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Misha Glenny: „Der König der Favelas“

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Damals war er der Staatsfeind Nummer 1: Als er im November 2011 verhaftet wird, geht die Nachricht um die Welt. Dreitausend schwerbewaffnete Polizisten dringen in mehrere Slums von Rio de Janeiro ein, um der politisch beschlossenen „Befriedung“ Taten folgen zu lassen. Durch Zufall fällt ihnen als Beifang, versteckt im Kofferraum eines schwarzen Toyota Corolla, Antônio Francisco Bonfim Lopes in die Hände.

Die Fernsehsender übertragen live, die Szenerie erinnert an die Verhaftung von O. J. Simpson in Los Angeles. Polizisten machen Selfies, und gleich drei verschiedene Polizeieinheiten streiten sich um den berüchtigten Drogenboss, den man weithin als Nem von Rocinha kennt. Nem als Kosewort für ein Baby, Rocinha ist der Name des Armenviertels, das keine zweihundert Meter von den Villenvierteln Gávea und Leblon entfernt liegt. Rechtsfreier Raum und Heimat für bis zu dreihunderttausend Menschen, Armut unmittelbar neben Reichtum.

Der Drogenboss der größten Favela im Herzen der Metropole war aber nicht nur einer der wichtigsten Treibriemen im Handel und Transport von Kokain, er ist auch eine Art Übervater, der in Personalunion den Präsidenten, Premierminister und größten Arbeitgeber der Favela abgibt, die unter seiner Herrschaft eine einzigartige Phase der Stabilität erlebt. Was die Polizisten nicht wissen können: Nem war drauf und dran, mit den Behörden einen Deal zu machen, der seinen Ausstieg vorbereiten und die prekäre Sicherheitslage der Stadt stabilisieren sollte.

Denn Rio stehen zwei Mega-Events ins Haus, deren effizienter Durchführung sich die Stadt unbedingt würdig erweisen will – die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016. Zu dem Deal kommt es nicht mehr, Antônio Bonfim Lopes sitzt nun seit mehr als vier Jahren in Hochsicherheitsgefängnissen und wartet auf seinen Prozess. Angeklagt ist er unter anderem wegen Anstiftung zum Mord an zwei jungen Frauen.

###Misha Glenny                       Foto: Jens Gyarmaty

Dem englischen Journalisten und Sachbuchautor Misha Glenny gelingt, was Nem brasilianischen Journalisten verwehrt hat: Im Sommer 2012 sitzt Glenny zum ersten Mal in einem Hochsicherheitsgefängnis in Campo Grande, zehn Besuche werden es am Ende, dreißig Stunden Gesprächsmitschnitt. Er bohrt tiefer, lernt die Sprache, befragt Polizei, Freunde, Gegner, Familie, zieht in die Favela, liest sich durch Zeitungsarchive und Bibliotheken. Das Ergebnis kondensiert er auf den vierhundert Seiten seines Buches „Der König der Favelas“

Glennys Ausgangsfrage: Wie hat es Nem geschafft, fünf Jahre lang Chef der Favela zu? Normalerweise hält ein Boss höchstens eineinhalb Jahre durch. Zudem liegt bei so einem Unterfangen der Verdacht nahe, der Autor habe sich von seinem Gegenstand um den Finger wickeln lassen. Zumal António ins Drogengeschäft aus einem Grund kam, der einer Telenovela entsprossen sein könnte. Seine erstgeborene Tochter erkrankte als Baby an einer seltenen Krankheit. Der Vater konnte nicht genügend Geld für die kostspielige Behandlung auftreiben und bat den örtlichen Drogenboss um finanzielle Unterstützung. Die wurde ihm gewährt, im Gegenzug erwartete man sein Engagement im Gewerbe. Dank seines Organisationstalents stieg er schnell auf.

Das Buch ist eine klug komponierte Mischung aus O-Tönen, Reportageelementen, historischer Abhandlung, politischer Analyse. Glenny weiß: Das Kokain kam erst vor dreißig Jahren nach Brasilien. „1984 begann es in Rio zu schneien, und seitdem hat es nicht mehr aufgehört.“ Mit dem Drogenhandel kam eine beispiellose Welle der Gewalt, jedes zehnte Mordopfer des Planeten ist heute ein Brasilianer, fast immer ein junger Schwarzer.  Brasiliens jüngste Geschichte ist auch eine Kriegsgeschichte im Inneren, die, wie der Autor bei seinen Recherchen feststellte, weder im Land noch in Europa gut erforscht ist.

Zwar habe Nem schnell erkannt, dass eine befriedete Favela den Geschäften zuträglicher ist. Aber was er nicht erkannt habe, sei der Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und Gewalt auf der Straße. „Er sieht in der Gewalt, die er gegenüber seinen Frauen und Freundinnen einsetzte – regelmäßig und gelegentlich sehr heftig -, kein Problem, nur in bewaffneter Gewalt in der Öffentlichkeit.“

Was wird aus dem ehemaligen Drogenboss? „Er wird in Hollywood enden, oder er wird tot enden“, sagt Glenny nüchtern. Wenn es ihm gelingt, die Filmrechte an der Geschichte von Nem zu verkaufen, wird er zusammen mit der Familie ein Drittel des Erlöses in eine Stiftung stecken und in Rocinha etwas für die Ausbildung der Kinder tun. Im günstigsten Fall wird der gestürzte Nem noch sechs, sieben Jahre absitzen, im ungünstigsten lebenslang bekommen.

Eine Prognose, wie stabil die Lage während der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro sein wird, verweigert das Buch. Aus naheliegenden Gründen: Trotz des Befriedungsprogramms für die Favelas sind in Rocinha die Waffen längst zurück.

Das Buch, ein Sachbuch-Krimi, beginnt nach einem Vorwort mit der Verhaftung Nems:

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Die Leseprobe umfasst 25 Seiten.

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