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Hier. Und jetzt?

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Als Flüchtling in Deutschland

Lala, der Ungeduldige

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Geduld gehört nicht zu den Stärken von Masoom Gharibyar. Der 28 Jahre alte Afghane möchte lieber handeln als warten. So gesehen, sind die vergangenen 16 Monate für ihn eine harte Prüfung gewesen, aber sicher nicht die härteste. Denn im Vergleich zu den Jahren zuvor lebt er nun in Sicherheit. Gharibyar stammt aus der Nähe von Kundus im Norden Afghanistans, von dort also, wohin die Bundeswehr in ihren ersten Kampfeinsatz gezogen ist. Schon als sie dort anrückte, hatte sie in Gharibyar einen Verbündeten. „Das sind die Guten“, hatte sein Vater gesagt. Mit ihm half er den Deutschen, ihr erstes Lager aufzuschlagen. Der Norden des Landes galt seinerzeit noch als ruhig.

Masoom Gharibyar ist 28 und stammt aus Afghanistan. Jetzt lebt er in Frankfurt.© Wolfgang EilmesMasoom Gharibyar

Von 2008 an arbeitete Gharibyar für deutsche Entwicklungshelfer und leitete für sie kleinere Projekte. Später stellten ihn dann die Isaf-Truppen als Übersetzer an. „Wo die Soldaten ihren Fuß hinsetzten, da setzte ich auch meinen Fuß hin“, sagt er. Wo sie hinfuhren, fuhr auch er hin. Seine Aufgabe war es, zwischen der Zivilbevölkerung und den Soldaten zu vermitteln. Er übersetzte vor allem von Dari in Englisch, die Arbeitssprache der Militärs in Afghanistan.

Von Monat zu Monat wurde die Lage unruhiger. Gharibyar sah Kameraden sterben, entkam selbst mehreren Anschlägen nur knapp. Noch schlimmer wurde es für den Übersetzer aber, als die Truppen abgezogen waren. Seither sind Leute wie Gharibyar noch mehr ins Visier der Taliban geraten. „Für die Terroristen bin ich ein Verräter“, sagt der Übersetzer. Wie alle, die mit den „Ungläubigen“ zusammenarbeiteten. Seine jungen Brüder hören das von Mitschülern auf dem Pausenhof, seine Eltern erhalten Drohanrufe. Die Familie musste umziehen, lebt nun im mutmaßlich sichereren Kabul. Eine Perspektive, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, gibt es nicht. Manchen früheren Kollegen von Gharibyar haben die Taliban gefunden und umgebracht.

Die Lage ihrer früheren Mitarbeiter hat die Bundesrepublik zum Handeln gezwungen. Nach einigem Hin und Her zwischen Innen-, Außen- und Verteidigungsministerium einigte sich die Regierung auf ein Verfahren für die Ortskräfte, wie die Übersetzer, Köche und Fahrer heißen, die in Afghanistan für die Bundeswehr gearbeitet haben. Anders als normale Asylsuchende dürfen sie vom ersten Tag an arbeiten und sich in Deutschland frei bewegen. Sie müssen nicht in Erstaufnahmeeinrichtungen warten und dürfen für mindestens drei Jahre bleiben. Die Verwaltung lege einen großzügigen Maßstab an, wenn sie entscheide, ob sie wegen ihrer Arbeit für die Deutschen nun gefährdet seien, sagt ein Sprecher des Innenministeriums. „Im Zweifel für die Ortskraft.“

Die Fluchtroute von Masoom Gharibyar© FAZ.NET/Carsten FeigDie Fluchtroute von Masoom Gharibyar

Diese Logik hat Gharibyar Vieles erspart. Er musste sich nicht über unsichere Flüchtlingsrouten quälen und Schleppern seine Ersparnisse überlassen. Er stieg mit seiner Frau im Mai 2014 in Kabul in ein Flugzeug und in Frankfurt wieder aus. 1700 Dollar hatten die Tickets in das neue Leben gekostet. Dann begann das Warten. Warten auf den Sprachkurs, Warten auf einen Job. Als im Januar Mariam, seine erste Tochter, auf die Welt kam, dauerte es mehrere Monate, bis sie eine Geburtsurkunde bekam. Die deutschen Behörden waren schlichtweg nicht auf Leute wie Gharibyar vorbereitet, im Frankfurter Jobcenter war es zum Beispiel schwer, Sachbearbeiter zu treffen, die Englisch sprechen.

„Ich will nicht mein Leben lang als Aushilfe arbeiten“

So musste sich Gharibyar an die Geschwindigkeit der deutschen Behörden gewöhnen. Knapp anderthalb Jahre nach seiner Ankunft ist sein neues Leben noch eine große Baustelle. Er sorgt sich noch immer um seine Familie in Afghanistan, es ärgert ihn, dass er, der „Lala“, wie der älteste Sohn auf Dari heißt, wenig für sie tun kann. Seine berufliche Zukunft steht in den Sternen. „Ich will ja nicht mein Leben lang als Aushilfe in einem Restaurant arbeiten“, sagt er. Im Moment wäre er dennoch froh über einen solchen Minijob. Später würde er gerne eine Ausbildung zum IT-Experten beginnen, noch lieber studieren. Immerhin: Demnächst steht eine wichtige Deutsch-Prüfung an, besteht er sie, dürfte die Jobsuche etwas einfacher werden. Und in einigen Monaten kann das Standesamt zeigen, ob es gelernt hat, Geburtsurkunden für die Kinder von Ortskräften auszustellen. Gharibyars Frau ist zum zweiten Mal schwanger. Geduld wird er aber weiterhin brauchen.

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1 Lesermeinung

  1. Sollte eigentlich selbstverständlich sein, daß Menschen wie Masoom Gharibyar nach
    Deutschland kommen dürfen. Natürlich mit Familie. Ich fand die Diskussion damals über dieses Thema mehr als beschähmend. Haben doch diese Menschen unsere Bundeswehr klar unterstützt. Warum muß da überhaupt geprüft werden? Es liegt doch wohl auf der Hand, daß solche Menschen gefährdet sind. Auch wenn keine Gründe für solche Menschen vorliegen sollten, ihr Land zu verlassen, müßte es eine Selbstverständlichkeit sein, sie und ihre Familie hier einreisen und leben zu lassen. Wenn gewünscht, auch die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen. Es handelt sich schließlich nur um vergleichsweise wenige, die davon betroffen sind. Warum haben es solche Menschen schwer, Deutschkurs, Arbeit und/oder Ausbildungsplatz zu finden? Die Bundeswehr müßte doch genügend Möglichkeiten haben, hier Abhilfe zu schaffen. Einschließlich kostenfreiem Flug nach Deutschland. Das alles sollte selbstverständlich sein. Jedenfalls gilt eines ganz klar: Herzlich Willkommen!

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