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Joachim Meyerhoff: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“

Wer den neuen Roman von Joachim Meyerhoff in die Hand nimmt und Schauspieler werden möchte, wird womöglich seinen Berufswunsch ändern. Aber nicht etwa, weil sich der Autor über das Theater beklagen würde. Dazu hat Meyerhoff, der mit Engagements in Wien, Hamburg und Zürich an den wichtigsten deutschsprachigen Bühnen zu sehen ist, wohl auch keinen Grund. Meyerhoffs Erinnerungsprojekt, an dem der Achtundvierzigjährige seit Jahren schreibt, nimmt sich im dritten Teil die Jahre an der Münchner Schauspielschule Otto Falckenberg vor. Und wie sehr man den Neuling dort in seine Einzelteile zerlegt, bis buchstäblich nichts mehr von ihm übrig bleibt, davon erzählt „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“.

Der Ton ist dabei so komisch wie traurig und selbstironisch „Du denkst nicht“, giftet bei den Proben die Schauspiellehrerin den jungen Mann an. „Du musst jetzt mal raus aus diesem Sportlerkörper“, mahnt der Direktor. Es gibt Sätze, schreibt Meyerhoff, die dringen ins Gehirn „wie Marder ins Elektrizitätswerk“. Oft genügt ein Satz, um das ganze System zum Erliegen zu bringen. Irgendwann ist es so weit, dass Meyerhoff sein Lachen, seine Stimme, ja seinen eigenen Atem nicht mehr erträgt.

In den ersten beiden Bänden seiner autobiographischen Fiktion, „Alle Toten fliegen hoch“ aus dem Jahr 2011 und „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ (2013), erforschte Meyerhoff seine Kindheit, die er als Sohn des Direktors einer psychiatrischen Einrichtung in Schleswig verbrachte. Darin schilderte er ein Heranwachsen unter Verrückten und einem zu Hause grassierenden Wahnsinn. Im zweiten wie im ersten Band, der von einem Austauschjahr in Amerika handelt, geht es um Lust und Verlust, um Sehnsucht und den Aberwitz des Lebens. Das unbeschwerte Dasein des Erzählers findet ein abruptes Ende, als sein mittlerer Bruder bei einem Unfall ums Leben kommt. Auf der Suche nach Trost gerät er an die berühmte Otto-Falckenberg-Schule, bei der er sich eher halbherzig beworben hatte.

Doch statt Ruhe und Linderung findet er sich aufs Neue im Bannkreis der Verrücktheit wieder, und das gleich in zweifacher Hinsicht. Denn seine Studienjahre verlebt der Erzähler im Haus seiner Großeltern im noblen Stadtteil Nymphenburg. Da prallen zwei unvereinbare Lebensentwürfe aufeinander. Vormittags in der Schule stehen Überforderung, Chaos und Unberechenbarkeit an der Tagesordnung. Abends strandet der Schüler in der vertrauten Welt seiner Großeltern, die, gesättigt mit Vergangenheit, „wie zwei wertvolle Uhren vor sich hin tickten“.

Der Kontrast zwischen der großelterlichen Villa der Stille und der angstbesetzten Schule, die dem Neuling bald als bedrohliches Spiegellabyrinth erscheint, könnte größer nicht sein. In der Welt der Großeltern hat kein Möbelstück, keine Schale, kein Teppich je seinen Platz gewechselt, während in der Schule die Welt jeden Tag aufs Neue aus den Fugen gerät.

Joachim Meyerhoff Foto: Jacqueline GodanyJoachim Meyerhoff        Foto: Jacqueline Godany

Nicht chronologisch, sondern assoziativ wie in der Psychoanalyse arbeitet Meyerhoff sich in die Vergangenheit vor. Nicht anders als der Hausangestellte der Großeltern, der Stunden am Nymphenburger Küchentisch damit verbringt, die winzigen Bruchstücke von zerschlagenem Porzellan mit Sekundenkleber zu etwas Neuem zusammenzufügen, kittet Meyerhoff erzählerisch eine Erinnerungsscherbe an die andere. Indem er erfindend rekonstruiert, sucht er Nähe zur Vergangenheit zu erzeugen. Der Tod und das Sterben, mithin die Vergänglichkeit, stehen dabei auch hier wie in all seinen Büchern an zentraler Stelle.

Komisch-grotesk, aber nicht denunziatorisch legt der Erzähler die Demütigungsrituale an der Schauspielschule offen. Bezeichnenderweise findet die Eröffnungszeremonie für die Neuankömmlinge im verspiegelten Ballettsaal statt. Findet die Ichfindung des Kleinkindes nach Lacan während der ersten Monate statt, wird man in diesem Spiegelstadium alles daransetzen, das Ich zu demontieren und zu entmutigen. Dass schon im Schneidersitz ein ungeheures Maß an Gelingen und Misslingen liegen kann, ist die quälende Erkenntnis der ersten Stunden. Und was passiert, als Joachim Meyerhoff einen Auszug aus Fontanes „Effi Briest“ als Nilpferd darstellen soll, das können Sie in dem hier vorgestellten Kapitel selbst nachlesen.

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Die Leseprobe umfasst 27 Seiten.

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