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Schlammschlacht

27.06.2012, 08:21 Uhr

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Der wackere Kavallerist sorgt für sein Pferd zuerst und dann erst für sich selbst.

Ich weiß nicht mehr, von wem (Opa Hermann?) ich diesen Spruch habe, aber in Bezug auf mein Fahrrad (oder das Rad, das ich gerade bewege, es ist ja so oft nicht mein eigenes) stimmt er. Ein dreckiges Auto? Interessiert mich nicht wirklich. (Eins, das komische Geräusche macht, schon eher.)

Ein dreckiges Fahrrad wasche ich, pflege ich, sehe ich durch. Das muss gar nicht zu knacken anfangen, damit ich mich darum sorge. Heute Abend in Wanfried muss es ohne Wenn und Aber sein, ich mache das Velotraum sauber und schaue mir vor allem Kette, Schaltwerke, Ritzel und Bremsen an. Die Kette kriegt nach der oberflächlichen Säuberung ihrer Flanken Fett und ich stelle fest, dass meine Tube Fließfett (die ich aus meinem Standard-Werkzeug eingepackt und mitgenommen habe) danach so gut wie leer ist.

Mit wieder schmuseweich durch die Übersetzungen wechselnder Kette fahre ich daher noch schnell los, denn am Ortsrand soll es ein Fahrradgeschäft geben. Schon als ich den Riesenladen sehe, läuft es mir kalt den Rücken herunter: Offenbar wird hier das Geschäft vorwiegend mit Kettensägen und Rasenmähern gemacht, aber es gibt tatsächlich eine Ecke, wo Fahrräder und sogar Pedelecs stehen. Der Mann hinter dem Tresen macht auf meine Bitte nach einer Tube Kettenfließfett ein Gesicht, als hätte ich Mandel-Spekulatius verlangt.

Schlurft dann in besagte Fahrradecke und will mir einen Reinigungs- und Pflegespray mit Apotheken-Aufschlag verkaufen. Das Zeug würde schäumend und kriechend die Kette ihrer letzten Fettung gründlich berauben. ¨Was Zähflüssigeres haben Sie nicht?¨ Er: ¨Wollen Sie Ihre Kette fetten? Am Fahrrad?¨ Mit so jemand ist nicht zu diskutieren, ich gucke kurz ins Regal, da ist nichts Brauchbares zu erkennen, und ich gehe. Ich hasse, abgrundtief und aus langjähriger Erfahrung, Fahrradhändler wie diesen: In meinen, nicht in Dantes Höllenkreisen, sind solche Ignoranten, diese Nicht-Fahrrad-sondern-sonstwas-Händler in alle Ewigkeit dazu verflucht, glühende Nähmaschinen zu verkaufen, keine Stihl-Sägen.

Allmählich schwindet merklich mein Zeitgefühl: Gestern schon habe ich mich mit den Angaben vertan, denn ich bin am 15. losgefahren und seit dem 16. auf GST-Kurs, ich muss an den Fingern abzählen, dass erst heute, Dienstag, der 26. Juni der zehnte Tag der Grenzsteintrophy für mich ist.

Der Aufbruch war sehr gemütlich, ein Plauderfrühstück mit meinen Wirtsleuten, tatsächlich ¨kreuzfidele Sassen¨, wie es im Eichsfelder Sang heißt. Sie erzählten, dass sie früher die Post im Ort betrieben hätten, und kurz nach der Wende wurde er prompt mit vorgehaltener Pistole überfallen. Warum ist in manchen Gegenden der Osten noch so grau, und hier im Eichsfeld sind die Ortschaften östlich der früheren Grenze wie frisch aus dem Karton, eher noch etwas properer als die gegenüber?

¨Naja, die Leute hier sind eben fleißig. Und die Thüringer, die haben sich dann gleich, wie es möglich wurde, mächtig ins Zeug gelegt.¨ Die riesigen LPG-Felder rund um Gerbershausen  bewirtschaftet heute ein einziger Landwirt. Wir reden auch über die Rolle der Kirche: Am Abend vorher hatte ich mich schon nicht verguckt, da lag ein Stapel Gotteslöber, also katholische Gesangbücher, neben den Biergläsern. Zur Kirmes gehört eine Prozession mit Monstranz und Straßenaltären, der ältere Bruder der Pensionswirtin ist bei den Hünfelder Oblaten. ¨Aber es lässt auch hier stark nach mit der Kirche, ist nicht mehr so wie früher.¨

Ich mache mich unter einem grauen Himmel, aus dem nur ganz vereinzelte Tröpfchen fallen, zur Teufelskanzel hoch. An der Burg Hanstein Sperrungen, da wird ein Film gedreht, ¨Der Medicus¨. Ich schiebe durch den Wald den Wanderweg hinauf und teils buchstäblich über (Wurzel-) Stock und Stein. Und dann stehe ich schnaufend auf dem Felsen, gucke hinunter auf das Omega der Werra-Schleife, und der Wind pfeift fröstelig. Da oben habe ich endlich wieder Verbindung zum Mobilfunk-Netz, in Gerbershausen sei es ganz schlecht, war mir erzählt worden, und so war es ja auch.

Bild zu: Schlammschlacht

Dann geht es laut GST-Track den Weg hinunter, der als ¨bequem¨ ausgeschildert ist. Das stimmt auch, es ist ein breiter Weg, fast eine Straße, die allerdings vom Regen im Verein mit der emsig tätigen Forstwirtschaft zu einem Schlammbad allererster Güte verwandelt worden ist. 

Bild zu: Schlammschlacht

Wieder volle Konzentration auf der langsamen Abfahrt, ein einziges Schlingern. Gelegentlich wate an kleinen Seen vorbei. Und dann wieder das übliche Erlebnis: ¨Wo wollen Sie denn hin?¨, ruft ein Waldarbeiter, als ich an einem Wanderwegweiser blöde hinaufschauend kurz verschnaufe. Und ich sage ganz stumpf: ¨Geradeaus…¨

Als ich schließlich aus dem Wald herauskomme sehen Rad und Schuhe unbeschreiblich aus. Ich marschiere eine Weile durchs feuchte Gras, um den gröbsten Dreck herunter zu bekommen und stochere mit einem Ästchen Kiesel aus dem Umwerfer. Insgesamt bin ich aber heilfroh, dass ich die Schutzbleche am Rad gelassen habe. Ohne sie wäre alles viel, viel schlimmer. 

Bild zu: Schlammschlacht

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Gegen Mittag erreiche ich  das Grenzmuseum Schifflersgrund, entschließe mich aber nach einer kurzen Stärkung aus der Lenkertasche weiterzufahren. Es sieht immer so aus, als ob ich aus dem Flachmann, der schlanken 0,2l-Taschenflasche sauren Apfelkorn zu mir nähme, aber tatsächlich ist das ein Magnesium-Gebräu, das meinen Beinen guttut. Und dann werde ich doppelt aufgebaut: Es erreicht mich Zuspruch in Form einer Mail der Redakteurin vom Dienst in Frankfurt, ohne die mein Bloggen gar nicht funktionieren würde.

Und dann klingelt das Handy, und GST-Initiator Gunnar Fehlau, längst daheim in Göttingen, betreibt Telefonseelsorge. Die Pizzerien von Bad Sooden-Allendorf hat er schon per SMS gerühmt. Doch ich habe weder Hunger noch Interesse an den Panzern, Hubschraubern und dem Museumswachtturm. Diese Grenzmuseen ähneln sich alle stark, kann ja wohl kaum anders sein, auch wenn dieses hier besonders gut sortiert erscheint. Sogar Schützenpanzer der Bundeswehr sehe ich stehen.

Klappernd und knirschend geht es den Kolonnenweg abwärts, eine Strecke weit ist hier die Grenze so echt Grenze, dass Schilder ausdrücklich darauf hinweisen, dass es sich beim Zaun  um ein museales Exponat handele: ¨Sachbeschädigungen vermeiden¨. Lustig fand ich auch, dass innerhalb des Museums-Geländes die Besucher vor den ¨Vertiefungen¨der Lochplatten gewarnt werden. Die sollten mal mit dem Fahrrad hier herunter machen… Aber es rollt auf einmal wieder gut, ich lasse Allendorf Allendorf sein und mache mich gleich an den harschen Aufstieg zur ¨Hessischen Schweiz¨ hinauf. Da unten muss sich die Werra schlängeln, aber hier oben nördlich von Meinhard werde ich wieder zum eindreckenden Wanderer. Die Höhenlagen haben nur einen Vorteil: Ich kann im Wanfrieder Hof anrufen und ein Bett für die Nacht vereinbaren.

Wenn ich von meinem Rad wie von einem Pferd denke, mich über den Dreck ärgere, weil mir das Knirschen der Schaltung regelrecht weh tut, dann fällt mir auch ein richtiges Pferd ein, und dann muss ich an Herrn Bolschweiler denken, den schwergewichtigen Chefredakteur der Zeitschrift Radmarkt. Der hat mir eins der schönsten Erlebnisse als Autor verschafft. Wir saßen zusammen und plauderten darüber, auf welch unterschiedlichen Wegen die Menschen zum Fahrrad und Fahrradfahren gelangen. Ja, sagte er, das ist schon kurios. Er habe da mal von einem schrulligen Kerl gelesen, ein nettes Histörchen, der sei von einem Pferd gefallen und habe beschlossen, in Zukunft nur noch Fahrrad zu fahren, das sei doch recht lustig. Naja, sagte ich darauf, so lustig nun auch wieder nicht, aber wenigstens konsequent. Dieses Pferd hieß Donar und ist längst als Salami gegessen und verdaut, und der schrullige Kerl, der sitzt hier neben Ihnen. – Was gibt es Schöneres, als wenn einem Leser die eigenen Geschichten wieder erzählen? Tatsächlich habe ich ein einziges Mal in meinem Leben für etwa eine Viertelstunde auf einem Pferd gesessen, in der Trakehner-Stadt Zweibrücken gehörte Reitunterricht dazu. Meine jüngeren Geschwister durften erstmal zum Voltigieren. Ich musste gleich auf Donar rauf. Der blieb nach einer halben Runde in der Reithalle aus lauter Gutmütigkeit abrupt stehen und senkte den Kopf, und ich flog über seinen Hals in den Sand. Der Reitlehrer schrie irgendetwas von Wiederaufsitzen, Reitlehrer schreien immer, aber ich stand auf, klopfte mir den Sand ab, schmiss dem Schreienden die Karten des Reitstunden-Abonnements vor die Füße und ging. Und seit diesem Tage bin ich nur noch Rad gefahren: weil es tut, was ich will, meistens jedenfalls. Soviel zum Thema Kavallerist. 

 

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Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“ der F.A.Z.