Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren
 

Vom Verlassen, Verlieren und Wiederfinden des Tracks

02.07.2012, 09:09 Uhr

Von

Man stellt sich ja vor, mit einem GPS-Gerät sei keinerlei Verirren mehr möglich. Das stimmt und stimmt wiederum auch nicht. Ich habe lange geglaubt, ein GPS-Gerät am Fahrradlenker müsse vielleicht nicht mit einem sprechen (was inzwischen manche tun), aber es müsse den im wörtlichen Sinne eigen-artigen Charakter der Fortbewegung mit dem Fahrrad wegweisend unterstützen können.

Mein Paradebeispiel war eine ganz bestimmte Stelle im Pelzhändler-Quartier des Frankfurter Bahnhofsviertels: Da tut der Radfahrer, was nur er kann, wenn er geradenwegs aus dem Gallusviertel in die Innenstadt will. Statt sich wie ein Autofahrer auf der Verlängerung der Mainzer Landstraße weiter zu quälen oder als von wohlmeinenden Radwanderführern geleiteter Wanderfahrer erst hinunter zum Main und dann wieder hoch zur Hauptwache zu radeln, verwandelt er sich für fünfzig Meter in einen Fußgänger, der ein Fahrrad schiebt (oder in einen locker auf der Stange sitzend daherrollenden Radfahrer oder in einen Rüpel, der auch durch den fußläufigen Verkehr ohne Klingel, ohne Schutzblech, ohne Licht einfach weiterfährt, weil er weiß, dass hier er der Stärkere ist). Als solcher überquert er an einer Fußgänger-Ampel die Straße vor dem Hauptbahnhof und die Gleise der Straßenbahn und bewegt sich ein paar Meter auf dem Trottoir, um blitzschnell scharf links abzubiegen. Da öffnet sich in der Hauswand ein alter Torbogen, durch den man in eine aus Gegenrichtung hier als Sackgasse endende Straße gelangt, auf der es nun schnurgerade und vergleichsweise verkehrsarm zur Hauptwache geht. (Dank dieses Durchbruchs lag meine Bestzeit auf der Strecke FAZ-Redaktion Katharinen-Kirche – in allerdings vergangenen Jahren – bei rund 6 Minuten, was sich mit keinem anderen Verkehrmittel schaffen lässt.) Solche – für den Radfahrer ganz natürlichen Abkürzungen in der Stadt wie im Gelände – müsste ein Navi fürs Fahrrad weisen können, war meine Meinung. Aber das ist wohl illusorisch.

Für den Radfahrer ist es eben typisch, dass er sich in einem begrenzten Gebiet besonders gut auskennt und dort seinen Vorteil zu wahren weiß, durch Abkürzungen, Schleichwege, ein paar Meter Schieben oder das Überwinden einer Treppe. Die Vorstellung, ein Navi fürs Fahrrad könne flächendeckend solche Erfahrungen – die erst das Kurzstrecken-Fahrzeug Fahrrad zu dem machen, was es ist – zur Routenfindung anbieten, ist überzogen. Aber sehr wohl kann ich einer Route nachfahren, die jemand ausgearbeitet und ¨verdatet¨ hat, der sich in dieser Gegend besonders gut auskennt. Genau das ist der Fall beim Track der Grenzsteintrophy. Scouts haben in den vergangenen Monaten Teilstück für Teilstück eine Route aufgezeichnet, die ich in mein GPS-Gerät geladen habe und der ich nun hinterher fahre. (Nicht ohne, dass mir gelegentlich himmelangst wird, was diese Scouts für fahrbar halten. Wobei mir im Ohr die Bemerkung von GST-Initiator Gunnar Fehlau nachklingt, die Auflage 2012 der Grenzsteintrophy sei ¨so viel fahrbarer geworden als in den früheren Jahren.¨)

Wenn ich wie dieser Tage im Hessischen unterwegs bin, liegt eine sehr detaillierte, aber nicht billige topographische Karte unter dem Track. (Die Karte kostet für ganz Deutschland mehr als das Gerät.) Im Übrigen wird der Track der GST in eine im Internet zu habende Open Source Map eingeblendet, die für Radfahrer optimiert ist: Das heißt Rad(wander)wege und verkehrsarme Straßen sind hervorgehoben, während die Pfade, die der GST-Fahrer entlangfahren soll, häufig mit roten Querstrichen als schlechteste Wegstrecken ausgeixt sind.

Entlang der lila Linie der GST-Route sehe ich immer wieder kleine blaue Fähnchen, die auf mögliche Biwakplätze hinweisen. Einige von denen habe ich mir aus eher akademischem Interesse angeguckt: eine Schutzhütte am Wanderweg, der Grillplatz einer Jagdgenossenschaft, ein Sportlerheim an einem verwaisten Rasen. Mit der Absicht, nur im Notfall zu biwakieren, nicht zu campen und mir in der Regel ein festes Dach über dem Kopf mit Abendessen und einem richtigen Bett zu suchen, muss ich nachmittags anfangen, rechts und links vom Track auf meine elektronische Karte im Smartphone zu gucken. Bis in die Nähe welchen Orts werde ich kommen, der verspricht, einen Gasthof mit Fremdenzimmern zu haben?

Nachträglich hadere ich dann schon mal mit meiner Entscheidung: So angenehm es war, am Abend des 26. auf der Straße nach Wanfried hinunter zu rollen, und so gut ich dort auch Quartier gefunden habe im Wanfrieder Hof, hätte ich den Track nicht besser in entgegengesetzter Richtung gen Geismar verlassen? Diese Gedanken mache ich mir nach einem reichlichen Frühstück mit knusprigen Spiegeleiern am Morgen des 27. Juni. Denn da ist der Wiederaufstieg zum Track doch ziemlich mühevoll, bevor im Wald bei bestem Wetter eine längere Abfahrt den Bergkamm hinunter beginnt. Den halben Tag lang habe ich das Gefühl, ich könne mich gar nicht von Wanfried lösen: Es kommt mir so vor, als komme ich kaum voran, obwohl ich fahre und fahre (und auch wieder schiebe!): Wo ich an eine Straße komme, sehe ich Wegweiser nach Wanfried und immer sind es nur ein paar Kilometer. Immerhin, die GST-Strecke ist bis auf wenige Ausnahmen gut abgetrocknet.

Und so fahre ich am Abend lediglich ein bisschen verstaubt bei der Pension Wolf in Gerstungen vor. Als ich sage, ich sei auf einer Tour die Grenze entlang, nickt der Pensionswirt wissend von wegen Grünes Band und erzählt mir, da finde aber ja gerade auch ein Rennen statt. Er habe die Tage Gäste gehabt, die seien sowas von schlammbespritzt angekommen. Die hätten nach einer Waschmaschine gefragt, aber erst einmal hätte man ihre Trikots und Hosen einweichen und vom Schlamm befreien müssen, bevor das Zeug überhaupt gewaschen werden konnten. Ja, sage ich, denen radele ich hinterher.

Nach der angenehmen Nacht, die ich in Gerstungen in Sichtweite des GST-Tracks und in Hörweite der Bahnlinie verbracht habe, geht es am Morgen sehr gemütlich durch die Werra-Auen weiter, zunächst. Der Tag verspricht schon morgens heiß zu werden, und so ist es dann auch.

Ich werde noch ganz irre mit diesem Wechsel zwischen Ost und West, konkret und im Gelände ist das ja keineswegs Ost und West, rechts oder links auf der Karte, sondern so, wie sich diese Grenze schlängelte (und noch ein bisschen mehr, um ja keinen Höhenmeter auszulassen und keine Schotterpiste), so schlägt die GST-Route Haken. Und dann passierts: Ich verliere den Track. Das ist etwas ganz, ganz Anderes als ihn absichtlich zur Hotelsuche zu verlassen und nach der Nachtruhe zu ihm zurückzukehren. Es ist auch kein Fehler im Gerät. Der GPS-Bildschirm im Format einer vatikanischen Sondermarke zeigt weiter seine lila Linie, und ich kann den Kartenmaßstab verändern wie ich will, ich sehe den Track nicht.

Konkret hat das so ausgeschaut: Hinter Philipsthal und Vacha, die sich an der Werra gegenüber liegen, mehr nördlich und südlich des Flusses als westlich und östlich, und zwischen denen ich über die Brücke der Einheit gewechselt bin, geht es erst durch ein Wäldchen und dann einen Wiesenrain entlang und dann stößt man auf einen Weg. Die lila Linie will geradeaus, aber da ist nichts, wo es lang gehen könnte, nur ein Bahnkörper parallel zum Weg.

Später dämmert mir, ich hätte mich wohl mutig in die Nesseln am Bahndamm werfen müssen und über die Gleise klettern. Aber stattdessen biege ich in der – glücklicherweise immerhin richtigen – Generalrichtung links auf den Weg ab. Irgendwie muss ja auf den Track zurück zu kommen sein. Schwerer Fehler! Der beschäftigt mich anderthalb Stunden lang, denn bis ich wieder auf dem Track bin, braucht es drei schweißtreibende Anläufe, die bergan im Nichts enden. Wut mischt sich mit Verzweiflung, während in der Ferne weißer Abraum des Kalibergbaus leuchtet. Diese lila Linie wiederzufinden, ist eine Tortur mit dem elektronischen Kartenmaterial, oder anders ausgedrückt: Stur dem Track zu folgen und völlig der GPS-Anzeige zu vertrauen ist wesentlich einfacher als sich mit der elektronischen Kartierung selbst orientieren zu wollen.

Bild zu: Vom Verlassen, Verlieren und Wiederfinden des Tracks

Nachmittags ums fünf stehe ich am (oder auf dem) OPA, Observation Point Alpha, herrlicher Ausblick ins Thüringische, aber keinerlei Lust, mir das Haus auf der Grenze anzutun oder mir einen Clip ins Ohr zu stecken und mir von einstmals hier stationierten Army-Angehörigen den Posten auf einem Rundgang erklären zu lassen.

Irgendwie Bild zu: Vom Verlassen, Verlieren und Wiederfinden des Trackshabe ich genug von Grenzmuseen und Mahntürmen. Die wirklichen Geschichten sind sowas von verworren und traurig. Und ich habe auch den dumpfen Verdacht, dass bei den Geschichtsvereinen und Mahnwächtern so mancher unterkommt, der mit liebevoll restaurierten Mannschaftswagen und Splitterminen seinen technischen Spieltrieb rückwärts gewandt befriedigt. Unter Funkamateuren traf ich mal so jemand, der es bis zum Filmkomparsen gebracht hatte: Als hochrangiger Sergeant kostümiert mit Besser-als-das-Original-restauriertem Jeep. Mit dem verbrachte ich ein Wochenende unter anderem mit Geländefahren und Biwakieren, und abends gab es einen Angriff einer kleinen Einheit der Waffen-SS, die einen mit Nebelkerzen und dem Knallen von Übungsmunition in den Herzkasper treiben konnte. Die Jungs waren natürlich alles in Deutschland stationierte oder lebende Amerikaner.

Die ¨Point-Alpha-Stadt¨ Geisa scheint hingegen ein friedliches Nest zu sein und verspricht einen ruhigen Aufenthalt, zum Abendessen vor dem Spiel gegen Italien gibt es Ziegenbratwurst, Kunststück: in der Geisschänke.

 

 

 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“ der F.A.Z.