Home
Food Affair

Food Affair

Wie wir intelligenter essen

Mit Kohlensäure bitte!

| 1 Lesermeinung

11-07-2016-05-03-04-mineralwasse-dpa-41165803Die Deutschen trinken ihr Wasser am liebsten mit Sprudel                                                      Foto dpa

Erinnern Sie sich? Vier bis acht Wochen später fand man die Wasserflasche im Schlafzimmer, versteckt hinter dem Bettpfosten. Den Verschluss hatte man eines Nachts nur schlampig zugedreht, die Kohlensäure war halb aus der Flasche entwichen, ein vorsichtiger Probeschluck und man verzog angeekelt das Gesicht. Man passte dann einen günstigen Moment ab, einen, in dem die Mutter gerade nicht guckte oder aus dem Haus war, und kippte den Rest des Flascheninhalts heimlich in die Spüle. Heutzutage trinken die Deutschen pro Jahr – Tendenz steigend – 4,8 Milliarden Liter Wasser mit wenig Kohlensäure, auf fast jeder zweiten verkauften Flasche steht „medium“. Was soll man dazu sagen?

„In Deutschland gibt es kein Wasser ohne Kohlensäure“, sagt dazu Benoit, ein achtzehnjähriger Austauschschüler aus Paris, nach zwei Wochen in Bonn. Sein Lehrer Stéphane fügt hinzu, diese Beobachtung sei oft die wichtigste, die seine Schüler mit zurück nach Frankreich nähmen, und rein statistisch haben sie Recht: Kohlensäurehaltiges Mineralwasser macht in Deutschland trotz der langsam steigenden Beliebtheit stillen Wassers immer noch 85 Prozent des Absatzes aus. 85 von 100 Flaschen beinhalten Kohlensäure, mal mehr, mal weniger, und in vielen Familien eben 100 von 100. Doch wie sieht es im Restaurant aus? Stéphanes deutsche Bekannte Julia habe ihm anvertraut, dass ein Mann, der in ihrem Beisein Wasser mit Kohlensäure bestelle, von vornherein einpacken könne, und zwar nicht wegen der Gefahr, bei Tisch Bäuerchen zu machen, nach dem Genuss kohlensäurehaltigen Mineralwassers also aufzustoßen (das Problem müsse er eh selbst in den Griff bekommen), sondern weil es unsexy sei, dörflich, gestrig. Was soll man dazu sagen?

Lautes Wasser, leises Wasser

Benjamin Adrion, ehemaliger Fußballprofi, Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande und Gründer der Trinkwasserinitiative Viva con Agua de Sankt Pauli, sagt dazu schlicht „laut“ und „leise“. Seine Wasserflaschen mit Kohlensäure sind auf einem blauen Etikett mit dem Wort „laut“ gekennzeichnet, die ohne Kohlensäure auf einem weißen Etikett mit „leise“. Wasser mit wenig Kohlensäure gibt es bei ihm nicht – dafür aber den gern mal wiederholten Rat an die Kundschaft, die einmal gekauften Flaschen doch ab und zu einfach mit Leitungswasser wieder aufzufüllen, ein Rat, der nur vor dem Hintergrund zu verstehen ist, dass Viva con Agua nicht nach Gewinnmaximierung strebt, sondern Spendengeld sammelt.

„Die eine große Frage bleibt ungefragt: Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruh‘n“, heißt es bei Element of Crime. Die eine große Frage bleibt auch beim Thema Mineralwasser ungefragt, da sie auf vermintes Gelände führt: ob Kohlensäure dem Körper schadet, schaden kann. Der Verband Deutscher Mineralbrunnen e. V. sagt laut „Nein“ (was soll er sonst sagen?), Mediziner decken die ganze Bandbreite zwischen „Nein“, „Jein“ und „Ja“ ab und sagen insbesondere, dass es wie immer im Leben auf die Menge ankomme.

Wir halten es mit Benjamin Adrion und begnügen uns mit einem Glas Leitungswasser.

Das Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-kunst-des-klugen-essens/978-3-446-44875-9/

Mühl_Kopp_Essen_FINAL.indd

 

 

 

7

1 Lesermeinung

  1. Was man dazu sagen soll?
    „sondern weil es unsexy sei, dörflich, gestrig. Was soll man dazu sagen?“ Dass Julia eine schnöselige Hipstertussi ist, die ein echter Sprudelwassertrinker nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde :-D

Kommentare sind deaktiviert.