Hier. Und jetzt?

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Als Flüchtling in Deutschland

Zwei zu null

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Modar Rabbat ist in Feierlaune, denn seit kurzem hat er es schwarz auf weiß: Er darf in Deutschland als Bauingenieur arbeiten – zunächst zwar nicht bei jeder beliebigen Firma, aber immerhin bei der einen, die für ihn wirklich zählt: Ab diesem Monat bekommt der Flüchtling aus Aleppo einen Arbeitsvertrag beim Ingenieurbüro Krebs und Kiefer, bei dem er heute schon Praktikant ist. Die Behörden haben das ersehnte Ok dazu gegeben.

Die Arbeitserlaubnis ist da. Sie gilt nur für einen einzigen Job.© Foto Modar RabbatDie Arbeitserlaubnis ist da. Sie gilt nur für einen einzigen Job.

Modars Festtagsstimmung hat aber noch einen zweiten Grund. Fast zeitgleich mit der Arbeitserlaubnis kam ein anderer, seit vielen Monaten ersehnter Brief in sein Flüchtlingsheim am Berliner Rohrdamm geflattert: Eine Einladung zur Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Wenige Tage später hat Modar dort vorgesprochen, von seiner Situation in Syrien erzählt, von seiner Einreise, davon, wie er seither in Deutschland lebt. Am Ende hielt er die offizielle Anerkennung als Flüchtling in Deutschland in der Hand. Jetzt darf er bis 2019 im Land bleiben. „Ich freue mich total“, sagt er. „All die Probleme, die mich über Monate beschäftigt haben – vieles hat sich innerhalb weniger Tage in Luft aufgelöst!“

Ein klein wenig ironisch ist es aber auch: Lange haben Modar und seine Chefin im Ingenieurbüro dafür gekämpft, dass aus dem Praktikum ein echtes bezahltes Arbeitsverhältnis werden darf. Doch weil Modars Aufenthaltsstatus noch ungeklärt war, gab es für ihn monatelang keine Arbeitserlaubnis. Das Ingenieurbüro und Modar ackerten sich gemeinsam durch den Papierkram der so genannten „Vorrangprüfung“, die es Flüchtlingen gestattet, trotzdem zu arbeiten, wenn kein anderer Bewerber infrage kommt. Nach einer Ablehnung und einem Widerspruch waren sie endlich erfolgreich. Ausgerechnet zum fast gleichen Zeitpunkt, zu dem Modar seine Aufenthaltserlaubnis erhielt – und somit nun eigentlich auch ohne bestandene Vorrangprüfung eine Arbeitserlaubnis in Deutschland bekommen könnte.

Doch Modar ist das nun beinahe egal: Die Arbeitserlaubnis ist da und auf seinen Papieren eingetragen. „Das ist alles, was für mich zählt“, sagt er. Der Vertragsentwurf liegt fertig in der Personalabteilung von Krebs und Kiefer. Ein Jahr befristet wird das Arbeitsverhältnis sein, das Einstiegsgehalt zwar nicht opulent, doch Modar strahlt trotzdem: „Demnächst werde ich mir eine Wohnung leisten können und einige hundert Euro im Monat sparen.“ Außerdem will er einen Führerschein machen. „Den brauche ich sogar ganz dringend, um für die Arbeit raus zu den Baustellen fahren zu können.“

Es gibt es noch jede Menge weitere Dinge zu erledigen. „Ich muss eine Krankenversicherung haben“, weiß Modar inzwischen. „Ohne Krankenversicherung kein Arbeitsvertrag.“ Soweit so klar, mit anderen Details dagegen konnte ihm selbst eine Flüchtlingsberatungsstelle nicht weiterhelfen. „Wann soll ich aus meinem Flüchtlingsheim ausziehen? Und was ist mit den Sozialleistungen, die ich für März und April schon bezogen habe – wann und wie muss ich sie zurückzahlen?“

Dass Modar mehr und mehr das Gefühl bekommt, in Deutschland richtig angekommen zu sein – das hat nicht nur mit der Arbeitsstelle an sich zu tun: Mit seinem Kollegen und Mentor Munkhtuvshin Purevdorj hat sich so etwas wie eine private Freundschaft entwickelt. Und so blieb auch „Mucki“, wie Modar seinen Kollegen nennt, nicht lange verborgen, dass Modar eine große Leidenschaft hat: Fußball. Jedes Wochenende verfolgt er so viele Spiele wie möglich im Fernsehen; Cafés und Kneipen wählt er grundsätzlich nur danach aus, ob sie Fußball zeigen oder nicht. „Allerdings war ich noch nie in meinem Leben live bei einem Spiel im Stadion“, sagt er. „Wie auch? Mitten im Krieg hatte ich zu Hause für so etwas einfach gar keinen Kopf.“

Modar (5. v links hinten) mit anderen Flüchtlingen im Berliner Stadion© Foto Munkhtuvshin PurevdorjModar (5. v links hinten) mit anderen Flüchtlingen im Berliner Stadion

Und so hatten „Mucki“ und dessen Freundin Franziska Kuhn, die sich auch sonst schon öfter ehernamtlich für Flüchtlinge engagiert hat, eine Idee: Sie machten Modar und einigen seiner Flüchtlings-Kumpels ein ganz besonderes Geschenk – einen Besuch im Stadion bei Hertha BSC. Für Modar war es „die beste Art, meine neue Arbeitserlaubnis zu feiern.“ Zwar ist er eigentlich Madrid-Anhänger. „Aber egal“, sagt er. „Ich war so aufgeregt!“ Ein ganz besonderes Gefühl sei es gewesen, einmal zwischen echten Fans aus Fleisch und Blut zu stehen und die Mannschaft anfeuern zu können. Mehr als eine Woche ist das jetzt schon her, aber noch immer gerät Modar ins Schwärmen. „Wir waren einfach mittendrin! Ein unglaubliches Gefühl. Und das Spiel, das kommt einem in echt irgendwie langsamer vor als im Fernsehen. Man sieht alles viel deutlicher, hat den vollen Überblick. Und dann hat die Hertha auch noch zwei zu null gewonnen!“

Nach dem Spiel haben Mucki und Modar noch ein bisschen gefeiert. „Aber nur ein bisschen. Schließlich mussten wir arbeiten am nächsten Morgen.“ Bedauern darüber ist nicht zu hören in Modars Stimme. Eher Stolz. „Ich freue mich doch so, zur Arbeit gehen zu dürfen“, sagt er dann auch noch.

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