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Jenny Erpenbeck: „Gehen, ging, gegangen“

Normalerweise braucht Literatur Zeit, um aktuelle Probleme aufzugreifen und sie erzählerisch zu reflektieren – und damit auf eine andere, übergeordnete Ebene zu heben. Gerade der deutschen Gegenwartsliteratur ist häufig vorgeworfen worden, realitätsfern zu sein, um den eigenen Bauchnabel zu kreisen, sich mit Unwichtigem ausführlich zu beschäftigen. Das alles lässt sich über den neuen Roman von Jenny Erpenbeck nicht sagen. Im Gegenteil. „Gehen, ging, gegangen“ ist ein Werk von bezwingender Aktualität – und zugleich eines, das diese Brisanz literarisch weder gesucht noch einkalkuliert hat, weil ihm jeglicher Zynismus fremd ist.

Jetzt steht „Gehen, ging, gegangen“ auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Doch das ist nicht der Grund, weshalb wir gerade dieses Buch für unser erstes Leseexperiment mit Sobooks ausgewählt haben. Vielmehr lädt der Roman von Jenny Erpenbeck in besonderem Maß dazu ein, sich intensiv mit den dort gestellten Fragen auseinanderzusetzen – ob allein oder im Austausch mit anderen Lesern. Denn er handelt von der Annäherung zwischen einem gesetzten deutschen Akademiker und jungen afrikanischen Asylsuchenden in Berlin. Das Buch vollzieht also eine Entwicklung nach, wie sie immer mehr Menschen in unserem Land durchleben: vom diffusen Nachrichtenblick eines Geht-mich-ja-eigentlich-nichts-an zur tiefenscharfen Sicht des plötzlichen Nachbarn, Bekannten, vielleicht sogar Freundes.

Um diese Geschichte zu erzählen, hat sich die Autorin einen widerspenstigen Protagonisten ausgesucht. Richard, alleinstehender Professor für Alte Sprachen an der Berliner Humboldt-Universität, ist ein etwas langweiliger, zunehmend von Schrulligkeit bedrohter Pedant, der seit seiner kürzlichen Emeritierung ungewohnt viel Zeit hat. Als er auf dem Oranienplatz in Berlin eine Demonstration von Flüchtlingen erlebt, die gegen ihre Unterbringung und das Arbeitsverbot für Asylsuchende demonstrieren, beschäftigen ihn die Gesichter, die er prompt in den Abendnachrichten wiedersieht. Aus einem Impulsgemisch von Reue, Neugier und Aufgabenlosigkeit, über das er sich selbst nur bedingt Rechenschaft ablegt, macht sich Richard daran, die Lage der Asylsuchenden besser zu verstehen. Er besucht sie in dem zum Flüchtlingslager umfunktionierten Altersheim in Kreuzberg, wohnt dem Deutschunterricht bei, stellt Fragen über Fragen.

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Doch dies ist nicht einfach die Geschichte eines anständigen Deutschen, der verstehen will, was in diesen Menschen vorgeht, und durch die Begegnung eine Art Läuterung erfährt. Denn umgekehrt blicken auch die jungen Afrikaner auf diesen Deutschen, der plötzlich mit ihnen Weihnachten feiert. Und in ihren Augen erscheinen viele seiner Gepflogenheiten merkwürdig, belustigend, auch befremdlich. Und so erzählt dieses Buch tatsächlich von einem Zusammentreffen der Kulturen unter schwierigsten Bedingungen, nämlich im Wissen der einen Seite darum, dass sie nicht erwünscht, sondern nur geduldet ist – und der unausgesprochenen Scham der anderen darüber, daran auch mit persönlichem Engagement nichts ändern zu können. Die dauernden Perspektivwechsel zwischen vertraut und fremd tragen nicht nur zur Annäherung, sondern ebenso zur Selbsterkenntnis bei.

Ganz konkret kann man aus diesem Roman viel über die rechtliche Situation von Flüchtlingen lernen. Osarobo, Raschid und Karon müssen sehr viel mehr lernen als die deutsche Sprache. Und natürlich bilden „die Flüchtlinge“ keine homogene Gruppe. Sprache, Kultur, Geschichte: sie trennt untereinander so viel, wie sie durch die Erfahrung der Flucht verbindet.

Hörprobe: Thomas Huber liest das sechste Kapitel aus Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“

Die 1967 in Ost-Berlin geborene Schriftstellerin Jenny Erpenbeck, die seit ihrem Debüt, der „Geschichte vom alten Kind“ (1999), zu den vielbeachteten Stimmen unserer Gegenwartsliteratur zählt und ihre Erzählkunst zuletzt in Romanen wie „Heimsuchung“ (2008) und „Aller Tage Abend“ (2012) eindrucksvoll unter Beweis stellte, hat sich für dieses Buch persönlich auf die Flüchtlingsproblematik eingelassen. In den Roman sind viele der Gespräche eingeflossen, die sie selbst mit Flüchtlingen in Berlin geführt hat. Diese Realitätsnähe spürt man. Jenny Erpenbeck hat einen Roman geschrieben, der in einer Zeit, da nicht nur politisch um die Konsequenzen der Willkommensgeste gerungen wird, die Blickrichtung ändert. Man kann viel aus der Lektüre mitnehmen – nicht zuletzt ein Bewusstsein für das, was eine Bekannte lapidar aus Richards Bericht von der Flüchtlingsfront destilliert: „Da geht es uns ganz schön gut hier.“

Diese Erkenntnis ist nicht nur wohlig. Wie fremd man sich fühlen kann, wenn man sich in der eigenen Stadt mitten unter jene mischt, die es tatsächlich sind, erfährt Richard hautnah, als er erstmals zu einem Flüchtlingstreff geht – und eine beängstigende, dramatische Erfahrung macht, wie die folgende Leseprobe aus „Gehen, ging, gegangen“ zeigt. Mit ihr laden wir Sie dazu ein, Jenny Erpenbecks Roman gemeinsam mit uns zu lesen und zu diskutieren.

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Die Leseprobe umfasst 27 Seiten.

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