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Tilmann Lahme: „Die Manns – Geschichte einer Familie“

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Im Sommer 1950 notiert Thomas Mann in sein Tagebuch: „Rückkehr zur Arbeit als Ersatz für das Glück, so muss es sein. Es ist die Bestimmung (und der Ursprung?) alles Genies.“ Der fast fünfundsiebzigjährige Schriftsteller hat sich gerade in einen jungen Kellner verguckt. Er vergleicht das gegenüber seiner Tochter Erika mit dem Wohlgefallen an einem schönen Pudel – „Viel sexueller sei dies auch nicht. Was sie nicht ganz glaubte“ – und ergänzt etwas später: „Warum schreibe ich dies alles? Um es noch rechtzeitig vor meinem Tod zu vernichten? Oder wünsche ich, dass die Welt mich kenne?“

Die Welt hat ihn seit der Veröffentlichung seiner Tagebücher von 1977 an besser kennengelernt. Hervor traten seine Selbstbeobachtung, seine Hypochondrie, seine Neigung, vor sich selbst zu posieren, die Pflege von sozialer Fassade und emotionaler Hinterbühne, die Kälte, zu der er gegenüber manchen seiner Kinder fähig war. In Umrissen wurde die innere, psychische wie die äußere, bürgerliche Haushaltsführung des Schriftstellers erkennbar, der mit einem Familienroman berühmt wurde, um danach fast nur noch Bücher zu schreiben, deren Hauptfiguren ihre Herkunft hinter sich ließen. Mit nur geringer Übertreibung kann man sagen: Seit Thomas Mann selbst eine Familie gegründet hatte, schrieb er nicht mehr über Familien.

„Man wird später Bücher über uns – nicht nur über einzelne von uns – schreiben“: Das hielt im Sommer 1936 der älteste Sohn, Klaus Mann, in seinem Tagebuch fest. Später, das ist jetzt. Tilmann Lahme hat die Geschichte der Manns geschrieben. Durch jahrelange Beschäftigung mit dem Schriftsteller, durch seine große Golo-Mann-Biographie von 2009 und durch seine Kenntnis der noch weithin unbekannten Korrespondenz zwischen Thomas Mann, seiner Frau und den sechs Kindern war er darauf hervorragend vorbereitet. Vor allem aber durch sein sachliches Temperament.

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Denn was jetzt vor uns liegt, ist eine Familiengeschichte, deren Stoff aus Ruhm und Ruhmsucht, Luxus, Neid, Verlogenheit, Exzess, Verachtung, Liebe und Verbitterung besteht. In den Selbstbespiegelungen der Beteiligten und ihrer ständigen Bereitschaft, den anderen und sich selbst etwas vorzumachen, weder die Geduld noch die Neutralität zu verlieren – das setzt einen Autor voraus, der ihnen ebenso zugewandt ist wie unwillig, sich seinerseits etwas vormachen zu lassen. Tilmann Lahme ist dieser Autor. Sein Bericht hat die Form einer erzählten Chronik, in der kein Detail wichtiger ist als ein anderes. Die Familien als soziale Gebilde so kennzeichnende Frage, was jedes Mitglied gerade macht und wo es ist, gibt dem Buch seinen Rhythmus. Die Frequenz, in der auf jeder Seite Informationen erfolgen, welches der acht Familienmitglieder sich gerade wo aufhält und was schreibt und worauf hofft und mit wem schläft, ist atemberaubend.

Mitunter meint man, Lahme schreibe gar keine Nebensätze, was nicht stimmt, aber andeutet, wie erfreulich wenig der Stil Thomas Mann auf ihn abgefärbt hat. Der vielen Rhetorik im Austausch der Manns, von der er zu berichten hat, weil sie einander ständig anlügen und ständig etwas voneinander wollen – die Kinder von den Eltern meistens Geld und Anerkennung –, setzt er einen großartig unterkühlten Ton entgegen. Nach dem Nobelpreis etwa: „Erika und Klaus werden die Schulden, die sie mit ihrer Weltreise angehäuft haben, erlassen. Ihre Freude ist begrenzt, Rückzahlung war ohnehin nicht vorgesehen.“

###Tilmann Lahme, Foto: Gunter Glücklich

Nüchternheit ist hier also nicht nur ein Stilelement. Keiner Quelle zu trauen wird dem Biographen vielmehr durch den Umstand nahegelegt, dass es sich um eine Dichterfamilie handelt. Das Buch setzt 1922 ein, weil für die Zeit davor nur von Thomas Mann aussagefähige Zeugnisse vorliegen. Und manche späte Erinnerung war beschönigend, wenn man etwa Golo Manns bittere Sätze über die elende Kindheit und die Bemerkung in Rechnung stellt, die nach seinem Durchbruch als Historiker machte: „Der Ruhm – ein Ersatz für die Jugend“.

Ihre eigenen Ambitionen wie die Geschichte zehren am Leben dieser Familie, das viele ihrer Mitglieder nicht ohne Drogen oder Tabletten führen können. Und wenn es nicht solche Mittel sind, die sie erst aufputschen und dann beruhigen, so sind es ihre Erwartungen, ihr Unglück und die anderen Familienmitglieder. Stunden des Trostes gibt es nicht viele. Alle unglücklichen Familien sind auf ihre Art unglücklich, heißt es bei Tolstoi. Man lese dieses Buch, um zu verstehen, was dieser Satz heißen kann. Unsere Leseprobe beginnt mit dem ersten Kapitel.

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Die Leseprobe umfasst 40 Seiten.

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4 Lesermeinungen

  1. Golo und seine Mutter
    Dass ausgerechnet Golo sich etwas deprimiert über seine Kindheit äußert, ist nicht unbedingt undankbar oder verwöhnt, sondern ich habe selbst gehört, wie Katja Mann in einem ihrer letzte Interviews im TV von Golo sagte: Historiker ist er….naja, ist ja auch ein Beruf….
    die hochfahrende Art kam nicht nur von ihrem Mann!

  2. Ich halte Thomas Mann für stark überbewertet
    Er hat uns viel kaputt gemacht-soviel vorweg. Was machte den Kern seines Werkes aus? Seine Gedanken umkreisten gebannt das Problem der Dekadenz. Gemeint ist damit nicht eine literarische Epoche, sondern Dekadenz in ihrer denotativen Bedeutung. In Wörterbüchern findet man in etwa Definitionen wie „kultureller und persönlicher Niedergang, Zerfall, Degenerationserscheinungen in den Lebensgewohnheiten, etc“. Untertitel der „Buddenbrooks“ ist „Zerfall einer Familie“. So wie das römische Reich einst von einer kulturellen Blüte in die Dekadenz abrutschte (das sprichwörtliche alte Rom), so beschreibt auch Thomas Mann den Niedergang seiner Familie. Dem gegenüber steht in seiner autobiografischen Novelle „Tonio Kröger“ die frische, unverbrauchte, leistungsfähige Figur des „Hans Hansen“ (alias „Armin Martens“, Manns Jugendrivale), der meinem persönlichen Ideal viel eher entspricht. Es gibt noch andere Literaturnobelpreisträger, ich denke wir sollten Thomas Mann nicht zum Maß aller Din

  3. Ich empfehle, die Originalwerke des Jahrhundertdichters und -denkers Thomas Mann zu lesen
    Autoren, die sich dem Werk und seiner Erhellung und Deutung widmen, bleiben der Öffentlichkeit leider meist vorenthalten. Ins Licht rücken die Medien lieber diejenigen, die sich dem Biographischen widmen, denn da menschelt es doch ungemein, und Klatsch auf Höhere-Töchter-Niveau ist garantiert.
    Bei allem Respekt vor Thomas Mann und seiner Familie: Ein Gesamtkunstwerk ist dem Schriftsteller und seinen Angehörigen dann doch mit ihren Lebensgeschichten nicht gelungen. Vielmehr zerfasern sich die Schicksale der einzelnen Familienmitglieder in die verschiedensten Richtungen, so daß sie kein in sich verwobenes Ganzes bilden und sich kein über den einzelnen hinausreichendes Bild ergibt – ganz im Unterschied natürlich zu den fiktiven Biographien in den Werken Thomas Manns.
    Keiner wußte das besser als Mann selbst. Und wer mag es ihm verdenken, wenn er darum bemüht war, wenigstens seiner eigenen Künstlerexistenz nun auch das Signum des Außergewöhnlichen, Beispielhaften, Genialen

  4. „aufzuprägen.“ – hätte das letzte Wort meines obigen Beitrags lauten sollen. Es wurde abgesc
    Thomas Mann, das möchte ich noch ergänzen, war es darum zu tun, auf seine eigene Person ein Höchstmaß an Gravität zu versammeln, nicht zuerst um des eigenen Ruhmes willen, sondern um als Zentralgestirn die Mitglieder seiner Familie wie Planeten in seinem Schwerefeld um sich zu sammeln, sie solcherart zu schützen und vor dem Abdriften ins endlose Dunkel der Bedeutungslosigkeit zu bewahren. Thomas Mann ist in diesem Sinne ein Pater familias der Moderne und als solcher eben kein egozentrischer Finsterling, sondern eine durchaus für sich einnehmende Lichtgestalt. Dies um so mehr, als er seinen Ruhm auch daran setzte, sich mit ganzer Kraft dem Hitler-Regime entgegenzustemmen, Beweis dafür, daß er seinen väterlichen Schutz auf die bedrohte Menschheit an sich auszudehnen bestrebt war.

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