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Axel Meyer: „Adams Apfel und Evas Erbe“

| 24 Lesermeinungen

Mit der „biologischen Realität“ in den Geschlechterkampf zu ziehen, wie das der Evolutionsforscher Axel Meyer jetzt wagt, kann das noch gut gehen? Der britische Biologe Tim Hunt, Nobelpreisträger immerhin, hatte es zuletzt öffentlich mit Ironie versucht und ist gegen die sozialvernetzte Wand des Gendermainstreaming gefahren. Und auch das emotionale Feuer, das die zeitweise Entfernung der „Hart aber Fair“-Gender-Debatte aus der WDR-Mediathek unlängst ausgelöst hat, zeigt: Jeder Anlass ist den Kombattantinnen willkommen, sich an den Fehlentwicklungen der Gleichstellungsversuche abzuarbeiten. Axel Meyers Buch „Adams Apfel und Evas Erbe“, das Gegenstand unseres zweiten Leseexperiments mit Sobooks ist, könnte dabei durchaus eine besondere Rolle einnehmen. Denn es ist ein akademischer Frontalangriff, wie ihn vielleicht viele, die sich schon über die Erfolge des Vielgenerationenprojekts Feminismus freuen oder ihn im Gegenteil schwächeln sehen, nicht mehr erwartet haben.

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Der Biologe, Schwerpunkt Genetik, belehrt die Gender-Aktivisten über ein paar grundlegende biologische Feinheiten in der Geschlechterforschung, und versucht alles an Gleichmacherei – bis auf die kulturelle gebotene „Gleichberechtigung“ von Mann und Frau – als „Ideologie“ zu entlarven. Auch die Wissenschaften selbst nimmt er aufs Korn. Die „Genderstudies“, also die wissenschaftliche Beschäftigung mit Fragen der Geschlechtereinebnung, hält Meyer für den größten anzunehmenden Unfall der Wissenschaftsgeschichte. Einer, der seiner festen Überzeugung nach aus den Irrlichtern einer geisteswissenschaftlichen Bewegung geboren und als „intellektueller Unsinn“ nun als quasi weltumspannendes Projekt im modernistischen Gendermäntelchen die Kulturnationen ergreift.

###Axel Meyer, Foto: Marco Schilling

Die Aufgabe, die sich Meyer da vorgenommen hat und die Schärfe, mit der er das Ringen um neue   Geschlechteridentitäten und -rollen vorträgt, ist gewaltig. Und das Ergebnis wird vielen nicht gefallen – nicht einmal jedem Naturwissenschaftler. Denn auch wenn der Autor seine sehr ausführlichen und tiefgründigen Erläuterungen zur Rolle der Gene, zur Erblichkeit von Schönheit und Intelligenz (wobei er auch da mit der Bauchpinselung Thilo Sarrazins zusätzlich Öl ins Feuer gießt)  und die alte Nature-Nurture-Debatte mit statistisch ausgefeilten Deutungen zu belegen weiß; der Eindeutigkeitsanspruch seines „Biologismus“ eckt an. Und er tut es vorsätzlich. Girl‘s Day oder Boy‘s Day‘s – nichts von alledem braucht die Gesellschaft, wenn es nach Meyer geht. Die biologische Zuschreibung des Geschlechts muss, so will er es, auch wenn sie gelegentlich biologisch-bedingt uneindeutig ist, auch kulturell durchgesetzt werden. Auf Diskussionen über den naturalistischen Fehlschluss lässt sich Meyer gar nicht erst ein. Im Gegenteil: Politik, moralische Instanzen und „Wahrhaftigkeit“, braucht für ihn heute zu allererst die naturwissenschaftliche Expertise.

Darüber zu diskutieren, wie tragfähig solcherart naturwissenschaftlicher Fundamentalismus insbesondere in der Geschlechterdebatte ist und wohin er die Gesellschaft führt, laden wir Sie hiermit herzlich ein. Lesen Sie mit uns gemeinsam das 15. Kapitel aus Axel Meyers neuen Buch, seine Kritik an der „Genderideologie“.

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Die Leseprobe umfasst 37 Seiten.

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24 Lesermeinungen

  1. Männer und Frauen sind nun mal verschieden
    Und das ist von mehreren Naturwissenschaftlern bewiesen. Immer und immer wieder. Von Männer und Frauen. Von MINT-Professoren von MIT, Oxford, Cambridge, Harvard und gar Stanford, nur um ein paar zu nennen. Von Biologen, Evolutionsbiologen, Chemiker, Nuerologen p.p. Es ist bewiesen worden, mehrfach.

    Dann fragt man sich doch, wieso wir dann doch die Gleichschaltung haben. Ganz einfach: Genderstudienprofessoren behaupten etwas anderes. Und sie haben die Feministenlobby hinter sich. Genderstudien sind übrigens eines nicht: naturwissenschaftlich. Es sind Humanisten die behaupten, Männer und Frauen seien alle gleich. Wenn man fragt worauf sie es basieren bekommt man eines zu wissen: es sei ja nur eine Hypothese, doch bis jetzt könne keine gute Quelle (Eliteforschungsinstitute sind offensichtlich grauenvolle Quellen) gefunden werden, die das Gegenteil belege. Die absolute Cremé de la Cremé der Wissenschaft reicht eben als Quelle nicht aus, ist eben nicht vertrauenswürdig.

  2. Titel eingeben
    Es gibt durchaus auch andere Untersuchungen. Aber viele klammern sich immer noch an die Überlegenheit des Mannes.

  3. Naturwissenschaftlicher "Fundamentalismus"?
    Gerade die Naturwissenschaften kommen, wenn sie ernsthaft betrieben werden, ohne Fundamentalismus aus. Denn auf diesem Gebiet gilt alles nur so lange als gesichert, wie kein Gegenbeweis angetreten wurde. Dann ist es an der Zeit, Theorien zu verwerfen oder ggf. auch nur zu erweitern. Dass es Männer und Frauen gibt, ist Fakt. Dass es Menschen gibt, die trotz ihres biologischen Geschlechts anders empfinden, ist ebenfalls Fakt. Nun ist die Mehrheitsgesellschaft jedoch entlang des biologisch Üblichen strukturiert, und das heißt im Normalfall Männer und Frauen, die heterosexuell sind und sich auch gemäß ihrer biologischen Ausstattung empfinden.

    Dies muss nicht zur Abwertung anders Empfindender führen, dennoch kann es nicht sein, dass die gesellschaftlichen Strukturen sich nach diesen Minderheiten zu orientieren hätten. Es reicht, die Rechte der Mehrheitsgesellschaft für die Minderheiten gelten zu lassen, soweit dies möglich ist und nicht Rechte Dritter beeinträchtigt werden.

    • „Fundamentalismus“ meine ich nicht als Geisteshaltung, denn in der Tat sollten sich naturwissenschaftliche Thesen ohne irgendwelche besonderen Geisteshaltungen im Experiment oder durch aussagekräftige Empirie bewähren. Was mich vielmehr wenig überzeugt hat, ist der Anspruch der Letztbegründung, die besonders bei einem kulturell und weltanschaulich so stark beeinflussten Thema wie Gender/Geichberechtigungswünsche m.E. nach kaum von den Naturwissenschaften beansprucht werden sollte. Etwas weniger wäre da mehr. Überzeugungen oder moralische Normen aus dem genetischen Substrat des Menschen entwickeln und Geschlechterrollen biologisch festlegen zu wollen, scheint mir eine ebensolche Hybris wie die höchst fragwürdigen Geschlechterumwandlungsexperimente eines John Money.

  4. ein altes Thema
    „…Gehen wir zurück in die Zeit, wo der Mensch noch nicht in zwei Geschlechter geteilt war;da hatte er noch nicht die Fähigkeit zu denken, sich durch sein Denken Selbstbewusstsein zu erschaffen. Alles, was er schuf, wurde durch die Liebe geschaffen. Die höhere Geistigkeit musste sich der Mensch dadurch erkaufen, dass er auf die Hälfte der produktiven Kraft verzichtete, dass er eingeschlechtlich wurde.“
    Rudolf Steiner über Richard Wagner und dessen Werk

  5. Titel eingeben
    „Die „Genderstudies“, also die wissenschaftliche Beschäftigung mit Fragen der Geschlechtereinebnung“ nein, genau das sind Genderstudies nicht. Sie befasse sich mit der kulturellen Konstruktion des Geschlechts im Unterschied zum biologischen Geschlecht. Menschen sind verschieden. Sicher gibt es bestimmte Neigungen öfter bei Frauen als bei Männern und umgekehrt. Aber über den einzelnen sagt das gar nichts aus. Ich kenn jede Menge Frauen mit „männlichen“ Interessen und ebeso Männer mit „weiblichen“ Interessen. Wir sollten Kinder Mut machen IHRE Interessen zu verfolgen statt sie zu belächeln, wenn sie sich für das „Falsche“ interessieren.

    • Falsch
      „Sicher gibt es bestimmte Neigungen öfter bei Frauen als bei Männern und umgekehrt. Aber über den einzelnen sagt das gar nichts aus.“
      Doch. Probabilistisch. Vergegenwärtigen Sie sich dabei, dass nahezu sämtliche Erkenntnis nur probablistisch ist.

  6. Werben Genderstudies nicht gerade für Toleranz gegenüber "biologischer Realität"?
    Insbesondere Zwillingsstudien der letzten Jahrzehnte legen nahe, dass es zumindest eine starke genetische Komponente in der sexuellen Orientierung gibt. [Q: http://www.lgbtscience.org/%5D

    Warum sollte diese „biologische Realität“ elementare Rechtsprinzipien außer Kraft setzen? Gleichberechtigung und Selbstbestimmung tragen doch wohl sämtlichen „biologischen“ Bedürfnissen selbstorganisiert Rechnung? Warum sollte eine Gesellschaft für offenbar genetisch beeinflussten „Normabweichungen“ Strafen und Verbote entwickeln oder auf eine propagandistische Durchdringung von Klischees bestehen?

    Sind „Genderstudies“ etwas anderes als der Versuch, „unbiologische“, aus historischen und politischen Gründen entstandene Rollenbilder kritisch zu hinterfragen und eigene und fremde „biologische“ Bedürfnisse und Fähigkeiten wahrzunehmen und zu respektieren?

  7. Gender als weltanschaulich beeinflusstes Thema
    Wie schön, dass der Autor des Artikels selbst einbringt, dass es sich bei Gender um ein weltanschaulich beeinflusstes Thema handelt, denn tatsächlich habe ich den Eindruck, dass Gendermainstreaming keine wissenschaftliche These ist, die kontrovers diskutiert werden darf, sondern dass es mehr und mehr zu einer weltanschaulichen Doktrien wird, die einen allgemeinen Gültigkeitsanspruch fordert. Deshalb finde ich Bücher, wie das vorgesellte wichtig, weil sie ein paar grundsätzlich Denkvoraussetzung von Gender infrage stellen.

  8. 2 Bemerkenswerte Studien
    Zur methodologisch bedingten Unterschätzung der Unterschiede zwischen Männern und Frauen: http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0029265 (beachete Kritik und Replik in der comments section).

    Dass sex differences in gender-egalitären Gesellschaften gar größer sind führt diese Studie aus: http://www.tc.umn.edu/~cdeyoung/psy5101/Lippa_2010_sex_differences_SPPC.pdf

  9. Frage an Axel Meyer
    In Kapitel 12 schildern Sie die Schwierigkeiten, das Merkmal „Intelligenz“ genetisch zu bestimmen. Liegt die Schwierigkeit nicht schon darin, Intelligenz verbindlich zu definieren? Und wäre bei Fragen wie dieser nicht der Austausch mit den Geisteswissenschaften sinnvoll, denen Sie sonst im Buch eher eine Orientierung an den Naturwissenschaften anempfehlen?

    • Wie genau sind Intelligenzmessungen?
      Sicherlich ist es nicht so trivial Intelligenz zu messen wie Körpergröße. Allerdings ist die Wiederholpräzision ein wichtiger Hinweis darauf, dass dies doch – und recht genau eben – gemacht werden kann. Die Wissenschaft dazu ist über 100 Jahre als und es gibt seriöse wissenschaftliche Zeitschriften, die sich nur mit dem Thema Intelligenz beschäftigen (beispielsweise „Intelligence“ von Elsevier verlegt).
      Dies ist sicherlich eine der Schnittstelle der Geisteswissenschaften und der Naturwissenschaften. Dies ist auch darin reflektiert, dass die Fachbereiche Psychologie in einigen Universitäten zu den Geistes- und in anderen zu den Naturwissnschaften gezählt werden.

  10. Frage an Axel Meyer
    Auf Seite 258 kritisieren Sie das indische Kastenwesen, das zu Fatalismus führe. Schaffen Intelligenztests, denen Sie recht unkritisch gegenüber zu stehen scheinen, nicht auch eine Art Kastenwesen, wenn man sie zu starr interpretiert? Möglicherweise führen ja allein die Erfolge der Künstlichen Computer-Intelligenz in den nächsten Jahren zu einer Neubewertung der menschlichen Intelligenz.

    • Kasten und "Class" - soziale Durchlässigkeit
      Sozial fixierte/strukturierte Gesellschaften (wie das Kastensystem, oder auch immer noch starkes „class-denken“ in England) und sozial undurchlässige Gesellschaften scheinen mir dahingehend schlecht zu sein, dass sie zu beispielsweise zu Fatalismus der „niedrig“ geborenen führen könnten und so das Potential diese Menschen nicht genug für die Gesellschaft nutzen. Intelligenz ist ja nur ein Teil der Eigenschaften, die zum Erfolg beitragen können. Da geht es ja auch um Tugenden wie Fleiß, „Grit“, etc. etc. die nicht viel mit Intelligenz zu tun haben (müssen).

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