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An dieser Stelle bloggt Publizist und FAZ-Autor Thomas Strobl über die großen und kleinen Dinge des Lebens. Mal kurz und knapp. Mal mit vielen

Thomas Mann und die "Freiheit" der Deutschen

| 15 Lesermeinungen

Einige Leser wollten wissen, worauf sich im Gespräch mit Peer Steinbrück mein Verweis auf Thomas Mann bezog. Er stammt aus der berühmten Rede "Deutschland und die Deutschen", die Thomas Mann am 6. Juni 1945 anlässlich seines 70. Geburtstags in der Library of Congress in Washington hielt. Der Literat blieb seinem Heimatland ja trotz Nazis und US Emigration herzlich verbunden, trotz des "Unsäglichen, das dieses unglückselige Volk der Welt angetan hat." Und in diesem Sinne verfasste er auch besagte Rede.

Einige Leser wollten wissen, worauf sich im Gespräch mit Peer Steinbrück mein Verweis auf Thomas Mann bezog. Ich hatte darin gesagt:

„Thomas Mann hat 1945 vor dem Kongress in Washington gesagt, es gebe einen deutschen Freiheitsbegriff, der sei nach außen gerichtet, die Deutschen seien nicht im Sinne der Franzosen eine Nation, weil sie keine Revolution hatten; daher sei ihr Freiheitsbegriff notwendigerweise antieuropäisch.“

Die Quelle dieses sinngemäßen Zitats ist Thomas Manns berühmte Rede „Deutschland und die Deutschen“, die er am 6. Juni 1945 anlässlich seines 70. Geburtstags in der Library of Congress in Washington hielt. Thomas Mann blieb Deutschland ja trotz Nazis und US Emigration herzlich verbunden, trotz des „Unsäglichen, das dieses unglückselige Volk der Welt angetan hat.“ Und in diesem Sinne verfasste er auch seine Rede. An besagter Stelle, auf die ich mich bezog, heißt es:

„Warum muss immer der deutsche Freiheitsdrang auf innere Unfreiheit hinauslaufen? Warum musste er endlich gar zum Attentat auf die Freiheit aller anderen, auf die Freiheit selbst werden? Der Grund ist, dass Deutschland nie eine Revolution gehabt und gelernt hat, den Begriff der Nation mit dem der Freiheit zu vereinigen. Die „Nation“ wurde in der Französischen Revolution geboren; sie ist ein revolutionärer und freiheitlicher Begriff, der das Menschheitliche einschließt und innenpolitisch Freiheit, außenpolitisch Europa meint. Alles Gewinnende des französischen politischen Geistes beruht auf dieser glücklichen Einheit; alles Verengende und Deprimierende des deutschen patriotischen Enthusiasmus beruht darauf, dass diese Einheit sich niemals bilden konnte. Man kann sagen, dass der Begriff der „Nation“ selbst, in seiner geschichtlichen Verbundenheit mit dem der Freiheit, in Deutschland landfremd ist. Man kann es fehlerhaft finden, alle Deutschen eine Nation zu nennen, mögen nun sie selbst es tun oder andere. Es ist verfehlt, auf ihre vaterländische Leidenschaft das Wort „Nationalismus“ anzuwenden, – es heißt französieren und Missverständnisse schaffen. Man soll nicht zwei verschiedene Dinge mit demselben Namen zu treffen suchen. Die deutsche Freiheitsidee ist völkisch-antieuropäisch, dem Barbarischen immer sehr nahe, wenn sie nicht gerade in offene und erklärte Barbarei ausbricht wie in unseren Tagen.“

Und über Goethe sagte er:

„Es war sein Los, einem Volk anzugehören, dem die Freiheitsidee, weil sie nur nach außen, gegen Europa und gegen die Kultur gerichtet ist, zur Barbarei wird.“

Nun wüten die Deutschen heutzutage Gottseidank nicht mehr wie die Barbaren. Aber wieweit sind wir davon entfernt, wenn uns kulturell zu Europa so gut wie gar nichts mehr einfällt, und wir bereit sind, seine Idee für nichts Bedeutenderes zu opfern als die Frage: „Wer zahlt?“ Und das kurioser Weise in einem Umfeld, in der alle Welt den „Primat der Ökonomie“ beklagt und den omnipräsenten Utilitarismus, und eine Rückbesinnung auf die „wahren Werte“ fordert? Will mir nicht in den Kopf. So jedenfalls die Gedanken, mit denen ich in das Gespräch mit Peer Steinbrück ging. Und um ehrlich zu sein: Wesentlich optimistischer bin ich in dieser Frage im Nachhinein auch nicht. Dass die Politik es nicht schafft, die „neue Geschichte“ von Europa zu erzählen, die Steinbrück anmahnt, mache ich ihr nicht zum Vorwurf; dass sie es allerdings noch nicht mal versucht schon. Stattdessen Chauvinismen allenthalben, bis in die höchsten Regierungskreise.

Daher befürchte ich, dass Thomas Manns düstere Einschätzung auch heute noch, über ein halbes Jahrhundert später, zutrifft:

„Hier waltet ein Unsegen, ein Fluch, etwas fortwährend Tragisches“

 


15 Lesermeinungen

  1. Nur ein individueller...
    Nur ein individueller Freiheitsbegriff ist sinnvoll und liberal, kein nationaler, sei er deutsch oder französisch. Dann liegen Freiheit, Ökonomie und Utilitarismus gar nicht so weit auseinander, ganz fern liegen jedoch sowohl völkisch Antieuropäisches wie auch eine kollektivistische Transferunion. Konkrete Hilfe für die Menschen in Griechenland sofort, doch bitte keine Unsummen gegen letztlich gar nicht vermeidbare Pleiten längst insolventer Staaten.

  2. Ich glaube, Thomas Mann war...
    Ich glaube, Thomas Mann war auch ein bisschen berauscht davon, einem Volk anzugehören, das sooooo böse böse sein konnte. Er hat auch gerne damit gespielt, selbst eigentlich ein ganz Böser zu sein ( http://cicero.de/berliner-republik/bruder-hitler/36576 ).
    Ich selbst habe zu wenig im Ausland gelebt, um uns so gut zu verstehen wie Thomas Mann. Aber ich glaube, wir sind gar nicht so anders wie alle Anderen. Die Neigung, jemandem anderen etwas aufzuzwingen, resultiert oft allein aus der Tatsache, dass man es kann.
    Hat Napoleon bei seinen Eroberungen an Europa gedacht? Er dachte an seine Macht und an seinen Einfluss und an seinen Gestaltungswillen. Bei ihm paarte sich der Begriff der Nation auch nur mit Freiheit, soweit es die Franzosen betraf.
    Die Franzosen heute würden auch anders über Europa denken, wenn sie das Gefühl hätten, bei Europa draufzuzahlen. Ein guter Teil ihres europäischen Engagements beruht auf dem Kalkül, Deutschland erfolgreich einzubinden und ein bißchen auch zu kontrollieren!
    Europa ist manchmal nichts anderes als ein politischer Kampfbegriff, hinter dem sich auf allen Seiten handfeste Interessen verbergen.
    Übrigens: Der Bullshitfaktor des längeren Absatzes von Thomas Mann liegt nach dem Blablameter ( http://www.blablameter.de/index.php ) bei 0,48. Das ist ziemlich hoch.
    Zum Vergleich: Dein letzter Absatz ist nur bei 0,14. Das ist zwar auch nur statistische Spielerei. Aber manchmal habe ich den Verdacht, dass Thomas Mann auch nicht ganz genau weiß, was er schreibt. Hauptsache, es klingt gut.
    Einstein hat ihn bei physikalischen Fragen beraten. Für irgeneinen Roman, glaube ich. Eines Tages meinte er entnervt: „Ich warte nur noch auf den Tag, an dem er versucht, MIR die Relativitätstheorie zu erklären.“

  3. @Jordanus
    .
    Zu diesem...

    @Jordanus
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    Zu diesem „blablameter“: Selbst wenn man dieses Ding für voll nehmen könnte, wie willst du Semantik und Rhetorik anno 1945 mittels eines Tools aus 2011 beurteilen?

  4. Wie ich schon sagte: Es ist...
    Wie ich schon sagte: Es ist nur Spielerei, aber es macht Spaß!
    Thomas Mann hat die Eigenart, Sätze aufzublähen und einfach nicht zum Punkt zu kommen. Seine Sprache ist eben auch Musik, manchmal sogar Lyrik! Klar, dass das Blablameter das nicht einmal annähernd erfassen kann.

  5. "Hier waltet ein Unsegen, ein...
    „Hier waltet ein Unsegen, ein Fluch, etwas fortwährend Tragisches“
    Sicherlich hat Thomas Mann mit seiner speziellen Faschismusanalyse keine wissenschaftliche Ideologiekritik im Sinne gehabt. Es denkt halt in Bildern. Und hat damals seine Sicht der Dinge in dem großartigen Roman „Doktor Faustus“ auf den Punkt gebracht, der besagt. Jeder, der dem laufenden Schwachsinn einer trivialisierten Romantik entgehen wollte, musste in die Eiseskälte des Antihumanismus fortschreiten. Manns Faustus, der deutsche Tonsetzer Adrian Leverkühn, schließt um seines Werkes Willen den den 20er Jahren einen Pakt mit dem Teufel. Und kommentiert sein weiteres Schaffen dann so:
    „Ich habe gefunden“, sagt er, „es soll nicht sein“
    „Was Adrian, soll nicht sein?“
    „Das Gute und Edle“, antwortete er, „was man das Menschliche nennt, obwohl es gut ist und edel. Um was die Menschen gekämpft, wofür sie Zwingburgen gestürmt, und was die Erfüllten jubelnd verkündet haben, das soll nicht sein. Es wird zurückgenommen. Ich will es zurücknehmen“
    „Ich verstehe dich, Lieber, nicht ganz. Was willst du zurücknehmen?“
    „Die neunte Symphonie“, erwiderte er. Und dann kam nichts mehr, wie ich auch wartete.
    Adrian Leverkühn, das war für Thomas Mann eine Symbolfigur für Deutschland, das sich – er konnte es sich nicht anders erklären – dem Teufel ergeben hatte, um eines höheren Wahnsinn willen. Das ist natürlich Literatur, aber nur Banausen legen Literatur als 1:1 aus.

  6. Der Begriff der Nation...
    Der Begriff der Nation versteht sich an sich fremdenfeindlich
    .
    Ein sehr guter Beitrag. Dennoch möchte ich eine Kleinigkeit anmerken: Auch die Französische Nation hat ihre chauvinistischen, ja antisemitischen Aspekte. Vergessen wir nicht die Dollfuß-Affäre, das Pétain/Vichy-Regime. Es ist nämlich auch ein Aspekt des deutschen Chauvinismus, den Chauvinismus der Anderen entweder zu ignorieren oder zu übertreiben. Je nachdem wie es einem nützlich erscheinen will. Der ganze bürgerliche Begriff der Nation ist an sich schon chauvinistisch/fremdenfeindlich kontaminiert. Nur merkt man das erst in den nicht (mehr) revolutionären Epochen des Bürgertums. Und da die deutsche Revolution von Anfang an eine gescheiterte war, war auch die deutsche Nation von Anfang an offen chauvinistisch. Selbst die Kritik an Napoleon richtete sich ja nicht gegen dessen Eroberungsgelüste, sondern gegen die Tatsache, dass es französische Gelüste sind. Was im Übrigen die deutschen Demokraten dazu veranlasste, für Napoleon zu sein. Obwohl sie dessen Verrat an der Revolution hassten.

  7. Tolles Interview! Dieser...
    Tolles Interview! Dieser Banause, der ein 50-Milliarden-Loch für systemisch hält, kann zum Freiheitsbegriff soviel beitragen wie eine Eintagsfliege nach zwanzig Flugstunden. Einen SPD-Politiker zu fragen, wie die Welt funktioniert, ist schon sehr ambitioniert. Gehen Sie doch das nächstemal aufs Bahnhofsklo, falls Sie nicht wieder per Flieger verreisen. Dort erhalten sie fundiertere Antworten.

  8. @Devin08 Nur eine kleine...
    @Devin08 Nur eine kleine Korrektur: Dreyfus-Affäre nicht Dollfuß. Dollfuß war ein österreichischer Politiker, nicht verwandt, nicht verschwägert. (Ich weiß: ein Versehen)

  9. Aufgeben gibt es nicht
    .
    @Epe:...

    Aufgeben gibt es nicht
    .
    @Epe: Wo Sie Recht haben, haben Sie recht. Danke. Habe zurzeit Besuch von den Schwiegereltern. Aus 5000 Km Entfernung. Bin wohl ein wenig daneben. Nicht dass mir ein Sarrazin etwa was Substantielles zu sagen hätte. Doch eines sagt er mir, wenn auch nur in der Negation dessen, was er wohl für die Substanz dessen halten wird, was er da losgetreten hat: Aufgeben gibt es nicht!

  10. Danke - Amen!...
    Danke – Amen!

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