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An dieser Stelle bloggt Publizist und FAZ-Autor Thomas Strobl über die großen und kleinen Dinge des Lebens. Mal kurz und knapp. Mal mit vielen

Wer hält den Kapitalismus noch am Leben? Der Staat und die Chinesen!

| 21 Lesermeinungen

Für die Fans der Marktwirtschaft muss es ein Schlag ins Gesicht sein: Was die kapitalistische Welt in ihrem Innersten zusammenhält, hat mit Adam Smith, Arbeitsteilung und effizienten Märkten nur noch am Rande zu tun; vielmehr sind es zwei Akteure, denen der Kapitalismus (noch) seinen Fortbestand verdankt: der Staat und die Chinesen. Die Chinesen, das letzte verbliebene kommunistische Großregime - ohne sie wäre marktwirtschaftstechnisch längst Schicht im Schacht. Kein Wunder daher, dass staatsschuldengeplagte, europäische Politiker dankbar den Hörer abnehmen, wenn der Große Vorsitzende anruft um mal zu fragen: "Wieviele Milliarden braucht ihr denn?"

Für die Fans der Marktwirtschaft muss es ein Schlag ins Gesicht sein: Was die kapitalistische Welt in ihrem Innersten zusammenhält, hat mit Adam Smith, Arbeitsteilung und effizienten Märkten nur noch am Rande zu tun; vielmehr sind es zwei Akteure, denen der Kapitalismus (noch) seinen Fortbestand verdankt: der Staat und die Chinesen.

Die Chinesen, das letzte verbliebene kommunistische Großregime – ohne sie wäre marktwirtschaftstechnisch längst Schicht im Schacht. Kein Wunder daher, dass staatsschuldengeplagte, europäische Politiker dankbar den Hörer abnehmen, wenn der Große Vorsitzende anruft um mal zu fragen: „Wieviele Milliarden braucht ihr denn?“ Und irgendwie ist das auch logisch, dass ausgerechnet die Chinesen zur Rettung der Welt eilen müssen; denn wenn der Modus Operandi im Westen seit Jahrzehnten schon darauf fußt, dass staatliche Wirtschaftspolitik die Märkte außer Kraft setzt, wo sie nur kann, den Armen dieses verspricht und den Reichen jenes, sich einen Teufel um die gnadenlose Differenz zwischen beidem scherend, dann ist es kein Wunder, dass die Ultima Ratio nur in dem Land zu suchen sein kann, das sich Marktwirtschaft und Demokratie noch nie auf die Fahnen geschrieben hat. Und wenn doch, dann nur in kontrollierten, wohldosierten Dosen. So betrachtet ist China das gelobte Land des Staatskapitalismus, bei dem zunehmend staatskapitalistisch organisierte westliche Industriestaaten ihr Heil suchen, allen voran die USA. Denn nicht immer kommt der Segen per Presseerklärung des chinesischen Premiers, in der Regel wird er diskret per milliardenschwerer Kauforder auf den internationalen Bondmärkten erteilt. Und das machen die Chinesen zumindest mit Blick auf die USA ja schon seit Jahren, was im Umkehrschluss bedeutet, dass in Amiland die Lichter längst ausgegangen wären, wenn die Chinesen nicht großzügig ihre Dollarguthaben bei ihnen recycelten.

Das gleiche Spiel nun also auch in Europa? Selbstverständlich! Da mögen ordnungspolitisch Aufgeregte und geostrategisch Empörte noch so sehr aufjaulen, in der Not frisst der Teufel bekanntlich nicht nur Fliegen, sondern nimmt auch den Check von den Chinesen. Die Afrikaner machten es vor, und wenn sich die europäischen Regierungen in den Status von Dritte-Welt-Ländern herabwirtschaften, was spräche dann dagegen, dass man dem Beispiel folgt? The Show must go on, und der Grund, warum sich zwischen Helsinki und Madrid derzeit alle so aufmerksam den Vorgängen in Griechenland widmen, ist doch auch nur der, dass sie bestimmt nicht wollen, dass es bei ihnen zuhause ähnlich zugeht. Natürlich, natürlich: Sooo platt, dass die Chinesen da mal anrufen und dann das Geld rüberwachsen lassen, wird man es nicht machen; da sei die politische Optik vor. Nein: Auf supra-nationaler Ebene findet sich bestimmt irgendein Vehikel, das man für den guten Zweck umwidmen kann. Auf dass der größte aller historischen Treppenwitze für das breite Publikum verschleiert bleibt: dass der Lebensstil des Westens (as we know it) am seidenen Faden hängt, der zwischen den Fingern chinesischer KP-Funktionäre gerubbelt wird. Ist das nicht herrlich?

Soll aber niemand sagen, dass die Entwicklung unvorhersehbar oder gar „unnatürlich“ sei (in der liberalen Marktwirtschaft ist ja alles „natürlich“, wie wir spätestens seit Adam Smith wissen). Der Staat stand vor ein paar hundert Jahren bereits an der Wiege des Kapitalismus, warum sollte er dann nicht auch an sein Totenbett eilen und ihm Wiederbelebungsversuche angedeien lassen? Schließlich hängt für ihn eine Menge davon ab, die eigene Existenz, wenn man so will, egal ob als Demokratie oder als Diktatur. Schlagen wir nach beim seligen Fernand Braudel, noch immer der einsame und unerreichte Biograph des Kapitalismus:

„Der Kapitalismus triumphierte nur dann, wenn er mit dem Staat identifiziert wurde, wenn er der Staat war.“

Genau. Und daher werden wir uns noch wundern, wozu die Politiker aller Herren Länder fähig sind, damit sich das Rad noch ein paar Runden weiterdrehen möge…


21 Lesermeinungen

  1. wird immer verrückter, wie...
    wird immer verrückter, wie sich die Perspektiven drehen.
    war da nicht mal vor langer Zeit ein Herr Klaus Uwe Bennetter wg. einer Stamokap Theorie aus der SPD geflogen ?

  2. apropos "Entwicklung":
    auch...

    apropos „Entwicklung“:
    auch wenn das Geld, das nach Peking fließt, offiziell nicht mehr Entwicklungshilfe heißt, so sind es doch einige Millionen, die jährlich – immer noch – von Deutschland an China gezahlt werden;
    Zitat SZ vom Oktober 2009 (http://www.sueddeutsche.de/politik/entwicklungshilfe-fuer-china-maechtig-arm-1.134846): „… vor allem für technische Zusammenarbeit vor allem in den Bereichen Wirtschaft, Energietechnik und Umweltschutz, eine Unterstützung die immer wieder als „Türöffner für die deutsche Wirtschaft“ verteidigt wird. …“
    Da fällt mir nur eine chinesische Weisheit ein:
    „Über Vergangenes mache dir keine Sorge, dem Kommenden wende dich zu.“
    Na, dann schaumermal …

  3. Kollege Don sagt es...
    Kollege Don sagt es deutlicher, schnörkelloser:
    http://rebellmarkt.blogger.de/stories/1885730/

  4. @rla
    .
    Zweifellos haben solche...

    @rla
    .
    Zweifellos haben solche Leute wieder eine Zukunft. Zumal man nicht vergessen darf, dass sich Konzern- und Politikbürokratien ja nicht sooo fremd gegenüberstehen, worauf bereits der späte Schumpeter hingewiesen hat und was wir ja heute allenthalben sehen; zuletzt mit Roland Kochs Einstieg als CEO bei Bilfinger-Berger.

  5. @Jeeves
    .
    Und dafür lieben...

    @Jeeves
    .
    Und dafür lieben wir den Don ja auch alle, nicht wahr?

  6. "L'État c'est moi - Der Staat...
    „L’État c’est moi – Der Staat bin ich!“
    Als Staat sind diejenigen zu bezeichnen, welche Verfügungsgewalt über die Mittel und Bedingungen des Lebens, des Zusammenlebens eines Landes der Menschen haben, deren Lebensreproduktion an diesem Land gebunden ist. Die von Verfügungsgewalt Besitzenden Beauftragten, erscheinen als demokratisch Gewählte, die im Interesse der Sicherung und Mehrung dieser Verfügungsgewalt „Regierungspolitik“ ausführen (müssen). Daher „Staatskapiatlismus“.
    Der „freie Kapitalfluss führt zu einem `virtuellen Parlament` des globalen Kapitals, das eine von ihm als iirrational empfundene Regeirungspüolitik blockieren kann.“ (Noam Chomsky) Daher „virtuelle`Staatsgebilde infolge Konkurrenz von Verfügungsgwalt Besitzenden und zunehmender Konzentration von Verfügungsgewalt über Ländergrenzen hinweg, was `reale` Staatsgebilde auflöst, in neue gebildete transformiert

  7. Worauf wollen Sie hinaus Herr...
    Worauf wollen Sie hinaus Herr Strobl? Wie wollen Sie den „Kapitalismus“ aus dem Fleisch des menschlichen Leibes hinausoperieren und vor allem, durch was wollen Sie ihn ersetzen? Welche Neuerung oder Ablösung erkennen Sie von dort, wo Sie sitzen/stehen?
    .
    China hat zu bezahlen für das, was Wir in Europa und Nordamerika vorgearbeitet haben, oder? Wer technologisch und philosophisch aufschliessen möchte mit Eu + NA, und das ohne Krieg tun muss, der hat dafür zu bezahlen und das nicht zuwenig, das ist nur gerecht, oder? Denn noch läuft das so, das Wir die Neuigkeiten und Verbesserungen (in Infrastruktur, Weisheit, Verantwortung, Solidarität…) nur gegen Cash freigeben, aber vielleicht fällt Ihnen und mir ja etwas besseres ein, wie Wir die Lebensumstände aller Lebewesen in diesem Planeten anheben, freudiger und freundlicher gestalten, ohne dafür stets mehr bezahlen zu müssen, als es eigentlich gekostet hat, ist doch so, oder? Aber ganz klar: Danke China, danke Indien, danke…, das Ihr für etwas bezahlt, was Wir hier fast geschenkt bekamen, viele Dank! Weiter so, dann können Wir hier so weiterwursteln … von einer Krise zur nächsten … in unserem kleinen Iglu.
    Schönen Tag noch.

  8. @Oliver-August...
    @Oliver-August Lützenich
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    Ich „will“ überhaupt nichts, sondern beobachte nur. Die Dinge sind wie sie sind, und die Marktwirtschaft verleiht keine Schönheitspreise.
    .
    Was hätte man alles anders machen können, damit es bei uns oder den Amerikanern nicht so weit kommt, dass wir uns bei den Chinesen um ein paar Groschen anstellen müssen? Wer weiß… vielleicht nichts, vielleicht eine ganze Menge.
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    Fakt scheint mir jedenfalls eines zu sein: dass die Dinge überaus paradox sind – gemessen an den Werten und Leitmotiven, mit denen meinereins groß wurde.

  9. Der Deutsche ist stolz und...
    Der Deutsche ist stolz und beugt seinen Nacken nicht-auch wenn Dostojewski anderes über uns gemunkelt hatte-dies werden auch die roten Mandarine im fernen Peking nicht schaffen (….wieviel Promille Provision mag es bringen, wenn ich eine kleine Schuldverschreibung, sagen wir mal über 230.000.000.000.– € à la chinoise unterbringe?).
    ..
    Natura nos cognatos edidit, cum ex isdem et in eadem gigneret; haec nobis amorem indidit, mutuum et sociabiles fecit. Sen.epist.95,52 (Die Natur hat uns als Verwandte erschaffen, da Sie uns aus demselben Stoff und demselben Zweck hervorbrachte. Sie hat uns gegenseitige Liebe eingepflanzt und uns gesellig gemacht.)

  10. Vertrauen spielt eine sehr...
    Vertrauen spielt eine sehr große Rolle, wenn es ums liebe Geld geht.
    Hier zitiere ich mal Herrn Wen in der FAZ vom 28. Juni 2011 über Wen Jiabaos Besuch in Berlin (http://www.faz.net/artikel/C30190/deutsch-chinesische-regierungskonsultationen-ai-weiwei-herr-wen-und-die-kopfhoerer-30450118.html):
    „… Als er im Winter 2009, auf dem Höhepunkt der internationalen Finanzkrise, in Deutschland gewesen sei, habe er mit der Kanzlerin am Fenster ihres Büros gestanden und auf das winterliche Berlin geschaut: Ob man die Krise meistere, habe man sich gefragt. Und Wen habe geantwortet: „Nur mit Vertrauen.“
    Chinas Bestrebungen, „eine harmonische Gesellschaft zu erzeugen“ *, sind bei genauerem Hinsehen doch etwas …äh grobschlächtig.
    Denen würde ich doch sofort alles zutrauen, aber vertrauen?
    * „A harmonious society should feature democracy, the rule of law, equity, justice, sincerity, amity and vitality.“ (Hu Jintao)

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