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Herman Melville: „Bartleby, der Schreiber“

| 3 Lesermeinungen

Zum ersten Mal präsentieren wir im F.A.Z. Lesesaal den Gesamttext eines literarischen Klassikers in gemeinfreier Fassung und ohne Leseschranke. Übersetzt hat Melville der Anglist und F.A.Z.-Autor Jan Wilm, der im folgenden auch in „Bartleby“ einführt. (die Redaktion)

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„Ach Bartleby!“ Genügsamer und widerspenstiger Bartleby, Prophet der Gelassenheit, behutsamer Oblomow New Yorks, schweigender Verfechter des Rechts auf Faulheit, Kämpfer für das leise aber wirkmächtige Nein. Nein, nicht genau Nein, sondern eher: „Ich möchte das lieber nicht tun.“

Herman Melvilles kurze Erzählung „Bartleby“ von 1853 steht in seiner erzählerischen Wucht dem zwei Jahre zuvor erschienenen, monumentalen Meisterwerk seines Autors, dem weißen Wal der amerikanischen Literaturgeschichte, „Moby Dick“, in nichts nach. Dabei könnten die Texte unterschiedlicher kaum sein, als bildeten sie ganz gewiss ein Gegensatzpaar in den ziellosen Weiten der Imagination ihres Autors – Endpunkte, zwischen denen sein Oeuvre zu fassen ist. Der volle Titel der Erzählung „Bartleby, der Schreiber: Eine Geschichte aus der Wall Street“ gibt die zentrale Figur vor, wenn auch nicht den Protagonisten und Erzähler, und deutet schon den Schauplatz an. Während Melville in „Moby Dick“ die Ozeane des Walfangs in weitschweifigen und tiefschürfenden Reflexionen sowie das gejagte Wesen selbst mit seiner metaphysischen, unersättlichen Wortgewalt ausgehöhlt hatte, wendet sich die kurze Erzählung „Bartleby“ mit beruhigterem Stil und kontrollierterer Charakterisierung auf Dickensianische Weise einem vernachlässigten Berufsstand im New Yorker Finanzdistrikt des 19. Jahrhunderts zu.

Auch in Charles Dickens’ ungefähr zur selben Zeit serialisiertem Roman „Bleak House“, den Melville begeistert las, taucht eine hagere und kränkliche Figur mit dem Niemandsnamen Nemo auf, deren gesamte Tätigkeit darin besteht, Papiere abzuschreiben – eine menschliche Kopiermaschine. Auch in Melvilles Erzählung ist die Fokusfigur ein hagerer, blässlicher Aktenkopist in einem Notariat an der Wall Street (der namenlose Anwalt, der die Geschichte erzählt, behält uns die konkrete Hausnummer auf jener Geschäftsstraße stets vor).

###Herman Melville / Foto dpa

Einst trug sich im Leben dieses Anwalts und in seiner Kanzlei etwas zu, das ihn bis ins Alter – „Ich bin ein etwas älterer Mann“ sind die ersten Worte seiner Geschichte – auf ähnlich obsessive Weise heimsucht wie Captain Ahab der weiße Leviathan namens Moby Dick. Die Gestalt dieser Heimsuchung ist eben jene gespenstische Figur des Bartleby, der vom Erzähler zu Kopierzwecken angeheuert wird und lieber nicht kopieren würde; die ersten Worte über den Schreiber charakterisieren Bartleby und werden zum Programm, wenn es heißt, er war „ein bewegungsloser junger Mann“. Denn es wird Bartlebys Bewegungslosigkeit sein – die Verweigerung, sich zu rühren, sich dem instrumentellen Treiben der Gesellschaft hinzugeben -, die er behutsam anbietet gegen einen ganz anderen Leviathan: den des Kapitals.

Die Erzählung „Bartleby“, die vielleicht am treffendsten von allen weiteren Werken Melvilles zeigt, welch außerordentlich komischer Autor er sein konnte, folgt dem zunächst vollkommen in die Geschäftigkeit des kapitalistischen Systems eingebundenen Erzähler dabei, wie er sich langsam, und bisweilen unter größtem Zweifel, wegwendet von den trügerischen Versprechen zweckgebundener Arbeit. Bartleby, so scheint es bald, ist ein Träumer in einer traumlosen Arbeitswelt, und während seine schweigsamen Scherereien dem Anwalt und seinem restlichen Schreiberstab allerlei Zähneknirschen bereiten, so erkennt der Erzähler in Bartleby schon bald viel mehr als nur den lästigen Albatros um seinen Hals, und sieht in ihm auch ein Geschenk, die vorgetretenen Lebens- und Arbeitswege neu zu durchdenken. Bartlebys gelassener Aufenthalt in den mit Papier raschelnden Räumen des umtriebigen Anwalts stellt den ruhigen Moment des Aufatmens in einem überhetzten Leben der Hast dar. Bartleby ist ein besonderer Mensch – und macht den Anwalt selbst zu einem besonderen Menschen -, wie jene vom Ufer aufs Wasser blickende Büromenschen, die Ishmael zu Beginn von „Moby Dick“ in ihren eigenen Momenten der seligen Flaute beschreibt: „Wie stumme Schildwachen rund um die Stadt gestellt, stehen Tausende und aber Tausende von Menschen und hängen ihrem Traum vom Meere nach.“ Dieses Nachhängen nach einem Sehnsuchtsort, nach einem anderen Leben, nach einer neuen Richtung fürs Dasein – das ist es, was Bartlebys Langsamkeit und seine Ruhe bedeuten und auslösen, durchaus auch im Kopf des Lesers.

Die folgende Übersetzung wurde angefertigt mit Blick auf alle bisher vorliegenden Übersetzungen der Erzählung ins Deutsche, unter denen es einige vorzügliche Glanzstücke gibt, von Elisabeth Schnacks charmanter, wenngleich etwas gekürzter, Version von 1957 bis zu Felix Mayers modernerer Übertragung aus dem Jahr 2010. Bei dem vorliegenden Spektrum der deutschen Übersetzungen ist es zum jetzigen Zeitpunkt unnötig, einen weiteren Versuch zu unternehmen, sich auf genaueste Weise ans Original heranzuübersetzen. So war für diese Übertragung das Ziel, eine neue Interpretation zu schaffen, eine rücksichtsvolle Nachdichtung, die nicht versucht, mimetische Genauigkeit vorzuspielen, wo es sie ohnehin nicht gibt. Genaue Übersetzungen eines literarischen Textes von einer Sprache in eine andere sind genau so unmöglich, wie zu glauben, mit der Zeichnung eines Brotes fülle man einen leeren Magen.

Eine Übersetzung zitiert nicht, sie interpretiert, sie ist der Nachklang einer bestimmten Haltung, die das Original erlebbar machte. Kosten Sie selbst von Bartlebys asketischer Verweigerungskunst, einer Askese, die neugierig macht auf Nähe zu diesem wundersamen Menschen.

 

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3 Lesermeinungen

  1. Übersetzung
    Was mich mal gleich von Herrn Wilm interessieren würde: Wie verändert es die Sicht auf einen Literaturklassiker, wenn man ihn selbst übersetzt? Was entdeckt man auf diesem Wege neu?

  2. Der Text wächst
    Ich würde versuchen, eine Übersetzung als eine intensive ästhetische Erfahrung zu beschreiben, als ein langsames, im besten Sinne kurzsichtiges Abtasten des Textes. Beim Suchen nach treffenden Wörtern im Deutschen für das englische Original scheint es, man erkenne überall noch die Gespenster aller anderen möglichen Wörter, die der Autor verwendet haben könnte. So ergibt sich ein enormer Resonanzraum, in dem die eigene Leseerfahrung existiert. Der Text wächst. Die Intensität des Lesens beim Übersetzen ist – vielleicht – nicht einmal übertroffen durch den hermeneutischen Zugang, einen Text auszulegen, ihn zu interpretieren. Hätte man genügend Zeit und freien Zugang zu den Tempeln aller Sprachen, würde man alle großen Texte der Weltliteratur vielleicht nicht einfach nur lesen, man würde sie übersetzen. Aber: Auf gewisse Weise ist jeder Leser ja ohnehin auch ein Übersetzer.

  3. "Leviathan Kapital", "Geschäftigkeit des kapitalistischen Systems"
    Die Wahl der Wall Street als Handlungsort legt für uns Heutige diese Assoziation nahe. Aber sie ist deplaziert. Zu Melvilles Zeiten war die Wall Street nicht der Nabel der Finanzwelt. Die Broker hatten nicht einmal ein festes Gebäude, sie handelten in Cafés oder – überwiegend – auf der Strasse, unter freiem Himmel („curbstone brokers“). An der Wall Street war vielmehr ca. 100 Jahre vorher der erste New Yorker Sklavenmarkt entstanden, und Hamiltons Bill of Rights wurde hier (in der Federal Hall) verabschiedet. Das dürften zu Melvilles Zeiten die relevanten Bilder gewesen sein, die mit dieser Strasse einhergingen.

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