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Truman Capote: „Wo die Welt anfängt“

Wenn Jugendwerke von großen Schriftstellern entdeckt werden, wird, weil man so froh ist über die Entdeckung, das Geniale der späteren Werke gerne auf die ersten Schriften zurückprojiziert. Dann wird behauptet, dass sich „schon hier“ abzeichne, was später vollständig gelinge. Oder dass das schriftstellerische Talent bereits in diesen ersten „Gehversuchen“ sichtbar sei. In vielen Fällen entspricht das mehr dem Wunschdenken der Entdecker als der Wirklichkeit. Jugendwerke werden einfach hochgejubelt, obwohl sie nicht selten schlecht geschrieben sind. Hauptsache Aufregung.

Wenn jetzt die ersten Erzählungen des amerikanischen Schriftstellers Truman Capote (1924-1984) erscheinen, die der Verleger Peter Haag zusammen mit seiner Frau, der Journalistin Anuschka Roshani, beim Durchstöbern von Capotes Nachlass in der New York Public Library entdeckt haben, dann ist es aber wirklich so: Man ist völlig verblüfft, dass dies ein Teenager von der High School geschrieben haben soll. Man will es erst gar nicht glauben, weil sich in ihnen tatsächlich all das zu erfüllen scheint, was Capote später wollte: keine langen Sätze, keine Geschichten mit Thesen, niemals langweilen.

Truman Capote, der in New Orleans geboren wurde und in den Südstaaten aufwuchs, bis seine Mutter ihn, als er acht Jahre alt war, nach New York holte, beschloss mit neun oder zehn Jahren, Schriftsteller zu werden. Er verbrachte die Nachmittage hinter der Schreibmaschine. Er schrieb, änderte und strich in seinen Manuskripten herum. Er wollte berühmt werden, sich der Anerkennung der ganzen Welt versichern. Er sollte es werden. Als Autor von „Frühstück bei Tiffany“, auch dank des Films mit Audrey Hepburn, und als Autor seines berühmten Tatsachenthrillers „Kaltblütig“. Allerdings war sein gesellschaftlicher Ehrgeiz wahrscheinlich immer genauso groß wie sein literarischer. Er benutzte das Schreiben, um in der High Society ein Star zu werden, wo er von seinen reichen und schönen Freundinnen von Gloria Vanderbildt bis Oona Chaplin als Exzentriker gehätschelt wurde wie ein Schoßhund.

###Truman Capote                                        Foto: dpa

In der Titel gebenden Erzählung, „Wo die Welt anfängt“, sitzt das Schuldmädchen Sally Lamb im Klassenzimmer im zweiten Stock der Highschool. Sie sieht aus dem Fenster hinaus in die Ferne. Ihre Pupillen weiten sich, werden glasig und nehmen nichts mehr wahr: „Wir schätzen uns sehr glücklich, den Academy Award für die beste Hauptrolle in diesem Jahr Sally Lamb für ihre beispiellose Darbietung in ,Begehren’ überreichen zu dürfen.“ Sally formuliert ihre imaginäre Dankesrede. „Hurra. Applaus, Applaus. Champagner.“ Sie erträumt sich die Sonnenstrahlen des Berühmtseins als Verheißung. Und im Rückblick, schreibt Anuschka Roshani im Nachwort der Ausgabe, wirke es wie eine traurige Ironie des Schicksals, dass Capote hier bereits nach der schönen Illusion verlangte, ohne darüber je zu vergessen, wie sehr es eine Illusion ist. Im August 1984 starb er, von der Society geschnitten, deren Liebling er gewesen war, im Haus einer seiner letzten Freundinnen an den Folgen seiner Medikamenten- und Alkoholsucht.

Glanz und Schimmer des gesellschaftlichen Scheinwerferlichts lagen da längst hinter ihm. In seinen literarischen Werk sind sie als poetischer Glanz in der Präzision seiner Beschreibungskunst und der psychologischen Feinheit seiner Figurenzeichnung bis heute erhalten. Sie sind auch in den ersten Texten ablesbar. Aber lesen Sie selbst:

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Die Leseprobe umfasst 12 Seiten.

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