F.A.Z. Lesesaal

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Sven Hänke: „Nackte Hochzeit. Wie ich China lieben lernte“

In seinen ersten chinesischen Nächten lag der junge deutsche Dozent noch oft stundenlang wach in seiner Wohnung im Expertenheim. So viel Befremdliches begegnete ihm jeden Tag. „Kam man früher als sonst nach Hause“, heißt es in dem Buch, das seine Erlebnisse schildert, „saß manchmal eine Putzfrau auf dem Sofa im Wohnzimmer des Apartments, sah fern oder plauderte angeregt am Telefon. Wenn man sie daraufhin fassungslos anstarrte, sagte ihr Gesichtsausdruck ungefähr Folgendes: ‚Ist schon gut. Ich geh ja gleich, fremder Mann. Und stell dich bloß nicht so an. Das hier ist China. Die Gemeinschaftstoilette in meinem Wohnblock hatte früher nicht einmal Wände, also hab dich nicht so. Du bist ohnehin bald wieder in deinem wohlstandsverwahrlosten Heimatland. Und an dem Tag, an dem du genug Chinesisch sprichst, dass die Rezeption deine Beschwerde versteht, bin ich längst in Rente. Also mach halblang.“

Das hier ist China: Die Pointe der Passage liegt im unerschütterlich guten Gewissen, mit dem sich die beiden Repräsentanten ihrer Kulturen da im Dozenten-Apartment begegnen. Der Deutsche – „fassungslos“ – weiß, dass er als Gast der Universität ein Recht auf Privatheit in dem ihm zugewiesenen Apartment hat; die Chinesin – „hab dich nicht so“ – weiß, dass der Deutsche bald wieder weg ist, sie aber bleibt, und dass er, wenn’s hart auf hart kommt, ohnehin kaum eine Möglichkeit hat, sich verständlich zu machen. Es geht bei dieser winzigen Begebenheit nicht nur um unterschiedliche Logiken und unterschiedliche Erwartungshaltungen, sondern auch um unterschiedliche Rechenschaftsräume, die das alltägliche Aneinandervorbeisegeln stets von neuem verblüffend, aber auch lustig machen können. Sven Hänke, der als DAAD-Lektor sechs Jahre in China verbrachte, hat jetzt viele solcher Mikroszenen protokolliert, mit großem Sinn für deren komisches Potential, durch das sich eine Menge über China, aber einiges auch über die eigene Perspektive in Erfahrung bringen lässt.

So gelingt es ihm, Details des chinesischen Lebens mit leichter Hand zur Sprache zu bringen, die sonst dem abstrakt politischen Zugriff oder einer neckischen Lebensstil-Beobachtung zum Opfer fallen, seien es die hohen Preise, die man für bestimmte Telefonnummern zahlen muss, oder die Gewohnheit, Taschen auf keinen Fall aufs Sofa zu legen. Dank der Selbstironie des Autors hat man nie das Gefühl, dass das Fremde von oben herab seziert wird. „Das größte Problem beim interkulturellen Miteinander ist ja nicht, dass man über die andere Kultur zu wenig weiß“, schreibt Hänke an einer Stelle über den Anteil der Willkür im Kulturdialog: „Die wirklichen Probleme entstehen immer dann, wenn man verstanden hat, wie es läuft, es aber unter keinen Umständen akzeptieren kann. Einige der Zugereisten werden im Lauf der Zeit zu Chinahassern, zu wahren ‚Drachentötern’, andere zu ‚Pandaknutschern’. Sie bezeichnen sich als ‚Ei’: außen weiß, innen gelb.“

###Sven Hänke              Foto: Studioline Photography

Dass auch die Politik, namentlich die Herrschaft der Kommunistischen Partei, bei dieser Scheidung der Gemüter eine Rolle spielt, behandelt das Buch nicht. Die KP kommt mit ihrer Propaganda nur wie das Rauschen „aus einer längst untergegangenen Epoche“ vor, etwa wenn erzählt wird, wie die Studenten während einer politischen Schulungsveranstaltung in ein „kollektives Massennickerchen“ verfallen. Der Autor gibt zu erkennen, dass diese Marginalität der Macht nur eine scheinbare ist. Doch vielleicht weil die politische Analyse den Blick auf China sonst dominiert, konzentriert er sich auf etwas, was seltener unternommen wird: die Beschreibung des Alltags. „Was waren die kommunistischen Knalltüten doch für Spaßvögel“, heißt es einmal, als der Autor wieder mal auf die Ignoranz der Zensoren stößt. Doch gerade weil tatsächlich auch viele Chinesen auf die Zumutungen derer da oben ähnlich achselzuckend reagieren, wäre es lohnend gewesen, auch diesen blinden Fleck in die Schilderung einzubauen.

Doch wer diese Aussparung im Hinterkopf behält, kann durch das Buch viel über das Innere Chinas erfahren. Die Falle der China-Experten-Attitüde, die schon so viele Bücher unlesbar oder wenigstens unsympathisch gemacht hat, vermeidet das Buch mit einem entscheidenden dramaturgischen Kniff: Der Autor erzählt einfach seine eigene Geschichte mit China, die zu einem nicht unwichtigen Teil die Geschichte mit einer Chinesin ist, seiner jetzigen Frau, im Buch Dingding genannt. Hänke zitiert das chinesische Sprichwort „Liebe Haus, liebe Raben“, demzufolge die Liebe zu einem Menschen auch dessen Familie und alles, was dazugehört, einschließt. So vollzieht der Leser von der ersten Begegnung mit der burschikosen Studentin mit Armeestiefeln bis zur schon im Titel aufgerufenen „nackten Hochzeit“ fast unmerklich den Prozess der fortschreitenden Sinisierung nach, den der Autor im Zuge seiner Liebe vollzogen hat.

In der aktuellen chinesischen Terminologie bezeichnet „nackte Hochzeit“ eine Eheschließung, die ganz ohne die Sicherungen auskommen muss, die für Ehen unter Stadtbewohnern in den letzten Jahrzehnten als unerlässlich angesehen wurden: also ohne Karriere, Eigentumswohnung und Auto. Später, als die beiden auch vor einem deutschen Pastor heiraten wollen, muss der Erzähler feststellen, wie chinesisch er schon geworden ist. Der Pastor befragt sie einzeln danach, welchen gemeinsamen Traum sie in ihrer Ehe erfüllen wollen, da wünscht sich Dingding einfach nur, glücklich und zufrieden miteinander zu leben, während der Deutsche sagt: „Eine Wohnung und ein Auto kaufen“. Chinas munterer Materialismus ist ansteckend.

Unsere Leseprobe beginnt mit dem 11. Kapitel: „Die heutigen Barbaren“

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Die Leseprobe umfasst 22 Seiten.

Weitere Fragen zu den Funktionen des Lesesaals beantworten unser Erklärvideo und diese Sobooks-Seite.

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