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„The Big Bang Theory und die Philosophie“

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Es ist, schaut man sie unsynchronisiert im amerikanischen Original, einer der komischsten Sitcoms der Milchstraße: „The Big Bang Theory“. Ihre Helden sind wissenschaftliche Angestellte des „California Institute of Technology“ in Pasadena. Klingt erst einmal nicht sehr lustig. Um die Komik der in der achten Staffel befindlichen Serie (176 Episoden à 20 Minuten) zu erklären, kann man aber den französischen Philosophen Henri Bergson heranziehen. Wir lachen, so seine These, über menschliche Unbeweglichkeit. Mechanisches Körperverhalten, zwanghaftes oder sinnlos umständliches Handeln, erstarrte Charaktere, fixe Ideen in Aktion – all das erscheint uns komisch.

Also sind Naturwissenschaftler und Gelehrte überhaupt ideal als Witzfiguren. Gibt es etwas Unbeweglicheres als Spezialisten, die sich ganz sicher sind? Der wichtigste Held der Serie: Dr. Dr. Sheldon Cooper, IQ von 187, ist theoretischer Physiker und hochgradiger Ordnungsfetischist, Anhänger von Superhelden-Comics und der These, dass sich alles, d.h. alles rational erklären lässt, wenngleich die Erklärung nicht selten einen IQ von 187 sowie die Kenntnis aller „Star Trek“-Episoden voraussetzt. Dann Dr. Leonhard Hofstadter, Experimentalphysiker mit vierzehn IQ-Punkten weniger, ständig auf der Suche nach einer Liebesbeziehung, wofür sich seine Wohngemeinschaft mit Cooper selten als hilfreich erweist.

Außerdem ihre Freunde: Howard Wolowitz, M.Sc., Raumfahrtingenieur (für Cooper eine Existenzstufe nur knapp oberhalb derjenigen von Geisteswissenschaftlern), jüdisch, aber unfromm, lebt mit seiner Mutter zusammen, von der man stets nur die kreischende – „Howiiieeee!“ – Stimme hört, mit der sie vorzugsweise sein Sexualverhalten kommentiert, ein Allergiker im Frauendauerabschleppdienst. Schließlich Dr. Raj Koothrappali, indischer Indienhasser und Rindfleischesser, Astrophysiker, der bis Staffel Sieben überhaupt nur im betrunkenen Zustand mit Frauen sprechen kann (oder wenn er etwas getrunken hat, das er für alkoholhaltig hält).

Und dann Penny, ohne Titel und Nachnamen, wohnhaft auf dem selben Flur wie Cooper-Hoftstadter, sozial wie körperlich der Beweis, dass Stringtheorie nicht alles und nicht einmal das Beste ist, Kellnerin in vergeblicher Erwartung einer Filmkarriere, ohne Interesse an Ordnung und Superhelden-Comics, aber anfällig für Affären mit durchtrainierten Nichtwissenschaftlern. Leonhard ist in sie verliebt, zumeist unglücklich, Sheldon lebt mit einem Restzweifel, ob ihre Intelligenz im messbaren Bereich liegt.

###Leonhard, Sheldon und Penny                Foto: dpa

Jetzt haben sich Philosophen im Haupt- und Nebenberuf in 17 Aufsätzen über „The Big Bang Theory“ hergemacht, um zu zeigen, dass einem die Serie noch weit über die Frage hinaus, warum wir worüber lachen, etwas zu denken gibt. Ist ein vom Intellekt bestimmtes Leben das am meisten lebenswerte? Und würde Aristoteles, der so dachte, Sheldon für ein gutes Beispiel gehalten haben? Ist Freundschaft unter Egoisten denkbar und ein Zusammenleben ohne Mitbewohnervereinbarungen? Wie viele Regeln braucht Sozialität? Ist die umfassendste Theorie des Universums eine über das Universum oder eine über die Köpfe, in denen Begriffe wie „Universum“ entstehen?

Mit Hobbes wird die Frage aufgeworfen, ob jemand den Gesellschaftsvertrag kündigt, wie Sheldon meint, der seine Mailbox nicht abhört? („Das Hinterlassen einer Nachricht ist die eine Hälfte eines gesellschaftlichen Vertrags, der durch das Abhören der Nachricht erfüllt wird. Wenn dieser Vertrag nicht mehr funktioniert, funktionieren auch alle anderen Verträge nicht mehr, und wir versinken in Anarchie!“) Mit Wittgenstein wird diskutiert, woran man Sprachspiele erkennt, etwa den Unterschied zwischen dem wissenschaftlichen und anderen (Penny: „Ich sage immer, wenn eine Tür zugeht, geht eine andere für dich auf.“ Sheldon: „Nein, das geht nicht. Es sei denn, beide Türen sind verbunden durch ein Relais, oder Bewegungssensoren sind im Spiel. Oder wenn das Schließen der ersten Tür eine Luftdruckveränderung bewirkt, die die zweite Tür öffnet.“). Und mit Donald Davidson wird untersucht, was es heißt, im Irrtum zu sein, und was uns das über die Wahrheit sagt? („Sheldon, da liegst du mehr als falsch“. „Mehr als falsch? ‚Falsch‘ ist ein absoluter Zustand und kann daher auch nicht gesteigert werden.“ „Na, klar geht das. Ein bisschen falsch ist zu sagen, die Tomate sei ein Gemüse, mehr als falsch wäre zu sagen, sie sei eine Hängebrücke.“)

Nicht alle Aufsätze des Bandes wird man als Einführung in die jeweiligen Philosophen und ihr Denken empfehlen, aber keinen liest man ohne Gewinn. Die Frage, ob es verwerflich ist, über einen durch seine Intelligenz Behinderten (Sheldon) zu lachen, ist schließlich genau so bohrend wie das Problem, ob die Chance für echte Gelehrte, in einer Bar ein Mädchen aufzureißen, mittels der Drake-Gleichung für die Wahrscheinlichkeit außerirdischen Lebens berechnet werden kann. Und außerdem schadet es nicht, der Vermutung nachzugehen, dass „The Big Bang Theory“ so viel Erfolg hat, weil die Serie tatsächlich so philosophisch ist. Und das kann man besser in einem Buch als vor dem Bildschirm, weil dort für philosophisches Mitdenken die Frequenz der Pointen einfach zu hoch ist.

Unsere Leseprobe beginnt mit dem 11. Kapitel über Wittgenstein und „The Big Bang Theory“:

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Die Leseprobe umfasst 29 Seiten.

Weitere Fragen zu den Funktionen des Lesesaals beantworten unser Erklärvideo und diese Sobooks-Seite.

Bei Problemen und Anregungen wenden Sie sich bitte an post@sobooks.de

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15 Lesermeinungen

  1. Es zeugt von Größe über sich lachen zu können
    Wer damit ein Problem hat, hat scheinbar ein Minderwertigkeitskomplex.

  2. Wer über einen IQ von 187 lacht, weiß nicht worüber er lacht
    Sinn für Humor, Freude am Leben usw ist nicht vom IQ abhängig. Natürlich bewegen sich die Pointen der Ironie auch auf einem wesentlich höheren Niveau. Man kann hochgebildeten Menschen einfach Witze der Art.. „kommt ein Mann zum Arzt…“ nicht zumuten. Da aber auch die Arroganz unter uns gleichverteilt ist, kann das bei einem IQ über 150 kritisch werden.

  3. Sprachwitz und (kollektive) Intelligenz
    Und da kommen wir zum „Sprachwitz“. Also die Fähigkeit mit der Sprache richtig viel Unsinn zu treiben. Den anderen zu verwirren, ja zu täuschen. Grob gesagt, kann man sagen, dass das Potential einer Sprache diesbezüglich umso größer ist, als es in dieser Sprache für eine Sache, ein Ding, ein Thema… Wörter/Begriffe gibt. Begriffe, die auch anderes meinen (können), ja – müssen. Und wenn ich mich damit beschäftige, kommt mir immer wieder Hafiz in den Sinn, dessen listige Allegorien, also Spiel mit der Sprache, die Gemüter selbst nach 1000 Jahren nicht ruhen lässt. Und vermutlich ist ein solches Potential ein Indiz für die (kollektiv erworbene) hohe Intelligenz innerhalb eines Volkes, das diese Sprache beherrscht. Und das wiederum relativiert den IQ als Gradmesser derselbigen (die dann am Einzelnen gemessen werden soll) doch gewaltig.

  4. Das Problem der philosophischen Betrachtungen
    Es wird im Text gesagt. Geisteswissenschaftler besetzen den unteren Level des IQ-Ratings. Philosophen sind Geisteswissenschaftler, gehören also zu dieser Gruppe.
    Somit ergibt sich glasklar, dass diese minderbemittelten bedauernswerten Menschen (Philosophen) den Erkenntnissen der höher stehenden Naturwissenschaftler gar nicht erst folgen können. Damit geht aber jede Kritik fehl, sie verpufft.

    • Diese Behauptung ist in vielfacher Hinsicht fragwürdig
      Erstens gibt es zum Thema diverse Studien und die Ergebnisse sind durchaus nicht immer gleich, selbst wenn Ingenieure und Physiker meist oben stehen. Zweitens, ist der Abstand zwischen den Berufsgruppen zwar erkennbar, aber nicht besonders bedeutsam. Wie viel machen denn bitte 5 IQ Punkte aus? Drittens heißt das dann auch, dass es zahlreiche Geisteswissenschaftler gibt, die intelligenter sind als viele Ingenieure, etc. Viertens messen IQ Tests insbesondere mathematisch-technische Fähigkeiten und weniger soziale Intelligenz oder diverse andere durchaus relevante Fähigkeiten und überschätzen entsprechend die „Intelligenz“ der Absolventen technischer Studiengänge. Zuguterletzt, sollte man die Qualität philosophischer Betrachtungen vielleicht nicht anhand pauschaler Werturteile über Philosophen messen, sondern daran, ob diese überzeugend sind oder nicht.

  5. Die wahren Witzfiguren sind die BWLer
    Für mich sind die Betriebswirte eher die Witzfiguren. Sie kleben auf ihr Studium das Attribut „Wissenschaften“ und verpassen sich dann diplomierte Ehren und haben sich mit einem Trick sogar den Schein eines Nobelpreises erschwindelt (der überhaupt keiner ist, sondern von einer Bank verliehen wird). Tatsächlich haben die BWL-Banalitäten mit Wissenschaften soviel zu tun, wie ein bunt bemaltes Ei mit dem Hasen. Nämlich nichts. Gleichwohl meinen die Krämerseelen für sich in Anspruch zu nehmen, den Lauf der Dinge zu steuern: In Unternehmen, im Gesundheitswesen, in der Kunst, in der öffentlichen Wohlfahrt. Schaut man genauer hin, erkennt man, dass Betriebswirte nichts Neues schöpfen. Sie verwalten mit Zahlen, das was Ingenieure, Physiker, Biologen, Chemiker, ITler, Techniker ertüfteln, erforschen, entwickeln. Jedenfalls waren Siemens, Benz, Bosch, Zuckerberg, Dell keine BWLer…

    • "Betriebswirt"
      Eigentlich spricht die Bezeichnung für sich selbst.
      Es sind Techniker, ausgerüstet mit Tools aus diversen Disziplinen. Allerdings sind sie deswegen dennoch keine Witzfiguren… Ihr Tun ist praktischer Anwendernatur…Wir brauchen sie.
      Das „Sagen“ sollten sie allerdings, diese Demut müssten sie freiwillig überstreifen, nicht haben.
      Wer wirklich über einen sehr, sehr hohen IQ verfügt, wird kaum auf andere Wesen „herabschauen“.

  6. An der Realität vorbei
    Ich selbst bin Ingenieur und 30, interessiere mich für Weltraumforschung, schaue gerne Star Trek und habe als Kind Comics gelesen. In meinem Freundeskreis habe ich weitere Ingenieure sowie Drs der Chemie und Physik.
    Und nein, keiner von uns in dem Alter (30+-3) lebt bei seiner Mutter, keiner von uns hat Probleme Frauen (erfolgreich) anzusprechen, ganz im Gegenteil, niemand läuft mit einer Batman Gürtelschnalle rum oder hat sonst einen Knacks weg.

    Und selbst ein „echter Sheldon Cooper“, den ich bei uns am Gymnasium Ehingen erleben durfte, war / ist kein lebensfremder Vollhonk.

    Die Serie können max Leute lustig finden, die in Mathe bereits in der Grundschule auf Durchzug gestellt haben.

  7. Zu erwähnen..
    wäre noch, daß Sheldon irgendwie auch autistische Züge oder dem
    Authismus verwandte Schwächen wie Fähigkeiten haben muss, da sein
    Empathie Vermögen == 0 ist;Er nur ‚intelektuell‘ die Gefühlslage anderer einschätzen kann. Diese Eigenart sorgt zumindest anfänglich
    auch für sehr viele Lacher.

    Die Serie beweisst für mich die Vitalität des amerikanischen Humors und die Professionalität der knallharten Hollywood Maschine.

    Alle Charaktere sind einzigartig und ein fast disjunktes Puzzleteil der ganzen Story. Man will auf keinen verzichten.

    Auch wenn vom Genre her nicht verlgeichbar, steckt in einer Folge dieser
    Serie soviel Geist wie z.B in 20 Tatorts oder 29000 „Markus Lanz“.

  8. Hamburg Wechsler
    Die tiefere Ironie der Serie liegt doch darin, dass ein hoher IQ wenig über irgendwelche Fähigkeiten aussagt-Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst und der erfasst in der Regel Fähigkeiten wie die von Sheldon. Karriere macht man als Naturwissenschaftler genau wie im Rest des Universums nur als Soziopath. Die wesentlichen Menscheitsprobleme treffen alle gleichstark, nur dass Unwissenheit manchmal tröstlich sein könnte.

    • IQ von 187
      Kleine Hypothese:
      Was wäre, wenn die Drehbuchautoren IQ,akademische Titel und Stellung in der Arbeitswelt weggelassen hätten, sonst aber weitgehende Übereinstimmung mit dem Plot bestände?

  9. Gut konstruiert
    Vielleicht ist die Serie auch deshalb so erfolgreich, weil es über die Jahre nie langweilig wurde? Mit 4 eher schrägen Typen zu starten ist das eine. Doch wenn diese bis heute Insider-Witze machen würden, würde niemand mehr zuschauen. Stattdessen haben die sukzessive eingeführten weiblichen Figuren den Spannungsbogen erhalten.

  10. Ein Montag ohne Sheidon
    ist ein verlorener Tag

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