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Oliver Wesseloh: „Bier leben“

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Die deutsche Bier-Publizistik hat sich in den letzten Jahren merklich gewandelt. Dominierte vor zehn, zwanzig Jahren noch der klassische Bierführer in unterschiedlichster Ausfertigung den Buchmarkt, wobei der beste und umfassendste sicherlich von Michael Jackson stammt („Biere der Welt“ bei Dorling Kindersley), sind neuerdings Publikationen über das Selbstbrauen und Einführungen zum Thema „Craft Beer“ angesagt. Wie beim Bier selbst holt Deutschland damit auch auf dem Buchmarkt eine Entwicklung nach, die in den Vereinigten Staaten schon vor zehn Jahren fast abgeschlossen war. Wobei die Gründe für diese Verspätung aber nicht ehrenrührig sind. In Deutschland gab es einfach keinen mit Amerika vergleichbaren Leidensdruck, der nach Bieren mit Geschmack geradezu lechzen ließ. Das hat sich vor ungefähr zwei Jahren geändert. Nicht etwa, weil das deutsche Bier in dieser Zeit rapide schlechter geworden wäre, sondern, weil sich herumgesprochen hat, dass die Biere, welche die amerikanischen Craft-Brauer zum Teil nach alten europäischen Rezepten herstellen, völlig neue Geschmackserlebnisse gewähren.

Sollen die Deutschen jetzt auch ein Volk der Heimbrauer werden, so wie es unsere Vorfahren schon einmal waren? Den neueren Selbstbrau-Büchern kann man vor allem eines entnehmen: wie leicht es ist, Bier zu erzeugen, wenn man über eine große Küche verfügt und sauber arbeitet. Es wird einem beim Experimentieren aber auch schnell klar, wie schwer es ist, den gleichen Gerstensaft-Geschmack ein zweites Mal verlässlich herbeizuführen. Beim Selbstbrauen steigt also neben der Nähe zum Bier auch die Achtung vor konventionellen Brauern und der Kontinuität ihrer Produkte. Doch so gerne man den Selbstbrau-Büchern viele Leser wünscht, so unschön ist die Vorstellung, dass sie in Deutschland tatsächlich eine echte Heimbrauer-Bewegung auslösen. Wäre es nicht eine Horrorvorstellung, dass einem künftig sympathische Menschen, mit denen man bislang ohne Reibungsfläche Parties feierte, mit erwartungsvollen Mienen ausschließlich ihr Selbstgebrautes zur Verkostung vorsetzen?

Wesseloh_Oliver_(C) Julia WesselohOliver Wesseloh / Foto Julia Wesseloh

Dann greifen wir doch lieber zu dem Buch eines Fachmanns über das Craft Beer, in dem der Aufruf zum Selbstbrauen am Schluss fast schon verhallt. Einnehmend an Oliver Wesselohs Einführung „Bier leben“, die er zusammen mit seiner Frau Julia geschrieben hat, ist weiterhin die Tatsache, dass der Autor die Vielfalt des Biers feiert, ohne auf hippe Fotos und das inzwischen auch schon wieder uniforme Design der Craft-Beer-Szene zu setzen. Zudem ist das Buch angenehm zurückgenommen in seinem missionarischen Eifer, obwohl es voller Wissen steckt. Wesseloh hat an der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin studiert, war anschließend als Bier-Berater in der Karibik sowie in Nord- und Südamerika unterwegs, wurde Weltmeister der Biersommeliers und hat sich 2014 mit einer eigenen kleinen Brauerei in Hamburg selbstständig gemacht.

Zu Recht weist Wesseloh darauf hin, wie stark der Begriff „Craft Beer“ im Lauf der Jahre verwaschen wurde. Nicht nur, weil die erfolgreichen Craft-Brauer von früher heute auch nicht mehr viel an echter Handarbeit abliefern, auch ist der Begriff besonders schwer auf deutsche Verhältnisse zu übertragen, weil unter ihn sonst gleichfalls die kleinen fränkischen Familienbetriebe in sechster Generation fallen würden. Wesseloh schlägt als Alternative das Wort „Kreativbier“ vor – ein Begriff, der sich durchsetzen sollte.

Gekonnt wird in dem Buch zunächst in wenigen Strichen die Geschichte des Biers erzählt; es folgt ein Überblick über die Bierszene weltweit, wobei es Wesseloh immer wieder gelingt, den Leser mit Brauereien und Persönlichkeiten bekannt zu machen, die man nicht für möglich gehalten hätte. So beschließt man gleich nach der Lektüre, bei nächster Gelegenheit im Kloster Sint Sixtus in Westvleteren anzurufen und, nach obligatorischer Nennung eines Autokennzeichens, maximal zwei Kisten des dort erzeugten, äußerst raren Abteibiers zu bestellen. Wenn man Glück hat, darf man die Kisten dann in zwei Monaten abholen kommen, aber bitte mit dem richtigen Nummernschild.

Ebenso kompakt wie klug ist das Kapitel über das Reinheitsgebot, auf das wir mit dem folgenden Zitat verlinken. Die Diskussion um die Sinnhaftigkeit dieser Verordnung wird auch nach dem 500. Geburtstag des bayerischen Erlasses weitergehen. Nutzen Sie die Kommentarspalte im Buch zur Diskussion.

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Die Leseprobe umfasst 20 Seiten.

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