Food Affair

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Wie wir intelligenter essen

Wundertrank der Stunde

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© colour boxWärmt und stärkt. Und was noch?                                         Foto colour box

 

Immer, wenn Popeye magische Kräfte brauchte, öffnete er eine Büchse Spinat, verschlang das Gemüse, und prompt wuchsen ihm gigantische Muskeln. Spinat war Popeyes Superfood. Müsste man dem Matrosen ein neues, zeitgemäßeres Wunderlebensmittel andichten, wäre es wohl die Knochenbrühe. Ja, Knochenbrühe (oder bone broth), aber keine ordinäre, kurz und lieblos gekochte, sondern ein mit Ingwer, Thymian, Sellerie, Karotten und allem Möglichen sonst verfeinerter Trunk aus Bio-Knochen von Weiderindern oder glücklichen, freilaufenden Hühnern. Die Zubereitungszeit sollte bei mindestens 18 Stunden liegen, dann entfaltet die Brühe ihre wundersamen Kräfte. Knochenbrühe, so das Marketingversprechen, stärkt Knochen und Gewebe, ist eine großartige Mineralstoffquelle, wirkt positiv auf das Immunsystem, kurbelt die Verdauung an und zaubert schöne Haut sowie schöne Haare. Und schöne Nägel.

Wie gesund ist die Knochenbrühe tatsächlich?

Hierzulande vertreibt die in Amerika zum Trendfood avancierte Brühe zum Beispiel der Online-Shop Jarmino, auf dessen Homepage es heißt: „Unsere Hühnerknochenbrühe Boost ist ein wahres Kraftpaket.“ Neben ihrer lindernden Wirkung bei Erkältung und grippalen Infekten sei die Knochenbrühe ein Schönheitselixier, auf das Hollywoodstars wie Salma Hayek, Gwyneth Paltrow oder Shailene Woodley schwörten. Jarmino geht sogar noch weiter und empfiehlt: „Vergessen Sie Botox!“ Damit ist sicherlich nicht gemeint, dass das Trinken von Knochenbrühe bestimmte, für Falten verantwortliche Gesichtsmuskeln lähmt, sondern die Haut ganz natürlich von innen glättet, was freilich Unsinn ist. 350 Milliliter der Knochenbrühe Huhn Boost kosten übrigens 4,99 Euro. Bone Brox aus Berlin hingegen verkauft ausschließlich Brühe aus Rinderknochen. Im Sechserpakt (je 250 Milliliter) kostet die Bio-Knochenbrühe 23,70 Euro.

Ebenso wie Chia-Samen oder Goji-Beeren profitiert die Knochenbrühe davon, dass Lebensmittel heutzutage nicht einfach Lebensmittel sind, sondern gleichzeitig Lifestyle-Statements. Man ist, was man isst – oder eben trinkt. Indem Marketingexperten auf den gesunden Lebensstil vermeintlicher Ernährungsgurus wie der Schauspielerin Gwyneth Paltrow, die immerhin mal einen Oscar gewonnen hat, verweisen, machen sie sich den „Halo Effekt“ zunutze. Halo stammt aus dem Englischen und lässt sich mit Heiligenschein übersetzen. Dieser Überstrahlungseffekt irgendwelcher Prominenter blendet mitunter gehörig, verzerrt den Blick auf die Realität und suggeriert, dass die Werbeträger über fachliche Kompetenzen verfügen, die sie in der Regel gar nicht haben. Dass auch die Produktverpackung eine große Rolle spielt, versteht sich von selbst. Je minimalistischer, desto besser. Im offenen Küchenregal macht sich eine Knochenbrühe von Bone Brox besser als eine Dose Ravioli. So oberflächlich das auch klingen mag, in Zeiten der Trophy Kitchen ist dieser Aspekt nicht unerheblich. Auffallend häufig ziehen Unternehmen die Nostalgie-Karte. Bei Bone Brox heißt es: „Ein uraltes, indianisches Sprichwort besagt: ,Eine gute Brühe lässt die Toten auferstehen.‘ Wir wollen keine Toten heraufbeschwören, aber wir wollen eine vergessene Tradition aus Omas Zeit in die Moderne bringen.“ Großmütter ziehen eigentlich immer.

Wie gesund ist die Knochenbrühe nun tatsächlich? Dass sie kein Wundermittel ist, ganz egal, wie lange sie auf dem Herd vor sich hin köchelt, liegt auf der Hand. Der Ernährungswissenschaftler Bernhard Watzl vom Max Rubner-Institut in Karlsruhe brachte es in einem Interview auf den Punkt. Die Brühe sei „ein traditionelles, gutes Lebensmittel“. Nicht mehr und nicht weniger. Und die Stärkung der Knochen? „Die Vorstellung, dass Kollagen aus den Tierknochen herausgekocht wird und über die Suppe direkt in die Knochen des Menschen wandert und diese stärkt, ist ganz sicher zu einfach.“ Dafür sei unser Stoffwechsel schlicht zu kompliziert. Und das Kollagen? „Ob man nun Brühe trinkt oder ein Steak isst, dürfte dabei auch keinen großen Unterschied machen, der Stoff steckt in jedem tierischen Gewebe.“ Dem Hipster ist das egal und die Marketingexperten lachen sich derweil ins Fäustchen. Das Trendgetränk Knochenbrühe wird wohl nicht so schnell wieder vom Markt verschwinden.

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4 Lesermeinungen

  1. Gegen eine gute Brühe spricht eigentlich nichts
    Gegen eine gute Brühe spricht eigentlich nichts, schon meine Oma seligen Angedenkens wusste das – nur muss sie (die Suppe) niemand zu ‚Superfood‘ hochstilisieren. Aber wieder einmal ein Hype mehr, der durch den Blätterwald getrieben wird – und irgendwer verdient daran, das ist doch des Pudels Kern. Ein wenig Vernunft, eine ordentliche Portion Skepsis bei allen großartigen Versprechungen … und schon lebt es sich entspannter. Ich hab es ja schon dicke, wenn Köche einem permanent erklären, wie gesund dies oder das sei – es reicht offenbar heutzutage nicht mehr, dass es am Ende lecker schmeckt.

  2. Guter Warn-Beitrag von Ihnen...
    Wir sollten aufpassen wer uns welche Suppen eintrichtern möchte…
    oder sind wir schon gemästet von uns eingetrichterten Suppen…
    die Wärmegfühl erzeugen und Stärkegefühl…wie Alkohol…Rauschmittel…
    Trugschluß-Sucht-Suppen…s. Weltgegenwart?
    Popey fehlt?:=)

  3. Wundertrank der Stunde
    Wärmt und stärkt. Und was noch?
    Sieht auf dem Bild aus wie eine selbst eingebrockte Suppe zum auslöffeln?
    Suppen die man sich einbrockt muß man auch selbst auslöffeln?
    Auch als Partner, Familie, Freunde,…Menschheit?
    Alles aufessen, damit das Wetter schön wird…Wärme, Stärke sich
    entfalten kann?
    Keine Suppen essen die Fremde einem einbrocken wollen, eingebrockt haben?
    Viele Suppen-Sippen-Sitten-Sorten…von Eintelterrinen…bis
    Menschheitterrinen…Suppen-Terrain der Tränen beim auslöffeln
    was Fremde uns eingebrockt haben?
    Mensch-heit…oder fehlt heit noch…damit wir uns nicht mehr
    fremd sind? Schwarmvernunft-Suppe…und die Erde, wird das Land des Lächelns?
    Bin ziemlich abgedriftet. Sie haben Schuld…Ihre Frage:=)

  4. Was wurde eigentlich aus BSE?
    Früher™ waren Rinderknochen des Teufels.

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