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Colin Crouch: „Die bezifferte Welt“

„Die Vorstellung, dass sich der Wert eines Guts allein an dem mutmaßlichen Preis bemesse, richtet nicht selten erhebliche Schäden an.“

„Die Anwendung marktwirtschaftlicher Verfahren auf dem Finanzsektor hat uns eine katastrophale Wirtschaftskrise eingetragen“.

So kennen wir Colin Crouch. Der britische Soziologe hat sich einen Namen damit gemacht, nicht mit dem klassisch volkswirtschaftlichen Blick auf die Welt zu schauen, sondern die Volkswirte vielmehr auf die Schwächen ihrer Theorien hinzuweisen. Engagiert demaskiert er die Fehlschlüsse der Liberalen. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er schon an einem Zyklus zur „Postdemokratie“. Im ersten Teil wollte er nachweisen, dass die Demokratie immer weiter ausgehöhlt wird und sich immer mehr in Ritualen erschöpft, die Bürger tatsächlich aber immer weniger Mitsprache erhalten. Im zweiten Teil wunderte er sich über „das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“. An diese beiden Bände schließt er jetzt an (die ersten beiden braucht man dafür nicht gelesen zu haben) – und Crouch holt zum großen Schlag gegen den Neoliberalismus aus.

Dabei meint er mit „Neoliberalismus“ aber nicht das, was die Deutschen meist unter dem Wort verstehen. Mit einiger deutscher Beteiligung hatte sich in den dreißiger Jahren eine Gruppe um Alexander Rüstow und Walter Eucken gebildet, die sich – in Abgrenzung zum klassischen Liberalismus – als neoliberal bezeichnete und damit betonte, dass sie einige staatliche Eingriffe in die Wirtschaft ganz gut findet. Aus diesem Strang entwickelte sich der Ordoliberalismus und später Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft. Dagegen hätte Colin Crouch vielleicht gar nicht so viel einzuwenden. Doch Crouch kämpft gegen etwas anderes. In englischsprachiger Tradition nutzt er das Wort „Neoliberalismus“ als Kampfbegriff und fasst darunter viel liberalere Thesen beispielsweise von Milton Friedman und Friedrich August von Hayek zusammen, bei denen der Staat im Verhältnis zum Markt nur noch eine kleine Rolle spielt.

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Hier setzt Crouch an. Hayek sagt: Gerade weil in einer liberalen Welt die Menschen frei miteinander umgehen können und wenig Vorschriften gemacht bekommen, können sie ihr Wissen über die Welt und die eigenen Vorlieben ungebremst ausspielen. So kann die Menschheit ihr verteiltes Wissen am besten nutzen – viel besser jedenfalls, als wenn Politiker und Bürokraten sich Wissen anmaßen. Normalerweise lautet die Kritik von links dann, dass das auf Kosten der Gerechtigkeit gehe. Doch Crouch argumentiert anders. Er widmet ein ganzes Buch dem Nachweis, dass der Neoliberalismus das Wissen gerade behindert.

###Colin Crouch, Foto: Arno Burgi, dpa

Seinen alten Fans wird Crouch damit eine Menge guter Laune bereiten, zumindest in der ersten Hälfte des Buches. Doch ob er mit dieser These viele andere überzeugt, ist fraglich.

Das Buch beginnt mit einer sehr klaren und unterhaltsamen Schimpftirade auf den Neoliberalismus. Leider gehen dann die Emotionen mit Crouch durch; gelegentlich kürzt er seine Argumentation mit alten Vorurteilen ab (siehe die Stellenkommentare im Sobooks-Lesesaal) und übersieht dabei, dass sich die Welt längst geändert hat. So argumentiert er an entscheidenden Stellen mit falschen Fakten. Zum Beispiel behauptet Crouch, Banker seien die bestverdienenden Arbeitnehmer des Planeten – dabei zeigen Statistiken schon lange, dass Techniker sehr viel höhere Gehaltssteigerungen vorzuweisen haben und inzwischen die Banker meist übertreffen, Ärzte und Anwälte verdienen sowieso mehr. Die junge Theorie des „liberalen Paternalismus“, in dem die Bürger vom Staat zu bestimmten Entscheidungen geschubst werden, wirft er den Neoliberalen vor – doch gerade viele heutige Liberale bekämpfen den liberalen Paternalismus heftig.

Crouch streut dann eine Reihe von Anekdoten ein, an denen er Probleme des Neoliberalismus zeigen will, es sind vor allem Geschichten aus Großbritannien. Viele davon stammen aus Situationen, die auch liberale Kommentatoren kritisieren würden. Auch bleibt das grundsätzliche Problem bestehen: Einzelbeispiele, selbst wenn es noch so viele sind, können echte Nachweise nicht ersetzen. Crouch müsste zum Beispiel klären, ob weniger liberale Gesellschaften weniger Probleme haben. Das fällt Crouch selbst auch auf. „Leider war es mir nicht möglich, eine vollständige Recherche aller für die hier behandelten Themen einschlägigen Fallbeispiele durchzuführen“, gibt er zu. Und: „Ich bin weitgehend auf theoretische Überlegungen angewiesen.“ So wird seine Argumentation immer weicher, bis er selbst zugibt: Die aufgezeigten Probleme könnten „in anders geordneten Gesellschaften schlimmer oder weniger schlimm sein, in sozialistischen ohne Zweifel schlimmer“.

Was dann von seinem Schimpfen übrigbleibt, richtet sich gegen einen Ultraliberalismus der siebziger Jahre und eine Reihe von ökonomischen Theorien, die vor allem in den achtziger Jahren modern waren. Dass die Ökonomik schon lange über den Stand hinaus ist, den Crouch kritisiert, fällt ihm nicht auf.

Unsere Leseprobe beginnt an der Stelle, an der Crouch die Spielart des Liberalismus vorstellt, die er so heftig ablehnt.

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Die Leseprobe umfasst 24 Seiten.

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