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An dieser Stelle bloggt Publizist und FAZ-Autor Thomas Strobl über die großen und kleinen Dinge des Lebens. Mal kurz und knapp. Mal mit vielen

Erotische Literatur aus dem Müllcontainer

| 36 Lesermeinungen

Samstag ist ein schöner Tag, weil Müllcontainertag. Alles, was sich während der Woche angesammelt hat (und oft genug auch in den Wochen davor) muss dann raus, raus, raus. Weg damit, diesem ganzen Wohlstandsdreck, diesen Amazon-Kartonagen und Zalando-Verpackungen, den alten Zeitungen und Magazinen, den geschredderten Kontoauszügen und Mobilfunkrechnungen, den Flaschen und Nutellagläsern.

Samstag ist ein schöner Tag, weil Müllcontainertag. Alles, was sich während der Woche angesammelt hat (und oft genug auch in den Wochen davor) muss dann raus, raus, raus. Weg damit, diesem ganzen Wohlstandsdreck, diesen Amazon-Kartonagen und Zalando-Verpackungen, den alten Zeitungen und Magazinen, den geschredderten Kontoauszügen und Mobilfunkrechnungen, den Flaschen und Nutellagläsern. Ja, auch den Flaschen und Nutellagläsern, liebe Leute, an einem Samstag, nur keine Panik: Unsere Sammelcontainer stehen auf dem Parkplatz einer S-Bahn-Station, weit und breit keine Anwohner, da stört das am Wochenende niemanden, wenn wir unser leergetrunkenen Chianti-Flaschen in den Altglascontainer kippen und es dabei so richtig eklig klirrt.

Aber dieses Mal ging es eh nur ums Papier und die Kartonagen. Im Abstellraum hatten sie sich bereits bis unter die Decke gestapelt, Zeugnisse einer konsumptiv sehr erfolgreichen Woche, der Obstentsafter, der neue Bildschirm für den Computer, das Macbook … all das geliefert in Verpackungen und Umverpackungen, die umweltgerecht entsorgt werden wollten. Ab in den Kofferraum damit, mein Sohn legt zu meiner großen Überraschung seine Pokémon beiseite um mir zu helfen, und schon sind wir auf dem Weg zu den Containern.

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Dort angekommen, mache ich den Kofferraum auf, mein Sohn schnappt sich ein paar Kartonagen und läuft voraus, ich mit einer Kiste geschredderter Dokumente im Arm hinterher. Auf halbem Weg höre ich ihn plötzlich rufen: „Was ist denn das?“ und sehe, wie er ein kleines, gelbes Büchlein, das halb aus dem Einwurfschlitz des Containers ragt, aus diesem herauszieht. Ich blinzle kurz, gucke nochmal genau, kann denn das sein?, aber ja, kein Zweifel: Selbst aus 5 Metern Entfernung erkennen Bücherjunkies wie ich Hermann Hesses „Lektüre für Minuten“, eine schlanke Essay- und Aphorismensammlung des Meisters im typischen Suhrkamp-Format. „Aha“, denke ich, „da ist wohl jemandem ein kleines Malheur passiert“, davon ausgehend, dass niemand so ein Kleinod absichtlich wegwerfen würde. Zumal nicht so ein gut erhaltenes, das ich ohne schlechtes Gewissen beim Wiederverkauf auf Amazon oder Ebay zwar nicht als „neu“ klassifizieren würde, aber als „kaum gebraucht“ und „in sehr gutem Zustand“ allemal.

Ich nähere mich also dem Container, im Arm noch immer die Kiste, und siehe da: Es handelt sich keineswegs um ein Versehen. Durch den Öffnungsschlitz gut erkennbar werden ganze Stapel von Aktenordnern, „Ausgangsrechnungen“ und „Eingangsrechnungen“ auf dem Rücken, prall gefüllt mit geschäftlichen Originalen aus dem Zeitraum 2002-2004; und damit eigentlich ein Fall für die strengen Herren vom Datenschutz. Aber gut, es ist Samstag, da tragen auch Datenschützer ihren Müll zu den Containern, was soll ich mich also weiter drüber aufregen, let it be! Ich stecke meine Hand in die Öffnung, will Platz schaffen für mein eigenes Zeugs, schiebe die Aktenordner zur Seite – und bemerke erst jetzt die Ungeheuerlichkeit der Tat; die ganze Dimension des Verbrechens: Im Halbdunkel des Papiercontainers kommen wahre Bücherkisten zum Vorschein, ja was sag ich: die vollständige Bibliothek des gehobenen Bildungsbürgers, mit Sachbüchern, Bildbänden und zahlreichen Werken aus Belletristik und Literatur. „Ja, spinn‘ ich denn?“, denke ich. Sagte ich schon, dass ich ein Bücherjunkie bin? Na egal: Sowas bricht mir das Herz, ehrlich. Ich könnte nie ein Buch wegschmeißen, niemals, selbst wenn es seit Anschaffung ungelesen in meiner Bibliothek herumsteht und verstaubt. Neckische Freunde mögen mir die unsinnigsten Druckwerke zu irgendwelchen Anlässen schenken, die Memoiren von Dieter Bohlen oder Politisches von Kai Diekmann, bei mir fänden auch sie Asyl und Gnadenbrot. Ausnahmslos. Abstinenzler und Ebook-Fans können das nicht verstehen, aber bei umfangreichen Bibliotheken geht es nicht darum, dass man die Werke alle gelesen hat; sondern es geht darum, dass man sie lesen könnte! Nassim Nicholas Taleb widmet der Unterscheidung gleich zu Beginn seines „Black Swan“ eine ausführliche Betrachtung und er hat recht: Die dümmste Frage, die man einem Bücherfreund unter dem Eindruck all seiner gesammelten Schätze stellen kann, und sei sie auch noch so respektvoll und ehrfürchtig vorgetragen, lautet: „Haben Sie die alle gelesen?“

Aber ich schweife vom Thema ab. Ich stehe also vor diesem Altpapiercontainer, in Gummistiefeln und schwarzem Anorak, den Arm bis zur Schulter im Bauch des Ungetüms. Für Beobachter sicher eine etwas merkwürdige Stellung. „Was werden die Leute denken?“, beschleicht es mich nur kurz angesichts der verstohlen guckenden Vorbeigehenden. „Ist mir doch schnurzpiepe“, selbstvergewissere ich mich 3 Millisekunden später. Denn wenn es um die Rettung von Kulturgut geht, dann gelten keine Konventionen und keine Standesdünkel. Da muss man einfach handeln, ohne Ansehen der Person, die Politiker machen das ja auch, aus nichtigerem Anlass. Mögen mich alle für einen Penner halten, fine by me.

Was ich aus dem Container berge kann sich durchaus sehen lassen. Neben den üblichen Machwerken der Büchergilde, mit denen selbst ich nichts anfangen kann, sowie den unvermeidlichen „Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums“ (wenn auch in einer perfekt erhaltenen, in Leinen gebundenen Ausgabe) kommen zahlreiche politische Schätze zum Vorschein, die mein Herz höher schlagen lassen:

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Sie müffeln zwar ein wenig, aber das macht nichts. Sind ja auch schon etwas älter, und Bücher mit „amerikanisches Imperium“ auf dem Deckel müffeln sowieso, schon aus ideologischen Gründen, nicht wahr? Aber trotzdem: rausgefischt und eingepackt! 

Dazu auch einige wirklich gut erhaltene Suhrkamp-Taschenbücher, die mir in meiner Sammlung noch fehlten, querbeet durch die Disziplinen:

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Und zuguterletzt ein echter kleiner Schatz, eine Trouvaille von besonderem Wert, alleine schon deshalb, weil ich mir eine solche Sammlung normalerweise nicht kaufen würde. Aber geschenkt nehme ich sie natürlich gerne, zumal die einleitenden Worte in einem der schmalen Bändchen, jeder einzelne in edlem weiß und mit goldener Beschriftung, in Plastikschutzhülle und rotem Umkarton, überaus anregende Lektüre versprechen:

„Den gelehrten Scheich und Imam, den großen Lehrer, das würdige und weise Vorbild Abu Abd-Allah Mohammed Ibn Umar An-Nefzaui möge der Allerhöchste mit seinem Erbarmen übergießen, amen! Gepriesen sei Gott, der die größte Lust des Mannes in den Schoß der Frau gelegt hat und die größte Lust der Frau in die entsprechenden Organe des Mannes! Er hat dem Schoß der Frau kein Wohlgefühl verliehen und keine Befriedigung, ohne dass die männlichen Organe darin eindringen; gleicherweise hat das Geschlechtsorgan des Mannes weder Rast noch Ruhe, ehe es nicht in das der Frau eingedrungen ist.“

Kannte ich bislang noch nicht, gebe ich ehrlich zu, aber den Fans des Erotikbuch-Genres wird die Passage geläufig sein. Sie stammt aus Scheik Nefzauis „Der blühende Garten“, einem Klassiker der Kopulationsliteratur. Sozusagen das Kamasutra der Araber, wie ich mir zwischenzeitlich sagen habe lassen. Das Büchlein lag neben einigen anderen aus der „Bibliothek der erotischen Weltliteratur“, beispielsweise Pietro Aretinos „Kurtisanengesprächen“ oder Rétif de la Bretonnes „Die Abenteuer hübscher Frauen“, in der Trostlosigkeit des Altpapiercontainers und wartete auf seinen Abtransport zur Papierfabrik. Doch welch glückliche Fügung, dass bei mir zuhause ausgerechnet heute die leeren Kartons und Zeitungsstapel das zulässige Lagerlimit sprengten, und mich mein Weg zu diesem Container führte. Auch das Bücherschicksal geht manchmal verschlungene Pfade!

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Insgesamt 32 Werke konnte ich vor dem sicheren Tod im industriellen Schredder bewahren. Das macht mich froh. Ich fühle mich gut. Ob ich sie auch alle lesen werde? Wer weiß. Diesen Scheik Nefzaui und seinen Liebesgarten auf jeden Fall. Zunächst einmal bleiben die Fundstücke allerdings in Quarantäne, denn einige von ihnen müffeln tatsächlich so sehr, dass ich mir da noch was einfallen lassen muss, bevor ich sie in meine Bibliothek lasse. Gibt es Deodorants für alte Bücher? Hmmm… da werde ich wohl die eine oder andere Google-Suche bemühen müssen. Aber selbst wenn nicht: Kein Buch verdient ein Ende im Schredder, da seien die Lehren aus der deutschen Geschichte vor. Und wenn alle Stricke reißen und das Müffeln kein Ende nimmt, dann kommen sie halt in den alten Bücherkasten auf dem Dachboden.

Und die Moral von der Geschichte? Nicht nur im amerikanischen Präsidentenwahlkampf bringt das Wühlen im Müll anderer Leute oft Interessantes zu Tage, intime Geschichten mit hübschen Frauen und unterwürfigen Liebhaberinnen. Cui bono?, so die Frage da wie dort, auf unseren Fall übersetzt: Wer hat hier seine bibliographischen Schätze im Container entsorgt? Meine These: Mann/Frau gestorben, Haus verkauft oder vererbt, Neubesitzer entrümpeln, können mangels Interesse/IQ mit all den Büchern nichts anfangen, also weg damit. So gesehen trete ich das Erbe des unbekannten Verblichenen an, er möge in Frieden ruhen, ich werde mich seiner würdig erweisen.

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36 Lesermeinungen

  1. Was für ein wunderbarer Fund....
    Was für ein wunderbarer Fund. Hier in Köln gibt es leider keine Altpapier-Container mehr und somit finde ich auf diesem Weg auch keine Bücher mehr.
    Was das Müffeln angeht, da ich langjährig der ein oder anderen Buchtauschbörse angehöre, bin ich bestens informiert. Soweit ich mich erinnere, gab es dort in den Foren folgende Vorschläge:
    Wenn es nach Keller riecht:
    Buch sehr gut in einen Gefrierbeutel verpacken und 24 Stunden ins Gefrierfach. (Oft kommt der Muff eben von Mikroorganismen, die keine Kälte mögen)
    Jetzt kommen alle Varianten, die auch bei starkem Rauchgeruch empfohlen werden:
    Buch mit einigen Feebreeztüchern (Die Tücher müssen zwischen die Seiten gelegt werden) in eine Plastiktüte packen und einige Zeit so lagern. (Diese Variante habe ich selbst nie ausprobiert, da ich diese künstlichen Aromadinger nicht mag)
    Bücher in leeren Waschmittelpulverkartons lagern.
    Aufgeschlagen in die Sonne legen, soll auch helfen.
    Meine Variante bisher war, da entsprechende Buch im Regal dort zu platzieren, wo es hingehört (je nach Genre ist das unterschiedlich bei mir) und einfach ein halbes Jahr oder Jahr dort stehen lassen, da ich nicht über Bücherschränke verfüge, hat das betreffende Buch dann nach und nach den Geruch der Wohnung angenommen.
    In schlimmen Fällen würde ich es mit Einfrieren probieren, weil ich da bei Kleidung, die lange gelagert wurde und komisch riecht, schon gute Erfahrungen gemacht.

  2. Bücher wegschmeißen?...
    Bücher wegschmeißen? Niemals! Danke für die Rettung.

  3. jetzt werden sie nochmals...
    jetzt werden sie nochmals richtig interessant unter einem gänzlich neuen Blickwinkel also nie und nimmer ein Buch wegwerfen

  4. Der formfreie Beitrag heute...
    Der formfreie Beitrag heute zur Leipziger Buchmesse ?
    Immer wieder erschreckend, wie wertlos alte Bücher sind. Resterampen im Buchhandel, Kilopreise auf Flohmärkten und 0,01 € Angebote im Internet.
    Selbst unsere großräumige Stadtbibliothek verschleudert regalweise Bücher für 50 Cent. „wir brauchen immer Platz für Neues…“.
    Tipp für muffige Bücher mit Keller-/Schimmelgeruch, aus eigener Erfahrung: Bücher in den Heissluft-Backofen legen, von oben mit Steinplatte beschweren, damit sie sich nicht wellen, Schale mit etwas Kaffeepulver dazustellen als Aromaverbesserer und Adsorbtionsmittel, dann 4 Std. bei 120 Grad erwärmen. Tötet Schimmel ab. Küche gut lüften !

  5. "Haben Sie die alle...
    „Haben Sie die alle gelesen?“
    War das bei Black Swan? Ich erinnere mich daran, dass Umberto Eco einmal einen launigen Beitrag über diese Frage und die möglichen Antworten („Ach, das sind nur die für diesen Monat, die anderen sind an der Universität“) geschrieben hat…

  6. Ja, es ist der Prolog zum...
    Ja, es ist der Prolog zum Black Swan: „Umberto Ecos Antilibrary“ (aus dem Gedächtnis) . vermutlich zitiert Talebb aus dem genannten Artikel von Eco.

  7. @tberger

    Ja, das steht so in...
    @tberger
    Ja, das steht so in „Black Swan“. als Prolog zu „Part 1 – Umberto Eco’s Antilibrary or How we seek validation“. Darin heißt es: „He ist the owner of a large personal library (containing thirty thousand books) and separates visitors into two categories: those who react with „Wow! Signore professore dottore Eco, what a library you have! How many of these books have you read?“ and the others – a very small minority – who get the point that a private library is not an ego-boosting appendage but a research tool. Read books are far less valuable than unread ones. The library should contain as much of what you do not know as your financial means, mortgage rates, and the currently tight real-estate market allow you to put there.“
    .
    Im letzten Satz liegt der Schlüssel: Eine Bibliothek soll nicht „Wissen“ repräsentieren, sondern „Nicht-Wissen“. Der ganze Black Swan dreht sich um nichts anderes, als das, was NICHT gewusst wird. Entgegen vieler Stimmen im Web ist der Fukushima-Unfall deshalb sehr wohl ein Black Swan – genaugenommen sogar ein Musterbeispiel. Auch Angela Merkels Reden von „nach menschlichem Ermessen sicher“ deutet auf gewaltiges Black-Swan-Potenzial. Ihre „Anti-Library“ wie auch die der Atomkraftbefürworter sollte gespickt sein mit Talebs und Mandelbrots Werken, dazu regalmeterweise Büchern von Atomkraftkritikern.

  8. Tja, die ganze Heiligsprechung...
    Tja, die ganze Heiligsprechung von W.B. nun gemessen an der leidenschaftlichen
    Anklage gegen die Regierende A. M. herausgeschleudert von A. W-Z. im DBT zur Nichtbeteiligung an einem guerre très grave. o tempora o mores. Der leiden-schaftlichste Bibliothekar des 20. Jhdts., Jorges Borges, hätte sicherlich Verständnis für Ihre Skrupel aufgebracht, sofern es um Dichtkunst im weitesten Sinne gegangen wäre. Da ja Ihre Trouvaillen aber durchaus dichterisch überhöhte anerkannte Weltkopulations-literatur waren, hätte er noch nicht einmal mokant eine Augen-braue hochgezogen. Marcel Proust war nicht zufällig dabei? Auf der Suche nach der verlorenen Unschuld in unseren strahlenden Zeitläuften, wäre das doch sehr ergötzlich gewesen.

  9. @Plindos

    Nein, Marcel Proust...
    @Plindos
    Nein, Marcel Proust war nicht dabei. Hätte mir auch nur Doubletten beschert und damit die zukünftige Qual der Wahl, was die müffelnden Containerfindlinge von vornherein mit einem Handicap versehen hätte. Insofern bin ich froh, dass ich mich nicht nolens volens zum Bücherrassisten entwickeln muss, der anhand des Duals „müffelt/müffelt nicht“ einzelnen Gattungen in seiner Bibliothek den Vorzug gibt.

  10. Wegwerfen? Aber na klar. Immer...
    Wegwerfen? Aber na klar. Immer wenn’s zu eng wird, muss irgenwas dran glauben, in das ich sowieso nie mehr rein sehe (und in den letzten 20 Jahren auch schon nicht). Das gleiche mit LPs und CDs. Früher konnte man LPs noch in den „Osten“ schicken, die haben sich gefreut. Es ist nur Papier oder Plastik. Nur ein Medium. A propos, den McLuhan könnte ich doch auch demnächst entsorgen…

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