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Hans-Werner Sinn erklärt die Eurokrise

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In Griechenland entscheidet sich die Zukunft der Europäischen Union. Mag die Eurokrise auch inzwischen aus den Schlagzeilen verschwunden sein – sie wird zurückkommen, daran zweifelt kaum jemand. Am wenigsten Hans-Werner Sinn. Der Präsident des Ifo-Instituts, der Mann mit dem markanten Bart, erklärt den Deutschen schon seit Jahren die Eurokrise – mit dem Kernsatz: Griechenland und die anderen Krisenstaaten haben über ihre Verhältnisse gelebt.

Wie das genau vor sich gegangen ist, das hat Sinn jetzt aufgeschrieben: auf 500 eng bedruckten Seiten. Das klingt nach viel Lese-Arbeit. Ist es auch. Trotzdem lässt sich die Eurokrise nicht eingängiger beschreiben, als Sinn es tut. Nach 16 Jahren an der Spitze des Ifo-Instituts ist Sinn auch ein Fachmann für die knackige Darstellung, die kräftige Zuspitzung. Allerdings hat das Buch wissenschaftliche Prüfungen unterlaufen wie sonst nur Beiträge in Fachzeitschriften. Im vergangenen Jahr wurde es auf Englisch veröffentlicht, für die deutsche Übersetzung hat Sinn das Werk um die jüngeren Ereignisse in Griechenland aktualisiert. Im F.A.Z. Lesesaal können Sie das Buch jetzt schon einige Tage vor dem offiziellen Erscheinen lesen.

Die Argumentation ist ein echter Sinn: Dem Euro verdanken Griechenland und die anderen Krisenstaaten, dass sie in den ersten Jahren des Jahrhunderts für ihre Kredite nur niedrige Zinsen zahlen mussten. Statt die Zinsersparnis sinnvoll zu verwenden, haben die Staaten noch mehr Kredite aufgenommen, um das Geld für den Konsum zu verbrauchen – so lange, bis die Finanzkrise kam. Dann begannen die Zinsen nämlich wieder zu steigen.

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Eine fehlgeleitete Rettungspolitik wiederum ist Schuld daran, dass Griechenland immer noch zu viel Geld bekommt, zu wenig Anreize zum Sparen hat und weiter über seine Verhältnisse lebt – so argumentiert Sinn weiter. Zudem finanziert sich Griechenland mit hohen, automatisch gewährten Krediten aus dem Zahlungsverkehrssystem Target II. Strukturreformen bleiben aus. Deshalb erholt sich Griechenland nicht.

Bedauerlich, dass sich Sinn in einem derart langen Buch nicht mehr Raum genommen hat, sich mit seinen Gegnern auseinanderzusetzen. Es gibt ja durchaus noch andere Meinungen als die von Sinn. Zeitgleich zum Beispiel kommt Oskar Lafontaines ehemaliger Staatssekretär Heiner Flassbeck mit einem Buch heraus, das die Gegenthese vertritt: Für Flassbeck hat nicht Griechenland über seine Verhältnisse gelebt, sondern Deutschland war zu sparsam. Wobei Griechenland nicht aus der Krise kommen kann, solange kein Geld da ist und die Löhne weiter sinken.

Hans-Werner Sinn© dpaHans-Werner Sinn, Foto: dpa

Beide haben viele Gemeinsamkeiten: Beide sehen als Kern der Krise, dass es einen Unterschied in der Wettbewerbsfähigkeit zwischen Deutschland und den Krisenstaaten gibt. Beide halten den Euro für einen Fehler. Doch in der Frage, was jetzt zu tun ist, unterscheiden sich beide fundamental.

Man muss Flassbecks Thesen nicht überzeugend finden, um Sinns Widerspruch zu vermissen. Erst spät im Buch setzt sich Sinn in in einem Kapitel etwas eingehender mit Gegenthesen auseinander. Insgesamt aber bleiben viele von Sinns Thesen relativ unverbunden neben seinen Gegnern oder den politischen Entscheidungen stehen. Sinn hätte überzeugender sein können – speziell für Leute, die sich etwas intensiver mit der Eurokrise auseinandergesetzt haben.

Und doch können auch Fortgeschrittene Sinns Buch mit Gewinn lesen. Denn allein die Grafiken, die die Datensammler des Ifo-Instituts zusammengestellt haben, untermauern Sinns These mit beeindruckenden Zahlen, die man anderswo selten sieht. Wir beginnen unsere Leseprobe mit der Einleitung.

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Die Leseprobe umfasst 40 Seiten.

Weitere Fragen zu den Funktionen des Lesesaals beantworten unser Erklärvideo und diese Sobooks-Seite.

Bei Problemen und Anregungen wenden Sie sich bitte an post@sobooks.de

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19 Lesermeinungen

  1. Schulden sind das Problem
    Offenbar keine Regierung in Europa denkt auch nur daran, ihre Schulden zu tilgen. Man braucht bloß auf das als wohlhabend bezeichnete Deutschland zu schauen. Zwei Billionen € Schulden einmal ins Verhältnis gesetzt zu den Tilgungsmöglichkeiten des Finanzministers: Bei 2o Milliarden Tilgung braucht er 100 Jahre.

    Also weiter Schulden machen bis zum Kollaps.

    • @Konrad Kugler
      „Offenbar keine Regierung in Europa denkt auch nur daran, ihre Schulden zu tilgen. Man braucht bloß auf das als wohlhabend bezeichnete Deutschland zu schauen.“

      Sparen sollen ja bekanntlich immer die anderen. Wo sind Sie persönlich(!) denn bereit zu verzichten, damit der Staat seine Schulden abbauen kann?

    • (Staats-)Schulden sind nicht das Problem der Eurokrise
      Staatsschulden mögen ein Problem sein – da gehen die Meinungen auseinander. Sie sind aber *nicht* das Problem der Eurokrise. Das Problem der Eurokrise ist ein Problem der unterschiedlichen Wettbewerbsfähigkeit und der damit ausgelösten Leistungsbilanzdefizite und -überschüsse. Solange die Politik das nicht begreift, wird sie diese Krise auch nicht beenden können. // Oder umgekehrt: Alles Gürtelengerschnallen wird Griechenland nicht helfen, solange es nicht wieder wettbewerbsfähig wird. Und Gürtelengerschnallen macht leider von selbst absolut nicht wettbewerbsfähiger. Dazu bräuchte es eine Abwertung der griechischen Währung. Und dieser Satzt stimmt, egal wie hoch die griechische Staatsverschuldung gerade ist.

  2. Wie Simbabwe
    Das Problem Griechenlands ist vor allem, daß es ein gescheiterter Staat ist. Da funktioniert eigentlich gar nichts und insbesondere die gesamte Verwaltung nicht. Ohne EURO ging es etwas besser, aber die wären auch so irgendwann pleite gewesen. Hier geht es aber in Riesenschritten in die gleiche Richtung. Und die Schuldenbombe wird auch Deutschland zerstören.

  3. Das Problem ist ein grundsätzliches
    Es werden die Regeln nicht mehr eingehalten sondern opportunistisch nach Tagesform entschieden. Daher glaubt der Bürger auch nicht mehr
    an die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit der Politik. Er sieht vielmehr ein Bild das ein früherer Bundespräsident geprägt hat „Die Politik hat sich den Staat zur Beute gemacht“ und denkt zumindest in den drei Jahren nach der Wahl nicht mehr an Ihre Wähler. In anderen Ländern ist dies mit Abstrichen zwar auch so, aber nicht so augeprägt wie hierzulande.
    Und noch etwas , da Deutschland in den EU-Gremien und der EZB nur
    noch in nachgeordneten Positionen vertreten ist,hat es dort auch fast nichts mehr zu sagen zumindest nicht proportional zur Größe seiner Bevölkerung und Wirtschaftskraft. Wenn Deutschland dann etwas will muß es immer sehr viel Geld in die Hand nehmen um die Sache zu erkaufen.

  4. Sinn ist ein eindimensionaler, wenn auch brillianter, Wirtschaftswissenschaftler
    Er hat die politische Dimension der Krise nie begriffen oder zumindest bewusst ausgeblendet, weil er sie mit seinen Modellrechnungen nicht greifen kann. Die Welt funktioniert aber nun mal nicht nach dem c.p. Prinzip. Ohne die politische Dimension zu berücksichtigen sind wirtschaftswissenschaftliche Lösungsvorschläge völlig wertlos. Das Gleiche gilt natürlich auch umgekehrt.

    • Titel eingeben
      Auch politisches Gewäsch kann ganz einfache Mathematik nicht ersetzen. Und Prof. Sinn argumentiert immer auf der Basis nachprüfbarer Zahlen. Deshalb sollte man nicht vergessen, dass das ganze Debakel von der Politik angerichtet worden ist. Zunächst hatte man auf der Basis von emotionalen Wünschen die anfängliche Wirtschaftsgemeinschaft versucht weiterzuentwickeln. Die dafür verwendeten Verträge waren schlampig ausgehandelt und fehlerhaft formuliert. Anschließend hatte die Politik diese Verträge auch noch schlampig angewendet und aus emotionalen Gründen gebrochen. Und bis heute ist in Europa eine Politik, die zur Vernunft zurück kehren wollte, nicht zu erkennen. Eine Verschuldungspolitik, die die erlangten Gelder ausschließlich für Konsumzwecke verwendet, verstößt gegen alle Regeln der Vernunft und erreicht damit nur, dass die Schulden untilgbar werden. Langfristige Kredite dürfen nur für langfristige Investitionen verwendet werden.

    • Das ist genau die doch recht simple Position, die Sinn immer vertritt Herr Maehler
      Diese Fragen lassen sich aber nun einmal nicht mathematisch beschreiben. Ich gebe gerne zu, dass es viel praktischer wäre, die Welt würde sich anhand mathematischer Modelle vorhersagen lassen. Dass das nicht so ist, wissen wir spätestens seit dem frühen 20. Jahrhundert. Die Wirtschaftswissenschaftler verdrängen das gerne.
      Noch nicht einmal Ihr vermeintlich einfaches „Rechenbeispiel“, die Frage wann Schulden untilgbar werden, lässt sich für Staaten sinnvoll berechnen. Von komplexeren Fragen, wie etwa, was es wirtschaftlich für uns bedeutet, wenn der Euro zerbrechen sollte, ganz zu schweigen.

  5. Erstaunlich, dass sich Sinn derart auf die Eurokrise einschießt
    Da Schuldenmacherei und Blasen ebenfalls in Gebieten jenseits der Euro-Zone aufgetreten sind, können Euro und Politik allenfalls Verstärker sein. Geht man zurück zu Clinton und Greenspan, so bestand eine fundamentale Wachstumsschwäche, die man nicht zuletzt durch die Globalisierung ausgleichen wollte. Man muss sich also fragen, ob es nicht andere Ursachen als Euro, Politik, Moral oder Regulierung gibt? Ein interessanter Aspekt scheint mir, dass die Meadows mit ihrer Warnung hinsichtlich endlicher Ressourcen aus den 70ern ganz ähnliche Szenarien vorhersagten. Die Kosten der Ölförderung sind heute massiv höher als in den 40ern, höhere energetische Effizienz und der aktuell relativ gefallene Verkaufspreis gleichen die Produktivitätsdefizite nicht aus. Da höhere Produktpreise nicht durchsetzbar waren, senkte man die Löhne. Die folgende Absatzschwäche kompensierte man durch Kredite (= zukünftige Einnahmen). Das Problem könnte also größer sein, als es Sinn wahrhaben will.

  6. Sinn macht Sinn
    „Zu sparsam“ bezeichnet ein kommunistisch angehauchter Linker, was ein Betriebswirtschafter wohl mit „effizient gewirtschaftet“ umschreiben wuerde – aus genau diesem Grund halte ich Hans Werner Sinns Zurueckhaltung fuer vollkommen berechtigt, in seinem Buch auf Thesen etwa vom Schlag Heiner Flassbecks einzugehen. Das waere auch noch schoener, wenn Deutschland sich fuer seine erfolgreiche, vor etwa 10 Jahren eingeschlagene, Wirtschaftspolitik vielleicht noch bei jenen EU-Staaten entschuldigen soll, die sich bisher fuer entsprechende Reformen zu bequem waren. Auch die Kritik, Sinn klammere den „politischen Realitaetsanteil“ aus, geht an seinem Anliegen vorbei. Allenfalls kann eingewandt werden, dass Oekonomen gemeinhin so zu tun pflegen, als ob sie kraft ihrer oftmals brillianten Analysen in die Zukunft sehen koennten. Aber das schafft auch Sinn nicht.

  7. Sinn ist politischer Aktivist
    Sinn ist nach wie vor ein respektabler Ökonom konservativer Prägung. Was jedoch seine Arbeit als politischer Aktivist angeht, ist eine klare, politische Instrumentalisierung ökonomischer Fakten zu erkennen. Letzteres gilt im Übrigen auch für Krugman. Darüber hinaus geht Sinns Argumentationsweise die Kernlektion aus der Finanz- und Staatsschuldenkrise für die ökonomische Theorie ab – die zentrale Rolle der Finanzmärkte für Kapitalströme. Er vertritt einen altmodischen Ökonomismus mit saldenmechanischem Fetisch und weiß damit eine Mehrheit im eigenen Land hinter sich, die immer noch glaubt, dass der Erfolg der „sozialen Marktwirtschaft“ keine historische Koinzidenz sondern ein ordoliberal herbeigeführtes Politikergebnis ist. Er vertauscht dabei ab und zu Ursache und Wirkung zum Wohle der eigenen Theoriestringenz. Klar ist, dass man damit leichter Bücher verkaufen kann. Wertvollere Analysen gibt es dagegen von M. Pettis, E. Jones, M. Brunnermeier, P. Lane, R. Reis und anderen

  8. Vielen Dank!
    Autor Bernau vielen Dank für diese kurze (und m.E. zutreffende) Zusammenfassung von Herrn Sinns Hauptthesen zum Euro.

    Wie Autor Bernau bedauere ich, dass in Deutschland eine tiefere Diskussion zwischen den Ökonomen, z.B. Sinn vs. Flassbeck, gar nicht stattfindet. Vielmehr scheint es, dass sich diese Wissenschaftler mit großer Animosität begegnen, auch wenn ihre Positionen nicht so weit auseinanderliegen. In dieser Animosität reden sie kaum miteinander, streichen die Unterschiede heraus und reden vielleicht noch über den anderen abfälllig oder drücken ihre Abneigung durch Totschweigen aus. Sie leisten damit der Öffentlichkeit einen schlechten Dienst, weil diese gar nicht erfährt, wie groß die Gemeinsamkeiten sind. Auf diese Gemeinsamkeiten könnte man eine Lösung der Eurokrise aufbauen — aber nicht, wenn sie niemand kennt. Und Frau Merkel kann diese Gemeinsamkeiten völlig ignorieren, weil sie behaupten kann, dass die Ökonomen sich ja sowieso uneinig seien. Nicht gut!

  9. "zu sparsam"
    „Für Flassbeck hat nicht Griechenland über seine Verhältnisse gelebt, sondern Deutschland war zu sparsam.“ Wenn Schulden als etwas verstanden werden, was irgendwann zurückgezahlt werden muß, dann ist noch nicht einmal Deutschland sparsam, erst recht nicht zu sparsam. Erst wenn Schulden zunächst als Dauerleihgabe und damit praktisch als Geschenke betrachtet werden, dann wäre Sparsamkeit keine sinnvolle Tugend. In diesen Auffassungen unterscheiden sich Kulturen. Sie können deshalb volkswirtschaftlich nicht eng verzahnt (Euro) langfristig sinnvoll und im gegenseitigen (Ein-)Verständnis kooperieren.

  10. Titel eingeben
    Sinn vs. Flassbeck wäre nur dann aufschlussreich, wenn deren Auffassungen richtig adressiert würden. Bernau behaupt: Flassbeck sei der Meinung, Griechenland hätte NICHT über seine Verhältnisse gelebt, was natürlich grob falsch ist. Flassbeck weist explizit darauf hin, dass die Südländer über, aber eben Deutschland unter seinen Verhältnissen gelebt haben. Und dass das in einer Währungsunion zu Ungleichgewichten in den Handelsbilanzen und der Wettbewerbsfähigkeit führt. Zahlen keine Fakten. Dass die Analyse von Zahlen irgendeine absolute Wahrheit beinhalten, wie Sinn behauptet, ist unwissenschaftlich. Denn eine Interpretation von Zahlen/Statistiken ist a priori theoriebedingt. Damit geht die hochwohlgelobte Neutralität des Herrn Sinn in seinen volkswirtschaftlichen Analysen unmittelbar flöten! Denn Zahlen kann man nicht theorielos interpretieren. D. verschuldet (!) mit seiner Politik 2015 das Ausland um weitere 250 Mrd. und beklagt sich, andere würden über ihre V. leben.

    • Ich habe eben noch mal nachgeguckt
      … natürlich habe ich Flassbecks Position zusammengefasst, aber habe ich da wirklich etwas überlesen? Ich habe jedenfalls an den einschlägigen Stellen nirgends gefunden, dass Griechenland über seine Verhältnisse gelebt habe.

      Im Gegenteil: Es heißt „Der Schluss, dass Deutschland ein Übeltäter war, ist unvermeidlich (…)“ (S. 55). Oder „Deutschland muss sich anpassen“ (Kapitelüberschrift S. 60). Und über Griechenland: „Die Idee, dass niedrige Löhne (…) zu nachhaltigem Wachstum führen, ist ohne jegliches (…) Fundament“ (S. 136). Griechenland und die anderen Peripherieländer stecken nach Flassbecks Ansicht in einer „furchtbaren Zwangslage“ (S. 132)

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