F.A.Z. Lesesaal

F.A.Z. Lesesaal

Bücher online lesen und diskutieren

23. Jun. 2016
von Manuela Lenzen

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12348
     

Craig Malkin: „Der Narzissten-Test“

Der Narzissmus, so heißt es, hat Konjunktur. Er passt einfach zu gut in eine Welt, in der jeder sich herausheben, hervortun, zur eigenen Marke machen soll. Und in die Welt der sozialen Medien. Der moderne Narzisst verliebt sich nicht in sein Spiegelbild, wie in der klassischen Sage, er verliebt sich in sein Facebook-Profil und zählt noch vor dem Frühstück seine Likes. Die Psychologen Jean Twenge und Keith Campbell postulierten schon 2009 eine Narzissmus-Epidemie in der sogenannten Millenniums-Generation der zwischen 1980 und 2000 Geborenen und von den Eltern angeblich zu sehr Gelobten.

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23. Jun. 2016
von Manuela Lenzen

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12348

     

24. Mai. 2016
von Andreas Kilb

3
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Klaus Rosen: „Attila. Der Schrecken der Welt“

Es dauert gut hundert Seiten, bis das Objekt dieser Biographie zum ersten Mal zum Subjekt eines Satzes wird. Attila, heißt es da mit einem Zitat aus der Gotengeschichte des Jordanes, sei zusammen mit seinem Bruder Bleda ihrem Onkel in der Herrschaft über das Hunnenreich gefolgt, und Bleda als der Ältere habe den größeren Teil des Herrschaftsgebiets bekommen. Selbst hier also ist Attila nur zweite Besetzung für den Part des Hunnenkönigs, bevor er nach Bledas Ermordung im Triumph auf die Bühne der Weltgeschichte tritt. Es ist, als sei er aus der Nacht der Zeiten aufgetaucht, um im letzten Akt der antiken Welt die Handlung an sich zu reißen. Klaus Rosen indessen verfügt über die geeignete Lichtregie, um diese Nacht und das Spektakel, das ihr folgt, zu erhellen.

Der Bonner Althistoriker hat vor seiner Emeritierung 2002 Bücher über Mark Aurel und die Völkerwanderung und seither Biographien von Julian Apostata, Konstantin dem Großen und Augustinus veröffentlicht. Dass Rosens „Attila“ nicht unbedingt ein Hauptwerk ist, zeigt schon sein Umfang: zweihundertsechzig Seiten Text plus Anhang, das ist ungefähr die Hälfte dessen, was Julian und Konstantin an Platz beanspruchten. Aber viel mehr gibt es im Ernst über den Hunnenherrscher auch nicht zu sagen, denn die Quellenlage ist mehr als dürftig.

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24. Mai. 2016
von Andreas Kilb

3
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23. Mai. 2016
von Andreas Rossmann

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Alice Schwarzer: „Der Schock“

Gut vier Monate danach ist das Buch da: „Der Schock – Die Silvesternacht von Köln“. Vorgelegt hat es Alice Schwarzer, in deren „nur 15 Fußminuten vom Kölner Bahnhof entfernten Emma-Redaktion“ in den Wochen danach „JournalistInnen aus aller Welt“, wie sie früh erwähnt, „defilieren“. Aber zunächst erzählt sie, wie sie am „13. Februar 2016, 11 Uhr“ den „großen ovalen Heumarkt, der für Goethe der ,schönste Platz Europas‘ war“, überquert, was gleich das erste Staunen hervorruft, denn der ist längsrechteckig und das Zitat nicht belegt, überliefert ist nur, dass der Dichter sich dort aufgehalten hat. Nun ja, tut nichts zur Sache und ist vielleicht doch eine Auskunft darüber, wie es um die Genauigkeit und Wahrnehmung der Autorin bestellt ist.

Von Alice Schwarzer stammen vier der elf Beiträge, drei sind Nachdrucke (aus den Jahren 2002, 2005 und 2010), nur der erste ist neu: „Silvester 2015, Tahrir-Platz in Köln“. Was der Klappentext „minutiös recherchiert“ nennt, weiß jeder, der die Berichterstattung aufmerksam verfolgt hat: Schwarzer beschreibt das Versagen und die Überforderung der Polizei, die das Ausmaß der Übergriffe erst vertuscht und dann scheibchenweise veröffentlicht hat, sie stellt Fragen zu Verantwortung und falschen Rücksichtnahmen, schildert das „Inferno“ einer Mutter und ihrer halbwüchsigen Kinder sowie das couragierte Eingreifen eines syrischen Migranten, der eine junge Amerikanerin „gerettet, getröstet und vor noch mehr Leid beschützt“ hat.

Bisher keine Belege

Vor allem aber geht es Alice Schwarzer um die Täter. Noch gibt es nur „130 beschuldigte Ausländer“, „ein kleiner, willkürlicher Ausschnitt der weit über 1000 Männer“ doch Schwarzer weiß schon, wer sie sind und was sie verband. In dem mehr als dreißig Seiten langen Text machen sie stramm Karriere: Erst sind sie „,Nordafrikaner oder Araber‘, also Muslime“, dann „schriftgläubige Scharia-Muslime“, dann „fanatische Anhänger des Scharia-Islam“ und „Islamisten“, auch wenn sie sich „vermutlich nie so bezeichnen“ würden.

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23. Mai. 2016
von Andreas Rossmann

0
3828

     

28. Apr. 2016
von Uwe Ebbinghaus
0 Lesermeinungen

46
5335
     

Oliver Wesseloh: „Bier leben“

Die deutsche Bier-Publizistik hat sich in den letzten Jahren merklich gewandelt. Dominierte vor zehn, zwanzig Jahren noch der klassische Bierführer in unterschiedlichster Ausfertigung den Buchmarkt, wobei der beste und umfassendste sicherlich von Michael Jackson stammt („Biere der Welt“ bei Dorling Kindersley), sind neuerdings Publikationen über das Selbstbrauen und Einführungen zum Thema „Craft Beer“ angesagt. Wie beim Bier selbst holt Deutschland damit auch auf dem Buchmarkt eine Entwicklung nach, die in den Vereinigten Staaten schon vor zehn Jahren fast abgeschlossen war. Wobei die Gründe für diese Verspätung aber nicht ehrenrührig sind. In Deutschland gab es einfach keinen mit Amerika vergleichbaren Leidensdruck, der nach Bieren mit Geschmack geradezu lechzen ließ. Das hat sich vor ungefähr zwei Jahren geändert. Nicht etwa, weil das deutsche Bier in dieser Zeit rapide schlechter geworden wäre, sondern, weil sich herumgesprochen hat, dass die Biere, welche die amerikanischen Craft-Brauer zum Teil nach alten europäischen Rezepten herstellen, völlig neue Geschmackserlebnisse gewähren.

Sollen die Deutschen jetzt auch ein Volk der Heimbrauer werden, so wie es unsere Vorfahren schon einmal waren? Den neueren Selbstbrau-Büchern kann man vor allem eines entnehmen: wie leicht es ist, Bier zu erzeugen, wenn man über eine große Küche verfügt und sauber arbeitet. Es wird einem beim Experimentieren aber auch schnell klar, wie schwer es ist, den gleichen Gerstensaft-Geschmack ein zweites Mal verlässlich herbeizuführen. Beim Selbstbrauen steigt also neben der Nähe zum Bier auch die Achtung vor konventionellen Brauern und der Kontinuität ihrer Produkte. Doch so gerne man den Selbstbrau-Büchern viele Leser wünscht, so unschön ist die Vorstellung, dass sie in Deutschland tatsächlich eine echte Heimbrauer-Bewegung auslösen. Wäre es nicht eine Horrorvorstellung, dass einem künftig sympathische Menschen, mit denen man bislang ohne Reibungsfläche Parties feierte, mit erwartungsvollen Mienen ausschließlich ihr Selbstgebrautes zur Verkostung vorsetzen?

Wesseloh_Oliver_(C) Julia WesselohOliver Wesseloh / Foto Julia Wesseloh

Dann greifen wir doch lieber zu dem Buch eines Fachmanns über das Craft Beer, in dem der Aufruf zum Selbstbrauen am Schluss fast schon verhallt. Einnehmend an Oliver Wesselohs Einführung „Bier leben“, die er zusammen mit seiner Frau Julia geschrieben hat, ist weiterhin die Tatsache, dass der Autor die Vielfalt des Biers feiert, ohne auf hippe Fotos und das inzwischen auch schon wieder uniforme Design der Craft-Beer-Szene zu setzen. Zudem ist das Buch angenehm zurückgenommen in seinem missionarischen Eifer, obwohl es voller Wissen steckt. Wesseloh hat an der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin studiert, war anschließend als Bier-Berater in der Karibik sowie in Nord- und Südamerika unterwegs, wurde Weltmeister der Biersommeliers und hat sich 2014 mit einer eigenen kleinen Brauerei in Hamburg selbstständig gemacht.

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28. Apr. 2016
von Uwe Ebbinghaus
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46
5335

     

15. Apr. 2016
von Oliver Jungen

3
7389
     

Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses

Reinhard Jirgl, Leif Randt, Hansjörg Schertenleib, Colson Whitehead, Margaret Atwood: Der Weltuntergang hat Konjunktur. Der Literatur kann man kaum die Schuld daran geben. Sie ist ein Seismograph, baut aus kollektiven Albträumen ganze Welten. Wenn sie gut ist, so wie hier bei Thomas von Steinaecker, erkennen wir darin uns selbst wieder. Zwar sind Dystopien selten reines Hohngelächter, nicht einmal beim Radikalpessimisten Jirgl, aber selten auch sind es derart energiegeladene Einsprüche gegen den Zeitgeist. Mit wehenden Fahnen kommt uns dieses in der mittelfernen Zukunft spielende Buch entgegen, das bei allen schädelknackenden Ausflügen ins Barbarische (bis hin zum Kannibalismus) keineswegs ein Epitaph auf den Menschen sein will, sondern auf seine Fahnen „Die Verteidigung des Paradieses“ geschrieben hat.

Einen solchen Anspruch darf man unbescheiden nennen. Ein Autor könnte sich leicht daran verheben. Aber Thomas von Steinaecker kommt nicht unvorbereitet. Stark war schon sein Romandebüt vor neun Jahren; er besaß eine eigene Stimme, die danach immer souveräner wurde. Einen klugen kolonialen Abenteuerroman hat der Autor mit „Schutzgebiet“ vorgelegt. Die gegenwartsdiagnostische Diskursverwirbelung „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ testete die Grenzen des Erzählens aus, indem Bildern und Slogans eine tragende Rolle zugemutet wurde. Auch als Journalist, Hörspielregisseur, Filmemacher und Comicexperte ist von Steinaecker unermüdlich im Einsatz.

All das kulminiert im neuen, lange gereiften Opus magnum epischen Zuschnitts und filmischen Stils, das die großen Vorbilder – Dante, Milton, Goethe, Kafka ebenso wie Ray Bradbury, Richard Matheson, Marlen Haushofer oder all die apokalyptischen Comics und Filme – so wenig scheut wie die großen Fragen: Was ist der Mensch? Was könnte er sein? Gibt es einen Preis der Würde?

###Thomas von Steinaecker / Foto Joachim Unseld

Man darf durchaus Einwände haben, sogar gegen Teile des Plots – ein Abenteuer im Mutantendorf, in dessen Verlauf ein jeden Turing-Test bestehender gestiefelter Roboterkater die Empathielosigkeit des Menschen beklagt, ist mindestens Geschmackssache – oder gegen die mitunter enervierend neojugendliche Sprache voller Anglizismen: Wer einen fünfzehnjährigen Ich-Erzähler wählt, aber keine jugendliche Weltsicht (à la „Tschick“), steckt eben in der Klemme. Im Hinblick auf die konkrete Ausstaffierung der Zukunft wäre ein Weniger an Ausdenkenergie mehr gewesen: Begriffserfindungen wie „Homie“ für einen computergesteuerten Hausangestellten, „Core-Travels“ für Reisen durch den Erdkern, „Information-Architects“ für Journalisten, „Memorial-Pillars“ für Hologrammdenkmäler oder die „No-Robots-for-Kids-Bewegung“ wirken leicht albern, begegnen aber auf Schritt und Tritt. Vielleicht hätte dem Roman einfach etwas mehr Geheimnis gutgetan, sosehr man das Wagnis anerkennen muss, alles rigoros auszubuchstabieren.

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15. Apr. 2016
von Oliver Jungen

3
7389

     

08. Apr. 2016
von Hannes Hintermeier

0
6350
     

Heinz Bude: „Das Gefühl der Welt“

Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig“ – diesem Befund Kurt Tucholskys könnte der Kasseler Soziologe Heinz Bude bestimmt zustimmen. Schließlich dreht er in seinem neuen Buch, das mit hundertzwanzig Seiten reiner Textlänge (ohne Fußnoten) recht handlich daherkommt, selbst die Schraube eine Umdrehung weiter: „Wer spricht für die, die für sich selbst sprechen könnten, wenn sie denn wüssten, was sie zu sagen haben?“ Die Antwort ist naheliegend: Bude, übernehmen Sie!

Dazu wird zunächst eine Unterscheidung getroffen: Der Autor unterscheidet den „Antikapitalisten“ vom „Systemfatalisten“. Der Erste ist Teil der „Misstrauensgesellschaft“, kann sich weder zur Weltverneinung noch zu Weltbejahung entschließen, lehnt die Ökonomisierung ab, fühlt sich heimatlos und ist gern universell empört. Der Zweite ist viel entspannter. Er hat „die Idee eines vernünftigen Ganzen mit ehrbaren Kaufleuten, sozial verantwortlichen Unternehmern und starken Volksparteien längst aufgegeben“.

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08. Apr. 2016
von Hannes Hintermeier

0
6350

     

26. Mrz. 2016
von Rose-Maria Gropp

0
5965
     

Christoph Hein: „Glückskind mit Vater“

Da ist eine Exposition, einer Traumsequenz ähnlich. Ein Mann wie aus einer anderen Welt in weißer Uniform mit Frack tänzelt durch ein Wäldchen junger Birken. Er köpft sie mit seiner schlanken Peitsche, selbstzufrieden verschwindet er. Was kann er sein? Er muss die personifizierte Nonchalance der Gewalt sein, über alle Zeiten und Regimes hin. Die mysteriöse Erscheinung geht einem Rechenschaftsbericht voran, den ein Mann, jetzt in unseren Tagen Ende seiner Sechziger, vor sich selbst ablegt, nicht vor den gerade Herrschenden. Diesen Mann hat das Gespenst seines Vaters lebenslang verfolgt.

Er wird im Mai 1945 geboren, in der kleinen ostdeutschen Stadt G., seinen Vater hat er nie gekannt. Er kam nicht aus dem Krieg zurück, ein Schicksal, das Konstantin Boggosch, seine Mutter und der zwei Jahre ältere Bruder Gunthard mit anderen Altersgenossen teilen. Doch sein Erzeuger war der Industrielle Gerhard Müller, der Mann seiner Mutter Erika, Herr über die Gummi- und Reifenfabrik „Vulcano“ in G., und er war ein hochrangiger SS-Scherge, von den Nationalsozialisten autorisierter Vollstrecker, der noch kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs begann, ein Arbeits- und Konzentrationslager auf seinem Werksgelände zu errichten. Vor dessen Vollendung wird Gerhard Müller in Polen als Kriegsverbrecher verurteilt und gehenkt. Als die Russen 1945 – Konstantin ist erst wenige Tage alt – nach G. kommen, rettet der Säugling seine Mutter vor dem Schlimmsten; deshalb wird sie ihn ihr „Glückskind“ nennen. Der soziale Niedergang der gebildeten Bürgerstochter, die sich in den schneidigen Jungunternehmer Müller verliebt hatte, ist unaufhaltsam, aus der Lehrerin für Fremdsprachen wird eine Frau, die in der Deutschen Demokratischen Republik für den Rest ihres Lebens anderer Leute Wohnungen putzt.

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26. Mrz. 2016
von Rose-Maria Gropp

0
5965

     

08. Mrz. 2016
von Jürgen Kaube
1 Lesermeinung

13
15816
     

Heinz Strunk: „Der goldene Handschuh“

Darf Literatur trostlos sein? Die Antwort ist leicht: Da sie alles soll, was sie kann, darf sie natürlich auch dies. Dass sie trostlos sein sollte, werden hingegen nicht einmal die behaupten wollen, die in Trost Kitsch wittern und finden, dass Literatur andere Aufgaben hat als Lesevergnügen. Doch wenn man ein Buch in Händen hält, das vollständig, wirklich vollständig trostlos ist, kommt man um die Frage schlecht herum, aus welchen Gründen man es jemandem anderen empfehlen soll. Anders formuliert: Kann Literatur vollkommen trostlos sein und trotzdem bedeutend?

Heinz Strunks Roman „Der goldene Handschuh“ ist ein Testfall auf diese Frage. Er handelt von etwas Furchtbarem, das durch nichts kompensiert werden kann. Nicht durch Spannung, wie sie Kriminalromane und Thriller pflegen; nicht durch den Trost, dass es aufgeklärt wurde; nicht durch eine Moral, die man dem Geschehen entnehmen könnte; nicht einmal durch eine jener sozialpsychologischen Erzählungen, die uns – geteiltes Leid ist halbes Leid – beruhigen, am Entsetzlichen seien irgendwie der Kapitalismus, eine falsche Erziehung oder die bürgerliche Kälte schuld.

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08. Mrz. 2016
von Jürgen Kaube
1 Lesermeinung

13
15816

     

26. Feb. 2016
von Lena Bopp

7
19166
     

Kamel Daoud: „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“

Auf dem Grund dieses Buches liegt ein ungläubiges Staunen. Es wird nicht schwächer mit der Zeit. Lang mag es her sein, dass der Tod des Bruders den Erzähler dieses Romans in Verzweiflung stürzte, aber nun, da dieser Erzähler, in einer Bar im algerischen Oran sitzend, seinem fiktiven Gegenüber das ganze Drama entgegenschleudert, hört sich alles an, als wäre kaum ein Tag vergangen. „Mein Bruder hat die Kugeln abbekommen, nicht er! Es ist Moussa, nicht Meursault, oder? Das macht mich fertig. Sogar nach der Unabhängigkeit hat niemand auch nur versucht, den Namen des Opfers herauszubekommen, seine Adresse, seine Vorfahren, mögliche Kinder. Niemand.“

Meursault, Moussa, von wem ist hier die Rede? Einmal von der Hauptfigur des von Albert Camus stammenden Romans „Der Fremde“, in dem jener Meursault an einem sehr sonnigen Tag des Jahres 1942 an einem Strand einen „Araber“ erschoss, der nun, Jahrzehnte nach der Tat, in einem anderen Roman einen Namen bekommt: Moussa. Dieser andere Roman stammt von dem Algerier Kamel Daoud, ist vor zwei Jahren zunächst in Algerien erschienen und ein paar Monate später in Frankreich, wo er entgegen allen Erwartungen zwar nicht mit dem Goncourt-Preis ausgezeichnet, aber dennoch gleich als Meisterwerk gefeiert wurde, als eine Antwort auf Augenhöhe, die mit dem „Fremden“ von Camus fortan ein Diptychon bilden werde, wie eine Kritikerin begeistert schrieb.

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26. Feb. 2016
von Lena Bopp

7
19166

     

17. Feb. 2016
von Jan Wilm
3 Lesermeinungen

4
15165
     

Herman Melville: „Bartleby, der Schreiber“

Zum ersten Mal präsentieren wir im F.A.Z. Lesesaal den Gesamttext eines literarischen Klassikers in gemeinfreier Fassung und ohne Leseschranke. Übersetzt hat Melville der Anglist und F.A.Z.-Autor Jan Wilm, der im folgenden auch in „Bartleby“ einführt. (die Redaktion)

***

„Ach Bartleby!“ Genügsamer und widerspenstiger Bartleby, Prophet der Gelassenheit, behutsamer Oblomow New Yorks, schweigender Verfechter des Rechts auf Faulheit, Kämpfer für das leise aber wirkmächtige Nein. Nein, nicht genau Nein, sondern eher: „Ich möchte das lieber nicht tun.“

Herman Melvilles kurze Erzählung „Bartleby“ von 1853 steht in seiner erzählerischen Wucht dem zwei Jahre zuvor erschienenen, monumentalen Meisterwerk seines Autors, dem weißen Wal der amerikanischen Literaturgeschichte, „Moby Dick“, in nichts nach. Dabei könnten die Texte unterschiedlicher kaum sein, als bildeten sie ganz gewiss ein Gegensatzpaar in den ziellosen Weiten der Imagination ihres Autors – Endpunkte, zwischen denen sein Oeuvre zu fassen ist. Der volle Titel der Erzählung „Bartleby, der Schreiber: Eine Geschichte aus der Wall Street“ gibt die zentrale Figur vor, wenn auch nicht den Protagonisten und Erzähler, und deutet schon den Schauplatz an. Während Melville in „Moby Dick“ die Ozeane des Walfangs in weitschweifigen und tiefschürfenden Reflexionen sowie das gejagte Wesen selbst mit seiner metaphysischen, unersättlichen Wortgewalt ausgehöhlt hatte, wendet sich die kurze Erzählung „Bartleby“ mit beruhigterem Stil und kontrollierterer Charakterisierung auf Dickensianische Weise einem vernachlässigten Berufsstand im New Yorker Finanzdistrikt des 19. Jahrhunderts zu.

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17. Feb. 2016
von Jan Wilm
3 Lesermeinungen

4
15165

     

04. Feb. 2016
von Hannes Hintermeier
0 Lesermeinungen

23
9106
     

Misha Glenny: „Der König der Favelas“

Damals war er der Staatsfeind Nummer 1: Als er im November 2011 verhaftet wird, geht die Nachricht um die Welt. Dreitausend schwerbewaffnete Polizisten dringen in mehrere Slums von Rio de Janeiro ein, um der politisch beschlossenen „Befriedung“ Taten folgen zu lassen. Durch Zufall fällt ihnen als Beifang, versteckt im Kofferraum eines schwarzen Toyota Corolla, Antônio Francisco Bonfim Lopes in die Hände.

Die Fernsehsender übertragen live, die Szenerie erinnert an die Verhaftung von O. J. Simpson in Los Angeles. Polizisten machen Selfies, und gleich drei verschiedene Polizeieinheiten streiten sich um den berüchtigten Drogenboss, den man weithin als Nem von Rocinha kennt. Nem als Kosewort für ein Baby, Rocinha ist der Name des Armenviertels, das keine zweihundert Meter von den Villenvierteln Gávea und Leblon entfernt liegt. Rechtsfreier Raum und Heimat für bis zu dreihunderttausend Menschen, Armut unmittelbar neben Reichtum.

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04. Feb. 2016
von Hannes Hintermeier
0 Lesermeinungen

23
9106

     

22. Jan. 2016
von Christian Schwägerl

73
9723
     

Martín Caparrós: „Der Hunger“

Es ist eine hohe Kunst, das Offensichtliche in etwas zu verwandeln, das Leser mit neuen Augen als etwas Besonderes sehen. Diesen Versuch unternimmt der argentinische Journalist und Schriftsteller Martín Caparrós mit seinem Buch über den Hunger. Dass es Menschen gibt – mehr als 900 Millionen Menschen, um genau zu sein –, die zu wenig zu essen haben und sich abends mit leerem Magen niederlegen, will er als größten Skandal unserer Zeit in Szene setzen.

Caparrós hat sich für sein mehr als achthundert Seiten starkes Werk auf eine Weltreise in den Mikrokosmos der Ärmsten begeben. Sie beginnt in Niger, mit der Geschichte von Kadi, einer jungen Frau, die er trifft, kurz nachdem ihr Baby an Hunger gestorben ist. Wie betäubt wirkt diese Frau. Für das, was ihr widerfährt, hat sie keine Erklärung. Das wird Caparrós’ wiederkehrende Erfahrung sein: Hunger ist nicht nur ein Ergebnis von Machtlosigkeit, er verstärkt diese noch und macht die Betroffenen schicksalsergeben, mit Gott als letzter Zuflucht.

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22. Jan. 2016
von Christian Schwägerl

73
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11. Jan. 2016
von Joachim Müller-Jung

46
26643
     

„Das geniale Gedächtnis. Wie das Gehirn aus der Vergangenheit unsere Zukunft macht“

Rückwärts verstehen und vorwärts leben, so formulierte sinngemäß der Philosoph Søren Kierkegaard, als er sich mit der Form menschlicher Existenz befasste. Ein Satz, der schon viele Interpreten – keineswegs nur Philosophen – beschäftigte und der jetzt, da die Naturwissenschaften mit ihren Werkzeugen bis in die Subsubmillimeterbereiche vordringen, auf dem Terrain der Erforschung unseres Gehirns und des Gedächtnissen angekommen ist. Das Gehirn speichert Erinnerungen, jeder meint das zu wissen. Aber wichtiger ist, dass es auf viel plastischere Weise für unsere Zukunft, die Lebensplanung, zuständig ist.

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11. Jan. 2016
von Joachim Müller-Jung

46
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30. Dez. 2015
von Patrick Bernau

90
24460
     

Joseph Stiglitz: „Reich und Arm“

In den meisten Ländern der Welt geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf: Die wirtschaftliche Ungleichheit wächst. Da scheint es eine gute Idee zu sein, wenn Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz ein Buch über dieses Phänomen schreibt – Stiglitz ist inzwischen als linker Kolumnist fast so bekannt wie Paul Krugman. Selbst wenn in Deutschland die Ungleichheit seit einigen Jahren nicht weiter wächst: Der Trend ist zentral für die Weltwirtschaft und entsprechend wichtig für Deutschland – es gibt also viele gute Gründe, in dieses Buch hereinzuschauen.

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30. Dez. 2015
von Patrick Bernau

90
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18. Dez. 2015
von Mark Siemons

34
29246
     

Sven Hänke: „Nackte Hochzeit. Wie ich China lieben lernte“

In seinen ersten chinesischen Nächten lag der junge deutsche Dozent noch oft stundenlang wach in seiner Wohnung im Expertenheim. So viel Befremdliches begegnete ihm jeden Tag. „Kam man früher als sonst nach Hause“, heißt es in dem Buch, das seine Erlebnisse schildert, „saß manchmal eine Putzfrau auf dem Sofa im Wohnzimmer des Apartments, sah fern oder plauderte angeregt am Telefon. Wenn man sie daraufhin fassungslos anstarrte, sagte ihr Gesichtsausdruck ungefähr Folgendes: ‚Ist schon gut. Ich geh ja gleich, fremder Mann. Und stell dich bloß nicht so an. Das hier ist China. Die Gemeinschaftstoilette in meinem Wohnblock hatte früher nicht einmal Wände, also hab dich nicht so. Du bist ohnehin bald wieder in deinem wohlstandsverwahrlosten Heimatland. Und an dem Tag, an dem du genug Chinesisch sprichst, dass die Rezeption deine Beschwerde versteht, bin ich längst in Rente. Also mach halblang.“

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18. Dez. 2015
von Mark Siemons

34
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