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Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses

Reinhard Jirgl, Leif Randt, Hansjörg Schertenleib, Colson Whitehead, Margaret Atwood: Der Weltuntergang hat Konjunktur. Der Literatur kann man kaum die Schuld daran geben. Sie ist ein Seismograph, baut aus kollektiven Albträumen ganze Welten. Wenn sie gut ist, so wie hier bei Thomas von Steinaecker, erkennen wir darin uns selbst wieder. Zwar sind Dystopien selten reines Hohngelächter, nicht einmal beim Radikalpessimisten Jirgl, aber selten auch sind es derart energiegeladene Einsprüche gegen den Zeitgeist. Mit wehenden Fahnen kommt uns dieses in der mittelfernen Zukunft spielende Buch entgegen, das bei allen schädelknackenden Ausflügen ins Barbarische (bis hin zum Kannibalismus) keineswegs ein Epitaph auf den Menschen sein will, sondern auf seine Fahnen „Die Verteidigung des Paradieses“ geschrieben hat.

Einen solchen Anspruch darf man unbescheiden nennen. Ein Autor könnte sich leicht daran verheben. Aber Thomas von Steinaecker kommt nicht unvorbereitet. Stark war schon sein Romandebüt vor neun Jahren; er besaß eine eigene Stimme, die danach immer souveräner wurde. Einen klugen kolonialen Abenteuerroman hat der Autor mit „Schutzgebiet“ vorgelegt. Die gegenwartsdiagnostische Diskursverwirbelung „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ testete die Grenzen des Erzählens aus, indem Bildern und Slogans eine tragende Rolle zugemutet wurde. Auch als Journalist, Hörspielregisseur, Filmemacher und Comicexperte ist von Steinaecker unermüdlich im Einsatz.

All das kulminiert im neuen, lange gereiften Opus magnum epischen Zuschnitts und filmischen Stils, das die großen Vorbilder – Dante, Milton, Goethe, Kafka ebenso wie Ray Bradbury, Richard Matheson, Marlen Haushofer oder all die apokalyptischen Comics und Filme – so wenig scheut wie die großen Fragen: Was ist der Mensch? Was könnte er sein? Gibt es einen Preis der Würde?

###Thomas von Steinaecker / Foto Joachim Unseld

Man darf durchaus Einwände haben, sogar gegen Teile des Plots – ein Abenteuer im Mutantendorf, in dessen Verlauf ein jeden Turing-Test bestehender gestiefelter Roboterkater die Empathielosigkeit des Menschen beklagt, ist mindestens Geschmackssache – oder gegen die mitunter enervierend neojugendliche Sprache voller Anglizismen: Wer einen fünfzehnjährigen Ich-Erzähler wählt, aber keine jugendliche Weltsicht (à la „Tschick“), steckt eben in der Klemme. Im Hinblick auf die konkrete Ausstaffierung der Zukunft wäre ein Weniger an Ausdenkenergie mehr gewesen: Begriffserfindungen wie „Homie“ für einen computergesteuerten Hausangestellten, „Core-Travels“ für Reisen durch den Erdkern, „Information-Architects“ für Journalisten, „Memorial-Pillars“ für Hologrammdenkmäler oder die „No-Robots-for-Kids-Bewegung“ wirken leicht albern, begegnen aber auf Schritt und Tritt. Vielleicht hätte dem Roman einfach etwas mehr Geheimnis gutgetan, sosehr man das Wagnis anerkennen muss, alles rigoros auszubuchstabieren.

Niemand aber wird der Gesamtanlage – ein Aufblenden vom Teil zum Weltganzen und zugleich eine entgegengesetzte Kamerafahrt auf den Einzelmenschen zu – seine Achtung versagen können. Grandios werden dabei Genres verschränkt. Das Buch ist Abenteuer-, Siedler-, Zombie-, Coming-of-Age-, Cyberpunk- und Entwicklungsroman ebenso wie Gedankenexperiment, theologische Reflexion und Robinsonade. Was ihm eine so aktuelle Kraft verleiht, ist der Kunstgriff, die Katastrophe im Herzen Mitteleuropas stattfinden zu lassen. Elf Jahre vor Einsetzen der Erzählhandlung ist etwas geschehen, das zum Ausfall der „Shields“ über vielen Siedlungen – Stichwort: Klimawandel – geführt hat. Deutschland gehört zur weitgehend zerstörten, atomar verseuchten „Zone“, was eine Flüchtlingswelle zur Folge hat, die der gegenwärtigen entgegenläuft.

Weniger zimperlich geht es dabei nicht zu: Arbeitslager unter chinesischer Aufsicht gelten noch als humanitäre Aktion. Die verschonten Länder führen alle Ankommenden, die ihnen keinen Mehrwert bringen, zurück in die Hölle. In der direktesten Lesart gehört der Roman damit zu den nun auf uns einprasselnden Flüchtlingsbüchern, wirkt aber durch seine Perspektivumkehr eindrücklicher als jede Realitätsabschilderung. Doch geht es Steinaecker um mehr, ja, um alles.

Formal ist der Roman eine gute alte Manuskriptfiktion. Wir lesen vorgeblich die Notizen des Jungen Heinz, dem wir in einer postapokalyptischen Wohngemeinschaft bei Berchtesgaden begegnen: Sechs Menschen haben den Untergang, den sie für eine weltweite Katastrophe halten, in einer nur teilzerstörten „Garden Zone“ überlebt. Heinz, auf geheimnisvolle Weise für den Schriftstellerberuf prädestiniert (was sich gegen Ende des Romans erklärt), fungiert als Aufschreibesystem inmitten der möglicherweise letzten Menschen. Die Gruppe besteht neben ihm aus dem Liebespaar Chang und Özlem, der an Demenz leidenden „Gemeinschaftsomi“ Anne, die in klaren Momenten medizinisches Wissen beisteuern kann, und dem „Leader“ Cornelius, der mitunter mit dem Ex-Söldner Jorden aneinandergerät. Es handelt sich also um einen Staat im Kleinen, Regierung und Militär inklusive. Alle sechs Personen haben Traumata zu verwinden, sich in der idyllisch anmutenden Gegend (der Shield steht auf Dauersommer) jedoch ein Selbstversorgersystem aufgebaut. Man könnte sie für Aussteiger halten. Es ist eine der überraschenden Volten dieses Buches, dass wir in dem Moment auf das Paradies treffen, in dem wir vom Untergang der Zivilisation erfahren. Die Technik hatte den Menschen derart entmündigt, dass die Bewohner auf der Alm nun eigentlich freier sind als zuvor. Özlem, das ist die Krönung des Idylls, erwartet bald ein Baby.

Die Vertreibung aus dem Paradies hat äußere Gründe, aber lässt sich auch als Himmelsstrafe für mangelnde Nächstenliebe interpretieren. Fremde nämlich sind in die „Garden Zone“ vorgedrungen, was den Kampf um Nahrung eröffnet: „Wenn die rausfinden, was es hier zu holen gibt, wollen die was abhaben – ob mit Gewalt oder ohne.“ Da scheint ein präventiver Schlag nötig, ein völlig unnötiger Kainsmord 2.0. So zieht die Gewalt in diese Protogemeinschaft ein und wird nicht wieder weichen. Der Aufbruch der Gruppe, die mit dem Baby Xiwang ein gerüchteweise existierendes Auffanglager erreichen will, lässt im Kopf des Erzählers die monströse Frage auftauchen, wie es sein könne, „dass ein einziges Leben, noch dazu das einer nicht einmal Einjährigen, genauso wichtig sein soll wie das von sechs Erwachsenen“. Immer hoffnungsloser wird der Todesmarsch, immer gewalttätiger. Heinz’ Chronik der Gemeinschaft verzeichnet die schrittweise Preisgabe aller Würde bei der Rückkehr in den Naturzustand. Und doch wächst eben hier das Rettende auch.

Obwohl er mit seinen gespeicherten Zitaten die Inkarnation eines Kommunikationseffektes zu sein scheint (der Vorgängerroman des Autors schimmert durch), wendet sich der Held instinktiv gegen Niklas Luhmanns kalte Definition der Liebe, sucht Halt im Märchen: Das ist eine Emanzipation qua Restitution des Romantischen, des Glaubens und der Moral. Und tatsächlich findet Heinz in einer Welt, in der Menschen, Tiere, Maschinen und Cyborgs ununterscheidbar geworden sind, in der ein kühl rationales Regime herrscht, zurück zum Individuum, das mehr ist als der überlebende Stärkere. Es ist die alte Selbstbefreiung durch die Tat („Ich baue. Ich grabe. Ich verteile. Ich gebe. Ich bete.“), auch wenn ihm das den abermaligen Rückzug aus der Welt abverlangt. Aber am Ende wird er als Mensch gelebt, einen Unterschied ausgemacht haben. Er hat dazu beigetragen, dass die Hoffnung – tatsächlich auch die deutsche Übersetzung von „Xiwang“ – weiterlebt. Die Verteidigung des Paradieses, ruft uns dieser fulminante Roman zu, ist kein Kampf, es ist ein Aushalten.

Machen Sie sich selbst ein Bild von dem Roman – die Leseprobe beginnt mit dem ersten Kapitel:

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Die Leseprobe umfasst 25 Seiten.

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