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Hans Joachim Schellnhuber: „Selbstverbrennung“

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Dieses Buch beginnt mit einem Satz, den man eigentlich nur missverstehen kann, und der sich nur aus einem einzigen Grund am Ende vielleicht doch nicht gegen den Autor wendet: Dann nämlich, wenn die Weltgemeinschaft in wenigen Tagen auf dem Pariser Klimagipfel endgültig die Weichen für eine Entschleunigung des Klimawandels stellt und das ganze Weltrettungsunternehmen dann tatsächlich gelingen sollte. Der kritische Satz lautet: „Dieses Buch handelt von der größten Geschichte aller bisherigen Zeiten.“

Hans-Joachim Schellnhuber, zweifellos eine der schillerndsten Figuren in der Klimaforschung und einer der klügsten, eifrigsten, scharfzüngigsten und schon deshalb auch umstrittensten intellektuellen Freischwimmer im politischen Haifischbecken, leitet mit diesem Satz ein denkwürdiges Buch ein, das alles, nur eben keine Erfolgsgeschichte beschreibt. Bisher jedenfalls nicht. Schellnhuber erzählt anfangs aus der sehr persönlichen Sicht eines Autobiographen, später mit dem Gestus des Klimaforschers und Lehrers, schließlich in der Rolle des leidenschaftlichen Aktivisten, die Geschichte einer zivilisatorischen Katastrophe.

Die ungebremste Klimaerwärmung der vergangenen Jahrzehnte ist für ihn das größte Versagen einer Zivilisation, die er am liebsten und eigentlich schon gar nicht mehr als solche bezeichnen würde. Denn diese Gesellschaft ist für ihn im Begriff, ihre Wurzeln in der Aufklärung leichtsinnig und wider besseres Wissen mit rußschwarzen Händen selbst herauszureißen. Das sind nicht genau die Worte Schellnhubers, aber sein Buch über die „Selbstverbrennung“ ist in einer ähnlichen Diktion geschrieben, so düster und so voller schwarzer, teils eben auch schräger Metaphern, dass einem gelegentlich schwindelig wird.

Die Intention des Autors ist klar: Er möchte, dass die Dimension der „Klimaherausforderung“ (wie es gelegentlich überraschend harmlos formuliert wird) wirklich jedem unter die Haut geht, buchstäblich ins Mark, ja, dass sie nun endgültig auch den letzten zu denken gibt, die aus Bequemlichkeit, Ideologie oder blankem ökonomischen Widerwillen über die ökologischen (und ökonomischen) Missstände auf diesem Planeten hinweg sehen.

Hans Joachim Schellnhuber Foto F.A.Z.Hans Joachim Schellnhuber Foto F.A.Z.

Dass die dafür gewählte Form, eine flotte Mischung aus Sachbuch, Streitschrift und Autobiographie, ausgesprochen kurzweilig und deshalb nicht die ungeeignetste ist, kann schon gut sein. Fest steht aber auch: Mehr als siebenhundert Seiten im gedruckten Buch, gut tausend im E-Book, sind eine echte Hürde. Als wollte der Autor seine Leser durch einen riesigen Wirbelsturm schicken und immerzu durchrütteln, so reiht Schellnhuber eine moralisierende Episode an die nächste.

Moral, das ist überhaupt eines der Hauptmotive für ihn. Nur durch Empathie und schnelle Einsicht, so glaubt der Potsdamer Klimaforscher, der schon den Papst und Angela Merkel beriet, kann die Weltgemeinschaft noch rechtzeitig die Kurve kriegen und verhindern, dass die globale Temperatur über jene in der Klimadiplomatie längst zentralen zwei Grad steigt, deren politische Verwurzelung er für sich in Anspruch nehmen darf.

Die längste Zeit in seiner steilen wissenschaftlichen Karriere war Schellnhuber überzeugt, die Kraft der gelehrten Argumente könnte überzeugen und die aushilfsweise mit Klimamodellen erzeugten Schreckensbilder ausgedorrter, verwüsteter oder endgültig verlorener Lebensräume könnten dafür sorgen, dass Vernunft und der Nachhaltigkeitsgedanke in die große Politik einkehrt. Nach der desaströsen Klimakonferenz in Kopenhagen aber war es um diese Überzeugung endgültig geschehen. Schellnhuber schildert diesen intellektuell ernüchternden Prozess so lebendig, wie ihn wohl kein zweiter Klimaforscher weltweit tun könnte. Er hat das Temperament, die politische Erfahrung und die Eloquenz, um das spannend in Geschichten zu packen. Aber in seinen persönlichen Schilderungen kommt eben auch die Enttäuschung zum Tragen, die ihn als politischen Kopf und Klimaforschungsmanager heute prägt.

Dass viele Kollegen etwa den Versuch unternommen haben, Anpassung als klimapolitisches Ziel gleichzusetzen oder gar höher anzusetzen als die nötige Verringerung der Treibhausgas-Emissionen trifft ihn schon sehr. Das sind für ihn gefährliche Ablenkungsmanöver. Aus demselben Grund kreidet er vielen Experten an, kommen sie aus der Industrie oder aus der Akademia, dass die „Klimamanipulation“ als Notlösung des Klimawandelproblems so salonfähig werden konnte. Die Sonne mit utopischen Spiegelkonstruktionen abzuschirmen, die Meere mit Eisen zu düngen und damit die Algen als Müllabfuhr des Klimagiftes Kohlendioxid einzusetzen, und die diversen anderen Ingenieurskonzepte hält er nicht nur für wissenschaftlich und moralisch fragwürdige Unternehmen. Er fürchtet ganz konkret, dass solche nachgelagerten technologischen Lösungsvorschläge den Klimaschutz als Ganzes boykottieren könnten – den Klimaschutz und damit auch sein gesamtes Lebensprojekt.

Schellnhuber ist als Wissenschaftler dort angekommen, wo auch ökologisch engagierte Klimapolitiker  ihre Hoffnungen säen: in der Zivilgesellschaft. Er ergreift Partei für ein „Weltbürgertum“ der Nachhaltigkeit. Er setzt darauf, und gibt dafür auch seine akademische Neutralität sehr vorsätzlich auf, dass nicht er mit seinen Kassandrarufen das Ruder herumreißt, sondern am Ende die Klugheit der besorgten Massen – die Schwarmintelligenz der Vernünftigen. Es ist kaum zu übersehen in diesem klimapolitischen Vermächtnis, dass er in dieser Hinsicht sogar durchaus optimistisch ist. Ganz anders als in seiner Einschätzung der klimapolitischen Kaste.

Unsere Leseprobe beginnt mit dem 28. Kapitel: „Klimaschutz als Weltbürgerbewegung“

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Die Leseprobe umfasst 50 Seiten.

Weitere Fragen zu den Funktionen des Lesesaals beantworten unser Erklärvideo und diese Sobooks-Seite.

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7 Lesermeinungen

  1. Wer sich mit dem Menschen und dem Klima beschäftigt, muss verzweifeln
    Wenn sich Fliegenmaden über einen Kadaver hermachen, bewirtschaften sie diesen nicht gerade nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit. Wenn dann alles aufgefressen ist, muss der Rest eben sterben. Genauso geht der Mensch mit diesem Planeten um. Mit dem Unterschied, dass die Fliege die Chance auf einen neuen Kadaver hat, der Mensch aber keine Chance auf eine zweite Erde. Hier beende ich meine entomologischen Vergleiche, da sie sonst die Gefühle einiger -besonders empfindsamer- Klimaleugner verletzen könnten. Es ist wohl das Beste die Klimakatastrophe einfach zu ignorieren und so zu tun als wäre nichts gewesen. Denn, und um diese Erkenntnis kommt wohl auch Herr Schellnhuber nicht herum, der Klimawandel ist ein Naturereignis. Genau wie die menschliche Dummheit. Was ja nicht heißt, dass Naturereignisse auch in Kausalketten auftreten können.

  2. Spezialisten, die sich ganz sicher sind
    Eine Buchempfehlung in der rechten Spalte neben diesem Artikel beginnt mit der Eingangsfrage „Gibt es etwas Lustigeres als Spezialisten, die sich ganz sicher sind?“ Tatsächlich, ich musste lachen – weil diese Frage auch so gut passt zum Thema „Anthropogener Klimawandel“. Schon in der Schule habe ich gelernt, dass sich das Erdklima in großen Zyklen stets sehr stark verändert hat, von Eiszeiten über Zwischenperioden in warme Perioden und zurück. Und das geschah bereits, als es auf diesem Planeten keine oder nur ein paar Menschen gab. So wird es auch jetzt wieder sein, und wir können nichts, rein garnichts daran ändern. Wer sagt übrigens, dass das augenblickliche Klima unbedingt erhaltenswert sei? Warmzeiten waren jedenfalls wirtschaftliche Blütezeiten. Aber ist auch egal – das Klima macht sowieso,was es will. Und könnte es, dann würde es lachen – ob der menschlichen Dummheit;-)

    • Überbleibsel aus den 50er Jahren
      Mit dem was Sie schreiben treffen Sie durchaus einen wunden Punkt und ich denke, dass die „Klimaforschung“ und ihre Schlussfolgerung, der Mensch zerstöre die Erde, ein Überbleibsel aus den 40er und 50er Jahren ist, einer Zeit, in der die Menschheit so ignorant wurde, dass sie glaubte, die ganze Erde mit ihren Atomwaffen auslöschen zu können.
      Der Mensch kann sicher viel Unheil anrichten und sich vielleicht auch selbst ausrotten. Aber die Erde und alles Leben wird er nicht ausrotten können, dafür gibt es zu viele Organismen, denen der Mensch egal ist, vor allem der ignorante und der dumme. Gras hat Zeit und ist schon öfter wieder gewachsen, nachdem Asteroiden auf der Erde eingeschlagen sind, die das 50fache an Schaden aller Atombomben angerichtet hatten.
      Der Mensch muss vor allem eines lernen: Bescheidener zu werden und sich wieder auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren: Leben.

  3. Flugverkehr
    Der Anteil des Menschen am CO2-Gehalt der Atmosphäre beträgt etwa drei Prozent. Wenn man das nun als wesentlichen Faktor für die Erderwärmung ansehen will, frage ich mich, warum nicht gerade der Flugverkehr auf der Verbotliste der Klimaretter steht. Das in großer Höhe ausgestoßene CO2 wirkt sich, vorausgesetzt die Prämisse stimmt, unmittelbar und dramatisch klimaschädlich aus, während das auf der Erdoberfläche freigesetzte CO2 zum überwiegenden Teil im Kohlenstoffkreislauf wieder abgebaut wird. Stattdessen wird der Flugverkehr auf Teufel komm raus gefördert.

  4. Die Bedingungen der Möglichkeit die Welt zu retten
    Das Weltklima hat keine starke Lobby. Wenn wir das Problem lösen wollen, brauchen wir eine Wirtschaft die nach besseren Regeln funktioniert. Die Kosten für Natur und Gesellschaft werden heute vergemeinschaftet und die Gewinne privatisiert und unter dieser Prämisse ist das Problem nicht zu lösen. Was wir brauchen ist ein differenzielles Steuermodell, das öffentliche Kosten bei der Herstellung einer Ware einpreist und auf den Verursacher zurückkoppelt. Es muss zum Luxus werden ein Billigprodukt herzustellen und zu kaufen. Bio und Fairtrade-Ware muss so billig werden, das sich nur noch die Reichen Ware aus Sklavenhaltung leisten können. Das ist das Ziel. Es ist nur erreichbar mit dem Gegenteil von TTIP. Wir brauchen Zölle um soziale und Umweltkosten in den Quellländern auf dem Warenpreis abzubilden.

  5. Zu einseitig!
    Als ob der Klimawandel das einzige Problem wäre. Zudem gibt es auch andere Theorien wie z.B. den Einfluss der Sonnenaktivität, wie sie der dänische Prof. Svensmark entwickelt hat.

    Unser Hauptproblem ist das Wachstum, denn unser Wohlstand basiert auf einer Steigerung des BIP und dieses hat einen ökologischen Preis, der sich nicht abkoppeln lässt.

    Die Folgen dieses Wachstums sind:

    1. steigende Treibhausgas-Emissionen (mit oder ohne Effekt)
    2. steigender Verbrauch fossiler Energieträger (erhebliche Folgen)
    3. steigender Flächenverbrauch
    4. Bodenknappheit (Landwirtschaft)
    5. hohe Biodiversitätsverluste (Überdüngung, Flächenverbrauch)
    6. Phosphor-Verknappung
    7. überfischte Weltmeere
    8. Müllteppiche in den Ozeanen und Müllberge in aller Welt

    Die von Schellnhuber gepriesenen regenerativen Energien zeigen leider erhebliche Probleme:
    – Die Bioenergie ist in vielen Bereichen kontraproduktiv.
    – Sonnen- und Windenergie sind unstetig.

  6. Problem
    Ich habe ein Problem mit der Klimaforschung: Diejenigen, die den Zeigefinger heben, fangen wie immer bei den anderen an. Sie jetten um die ganze Welt um ihre Bedenken an alle weiterzugeben, produzieren aber damit selbst ein vielfaches an CO2 im Vergleich zu einfachen Menschen, die jeden Tag sich um ihre Familie kümmern.
    Das ist absurd und auch heuchlerisch. Zudem klagen sie jene an, denen eigentlich nichts anderes übrig bleibt, als der Nachfrage nachzukommen, wenn sie nicht sofort pleite gehen wollen: Die Manager der Multinationalen Konzerne.
    Und die Nachfrage verlangt immer mehr materielle Bequemlichkeit mit immer schnelleren Produktionsprozessen.
    Die richtige Lösung ist Entschleunigung, reduzieren der unnötigen Konsumgüter. Alle zwei Jahre ein neues Handy anstatt jedes halbe Jahr ein neues Handy. Und Umdenken kann nur von unten kommen. Die „Klimaprediger“ aber wollen „die Elite“ belehren. Der Ansatz ist falsch.

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