Food Affair

Food Affair

Wie wir intelligenter essen

Frühjahrsmüde – aber richtig

| 8 Lesermeinungen

Diese Müdigkeit…                     Foto age fotostock

„Du musst mehr Vitamin C zu dir nehmen!“ „Dir fehlt Vitamin E, du musst …“ „Du musst den Tag mit einem Apfel beginnen!“ „Du musst dir jeden Morgen ein Ingwer-Zitronenwasser machen!“ „Du leidest vermutlich an Eisenmangel, du musst …“ – gar nichts. Abgesehen davon, dass Sätze, die mit den Worten „Du musst“ beginnen, meist ungehört verhallen, ist jeder Organismus anders, ist jeder Mensch anders. Und bei vielen geht der Winter-Blues direkt in die Frühjahrsmüdigkeit über.

An wärmeres Wetter muss sich der Körper immer wieder gewöhnen, jedes Jahr neu. Die Blutgefäße weiten sich, der Blutdruck sackt ab, wir fühlen uns müde. Hinzu kommt der oft chronische Vitaminmangel, der durchaus als Massenphänomen bezeichnet werden kann. Ausgesprochen einig ist sich die sonst oft so uneinige Medizin darin, dass Vitaminmangel eine sehr häufige Ursache für diverse Krankheiten ist – und für Müdigkeit und mangelnde Fitness sowieso. Um den täglichen Vitaminbedarf zu decken, gilt die Faustregel, dass man vier bis fünf Mal am Tag Obst oder Gemüse zu sich nehmen sollte. Das schafft so gut wie niemand, fast der gesamte Tag müsste sich dann ums Essen drehen, abgesehen von der Frage, welches Obst und welches Gemüse man essen sollte. Man mag ja auch nicht alles.

Wo welche Vitamine drin stecken, lässt sich – wie fast alles auf der Welt – mit einer kurzen Frage an Siri oder Siris elektronische Schwestern blitzschnell herausfinden – und doch bleibt offen, ob ein gegen Schädlingsbefall gespritzter Apfel möglicherweise sogar mehr schadet als nützt. Bio, ja, doch zusätzlich und hauptsächlich geht es um eine vielseitige und abwechslungsreiche Ernährung, die insbesondere aus Obst, Gemüse und Vollkornprodukten bestehen sollte. Je vielseitiger, desto besser. So und nur so kommt man regelmäßig an die 13 Vitamine, die für uns Menschen lebenswichtig sind. Wie wäre es zum Beispiel mit der Maßnahme, ganz bewusst und ausschließlich andere Lebensmittel zu kaufen als sonst? Geschmacklich etwas zu „riskieren“, dem Körper etwas anderes als das Gewohnte anzubieten? Wenn Sie innerhalb Ihres „Food Radius“ Geschäfte aufsuchen, die Sie bislang – aus welchen Gründen auch immer – gemieden haben, wird sich diese Gelegenheit fast von allein ergeben.

Was kann man noch tun, wenn die Tage wieder länger und wärmer werden und wenn man einfach nicht müde sein will? Sie müssen … Sie könnten … Sie sollten vielleicht … testweise für drei, vier Wochen komplett auf Zucker und Milchprodukte verzichten. Möglicherweise haben beide mit Ihrer Müdigkeit nichts zu tun, möglicherweise aber auch viel. Wer seinem Körper nicht mehrmals am Tag Zucker zuführt, wer seinen Körper nicht nach kurzzeitigem Wohlbefinden nach immer neuen Zuckerschüben gieren lässt (und genau das ist das Prinzip, man kann es nicht aushebeln), merkt bereits nach wenigen Tagen, dass es auch ohne geht, dass es besser ohne geht. Dass man ohne Zucker fitter ist, wacher, frischer, konzentrierter.

Und Sie müssen … Sie könnten … Sie sollten … viel rausgehen, wandern, in der Natur unterwegs sein. Gerade im Frühling bietet sich ein gedankliches Experiment an, das auf den Schriftsteller Vladimir Nabokov zurückgeht, der von der „Wirklichkeit“ immer nur in Anführungszeichen sprach, da es sich bei ihr seiner Ansicht nach um eine höchst subjektive Angelegenheit handelte: „Man kann der Wirklichkeit immer näher kommen, aber man kommt ihr niemals nahe genug, denn die Wirklichkeit ist eine endlose Folge von Stufen, Wahrnehmungsebenen, Doppelbödigkeiten und infolgedessen unermesslich, ungreifbar“ (Quelle: „Deutliche Worte“, Rowohlt 1993). Gehen Sie zum Beispiel mal 90 Minuten durch einen Wald und stellen Sie sich für jeweils eine halbe Stunde vor, dass Sie

  • ein Kind auf der Suche nach Abenteuern
  • eine Biologin auf der Suche nach Käfern, Würmern und Ameisen und
  • ein Förster sind, der den Baumbestand inspiziert.

Jede der drei Figuren befindet sich in einer komplett eigenen Wirklichkeit. Sie werden am Ende des Spaziergangs feststellen, dass Sie vermutlich nie müder nach Hause gekommen sind. Angenehm frühjahrsmüde.

6

8 Lesermeinungen

  1. Fünf am Tag
    Sind ganz einfach! Und ich muß keines Falls den ganze Tag übers Essen nachdenken, um das zu erreichen. 250g Obst, das ist ein Apfel und eine Banane. 400g Gemüse, das sind zwei mittlere Karotten, eine Tomate und einen halbe Vespergurke. Fertig, das soll schwer sein?
    Und das muß ich auch nicht auf fünf Portionen verteilen, sondern in drei Mahlzeiten integrieren.
    Ich finde es enorm schade, daß auch hier Wienerin das Horn getutet wird: Fünf am Tag, das kannst keiner schaffen, und deswegen müssen Sie Vitamintabletten schlucken.

    • Oh nein, keinesfalls, von Vitamintabletten ist gar nicht die Rede, denn die lösen natürlich kaum ein Problem, da sind wir vollkommen einer Meinung. Es geht darum, den Apfel mitzunehmen und nicht den Schokoriegel – und am nächsten Tag die Birne. Und es geht darum, an der Fertigpizza vorbeizugehen und sich einen Salat zuzubereiten (etwas vereinfacht).
      Ist unser Missverständnis damit aufgeklärt?
      G. Wenge

  2. Pingback: Frühjahrsmüde – aber richtig – Food Affair – INTELLINEWS

  3. Vitamin D-Mangel
    Ab Oktober kommt die Sonne nicht mehr hoch genug, und in der Haut kann kein Vitamin D mehr gebildet werde. Da hier sowieso ein großer Mangel herrscht, wird das über den Winter immer noch schlimmer. Davon wird man unter anderem auch müde und hungrig. Ab April kann die Haut dann wieder etwas produzieren. Der März dürfte also in dieser Hinsicht der schlimmste Monat sein. Man kann das Problem leider nicht durch Obst entschärfen sondern nur durch Tabletten. Wie so oft sind die Empfehlungen der DGE falsch. Ich rate zum Test beim Arzt. 60 ng/ml sollten das Ziel sein. PS: Der Jodmangel in Deutschland ist auch gigantisches unbearbeitetes Problem, dessen Behebung viel billiger wäre als die exorbitant hohen Kosten, die er erzeugt.

  4. Titel eingeben
    Hinzu kommt der oft chronische Vitaminmangel, der durchaus als Massenphänomen bezeichnet werden kann. Ausgesprochen einig ist sich die sonst oft so uneinige Medizin darin, dass Vitaminmangel eine sehr häufige Ursache für diverse Krankheiten ist – und für Müdigkeit und mangelnde Fitness sowieso. Um den täglichen Vitaminbedarf zu decken, gilt die Faustregel, dass man vier bis fünf Mal am Tag Obst oder Gemüse zu sich nehmen sollte.

    Ist es wirklich gesichert, dass es soetwas wie Vitaminmangel überhaupt gibt? Von Fällen von Skorbut hören wir heute ja eher selten und die Vitaminaufnahme so ungünstig zu gestalten, dass es zu akuten Mangelerscheinungen kommt, ist bei der heutigen Ernährungslage doch eher ungewöhnlich.

    Welche Mangelkrankheiten können entstehen. Gibt es Verweise auf Studien?

    Viele Grüße
    Günther Werlau

    • Der Satz bezieht sich auf die fast mantraartig wiederholten Empfehlungen von Ärzten, Heilpraktikern und Gesundheitsberatern, auf vollwertige, ausgewogene und vitaminreiche Ernährung zu achten – nicht explizit auf Studien (die gewiss durchgeführt wurden und werden). Gemeint war die Aussage also eher im Sinne des Fußballphilosophen Oliver Bierhoff, der in der Shampoo-Werbung damals den Claim „Weil ich es mir wert bin“ wieder und wieder in die Kamera sprach. Denn darum geht es ja: man hat nur den einen Körper.
      G. Wenge

    • Also eher Predigt als Fakten
      Paracelsus‘ Feststellung „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist.“ ist unmittelbar einleuchtend. Tiefer als dieser Satz gehen Ihre Erläuterungen – für die ich Ihnen danke – allerdings nicht.

      Dürfen wir dieses emotionalisierte Predigen anstelle des Verwendens von Fakten bereits als „postfaktisch“ bezeichnen? Entsteht Wahrheit durch das permanente Wiederholen von Claims?

      Welche konkreten Bedrohungen existieren den nun ab welchem Versorgungsniveau?

      Viele Grüße
      Günther Werlau

    • Nein, nein, Wahrheit entsteht keinesfalls durch das permanente Wiederholen von Claims, obwohl dieser Irrglaube ja inzwischen leider weit verbreitet ist. Das Bierhoffzitat war eher scherzhaft gemeint. Ein Blog kann, soll und will dennoch keine medizinische Fachpublikation sein. Es geht um das richtige Maß, um ein angemessenes Mischungsverhältnis von Information und Lesbarkeit.
      G. Wenge

Kommentare sind deaktiviert.