Hier. Und jetzt?

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Als Flüchtling in Deutschland

Glücklich desertiert

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Der Tag, an dem der Brief kam: Mehret Teklekaimanot Kidane kann sich noch an ihn erinnern, als ob es gestern wäre. Einberufung zum Militärdienst, in Eritrea kommt das fast einem Todesurteil gleich. Männer wie Frauen werden nach dem Schulabschluss eingezogen, für die meisten dauert der Militärdienst ein Leben lang, unter schlimmsten Bedingungen und mickrigem Lohn: umgerechnet 10 Euro im Monat. Ein Entkommen? Zwecklos, Deserteure werden erbarmungslos gejagt, interniert, gefoltert. Mehret wusste sofort: Sie kann das nicht. Sie ist gerade 18 geworden, da hat man das Leben doch noch vor sich. Wenn man in Eritrea einmal beim Militär ist, ist das Leben vorbei.

Mehret Tehlekaimanot Kidane, 34, aus Eritrea© Oliver GeorgiMehret Tehlekaimanot Kidane

Also entscheidet sich Mehret: Ich haue ab, wie so viele junge Eritreer. Mehr als eine Million von ihnen, schätzen Experten, leben mittlerweile im Exil. Wie viele andere flieht Mehret zunächst in den Südsudan, wo Eritreer noch immer relativ leicht Zuflucht erhalten. Auch wenn die humanitäre Lage dort nicht eben besser ist als im Nachbarland.

Mehrere Jahre lebt die heute 30-Jährige im Sudan, bis sie sich auf den weiten Weg in Richtung Europa macht. Denn sie weiß wie wohl jeder ihrer Landsleute: Asylanträge aus Eritrea werden in Deutschland fast ausnahmslos bewilligt, so verzweifelt ist die Lage in dem ostafrikanischen Land am Roten Meer. Mehret nimmt Kontakt zu Schleppern auf, die Gemeinschaft der Fluchtwilligen untereinander ist eingeschworen, wenn man will, hat man schnell die richtigen Kontakte. Mehrere tausend Dollar muss die junge Eritreerin dem Schlepper zahlen, dafür bringt er sie nach Libyen bis an die Mittelmeerküste, dann mit dem Boot weiter nach Italien und danach über Österreich nach Deutschland. Allein die Strecke vom Sudan nach Italien kostet Mehret 3000 Dollar. Und immer wieder muss die Flucht unterbrochen werden, weil die Gelegenheit ungünstig ist. Dann bleibt Mehret nur zu warten und wieder für Wochen, manchmal auch für Monate in einem Auffanglager für Flüchtlinge zu bleiben. Eine quälende Zeit.

Als sie schließlich nach mehreren Monaten auf der Flucht endlich Deutschland erreicht, ist Mehret nur noch müde. Heute, 14 Monate später, kommt ihr die Schilderung ihrer Flucht so routiniert über die Lippen, als habe sie bis heute gar nicht begriffen, in welcher Gefahr sie damals geschwebt ist: auf dem Landweg als illegaler Flüchtling durch halb Nordafrika, auf einem schwankenden Boot im Mittelmeer.

Die Fluchtroute von Mehret Teklekaimanot Kidane© FAZ.NET/Carsten FeigDie Fluchtroute von Mehret Teklekaimanot Kidane

Nach zwei Monaten im zentralen Aufnahmelager in Gießen zieht Mehret nach Bad Soden am Taunus um. Dort lebt sie wie Samsam aus Somalia in einer ehemaligen Pension, in der zur Zeit ein Dutzend Flüchtlinge untergebracht ist. Seit einem Jahr versucht Mehret jetzt, sich an die deutsche Gesellschaft zu gewöhnen, an diese Pünktlichkeit, an die Formulare, an die kalten Winter. Sie besucht die Deutschkurse, die von der Flüchtlingshilfe in Bad Soden angeboten werden – und wartet auf die Bewilligung ihres Asylantrages. Eigentlich sollten Anträge aus Syrien und Eritrea schnell bearbeitet werden, hat man ihr am Anfang gesagt. Doch angesichts der Hunderttausenden, die derzeit nach Deutschland strömen, ist schnell relativ geworden. Fünfzehn Monate und länger dauere es derzeit im Schnitt, bis über einen Antrag entschieden werde, heißt es.

„Gottseidank, dass Du in Deutschland bist“

Mehret hat sich in Deutschland eingerichtet – ihre Eltern zuhause vermisst sie trotzdem. „Ich telefoniere regelmäßig mit ihnen“, sagt die junge Frau – zurück nach Eritrea will sie trotzdem nicht. „Gottseidank, dass Du in Deutschland bist“, hat ihr Vater neulich am Telefon zu ihr gesagt. „Da bist Du sicher.“

 

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3 Lesermeinungen

  1. Eingeflüstert
    Der Vater, der sie erschlagen wollte, wenn sie nicht in die Heirat einwillige, sagt nun: „In Deutschland bist zu sicher“. Was soll man davon halten? Entweder offenbart hier jemand ein quasi schizophrenes Innenleben, oder an der Geschichte stimmt was nicht. Wir werden wohl nie erfahren, was hier wahr oder unwahr ist, dennoch müssen wir uns mit solchen Geschichten auseinandersetzen. Wir sollten nicht all zu blauäugig sein, wie der Autor Mankell uns noch kurz vor seinem Tod mitzuteilen wusste; doch bleibt auch notwendig, Verständnis zu haben. Für unwahre Geschichten,aber auch für schizophrene Bewusstseinslagen.Wenn die Geschichte stimmt,dann wäre sie ein Beleg dafür, dass die Menschen immer noch im magischen Denken befangen sind. Ein Bewusstsein also haben, das diesen Begriff noch gar nicht richtig verdient.Die Phänomene unserer Außen-, wie Innenwelt als halluzinierte, als „eingeflüsterte“ wahrnehmend (Julian Jaynes/ http://blog.herold-binsack.eu/2012/05/eine-frage-an-goethe-vie

    • Ich glaube, Sie haben zwei Beiträge miteinander vermischt: Der Vater von Samsam hat ihr mit dem Tod gedroht, weil sie nicht verheiratet werden wollte. Der Vater von Mehret (die vor dem Militärdienst geflohen ist) ist froh, dass seine Tochter in Deutschland ist.

  2. @Oliver Georgi
    Sie haben Recht.Sorry.Dennoch dürfte es solche Phänomene geben,wenn auch jetzt nicht an diesem Beispiel nachweisbar.Und es bleibt natürlich die Aufforderung an uns „Lügen und Wahres“ ein wenig kreativer zu behandeln,als wir dies für gewöhnlich tun.Entgegen den nun in Massen auftretenden „Bedenkenträgern“ möchte ich betonen,dass traumatisierte Menschen oft zwischen Lüge und Wahrheit gar nicht unterscheiden können,bzw. Lügen eine Form der Traumabewältigung sind; jetzt mal völlig abgesehen von dem Opportunen.Ich erlebe das nicht selten mit Migranten-beruflich wie privat-,von denen ich annehme,oder gar weiß,dass sie traumatisiert sind.Ihre Lügen kommen mir vor wie Sherazades Märchen aus 1001 Nacht.Alles zu dem Zweck die „Dämonen“ zu verscheuchen,das Böse auf Abstand zu halten,die Gefahr zu bannen.So habe ich mehr als einmal erlebt,wie die unvermittelte Konfrontation mit der Wahrheit,also mit dem, was wir glauben,was wahr ist,solche Menschen in eine hysterische Schockstarr

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