Hier. Und jetzt?

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Als Flüchtling in Deutschland

„Es ist toll, dass ich mich hier sicher fühlen kann“

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An seinen ersten Abend in Berlin erinnert sich Modar Rabbat noch, als sei es gestern gewesen. Da war dieser andere junge Syrer, den er in dem Hotel kennengelernt hatte, das ihm als Erstaufnahmestation diente. Wie Modar Rabbat war er Anfang 20, voller Energie, voller Tatendrang. „Los, lass uns ausgehen“, hatte der junge Mann vorgeschlagen. Modar Rabbat zögerte. „Ich sagte nein, das geht doch nicht, es ist schon dunkel. Wir können doch nicht einfach nachts durch die Straßen spazieren. Und er antwortete: Doch, natürlich können wir das. Du bist nicht mehr im Krieg. Du bist in Berlin!“

Modar Rabbat© F.A.Z./Matthias Lüdecke Modar Rabbat

Tatsächlich war Modar Rabbat noch kurze Zeit vorher im Krieg gewesen. „Das Leben in Aleppo war die letzten zwei Jahre über kaum zu ertragen“, findet er. „Es gab Bombenangriffe, ständig und überall. Selbst der Weg zur Uni wurde zum Problem.“ Ein normales Leben zu führen sei nicht mehr möglich gewesen. „Immerzu gab es Stromausfälle und auch oft kein Wasser. Schlimm fand ich auch, dass mir wegen des Krieges jede Perspektive fehlte. Ich wollte studieren, dann arbeiten, einfach normal leben.“ Mit seinen 24 Jahren vermisste Modar Rabbat aber auch die alltäglichen Dinge eines jungen Studentendaseins. „Ich hätte mich so gern mal einfach mit Freunden getroffen, ohne auf dem Weg dorthin um mein Leben fürchten zu müssen“, sagt er.

Als sich Modars Bachelorstudium in Bauingenieurwesen dem Ende zuneigte, plante sein Vater die Flucht für ihn. Wie in vielen syrischen Familien blieben die Eltern zu Hause und schickten den Sohn in die Ferne, in der Hoffnung, er solle im Ausland ein neues, besseres Leben beginnen. Schon mehrere Monate vor Abreise schickte Modars Vater seinen Sohn in Syrien zum Deutschkurs. Auch wollte er Modar bloß nicht über die beschwerliche Balkanroute schicken und auf keinen Fall mit einem Schlauchboot über das Meer.

Letzten Endes habe er viel Glück gehabt, findet Rabbat. Glück vor allem, dass sein Vater einen Kumpel in Deutschland hatte, mit dem er einen alternativen Fluchtplan ausheckte. Sie organisierten einen Master-Studienplatz an der Uni Erfurt für Modar. Weil ausländische Studenten in Deutschland nachweisen müssen, dass sie sich für die Dauer ihres Studiums finanzieren können, lieh sich Modars Vater im Verwandtenkreis das nötige Geld dafür zusammen. Der Plan ging auf: Modar Rabbat bekam einen Studienplatz für einen Ingenieurmaster in Erfurt. Er flog in den Libanon und beantragte dort ein Studentenvisum für Deutschland – mit Erfolg. Ende Mai diesen Jahres reiste er als Auslandsstudent ein, ohne Boot, ohne Schlepper, ganz bequem mit dem Flugzeug.

Modars Asylverfahren wird kompliziert werden

Im Asylbewerberheim landete er am Ende doch. Denn unmittelbar nach seiner Ankunft in Deutschland forderte ein Verwandter nach dem anderen das geliehene Geld wieder zurück. Schnell konnte sich Modar Rabbat seinen Lebensunterhalt nicht mehr finanzieren, musste den begonnenen Master abbrechen. Er reiste weiter nach Berlin und beantragte dort Asyl. Sein Verfahren wird kompliziert werden: Modar Rabbat ist nämlich auf dem Papier gar kein Syrer, sondern Palästinenser. „Ich bin in Syrien geboren und aufgewachsen, selbst meine Eltern sind in Syrien geboren“, sagt er. „Meine Großeltern sind aber palästinensische Einwanderer gewesen. Bis heute haben wir keine syrische Staatsangehörigkeit bekommen; in Syrien ist das ganz normal, es gibt dort viele Ausländer in zweiter oder dritter Generation, die keinen syrischen Pass haben.“ In Deutschland wird das für ihn bedeuten, dass alles komplizierter wird, „als wenn ich ein echter Syrer wäre“ – so viel hat er mittlerweile aufgeschnappt.

Die Fluchtroute von Modar Rabbat© FAZ.NET/Bernd HelfertDie Fluchtroute von Modar Rabbat

„Ich sehe mittelfristig für mich keine Perspektive, in Deutschland weiter zur Uni zu gehen“, sagt Modar heute. „Ich werde mir erst einmal eine Arbeit suchen, ich muss doch hier auf eigenen Beinen stehen, mich versorgen können.“ Einen Platz für ein unbezahltes Praktikum hat er immerhin schon gefunden. War es schlimm, die Studienpläne an den Nagel zu hängen? „Im ersten Moment war für mich wichtig, in Berlin wieder ein Stück Normalität zu haben. Mich frei bewegen zu können“, sagt er. „Natürlich kann man es nur bedingt genießen, dem Krieg entkommen zu sein, wenn man sich ständig Sorgen um seine Familie macht und wenn man seine Freunde von zu Hause vermisst. Trotzdem ist es toll, dass ich mich hier sicher fühlen kann.“

Seine Eltern zu Hause hingegen sorgen sich schon wieder aufs Neue um ihren Jungen: „Jetzt erzählt mir mein Vater am Telefon, ich solle nachts nicht auf die Straße gehen, um kein Opfer rechtsradikaler Gewalt zu werden“, erzählt Rabbat. „Ich selbst empfinde das nicht als Gefahr. Bestimmt gibt es einzelne Spinner. Aber hier fühle ich mich überhaupt nicht bedroht.“ Der Junge am ersten Tag hatte schon ganz recht, findet Modar: „Das ist nicht mehr der Krieg. Das ist Berlin.“

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