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Heinz Bude: „Das Gefühl der Welt“

Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig“ – diesem Befund Kurt Tucholskys könnte der Kasseler Soziologe Heinz Bude bestimmt zustimmen. Schließlich dreht er in seinem neuen Buch, das mit hundertzwanzig Seiten reiner Textlänge (ohne Fußnoten) recht handlich daherkommt, selbst die Schraube eine Umdrehung weiter: „Wer spricht für die, die für sich selbst sprechen könnten, wenn sie denn wüssten, was sie zu sagen haben?“ Die Antwort ist naheliegend: Bude, übernehmen Sie!

Dazu wird zunächst eine Unterscheidung getroffen: Der Autor unterscheidet den „Antikapitalisten“ vom „Systemfatalisten“. Der Erste ist Teil der „Misstrauensgesellschaft“, kann sich weder zur Weltverneinung noch zu Weltbejahung entschließen, lehnt die Ökonomisierung ab, fühlt sich heimatlos und ist gern universell empört. Der Zweite ist viel entspannter. Er hat „die Idee eines vernünftigen Ganzen mit ehrbaren Kaufleuten, sozial verantwortlichen Unternehmern und starken Volksparteien längst aufgegeben“.

Im Spannungsfeld zwischen diesen Antagonisten gärt es. Auf der einen Seite Empörung über „eine Politik ohne Alternative, über Lügenpresse und Volksverdummer“, auf der anderen „die Normalität des Durchwurstelns, die Selbstreferenz der Massenmedien und die Relativität der Wahrheiten“. Die Unsicherheit, ob man in dieser Welt noch zu Hause sei, erhält keine befriedigende Antwort. Das drückt aufs Gemüt. Die Stimmung ist gereizt. Und an diesem Punkt will Budes Beweiskette ansetzen.

Dazu müsste man freilich wissen, was dieses Schwammwort recht eigentlich meint: „Stimmungen sind Arten und Weisen des Daseins“ in der Welt – dieser erste, tastende Definitionsversuch führt dann über Heidegger und Foucault zur Emotionsforschung und danach zu einem Durchgang durch die Stimmungslagen der Nachkriegszeit. Rauchen, Trinken, Sex, Philosophie, Pop – alles Ausdruck einer bestimmten Stimmungslage, und wer hat es als Erster erkannt? Willy Brandt identifiziert Heinz Bude als den Politiker, der gespürt habe, dass „Stimmung die Münze der Politik“ sei. Siehe auch: Schröder, Gerhard.

###Heinz Bude / Foto F.A.Z., Daniel Pilar

Je näher Bude bei seinem Streifzug der Gegenwart kommt, desto unübersichtlicher wird die Lage: „Wenn niemand mehr sich zutraut, Positionen zu erobern und Ansprüche zu erheben, dann kommt der Wechsel der Stimmungen zum Erliegen.“ Und so leben wir jetzt: Der Punk ist lang vorbei, die Babyboomer und die Generationen X und Y leben mehr schlecht als recht nebeneinanderher, die Richtlinienkompetenz hat der Jahrgang 1954.

In jenem Jahr wurde nicht nur Angela Merkel geboren, sondern auch der Autor; mithin sind beide nun in der „Prominenzphase“ des Lebens angelangt. Die zehn Jahre jüngeren Babyboomer stehen zusammen mit der Generation Y den Vierzigjährigen der Generation X gegenüber, die ihr Unglück nicht fassen kann, zwischen welche Mühlsteine sie da geraten ist. Wie kam es so weit? Ein Blick in die Geschichte der Soziologie hilft weiter: Norbert Elias untersuchte Mitte der sechziger Jahre mit John L. Scotson die Machtverhältnisse in einer englischen Gemeinde, die überwiegend von Vertretern der Arbeiterklasse bewohnt war („Etablierte und Außenseiter“). Sie fanden heraus, dass es die Wohndauer ist, die Alteingesessene und Neusiedler unterscheidet. „Es ist das Gesetz der sozialen Zeit“, schreibt Bude, „aus dem die Etablierten die Berechtigung ableiten, dass sie die Zugezogenen wie Außenseiter behandeln können.“

Dieses Erklärungsmuster überträgt Bude auf die Beziehungsgeschichte zwischen einheimischen Deutschen und zugezogen Minderheiten. Leider nur in Ansätzen, denn genau an der Stelle, an der es in diesen AfD- und Pegida-Tagen spannend wäre, bricht er die Untersuchung ab, belässt es bei Andeutungen zu Flüchtlingskrise, innerdeutschem Ost-West-Konflikt, einem bisschen Kopftuch und Spott für die „Biodeutschen“. Zumal auch der anschließende Ausritt in die Geschlechterfrage nicht recht überzeugt: „Feministinnen, Frauenhausaktivistinnen und Männerbücher über ,Männerphantasien‘ haben dem Sex die Unschuld genommen.“ Wer dazu als Beleg den Monaco Franze aus der gleichnamigen Fernsehserie von 1983 heranzieht, wie Bude es tut, sammelt bei seinen Leserinnen kaum Bonuspunkte. Und Männer, die ihre Männlichkeit in Extremsportarten „außererotisch vergeuden“, haben ohnehin keine Zeit zum Lesen.

Heinz Budes Arbeitsgebiet wird gern mit „Deutung von Gegenwartsphänomenen“ etikettiert. Tatsächlich ist er auch in dieser Schrift ein Anhänger der griffigen Pointe, weniger wissenschaftlich denn feuilletonistisch. Gleichwohl kann er seine Prägung durch den Fachjargon nie ganz verbergen, wie ein Blick in sein Wörterbuch verrät: Stimmungssymbiose, Systemaversion, Betrogenheitsempfindung, Selbstmandatierung, Durchpoetisierung, Erinnerungsmelancholie, Konsumgroll, Beschleunigungsimperativ, Statusfatalität, Publikumsdemokratie, Befreiungspathos, Statuskonsum, Fortschrittsentschlossenheit, Schimpfklatsch.

Der Rauswerfer lockt mit einem Stimmungsaufheller: Die „Zukünftigen“ zeichne „sortierte Skepsis“ aus – sie seien „weder die blökenden Lämmer eines mörderischen Kapitalismus noch die kecken Däumlinge eines digitalen Zeitalters“.

Lesen Sie selbst:

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Die Leseprobe umfasst 10 Seiten.

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