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Ein Ruhetag und dann weiter

20.06.2012, 08:24 Uhr

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In Oebisfelde habe ich mich am Morgen des 20. Juni leicht von meinem Pensionswirt überreden lassen, noch einen Tag zu bleiben. Ich habe mir die Haare schneiden lassen, habe einfach ausgeruht und bin im Regen etwas spazieren gegangen. Viel zu sehen gibt es in dem Ort nicht, das Rathaus, die Burg, hier ist der Osten noch richtig der Osten: Nette, hilfsbereite Menschen, graue Häuser, da können noch so viele schwarzglänzende Golfs mit wummernder Musikmaschine die Lindenstraße lang düsen.

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Schlecht hören macht einsam

So werben die Hörgeräte-Akustiker. Auf meiner Tour erlebe ich: Die Einsamkeit macht hellhörig. Stundenlang allein zu sein, nichts als das Knirschen und Schmatzen der Reifen, die Vögel und ganz, ganz gelegentlich mal das Rauschen einer Straße, macht gegen Lärm empfindlich. An meinem Ruhetag hätte ich ganz gern ein Stück Torte im Burgcafé von Oebisfelde gegessen. Aber ich stand noch keine Minute in dem gut frequentierten Lokal, als mir die Geräusche, das Schwatzen und das Klirren des Geschirrs so auf die Nerven ging, dass ich wieder hinausgehen musste.

Morgens beim Start am 21. mit dem Tagesziel Hornburg, ich bin gerade beim Bepacken des Rads, hält ein eisgrauer Niederländer neben mir, sicher zehn Jahre älter als ich und auf einem Gazelle-Rennrad mit daumenschmalen Reifen und mit einem Triathlon-Lenker unterwegs. Er fragt mich nach dem Weg und zeigt mir seine Reiseplanung: eine DinA4-Seite von Hand beschrieben mit lauter Ortsnamen. Nun sucht er Gardelegen, aber auf keinem Wegweiser steht dieser Name. Doch dem Manne kann geholfen werden. Wir stehen nämlich beide in der Gardelegener Straße.

Das GPS, meinte mein Pensionswirt in Hitzacker, gewöhne einem das Nachdenken ab. Das finde ich nicht, man macht sich bloß etwas andere Gedanken als in den Zeiten, als man die Karte auf- und zufalten und hin und her drehen musste. Zum Beispiel ist doch verführerisch, eine Abkürzung zu nehmen, wenn man deutlich gezeigt bekommt, welche Haken die Strecke schlägt. Aber die reifenden Äcker wollen eben umfahren sein.

Mittags in Marienborn

Ich mache einen Spaziergang über die Grenzabfertigungsstelle. Komisches Gefühl zwischen den Containern herumzugehen, die für mich als Ein- und Ausreisenden so furchteinflößend waren.

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Da fällt mir wieder Mutti ein, die sich in den siebziger Jahren von mir zum Verwandtenbesuch nach Magdeburg kutschieren ließ: in ihrem Mercedes, den sie auch nach Ausbreiten von zwei Kissen unter dem Lenkradkranz hindurch peilend durch den Verkehr steuerte. Mutti sitzt also als angstschlotterndes Frauchen neben mir an der Grenze und wir werden zügig abgefertigt. Kaum liegt Marienborn hinter uns entspannt sich Mutti:  ¨Alles durchgekriegt…¨ Es stellt sich heraus, dass wir das ganze Auto voll Zeugs haben, das streng verboten ist, bis hin zum Kordes-Katalog für den Rosen  züchtenden Onkel. Mir fällt nachträglich fast das Lenkrad aus der Hand, denn vor Antritt unserer Reise haben wir ausführlich darüber gesprochen, dass diesmal nicht wieder irgendwelche Geschenke geschmuggelt werden à la zusätzlich umgelegte Perlenkette und so. – Und nun, 2012, gucke ich mir den liebevoll restaurierten Raum für Leibesvisitationen an. 

Ich kann mir nicht helfen, der Wald von Marienborn gefällt mir einfach nicht.

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Aber in Harbke finde ich Omas Küche, Hausmannskost zum kleinen Preis. Ich esse wie der sprichwörtliche Scheunendrescher.

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Die Landschaft wird zunehmend welliger, und alle Augenblicke sieht es so aus, als wolle es regnen. Tut es aber nicht, und mein Tagesziel Hornburg, wo Papst Clemens II. wie ein Gartenzwerg vor der evangelischen Kirche hockt, weil er in Hornburg geboren wurde, erreiche ich früher als gedacht.

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Aber das Quartiersuchen zieht sich etwas hin und schließlich fahre ich weiter und komme in der alten Zollstation in Vienenburg sehr gut unter.

 

 

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Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“ der F.A.Z.