleichgewicht ist…noch ist…
    alles?, vieles?, das Meiste?…schief…deswegen „schauspielern“,
    eine „Rolle spielen“…für uns selbst, für die Kinder, für die Freunde,
    für die Gesellschaft…wenn nicht, dann droht Not…aus Vernunftmangel
    aus Geistreifemangel, aus Gleichgewichtmangel…heraus…
    wie Sie geschrieben… Fast Food? Nicht vor Kindern!

  8. Entschuldigung, aber das liest sich auf den ersten Blick wie "Blödsinn, Komma hochgradig"
    Nein, ob man etwas vor den Kindern macht sich Küssen z.B., oder nicht, ist eher katholisch, oder sonst etwas anderes, und sonst nichts. Und natürlich gibt es Grenzen. Aber grade bei oral-lustvollen Betätigungen wie „essen“ eben nun eher nicht.

    Nein, „wie“ man es macht oder nicht und wie oft und mit welcher Haltung, das ist das Thema und zeigt ggfls. die Reife von Eltern.

    Sehr wohl kann ich einen Hamburger im Beisein meiner Kinder essen, und gut ist. Und das erklären. Und zwar auch „die Dosis“ – solange die nämlich öffentlich ist, und das Kind sagt, „stimmt Papa, ißt Du ja wirklich selten und sonst auch immer gesund“. – Und dann wären wir bei der Frage, ob der gute Hamburger 1x pro Woche nicht auch gesund sein könnte. Zumal für die Psyche. So nach dem Motto „nur keine falsch-rigiden Pseudoenthaltsamkeitssysteme“. Und zwar schon gar nicht bei den Erziehungsberechtigten zuallererst. (Hätte nämlich, wie bekannt, durch unweigerliche Nachahmung mit der Zeit ggfls. total gegensätzliche und unerwünschte Folgen.)

    Intelligente Familien bringen ihren Kindern den lustvollen Genuß von Hamburgern bei, selbstbestimmt und im Maßen, wenn Hamburger, dann aber gerne bis sehr gerne und immer öffentlich. Für alle.

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