Food Affair

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Wie wir intelligenter essen

Vorsicht vor Fitness-Riegeln und Motivationstrainern

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Fitness First/6-Directions. Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/nr/78098 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. Veröffentlichung bitte unter Quellenangabe: "obs/Fitness First Germany GmbH"Verbrennen garantiert Kalorien: Fitness-Übungen                             Foto: Fitness First Germany GmbH

Unter Motivationstrainern ist folgende Geschichte beliebt: Ein Klient beklagt, dass er gerne jeden Morgen joggen würde, aber keine Motivation dazu aufbringen könne. Woraufhin ihm sein Trainer rät, eine Woche lang morgens einen Erinnerungs-Wecker zu stellen – und weiterzuschlafen. So gewöhne sich der Körper schon mal (theoretisch) an das frühe Aufstehen. Eine Woche später soll der Klient tatsächlich aufstehen, Sportsachen anziehen, sich dann aber wieder ins Bett legen. Der Auftrag für die dritte Woche: aufstehen, Sportsachen anziehen, vor die Haustüre treten, schauen wie das Wetter ist und zurück ins Bett. Die Frage, ob er sich daran gehalten habe, verneint der Klient. Als er in Sportklamotten aus dem Haus trat, beglückwünschte ihn sein Nachbar. Da sei der joggen gegangen.

Einfacher und preiswerter wäre gewesen: Turnschuhe an und los! Aber was ist im Leben schon einfach. Abgesehen von einigen Ausnahmen wie Pizza und Eis essen, fernsehen und ausschlafen, erfordern die meisten Aktivitäten Motivation. Das liegt auch daran, dass sie etwas mit Energieverbrauch zu tun haben, unser Körper aber vor allem eines möchte: Energie sparen. Deswegen lieben wir Lieferservice und kaufen Tiefkühlgemüse, anstatt es selbst im Garten zu züchten. Außer, wir brennen innerlich für gärtnern, kochen oder durch den Park laufen, dann sind wir intrinsisch motiviert und gehen auch ohne Zuspruch „ganz in einer Sache auf“. Doch zurück zur Nahrungsaufnahme: schlagen wir hierbei über die Stränge, speichert unser kluger Körper die überschüssige Energie in Form von Fettdepots. Zu Urzeiten sicherte dieser Mechanismus das Überleben, weil wir gut gepolstert tagelang durch die Wildnis streifen konnten, ohne zu verhungern. Heute können wir kaum eine Sekunde aus dem Haus gehen, ohne von Nahrungsangeboten übermannt zu werden. Strapaziös ist allenfalls die geistige Beschäftigung mit den Inhaltsstoffen. Einer Scheibe Tofu den Geschmack von Wurst zu entlocken, erfordert Fantasie. Zucker in all seinen Deklarationsvarianten (Glukose, Dextrose, Fruktose, Maltose, Laktose, Saccharose, Raffinose) auf einer Lebensmittelverpackung zu enttarnen, detektivisches Gespür. Wie Milchzucker in Schweinewürste gelangt, dürfte allerdings selbst Biologen Rätsel aufgeben. Die Notwendigkeit Bier als veganes Lebensmittel hervorzuheben, erschließt sich dagegen auf den ersten Blick. Vegan ist gesund. Und was gesund ist, hat weniger Kalorien – so die intuitive Annahme unseres überlasteten Verstandes.

Bei mehr als 200 Essensentscheidungen täglich nehmen wir schon mal mentale Abkürzungen. Zum Beispiel indem wir Essen in gesund/ungesund einteilen – und gesund mit weniger Kalorien gleichsetzen. Irrtümer, die sich auch in unserem Verhalten niederschlagen. Forscher der TU München haben einen Snack aus Nüssen und Trockenfrüchten verteilt, herkömmliches Studentenfutter, das die Hälfte aller Versuchsteilnehmer allerdings unter dem Namen „Fitness-Snack“ genossen hat. Der Clou: wer den Fitness-Snack angeboten bekam, futterte nicht nur deutlich mehr davon, sondern verausgabte sich auch weniger beim anschließenden Training auf dem Ergometer. Ein Effekt der überdies verstärkt wurde, wenn auf der Verpackung Turnschuhe abgebildet waren. Dass psychologische (Fehl-) Annahmen unser Verhalten determinieren, spielt den Herstellern unmittelbar in die Hände: Konsumenten greifen häufiger zu, sobald sie dem „Health Halo Effekt“ auf den Leim gegangen sind, und geben mehr Geld aus. Unter dem Wohlfühlmantel „Wellness“ füllen sich derzeit die Regale mit algenverfeinerten Detox-Keksen, Energiekugeln, Gelée Royale Gummibärchen und XXL-Power Fitness Riegeln. Bewegung ersetzen sie allerdings nicht. Motivationstrainer und Power-Riegel hin oder her, beim Sport heißt es noch immer: Turnschuhe anziehen und los!

Das Buch:

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https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-kunst-des-klugen-essens/978-3-446-44875-9/

 

 

 

 

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6 Lesermeinungen

  1. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 6 in 2017 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2017

  2. Vorsicht vor...
    Fremdbestimmungen…sie kostet Selbstbestimmung…
    s. Welt-(„Be“)Stimmungen…“Be“(scheidenheit)fehlt:=)

  3. Vielen Dank!
    Oh Mann, vielen Dank dafür! Diese ganzen „Essenstrends“, Kennzeichnungen und fad diets, ganz zu schweigen von den ganzen vermeintlichen Lebensmittelunverträglichkeiten treiben mich allmählich in den Wahnsinn. Ich jogge seit Juni (nicht jeden Morgen, das ist eher kontraproduktiv), und die einzige Motivation, die ich brauche, zeigt sich in meinen 11 Kilo Gewichtsverlust und den damit einhergehenden (deutlichen) gesundheitlichen Verbesserungen. Da bin ich aber ganz allein hin gekommen; ich finde es schlimm, dass anscheinend die Mehrheit die profitorientierte Fitness-Industrie für sich denken lässt.
    Interessanterweise haben die genannten „Kennzeichnungen“ auf mich eher den gegenteiligen Effekt — auf mich wirken sie eher abschreckend.

    Naja, ich schätze, wenn plötzlich alle beim Essen und Trainieren gesunden Menschenverstand einsetzten, hätte das wahrscheinlich einen negativen Effekt auf Arbeitsmarkt und allgemeine Wirtschaftslage, muss man auch mal so sehen… :-P

  4. "unser Körper aber vor allem eines möchte: Energie sparen"
    Diese Aussage würde ich mal behaupten ist einfach Quatsch. Vielleicht erinnert sich ja der eine oder andere noch an seine Kindheit oder andere aktive Lebensphasen. An Energie sparen hat da doch keiner gedacht. Da hat Essen, die Nahrungsaufnahme überhaupt keine Rolle gespielt, außer dass halt gegessen werden mußte. Der menschliche Körper liebt Bewegung. Dafür ist er gemacht. Dann funktioniert alles richtig. Die These wird ja im Nachsatz auch gleich relativiert „..außer, wir brennen innerlich..“.Die breite Masse (kann man ruhig wörtlich nehmen) brennt halt fürs Essen und fürs Nichtstun. Eine Frechheit ist, dass in Deutschland jeder werben darf wie er will. Ein Fitnesssnak, der nicht der Fitness dient sollte auch nicht so heißen dürfen. Bzw. spätestens da müßte dann in ganz fetten Lettern draufstehen wie WENIG man davon idealerweise zu sich nimmt. Ein Tipp für alle die gerne essen und sich wenig bewegen. Wenn ihr wüßtet wie lecker, köstlich selbst einfach Sachen schmecken, wenn man nach ausgiebiger körperlicher Bewegung richtig Hunger hat, ihr würdet sofort losjoggen. Das scheint die Belohnung des Körpers für die Aktiven zu sein. Aber wie gesagt solche gerade zu göttlichen Geschmackserlebnisse gibt es nicht auf die bequeme Art.

    • Oh ja ich erinnere mich nur zu gerne an die Zeit der Kindheit, wir sind jeden Nachmittag durch Feld und Wiesen gestreift (manchmal auch durch fremde Gärten, aber psst). Kinder haben einen tollen Bewegungsdrang, solange kein Tablet in greifbarer Nähe ist. Danke übrigens für den Tipp Selbstgekochtes nach ausgiebiger körperlicher Bewegung zu genießen. Unterschreibe ich sofort.

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