F.A.Z. Lesesaal

F.A.Z. Lesesaal

Bücher online lesen und diskutieren

Kamel Daoud: „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“

Auf dem Grund dieses Buches liegt ein ungläubiges Staunen. Es wird nicht schwächer mit der Zeit. Lang mag es her sein, dass der Tod des Bruders den Erzähler dieses Romans in Verzweiflung stürzte, aber nun, da dieser Erzähler, in einer Bar im algerischen Oran sitzend, seinem fiktiven Gegenüber das ganze Drama entgegenschleudert, hört sich alles an, als wäre kaum ein Tag vergangen. „Mein Bruder hat die Kugeln abbekommen, nicht er! Es ist Moussa, nicht Meursault, oder? Das macht mich fertig. Sogar nach der Unabhängigkeit hat niemand auch nur versucht, den Namen des Opfers herauszubekommen, seine Adresse, seine Vorfahren, mögliche Kinder. Niemand.“

Meursault, Moussa, von wem ist hier die Rede? Einmal von der Hauptfigur des von Albert Camus stammenden Romans „Der Fremde“, in dem jener Meursault an einem sehr sonnigen Tag des Jahres 1942 an einem Strand einen „Araber“ erschoss, der nun, Jahrzehnte nach der Tat, in einem anderen Roman einen Namen bekommt: Moussa. Dieser andere Roman stammt von dem Algerier Kamel Daoud, ist vor zwei Jahren zunächst in Algerien erschienen und ein paar Monate später in Frankreich, wo er entgegen allen Erwartungen zwar nicht mit dem Goncourt-Preis ausgezeichnet, aber dennoch gleich als Meisterwerk gefeiert wurde, als eine Antwort auf Augenhöhe, die mit dem „Fremden“ von Camus fortan ein Diptychon bilden werde, wie eine Kritikerin begeistert schrieb.

Offensichtlich fühlte man sich in Frankreich ertappt von dem im Grunde einfachen Perspektivwechsel, auf dem Kamel Daoud seinen Roman „Der Fall Meursault – Eine Gegendarstellung“ aufgebaut hat. „Der Fremde“ ist ja nun wirklich kein Buch, dem es im Laufe der Jahre an Lesern gemangelt hätte. Doch die Frage, wer denn der „Araber“ sei, der da zu Tode kam, stand nie oder zumindest selten im Zentrum der Rezeption.

Dieses Versäumnis wandelt Daoud nun in eine Wutrede um, in eine Anklage, die sich der Saufkumpan seines Erzählers Haroun in der Bar stellvertretend für alle Leser anhören muss. So erklärt sich die direkte Anrede, die das Buch durchzieht: „Hast du was verstanden? Nein? Dann erkläre ich es dir.“ Aus Harouns Sicht war es so, dass sein Bruder Moussa, der eigentlich als Lastenträger arbeitete, eines Tages einfach am Strand lag und dort das Pech hatte, auf einen Franzosen zu treffen, der nach dem Tod seiner Mutter keine Heimat mehr hatte und deswegen „in den Müßiggang und das Absurde“ verfiel. „Was muss er gelitten haben, der Arme! Kind eines Landes zu sein, in dem man ihm kein Leben geschenkt hat.“

###Kamel Daoud / Foto Fernat Bouda

Kamel Daoud, der, wie einst Camus, als Journalist arbeitet und seit Jahren in der algerischen Zeitung „Le Quotidien d’Oran“ eine Kolumne schreibt, macht in seinem Buch also zweierlei: Indem er dem toten Araber einen Namen und eine Vita gibt, bettet er das ganze Geschehen in einen historischen Kontext ein: die algerisch-französische Kolonialgeschichte. Und er löst auf diese Weise den die Philosophie von Camus prägenden Begriff des Absurden aus seiner Universalität. Die Absurdität, die bei Camus eng an ein umfassendes Gefühl der Gleichgültigkeit gekoppelt ist und in der viele Leser eine gute Beschreibung ihrer Lebensbedingungen in der modernen Welt gefunden zu haben glaubten, wird bei Daoud ihrerseits in einen bestimmten Kontext eingebunden. „Das Absurde tragen mein Bruder und ich auf unseren Schultern oder im Bauch unserer Heimat, und nicht dieser Typ“, heißt es an einer Stelle.

In weiten Teilen des Buches geht es also darum, zu ergründen, wie sich das Konzept des Absurden auf algerische Verhältnisse anwenden lässt, was Absurdität für einen Algerier bedeuten könnte. Daoud beantwortet diese Frage, indem er in seiner Version der Geschichte die schon erwähnte Gleichgültigkeit zu einem Leitmotiv, weil hier so gut wie keines der fünfzehn, jeweils nur ein paar Seiten zählenden Kapitel vergeht, ohne dass der Erzähler Haroun nicht abermals über das Desinteresse der Camus-Leser am Schicksal seines Bruders gewehklagt hätte. Wie in einer Endlosschleife zieht sich diese Klage durch das Buch und die Jahre. Denn die Zeit spielt nicht für, sondern gegen den Kläger: Für den Franzosen Meursault mag die Gleichgültigkeit anlasslos gewesen sein. Für den Algerier Haroun bedeutet sie eine fortgesetzte Demütigung durch die anderen.

Kamel Daoud wäre allerdings ein schlechter Camus-Leser, wenn er mit Hilfe von dessen Gedanken nicht zumindest versucht hätte, auch seinem eigenen Erzähler einen Weg aus der gefühlten Isolation zu weisen. Dass sein Lieblingsbuch von Camus eigentlich „Der Mensch in der Revolte“ war und nicht „Der Fremde“, das ihm lange „zu trocken“ schien, wie Daoud im Gespräch mit dieser Zeitung sagte, ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Hinweis. Denn auch Haroun revoltiert gegen die andauernde Nichtbeachtung durch die anderen, indem er zum einen deren Lesart des Camus-Romans ablehnt und zum anderen selbst einen Mord begeht, einen spiegelbildlichen: Nicht in der Mittagshitze, sondern um Mitternacht tötet er seinerseits einen Fremden, dem er zwar immerhin das Recht auf einen eigenen Namen gewährt (das Opfer heißt Joseph Larquais), dessen einziges Vergehen aber, wenn überhaupt, darin bestand, Franzose zu sein.

Nun, zu dem Zeitpunkt, zu dem Haroun uns seine Geschichte erzählt, weiß er natürlich längst, dass er mit diesem Mord in eine Falle getappt ist, dass die Rache keine Erlösung bringt, weder für ihn noch für sein Land. Denn Kamel Daoud verbindet das Schicksal seines Erzählers auch in diesem Punkt explizit mit dem Algeriens. Er datiert den Mord an dem Franzosen auf den Juli 1962 – das ist der Monat, in dem Algerien nach einem langen Krieg gegen die französische Kolonialmacht die Unabhängigkeit erlangte.

Mit dem Juli 1962 verbindet sich daher eine doppelte Hoffnung, in beiden Fällen erfüllt sie sich nicht. Als wir Leser dem Erzähler Haroun in Oran begegnen, ist er ein alter Mann, der genau sieht, wie sich sein Land verändert hat: wie der Nachbar immer mehr Koranverse krakeelt, wie immer mehr Bars schließen, wie es immer schwieriger für einen alten Junggesellen wie ihn wird, den eigenen Lebenswandel zu rechtfertigen.

Mehr als „Gegendarstellung“ ist der Roman von Kamel Daoud daher eine Anwendung der Camusschen Begrifflichkeiten auf ein algerisches Leben, wozu im Übrigen gut passt, dass Daoud Camus häufig wörtlich zitiert und lange Zitate aus dem „Fremden“ in kursiv gesetzter Schrift in seinen Text einbaut. Sein Roman ist aber auch der großartig gelungene Versuch, einen Eindruck von den ungleichen Wahrnehmungen zu geben, die das algerisch-französische Verhältnis bis heute prägen. Dass sein Werk nie für sich selbst, sondern stets in Bezug zum „Fremden“ von Camus zu lesen sein wird, ist eine Einschränkung, mit der Daoud sehr gut wird leben können.

Hier gelangen Sie zum Einleitungskapitel:

***

Die Leseprobe umfasst 19 Seiten.

Weitere Fragen zu den Funktionen des Lesesaals beantworten unser Erklärvideo und diese Sobooks-Seite.

Bei Problemen und Anregungen wenden Sie sich bitte an post@sobooks.de

7