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Craig Malkin: „Der Narzissten-Test“

Der Narzissmus, so heißt es, hat Konjunktur. Er passt einfach zu gut in eine Welt, in der jeder sich herausheben, hervortun, zur eigenen Marke machen soll. Und in die Welt der sozialen Medien. Der moderne Narzisst verliebt sich nicht in sein Spiegelbild, wie in der klassischen Sage, er verliebt sich in sein Facebook-Profil und zählt noch vor dem Frühstück seine Likes. Die Psychologen Jean Twenge und Keith Campbell postulierten schon 2009 eine Narzissmus-Epidemie in der sogenannten Millenniums-Generation der zwischen 1980 und 2000 Geborenen und von den Eltern angeblich zu sehr Gelobten.

Craig Malkin gibt nun Entwarnung. Die Diagnose der vermeintlichen Epidemie beruhe auf einer schlechtgemachten Studie und widerspreche anderen großen Umfragen, die in dieser Generation zwar mehr Selbstsicherheit, aber auch mehr Altruismus und mehr Sorge um die Welt fanden. Bei Malkin steht Narzissmus weder für ein Modephänomen noch, wie üblich, für übersteigerte Selbstliebe, sondern für das Verhältnis des Menschen zu sich selbst insgesamt.

Ohne echte Empfindungen

Den lauten Angeber, der nur sich selber sieht, andere rücksichtslos instrumentalisiert und alles tut, damit er selbst sich toll, die Menschen in seiner Umgebung sich hingegen klein und unbedeutend fühlen, verortet der Harvard-Psychologe am Ende einer Skala von null bis zehn. In dieser Extremform sei der Narzissmus eine schwere und therapiebedürftige Persönlichkeitsstörung. Den Gesunden verortet Malkin nicht etwa bei null, sondern in der Mitte: Ihn zeichnet ein stabiles, aber nicht übersteigertes Selbstwertgefühl aus. Bei null stehen die Menschen, die sich selbst am liebsten unsichtbar machten, denen jedes Lob peinlich und für die die Geburtstagsfeier im Betrieb mit Ansprache vom Chef ein Horror ist.

Wer wissen möchte, wo er selbst auf dieser Skala zu verorten ist, kann es mit dem „Narzissmus-Test“ versuchen. Solche Tests gibt es in jedem zweiten Psychoratgeber, und ihre Aussagekraft ist umstritten. Glücklicherweise spielt dieser Test in Malkins Buch gar keine so große Rolle. Er fungiert eher als Leitfaden, um den Leser durch einen ganzen Wald von Klassifikationen zu leiten. Denn mit der Skala von null bis zehn ist es nicht getan, der Narzissmus hat viele Formen: Es gibt den allseits bekannten extrovertierten Narzissten, aber auch den introvertierten, der ebenso davon überzeugt ist, etwas Besseres zu sein als der Rest der Menschheit, der aber zugleich Aufmerksamkeit und Sozialkontakte scheut. Introvertierte Narzissten brodeln vor Verbitterung über die Welt, die ihre Besonderheit nicht zur Kenntnis nimmt, so Malkin. Hinzu kommt der soziale Narzisst, der in psychologischen Test Sätze wie „Ich bin die hilfsbereiteste Person, die ich kenne“ ankreuzt.

Gemeinsam ist den extremen Narzissten, so Malkin, dass sie echte Empfindungen weder zulassen noch vermitteln können und sich zu sehr mit den eigenen Ängsten, Urteilen und dem Bedürfnis, wichtig zu sein, befassen, um Aussichten auf gute Beziehungen zu ihren Mitmenschen zu haben. Extremer Narzissmus sei immer ein Versuch, sich hinter einer Fassade zu verstecken. „Wir fühlen uns nie wirklich selbstsicher, wenn wir unser wahres Wesen verbergen“, konstatiert der Autor. Er empfiehlt, eigene Haltungen zu prüfen, auf Schmollen, Grollen, Frust, Gefühlsprojektion oder Idealisierung: alles könne darauf hindeuten, dass wir uns irgendeine Unsicherheit, Angst, Scham nicht eingestehen und dabei sind, auf der Narzissmus-Skala aus der Mitte zu rutschen.

Die Narzissmus-Epidemie

Mindestens so wichtig wie der Selbsttest ist dem Autor die Beratung derer, die mit einem Narzissten der einen oder anderen Form zusammenleben oder -arbeiten. Hier hat Malkin eine sehr konkrete Strategie im Auge. Der Ausgangspunkt: Die Persönlichkeit ist wandelbar, ein Narzisst müsse nicht auf ewig einer bleiben. Wem an einer Beziehung mit einem extremen Narzissten liegt, kann also versuchen, auf ihn einzuwirken. Dieser Versuch sollte nicht darin bestehen, dem anderen Vorwürfe zu machen, sondern ihm „Empathie einzuflüstern“, indem man selbst die Schutzwälle abbaut.

Und wo bleiben die überraschend guten Dinge, die von Narzissten zu lernen seien? Gesunder Narzissmus bewirkt laut Malkin, dass Menschen sich etwas zutrauen, dass sie die Welt verändern und andere dabei mitziehen können. Der gesunde Narzisst hält die eigenen Bedürfnisse und die der andern im Gleichgewicht. Malkins Stärke ist seine reiche therapeutische Erfahrung, aus der er Beispiele und einen nüchternen Pragmatismus bezieht. Vom Begriff des Narzissmus als einer krankhaft übersteigerten Selbstliebe hat er sich freilich weit entfernt und die Theorie von der Narzissmus-Epidemie damit unwillentlich bestätigt: Narzissmus, wie Malkin ihn versteht, ist überall.

Hier geht es zu den ersten Kapiteln des Buchs:

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Die Leseprobe umfasst 26 Seiten.

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