Formfrei

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An dieser Stelle bloggt Publizist und FAZ-Autor Thomas Strobl über die großen und kleinen Dinge des Lebens. Mal kurz und knapp. Mal mit vielen

Spiel und Spass mit NLP

| 34 Lesermeinungen

Seit Anfang des Monats besuche ich einen NLP-Kurs. NLP steht für "Neurolinguistische Programmierung", und je nachdem, wem man glaubt, führt NLP direkt zum persönlichen Erfolg, zu Scientology oder zur Weltherrschaft. Ich mag es bekanntlich ein wenig simpler, und für schlichte Gemüter wie mich ist NLP einfach nur ein weiterer Punkt auf dem Lehrplan, den ich im Laufe meines Lebens abarbeiten will. Es interessiert mich - einfach so. Ohne Ziel und ohne Hintergedanken, obwohl es bei NLP selbst darum durchaus geht, um das Setzen von Zielen nämlich. Aber nicht an dieser Stelle, für mich zumindest nicht; ich will es mir anhören, will mir meinen Teil dazu denken, und es dann als ein weiteres von vielen Werkzeugen nutzen, wo es passt. Und falls das nirgendwo der Fall sein sollte, dann hey: Ich habe meine Zeit schon mit wesentlich sinnloseren Beschäftigungen durchgebracht.

Seit Anfang des Monats besuche ich einen NLP-Kurs. NLP steht für „Neurolinguistische Programmierung“, und je nachdem, wem man glaubt, führt NLP direkt zum persönlichen Erfolg, zu Scientology oder zur Weltherrschaft. Ich mag es bekanntlich ein wenig simpler, und für schlichte Gemüter wie mich ist NLP einfach nur ein weiterer Punkt auf dem Lehrplan, den ich im Laufe meines Lebens abarbeiten will. Es interessiert mich – einfach so. Ohne Ziel und ohne Hintergedanken. Obwohl es bei NLP selbst darum durchaus geht, um das Setzen von Zielen nämlich. Aber nicht an dieser Stelle, für mich zumindest nicht: Ich will es mir anhören, will mir meinen Teil dazu denken, und es dann als ein weiteres von vielen Werkzeugen nutzen. Da, wo es passt. Und falls das nirgendwo der Fall sein sollte, dann hey: Ich habe meine Zeit schon mit wesentlich sinnloseren Beschäftigungen durchgebracht.

Bei NLP geht es viel um Wahrnehmung, das Konzept ist im Grunde konstruktivistisch. Im Sinne von: es gibt keine Welt „an sich“, sondern jeder nimmt sie auf seine persönliche Weise war; und damit meistens und an den entscheidenden Stellen anders als man selbst. Für die Kommunikation ein höchst nachteiliger Umstand: Missverständnisse sind damit nämlich vorprogrammiert. Und die gilt es auszuräumen. Aber auch auf der psychischen Ebene wirkt NLP, so zumindest die These, denn vieles von dem, was wir „negativ“ wahrnehmen und womit wir uns belasten, könnten wir genausogut auch in einem positiven Licht sehen; und uns dabei deutlich besser fühlen. Fazit: Wahrnehmung als auch Verarbeitung von Wahrnehmung sind überaus selektiv – so die Idee.

Und um das zu verdeutlichen, gibt’s Clips wie diesen hier. Wie oft spielen sich die Personen in den weißen T-Shirts den Ball zu? Tja, passt genau auf und zählt fleißig mit! 

Falls Ihr den Youtube-Clip nicht seht, dann klickt bitte hier!

Habt ihr die richtige Antwort? 12 Mal? 18 Mal? 22 Mal? 15 Mal?

Aber das ist nicht der Punkt: Wer von Euch hat den Gorilla gesehen? Und wer hat ihn nicht gesehen?

Ohne Scherz: Ich habe ihn im Rahmen des Kurses nicht gesehen; und viele der anderen Teilnehmer auch nicht. Und darüber war ich doch ziemlich erstaunt. Ich meine: Nicht, dass ich so etwas in der Art nicht schon Mal irgendwo gesehen hätte; ich vermeine mich sogar zu erinnern, dass ich genau diesen Clip schon mal vor Jahren irgendwo vorgeführt bekam. Und vermutlich war ich damals genauso verblüfft wie heute. Genauso verblüfft wie die anderen. Wir haben doch alle den exakt gleichen Film gesehen – oder etwa nicht? Wo war also dieser Gorilla – beim ersten Mal?

In seiner ganzen schlichten, spielerischen Leichtigkeit zeigt dieser Clip, dass das mit der Wahrnehmung und der Kommunikation in unserer Gesellschaft wohl tatsächlich nicht so einfach ist, wie man häufig meint. Auch und vor allem in einem erweiterten, abstrakteren Kontext. Luhmannianer werden unschwer erkennen, dass es sich bei „Pässe der Spieler im weißen T-Shirt“ um eine Leitdifferenz handelt, anhand der die Welt im Kontext dieses Clips beobachtet wird bzw beobachtet werden soll. Ein Filter, der alles andere ausscheidet, als systemfremd bzw für Systemoperationen nicht anschlussfähig markiert. Wer sich darauf konzentriert, für den wird der komplette Rest des Clips, inklusive des plötzlich durchmarschierenden Gorillas, zum „blinden Fleck“. Kann das gesellschaftlich von Bedeutung sein? Was wäre zum Beispiel, wenn die Leitdifferenz bzw die Anweisung nicht auf „Anzahl der Pässe von Spielern im weißen Trikot“ lautet, sondern auf „maximaler Gewinn“ oder „noch mehr Bonus wie im letzen Jahr“? Wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass sich derart Konditionierte genau auf diese Leitdifferenz konzentrieren, und alles darüberhinaus gehende schlicht nicht sehen?

Ich glaube, wir haben über einen derartigen blinden Fleck in den letzten 36 Monaten eine Menge gehört und gelesen…


34 Lesermeinungen

  1. Für Politikinteressierte sind...
    Für Politikinteressierte sind die Umfragezahlen die Leitdifferenz, so dass sie den Gorilla (dieses Jahr: die Abschaffung des Haushaltsrechts) einfach nicht sehen können.

  2. P.S.: Die Geschichte wurde vor...
    P.S.: Die Geschichte wurde vor Monaten schon mal von Frank und Fefe in einer „Alternativlos“-Sendung durchgekaut.
    Aber es gibt ja bekanntlich keine alten Witze, sondern nur junge Leute.

  3. Bei einem anderen Beispiel hat...
    Bei einem anderen Beispiel hat das ähnlich funktioniert: Beim Collateral Murder Video wurde meist schon vorher darauf hingewiesen, dass es tatsächlich nur Zivilisten und Journalisten mit Fotoapparaten waren, die von der Hubschrauberbesatzung niedergeschossen wurden. Auf dem Video sieht man aber tatsächlich bei der Minute 3:38 (ich weiß leider die Zahl nicht mehr genau) relativ deutlich eine Kalaschnikow und eine Panzerfaust in den Händen zweier Mitglieder der Gruppe. Die beiden halten sich kurz vor dem Beschuß mitten in der Gruppe auf. Ich glaube, die allermeisten Zuschauer haben tatsächlich nur die Kameras gesehen. Wenn es stimmt, dass um die Ecke in etwa 100 m Entfernung ein amerikanisches Militärfahrzeug stand, ergibt sich für diesen Fall ein etwas schwierigeres Bild der Lage als das in der Öffentlichkeit vermittelt wurde. Leider haben auch viele Journalisten nur auf die Kameras gestarrt und das Video auch mit diesem Post verlinkt, deswegen sah man tatsächlich nur die Kameras.
    Wir Menschen haben wirklich eine sehr sehr selektive Wahrnehmung bzw. es wird uns leider nicht alles bewußt, was wir wahrnehmen. Aber das wäre vielleicht auch schwer zu ertragen.

  4. Jemand, der über nicht...
    Jemand, der über nicht allzuviele und allzustarke starke Filter verfügt, sieht den Gorilla. Ich z. B..
    Ich bin aber auch nicht normal, das weiß ich seit Kindheit. Deswegen bin ich ja auch ein Kreativer geworden, der visuell schnell ermüdet, weil er alles auf einmal aufnimmt.

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    Kenne einen anderen Kreativen, der, zwar hochintelligent, jedoch 3-mal durch den Führerschein geflogen ist (praktische Prüfung), weil er vermutlich nicht in der Lage war, die wichtigen von den unwichtigen Eindrücken zu trennen.
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    Also seid froh, wenn ihr den Gorilla nicht seht. Ihr könnt euch gut konzentrieren und habt starke Schutzfilter. Gut für festen Schlaf.
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    Geschichtlich fällt mir dazu auch etwas ein, aber nix Gescheites. Viele Leute in der Nazizeit konnten problemlos wegblenden, was nicht ins Bild passte und nicht gefordert war. Das ist die andere, die dunkle Seite der starken Filter.

  5. Ich habe den Gorilla nicht...
    Ich habe den Gorilla nicht gesehen und habe einen ausgezeichneten Schlaf. Trotzdem bin ich leicht ablenkbar. Was bin ich denn dann? Ein minderbegabter Kreativer?

  6. Menschen glauben, was sie...
    Menschen glauben, was sie glauben wollen. Sie sehen, was sie sehen wollen. Sie hören, was sie hören wollen. Und sie verstehen, was sie verstehen können. Eine der menschlichen Grundkonstanten, zum täglichen Überleben unabdingbar.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  7. Lieber Jordanus,
    leichtes...

    Lieber Jordanus,
    leichtes ADHS?
    *duck*

  8. Um auf die Leitfrage (hust)...
    Um auf die Leitfrage (hust) zurückzukommen:
    „Was wäre zum Beispiel, wenn die Leitdifferenz bzw die Anweisung nicht auf „Anzahl der Pässe von Spielern im weißen Trikot“ lautet, sondern auf „maximaler Gewinn“ oder „noch mehr Bonus wie im letzen Jahr“? Wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass sich derart Konditionierte genau auf diese Leitdifferenz konzentrieren, und alles darüberhinaus gehende schlicht nicht sehen?“
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    Könnte mir vorstellen, dass die Wahrscheinlichkeit in einem festgelegten künstlichen Probandenspiel („Wir spielen jetzt Börse Frankfurt“), nicht gerade niedrig ist.
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    Im echten Leben spielt jedoch jeder, auch der Leitdifferenzierteste^^, nicht nur „Börse“, sondern verschiedene Lebensrollen gleichzeitig und dieses in stetigen Unterbrechungen. Das müsste, kann ich mir vorstellen – anders als in einer sterilen, künstlichen Versuchssituation – wie ein Korrektiv wirken auf allzu starkes Fokussieren und Ausblenden.
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    Daneben ist es wohl immer wieder Charaktersache, auch Workaholicsache, ob man sich solchen Zielen an 24 Stunden am Tag zu 150% hingibt, oder sie – und sich – zumindest ab und an in stillen Stunden hinterfragt.
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    Also alles, was an Finanzmärkten geschieht, kann man jetzt nicht auf diese Beobachtung des Filterns schieben. Das wäre zu kurz gesprungen. Wie NLP für mich eh so eine Instant-Tipps-und-Tricks-Psychologie darstellt, die beim Verkauf vielleicht Verkäufern hilft, den Prospect geschickt zu bedeppeln oder abzulenken. (Altbekannt die beliebte Frage: Wann möchten Sie einen Termin: Dienstag oder Freitag? Ohne vorher überhaupt gefragt zu haben, ob die Person einen Termin möchte.) Der ich aber nicht allzu viel abgewinnen kann. Rein charakterlich.

  9. ... also den Begriff "NLP"...
    … also den Begriff „NLP“ habe ich heute zum ersten Mal gehoert. Werde den Verdacht nicht los, dass es sich im Kern um einen alten Hut handelt. Ob man die Existenz eines Dings-an-sich konzediert oder bestreitet, scheint mir in dem aufgezeigten Kontext irrelevant zu sein, weil sie den Tatbestand der selektiven Perzeption so oder so behaupten koennen. Das erste ist ja eine erkenntnistheoretische Frage, die im Prinzip von Platon („Hoehlenbeispiel“), Kant oder Wittgenstein („Tractatus“) gleich beantwortet wird. Das andere ist eine Einsicht, die sich anthropologisch begruenden und entwickeln laesst, wobei sich die Gehlensche Position („Maengelwesen Mensch“) und informationstheoretische Herangehensweisen (beschraenkte Informationsverarbeitungskapazitaet des Menschen) ergaenzen und ueberlappen.
    Dasselbe gilt fuer Kommunikation. Wenn es sich dabei um Transfer von Sinn handelt, dieser selten eindeutig ist, liegen Missverstaendnisse auf der Hand. Nur: Probleme des Sinnverstehens wurden vor 100 Jahren von Weber, Simmel usw. ausgiebigst behandelt.
    Die Frage nach der „gesellschaftlichen Bedeutung“ des Wechsel einer Leitdifferenz kann man natuerlich stellen, ob sie sonderlich sinnvoll (tja, schon wieder sind wir beim Sinn) ist, glaube ich nicht. Kommt mir so vor, als ob man dieselbe Frage aufwuerfe, wenn man zuerst durch ein Vorderfenster eine Strasse „beobachtet“ hat, dann durch ein anderes einen Baum. In dem Beispiel muesste man wohl die Systemzuordnung klaeren, d.h. die gewinnbezogene Differenz im Wirtschaftssystem und die auf Boni bezogene auf das Subsystem der Banken.
    So, und jetzt werde ich mir auch noch den Youtube-Clip antun.
    MfG
    Guenter Schoenbauer

  10. "Leitdifferenz bzw. die...
    „Leitdifferenz bzw. die Anweisung“

    Wo ist da eigentlich die Frage? Wenn Unternehmen Quartalszahlen auf Kosten des langfristigen Überlebens ihrer Unternehmen optimieren, dann deshalb, weil der Fokus der Firmenbesitzer auf Quartalszahlen liegt. Wenn wir beim Einkauf auf 0% Fett und 0% Zucker achten, dann deshalb, weil der Fokus der nahrungsmittelberatung auf den gerade zu ungesund erklärten Stoffen liegt (moren werden´s andere sein und unser Einkaufsverhalten wird sich ändern).

    Kein Mensch kann auf alles achten, niemand hat alleine irgendwo jemals einen vollständigen Überblick. Wir schieben gewohnheitsmässig so viel wie irgend möglich in Autoroutinen ab, um uns um die uns wichtigen Dinge kümmern zu können. Deshalb verteidigen wir Gewohnheiten auch mit der Zähigkeit alten Büffelleders. Sollten derartige Trivialitäten zu NLP-Kursen gehören, würde zumindest ich nichts Neues lernen.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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