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Ich an der Grenze

Ich an der Grenze

Grenzerfahrungen, aber auch grenzwertige Erlebnisse - mit Mountainbike, Rennvelo oder Dreirad

Selbsterfahrung und Ermüdungserscheinungen

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Wer Exerzitien nimmt, muss sein Handy abgeben (oder wird es erst gar nicht mit in die freiwillige Klausur nehmen). Das sollte man auch tun, wenn man sich auf so...

Wer Exerzitien nimmt, muss sein Handy abgeben (oder wird es erst gar nicht mit in die freiwillige Klausur nehmen). Das sollte man auch tun, wenn man sich auf so eine Selbsterfahrung wie diese GST-Tour begibt. Es ist natürlich schön, dass die Lieben daheim dank Google Latitude das Handy (und damit vermutlich auch die Person) in der Rhön oder sonstwo orten können.  ¨Ich seh dich¨, kräht es abends munter aus dem Handy, gemeint: Sie sehen daheim einen blauen Positionsmarker auf der Karte und nebendran mein Profil-Bild. Sie sehen nicht, dass mir der Kopf rot unterm Helm schwillt und dass die Nase spitz geworden ist. Sie sehen ungefähr, wo ich bin, wofern nicht e-plus meldet, man befinde sich außerhalb des Versorgungsgebiets. Das offenbar nicht nur in den Niederungen des Eichsfelds noch spürbare Lücken hat. (Auf den Spot, den GPS-Tracker, einen Ortungs-Trsnsponder mit Notfall-Taste habe ich verzichtet – nicht noch mehr Technik. Ich habe ihn bislang auch nicht vermisst und auch nicht wissen wollen, wer wo ist.) 

Und vice versa ist es natürlich rührend, wenn man seinerseits von daheim aus der Katzenpension das nach schwerem Dieselmotor klingende Schnurren des zwölfwöchigen Katerchens übertragen bekommt, das allen Widerständen zum Trotz den Namen Schnippedilderich (keine Anzüglichkeit, sondern ein Zitat aus einer Roman-Groteske der österreichischen Hochliteratur, s. Die Merowinger oder Die totale Familie von Heimito von Doderer) bekommen hat. Drei Wochen nach dem Abschied wird man den total süßen Raufbold ja kaum noch wiedererkennen. 

Aber es ist schrecklich, wenn man sich einen Hang hoch- oder eine pucklige Abfahrt genauso schwitzend hinunterkämpft und fortwährend pfeift in der Lenkertasche das Smartphone, um zu melden, das in synchronisierten Postfächern des Büros und zuhause neue Mails eingetroffen sind: Freunde konferieren um den Termin des nächsten Treffens – der eine hat alle Verpflichtungen schon um den ursprünglich vorgesehenen Tag herum gebaut, bei den anderen legen die Termine von älterem und jüngerem Sohn eine Verlegung nahe, der Ton der Mails zeigt leichte Gereiztheit. Und man selbst spürt: tödliche Gleichgültigkeit. So soll es ja auch beim Sterben sein: Die Riesenprobleme der anderen werden dem, bei dem es um alles geht, schnurzegal.

Das ist ein starkes Erlebnis: Wie die körperliche Anstrengung (die nicht nur eine bloß körperliche ist, weil mit dem Schnaufen und Pedaltreten seelisch eine hochangespannte Wachsamkeit für Beschaffenheit und Verlauf der Strecke einhergeht) Abstand schafft – zum Termindruck, zu den Sachzwängen, zu den Dingen, die momentan einfach nicht zu ändern sind. Etwas ist im Büro nicht erledigt worden? Sorry, es wird sich auch weder heute noch morgen erledigen lassen. Der Termin ist geplatzt? So what, wir werden sehen, was sich machen lässt, frühestens, wenn das hier vorüber ist. Sie brauchen einen Rückruf, eine Entscheidung, ein Ok. oder ein Nein? Jetzt nicht,  nicht sofort – und wahrscheinlich auch nicht heute Abend. Denn bis dahin haben hunderte von kleinen, aber existentiellen Mini-Entscheidungen Ihren ganzen hochwichtigen Kram rückstandslos aus dem Hirn gespült: Soll ich hier bremsen oder einfach laufenlassen? Reintreten oder Absteigen? Einen Hüpfer mit allem Gepäck wagen oder lieber nicht? (Im Zweifel: nie.) Eine Pause machen, schon wieder,  oder eisern weiter? Darum geht es, nicht um die Tagesordnung der nächsten Projektkonferenz, auch wenn das heute Nachmittag für den Postenden die wichtigste Sache der Welt sein mag – hier draußen ist sie das wirklich nicht.

Auch das Schreiben und Fotografieren, das eine meist in der Morgenfrühe, das andere zwischendurch, stört den Rhythmus des Fahrens: Ich sehe etwas, mir fällt ein Schild auf, ich würde es gern notieren, mir merken, ein Bild davon machen, aber schon bin ich weiter, und bei der nächsten Pause starre ich vor mich hin: Wie war der Name noch auf diesem Schild gewesen? Ganz abgesehen von den Kleinigkeiten wie der Energieversorgung: Muss die Bluetooth-Tastatur aufgeladen werden? Nein, sie hält lange. Und ist glücklicherweise dabei, denn mit den Touch-Tastaturen auf den Tablet-Anzeigen zu schreiben, wäre eine Qual. Hat die Kamera noch Saft? Ja, hat sie: Aber sie nervt mit ihrem Stromsparmodus.: Kaum eingeschaltet und die Kamera ausgerichtet, hat sie sich schon wieder schlafen gelegt. Nie wieder mit Technik zur Simultanberichterstattung auf Tour, das steht für mich fest.  All diese Sächelchen stören, und man muss sie stumm- und abschalten, nicht drauf eingehen, wenn man vorankommen will.  

Dann stellt sich – wenigstens abschnittsweise und nicht so ausgeprägt wie beim Straßenfahren – eine Leere im Kopf ein, die durchaus etwas Meditatives hat: Der Kopf klärt sich, und in der Anstrengung, die bis aufs Weiterkommen weitestgehend sinnfrei ist, spürt man sich leben, sehr körperlich, schwer angestrengt, aber auch fröhlich und zufrieden. Und nun komme man mir aber bitte nicht mit der Entspannung, die der Sport beschere. Mit Entspannung, aber auch mit Sport, wenigstens im Sinne von Wettkampf hat – für mich – diese Tour überhaupt nichts zu tun: Wenn abends bei den letzten Spielen der EM die Aufschreie über die leeren Straßen wehen, liege ich längst im Bett.   

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