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An dieser Stelle bloggt Publizist und FAZ-Autor Thomas Strobl über die großen und kleinen Dinge des Lebens. Mal kurz und knapp. Mal mit vielen

Zurück ins 16. Jahrhundert

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Nein, das ist nicht der Ort, um mein Buch zu promoten; aber wenn ich lese, wie sich Griechenland nun über die Privatisierung seiner letzen Habseligkeiten sanieren soll, dann fällt mir tatsächlich keine bessere Textstelle ein, als diese Passage aus "Ohne Schulden läuft nichts". Und wer weiß: Vielleicht stellten sich ja die hellenischen Söhne und Töchter als gut vermarktbare Heiratskandidaten heraus? Dann ließe sich das Problem, mit ein wenig moralischer Flexibilität, auch noch ganz anders lösen. Wie auch immer: ich widme den nachfolgenden Auszug allen Kreditgeschädigten, in Griechenland und anderswo.

Nein, das ist nicht der Ort, um mein Buch zu promoten; aber wenn ich lese, wie sich Griechenland nun über die Privatisierung seiner letzen Habseligkeiten sanieren soll, dann fällt mir tatsächlich keine bessere Textstelle ein, als diese Passage aus „Ohne Schulden läuft nichts“. Und wer weiß: Vielleicht stellten sich ja die hellenischen Söhne und Töchter als gut vermarktbare Heiratskandidaten heraus? Dann ließe sich das Problem, mit ein wenig moralischer Flexibilität, auch noch ganz anders lösen. Wie auch immer: ich widme den nachfolgenden Auszug allen Kreditgeschädigten, in Griechenland und anderswo:

Es sollte sich bald herausstellen, dass diejenigen, die mehr an eigenen Gütern exportierten als sie einführten, stärker vom Handel profitierten, als andere, bei denen der Import überwog. Übersetzt in das Denken der damaligen Zeit: Mehr Gold strömte ins Land, als hinausging. Fürsten und Stadtherren waren entzückt. Es dauerte daher nicht lange, bis sie sich die aktive Handelsbilanzpolitik auf ihre Fahnen schrieben. Soll heißen: Ausfuhren wurden gefördert und Einfuhren erschwert, verteuert oder gleich ganz verboten. Erfinderische Kämmerer ersannen Zölle, Quoten und anderen Beschränkungen des freien Warenhandels: Der Merkantilismus erlebte seine Geburtsstunde. Der Staat war ab jetzt immer mit im Boot. Aber nicht nur er: In der Tat gab es bereits im 16. und 17. Jahrhundert ein Publikum aus Kleinsparern, die zum langsam aber stetig erblühenden Kapitalismus ihr Scherflein beitrugen. So zum Beispiel in den Seestädten der Hanse, wo sich Sparer mit kleinen Darlehen am Risiko beteiligten und als „Mikro-Befrachter“ ein paar Güter mit den Handelsschiffen auf große Fahrt schickten. Auch das Vermögen der Augsburger Familie Höchstetter, die 1529 beim Versuch, das Quecksilbermonopol unter ihre Kontrolle zu bringen, in die Pleite schlitterte, setzte sich zu einem guten Teil aus den Spargroschen von Kleinbürgern zusammen. Zu den kleinen Anlagebeträgen gesellten sich ab und an auch größere: Genuesische Kaufleute, die Philipp II. von Spanien Mitte des 16. Jahrhunderts kurzfristige Darlehen verschafften, refinanzierten sich über spanische und italienische Privatinvestoren. Insgesamt betrachtet war der Geldanleger der Renaissance aber ähnlich auf Sicherheit bedacht, wie dreihundert Jahre später der deutsche Sparer. So heißt es in einem beliebten Ratgeber der damaligen Zeit, dem „Il Dottor vulgare“ von 1673: „Heute rühmt sich keiner, sein Geld untätig und unfruchtbar (bei sich zu Hause) liegen zu haben … Stets bietet sich Gelegenheit, es mit vollen Händen zu investieren, zumal neuerdings mit Pacht, Wechseln und jenen Renten oder öffentlichen Anleihen … die man in Rom als „luoghi de monti“ bezeichnet, mehr Möglichkeiten geschaffen wurden.“ Was der Geldführer hier empfiehlt, sind mündelsichere Anlagen. Schon damals gesucht, weil sie Rendite mit Sicherheit verknüpften.

Derlei Geschichten sollten aber über eines nicht hinwegtäuschen: Der Kredit steckte in dieser Phase nach wie vor in den Kinderschuhen. Die Finanzkraft einzelner Akteure blieb beschränkt, große und teure Produktionsanlagen weiterhin außer Reichweite. Soweit bedeutende Infrastrukturinvestitionen anstanden, wurden sie nicht von den Banken finanziert, sondern von den Gilden, Zünften oder Herrschern selbst. Letztere gingen mit ihrer finanziellen Potenz aber nicht immer weise um, sondern jagten oft nur ihren imperialen Träumen hinterher. Auf Kredit. Der Habsburger Kaiser Maximilian I. zum Beispiel – der konnte Schulden machen wie kein Zweiter: Bereits kurz nach Antritt seiner Regentschaft war er so dermaßen pleite, dass Machiavelli, das große machtpolitische Genie der Renaissance, über ihn spottete: „Auch wenn sich die Blätter der Pappeln ganz Italiens in Gold verwandelten, für Maximilian würde es trotzdem nicht reichen.“ Aber auch Goethe setzte den Haushaltskünsten des Habsburgers, dessen Leibspruch „Leb, weiß nit wie lang, und stirb, weiß nit wann, muss fahren, weiß nit wohin, mich wundert, dass ich so fröhlich bin“ lautete, ein literarisches Denkmal: Im Faust II erfinden der Doktor und Mephistopheles in seinem Auftrag das Papiergeld und erlösen ihn damit aus seinen Finanznöten. Der Trick war simpel: „Zu wissen sei es jedem, der’s begehrt: Der Zettel hier ist tausend Kronen wert. Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand, Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.“ Und schon fanden die hübsch verzierten Noten mit des Kaisers Unterschrift reißenden Absatz. Alle wollten sie haben: die Handwerker, die Soldaten und sogar die Dienstmädchen. Natürlich könnte man als moderner Mensch über so viel Einfältigkeit jetzt lachen: „Dummes Volk, begreift ihr denn nicht, dass …?!“ Aber bitte: Nur nicht überheblich werden! Denn wie viel mehr Substanz als „Unzahl vergrabnen Guts“ stand denn eigentlich hinter diesen Subprime-Papieren, die 2007 die Krise auslösten? Oder ähnlichen Angeboten aus den üppigen Regalen des rund um die Uhr geöffneten Zertifikate-Supermarkts? So viel schlauer als das gemeine Volk in Faust II scheinen die Geldanleger des beginnenden 3. Jahrtausends also offenbar auch nicht zu sein.

Im realen Leben ließ sich Maximilian nicht mit dem Teufel ein, sondern mit den Fuggern. Was aber unterm Strich auf dasselbe hinauslief. Der Augsburger Kaufmannsclan finanzierte Maximilians Eskapaden bereitwillig, überwies ihm anstandslos immer höhere Beträge für seine kostspieligen militärischen Abenteuer. Mit so etwas windigem wie der menschlichen Seele als Gegenleistung gaben sie sich indes nicht zufrieden. Was Handfesteres musste es schon sein: die Tiroler Silberminen zum Beispiel. Die überaus lukrativen Bergwerke standen bald ganz im Besitz der Fugger, der Kaiser hatte das Nachsehen. Er wurde mit einer jährlichen Pacht abgespeist, während sie Millionen scheffelten. Böse Zungen behaupten ja, dass dieses Modell als Vorlage für zahlreiche Privatisierungsdeals des späten 20. Jahrhunderts diente – aber das ist eine andere Geschichte. Mit dem ungarischen Kupferbergbau war es alsbald das Gleiche, auch hier brauchte Clanchef Jakob „der Reiche“ Fugger unter der schützenden Hand des Habsburg-Kaisers nur zu warten bis es hieß: „3-2-1-meins.“ Am Ende der Regentschaft Maximilians waren die Fugger dann bereits so mächtig, dass ohne sie in der Monarchie nichts mehr ging. Nur so lässt sich erklären, dass Jakob Fugger es sich erlauben konnte, Maximilians Nachfolger Karl V. eine für damalige Zeiten unerhörte Zahlungserinnerung zu präsentieren. Darin schreibt er:

„Es ist auch wissentlich und liegt am Tag, dass Eure Majestät die Römische Krone ohne mich nicht hätte erlangen mögen, wie ich dann solches mit aller Euer Kaiserlichen Majestät Kommissarien Handschriften anzuzeigen kann […] Dem allen nach, so ist an Eure Kaiserliche Majestät mein untertäniges Bitten, die wolle solche meine getreuen, untertänigen Dienste, die Eurer Majestät zu hoher Wohlfahrt erschlossen sind, gnädiglich bedenken und verordnen, dass mir solch mein ausliegend Summa Geld samt dem Interesse ohne längeren Verzug entrichtet und bezahlt werde.“

Karl V. erging es also auch nicht besser als seinem Vorgänger. Und dabei waren die Fugger nicht die Einzigen, die Ansprüche an ihn stellten: Der Clan der Welser wollte ebenfalls Geld sehen. Und das nicht zu knapp. Hatten sie Karl V. doch seine Wahl zum Kaiser finanziert. Was waren da schon die Silberminen in Spanien und ganz Venezuela als Schuldpfand? Wohl doch nicht der Rede wert. In seinem Reich gehe die Sonne niemals unter, sagte man über den Habsburger: Von seinem finanziellen Stern konnte man das leider nicht behaupten – der ging erst gar nicht auf. Die Lösung: Tu felix Austria nube! Eine Strategie, welche dem Habsburgerreich trotz aller Schulden zu imperialer Größe verhelfen sollte. Gott sei  Dank hatte man einen großen Vorrat an heiratsfähigen Söhnen und Töchtern.

 


4 Lesermeinungen

  1. I knew nothing about the Hanse...
    I knew nothing about the Hanse until the recent TV series on Terra X and was very impressed. There was a similar series about the Chinese fleet of 60 huge junks constructed in 2 years in the 15th century which were built for the trade with the Middle East and Africa. The whole story was related in a documentary made (with German participation) by Chen Qian in 2006 which was shown on Arte TV in July ’09. These examples from centuries ago are definitely imo relevant to global economics today.
    As regards the Greeks, one has to rememebr that for 400 years Greece was occupied by the Turks – a dreadful fate for any country – and once and for Greece NOW has to be freed from the past and undergo a much overdue economic metamorphosis. Germany’s amazing economic performance convinces me that Germany’s PRIVATE SECTOR – its industrialists/top executives – should take the lead in forming a Task Force to get Greece’s economy up and running by buying into the planned Greek privatizations, acquiring control of viable sectors and restructuring via the provision of capital, taking over the management functions and training a whole new generation of young Greeks. The only alternatives are more bail-outs or insolvency and hyperinflation for Greece Both of these would be huge failures for the Eurozone and especially for the zone’s acknowledged leader, Germany – which has already
    had to accept two humiliating, massive defeats in its recent history – WW1 and WW2.

  2. My apologies - please note a...
    My apologies – please note a correction in the 2nd para of my post at 16.05h as follows:
    “ – and once and for all Greece NOW has to …“

  3. @TS: Klasse! Endlich mal ein...
    @TS: Klasse! Endlich mal ein Augsburg-Beitrag, wenn auch an ganz ungewohnter Stelle, und noch nicht in der erhofften Breite. Aber schonmal sehr ordentlich auslotend in Höhe, Tiefe und Diagonale. Dochdoch, Wirtschaftsgeschichte, die ja auch Sozial-, Macht- und Mentalitätsgeschichte ist, ist sehr spannend.
    @fionn: wir haben nicht so viele unternehmerische Leute im Privatsektor, daß wir ganz Europa damit überschwemmen könnten. Griechenland hat das Pech, derzeit stark an der Peripherie zu liegen, das bereitet etwas Kopfzerbrechen. Die Griechen haben z.T. sehr gut ausgebildete junge Leute, aber die sind meist ins Ausland abgewandert. Wenn ein Teil von denen zurückkehren und dort aktiv werden könnte, würde das wahrscheinlich mehr helfen. Ob Mittelmeer, Ostsee oder Atlantik, das sind alles sehr mit dem Seehandel und -verkehr auf- und absteigende Gegenden. Nur Landverbindung tut denen glaub ich nicht so gut, dann fangen sie noch an, ängstlich zu werden.

  4. Sehr lohnens- und...
    Sehr lohnens- und nachdenkenswerte Lektüre.

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