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Du sollst nicht hassen

14.09.2012, 12:48 Uhr  ·  Jedenfalls soll ich es hier nicht beim Bloggen schreiben, und vor allem bitte nicht abgrundtief. Aber ich kann nicht anders als noch nicht ganz erkalteter Choleriker.

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Und zwar häufig, wenn ich mit dem Homage hybrid HS von riese+müller in der Stadt unterwegs bin. Dass ich  dabei in Wallung gerate, das hat und hat nicht mit diesem Elektrofahrzeug zu tun.
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Homage hybrid HS von riese+müller                                                                                          (Foto: py.)

Zunächst einmal, das Homage mit dem Versicherungskennzeichen ist ein erstklassiges Elektrorad der schnellen Sorte. Man mag die Form ungewöhnlich finden, aber der halbhohe (oder erniedrigte?) Durchstieg ist praktisch, der rahmenfeste Gepäckträger mit angeschraubten Taschenhaltern verkraftet mustergültig Gepäck, und das Fahrwerk lernt man so richtig zu schätzen, wenn man sich in den höheren Geschwindigkeitsbereichen des Rades bewegt, dessen 500-Watt-Motor (Bosch) bis 45 km/h den Pedaltreter unterstützt. Scheibenbremsen, Rohloff-Nabe, was will man mehr — ein richtiges Fahrzeug, bei dem man allerdings mittreten muss wie bei einem Fahrrad, und das ist der Punkt welcher.

Also ich düse mit diesem Stadtfahrzeug nachmittags zu der Zeit, wenn Frankfurt seine Bürosklaven wieder ausatmet, zu einer weiteren Lehrstunde in Sachen Typographie auf T-Shirts und in Blogs zum Hoffrisör Seydel. Er ist in diesen Sachen ja unerbittlich – und lässt auch nicht gelten, dass mit dem Editor, mit dem diese Zeilen verfasst werden, solche Feinheiten wie Gänsefüßchen unten und oben, einleitend und ausleitend, nicht auf Anhieb möglich sind. Mein ganzes Arbeitsleben lang und noch ein Bisschen länger begleitet mich die Herausforderung durch Menschen, für die Sprache und Schrift mehr als bloße Nebensachen sind. Ich brauche sie, weil ich eher so ein Lass-gut-sein-Karl-Typ bin, der sich innerlich und äußerlich vielleicht allzu rasch damit arrangiert, dass zum Beispiel dieser Blog-Editor typographisch und bedienungstechnisch mich nicht gerade vor Glück schreien lässt. Unter diesen Aufrüttlern wäre zum Beispiel mein Freund Fritz www.joern.de zu nennen, der nicht bloß das Fraktur-s  und den Bindestrich hätschelt, was man nicht gleich ahnt, wenn man so eine Seite im Netz erblickt wie diese http://www.joern.de/tipsn0.htm. (Deren – „ich sach mal“ – buchstabige Nacktheit hat ihren Grund weniger in mangelndem Schönheitssinn als im Wunsch, dass sich die Inhalte auf jedwedem Gerät lesen lassen können sollen — also ein kleinster gemeinsamer Nenner.) Fritz ist auch der gewesen, der mir vor Jahrzehnten beibrachte, wie man mit Tastaturkürzeln wie Alt-0187 und Alt-0171 ein Bisschen Eleganz und genau die Zeichen auf den Bildschirm zaubert, die man wirklich an dieser Stelle sehen möchte. Genau dies findet man auch beim Herrn Hoffrisör unter http://www.allyoucanstyle.de/typo-hilfe-links, womit ich jetzt wieder die Kurve zum Hass kriege.

Denn ich bewege mich mit dem herrlichen Homage hybrid HS (bei dem ich mich immer frage, ob für den Namen die Rahmenproportionen oder ein „mangelhaft“ in Französisch verantwortlich waren) wie gesagt quer durch Frankfurt, vom Gallusviertel in die Fahrgasse. Völlig korrekt benutze ich, mühelos bei Vmax 35 km/h mit dem dichten, aber noch fließenden Autoverkehr mithaltend die Mainuferstraßen – nicht die Uferpromenaden, wo ich mit einem Fahrrad lang fahren würde, sondern die Straßen. Und da werden nun frustrierte Autofahrer zu Verkehrserziehern: hupen, fuchteln, deuten auf Radwege und versuchen, den Radfahrer abzudrängen oder auszubremsen — der reinste Horror. Nun ist es aber so: Mit dem Versicherungskennzeichen am schnellen Pedelec habe ich nichts auf innerstädtischen Radwegen zu suchen, es sei denn, diese wären mit dem Hinweis „Mofa frei“ für Leichtkrafträder der Klasse L1e wie elektrisch ausdrücklich freigegeben. Solche Radwege gibt es aber praktisch nur in den Randbezirken der Stadt. In der Innenstadt gibt es Radstreifen, auf denen nicht nur die Pizza-Boten mit ihren gleichzeitig in zehn Geschmacksrichtungen stinkenden 50-Kubikzentimeter-Scootern an den Autos vorbei pröpeln, sondern eben zur Feierabendzeit auch Radlerpulks entlangwuseln. Die sind deutlich langsamer unterwegs als mein Homage, in die will ich nicht hineinfahren, also tue ich, was ich ohnehin tun soll, ich fahre mit meinem L1e-Krafträdchen auf der Straße. Dafür werde ich angehupt, befuchtelt und bedrängt. Und was sagt der FreieBauer mit rollendem Wetterauer R, der gar nicht dreist genug pilotierend seine Arbeitsstätte hinter sich lassen kann, wenn man ihm beim Ampelstopp durchs offene Seitenfenster die Rechtslage auslegt? „Du fährst viel zu schnell mit deinem Fahrrad. Das ist gefährlich.“ Das ist dann der Moment, wo ich den Lenker etwas fester greifend mir sagen muss: „Hans-Heinrich, du weißt doch: Du sollst nicht…“ Herrje, unter welchem Tastaturkürzel stecken jetzt wieder die Gevierte zwischen den Pünktchen? (Freundliche Hilfestellung unter hansheinrichpardey@gmail.com ist durchaus erwünscht.)

 

 

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Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“ der F.A.Z.