Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren
 

Stephan Scherzer: Ab in die Zeitschriftenzukunft

28.12.2011, 20:00 Uhr  ·  Der neue VDZ-Geschäftsführer Stephan Scherzer hat in Amerika den digitalen Wandel erlebt. Jetzt soll er den deutschen Zeitschriften helfen.

Von

Stephan Scherzer hat in Amerika den digitalen Wandel erlebt. Jetzt soll er als neuer VDZ-Geschäftsführer den deutschen Zeitschriften helfen.

Die Sonne San Franciscos lässt Stephan Scherzer hinter sich. Und doch möchte er in Berlin nicht von ihr lassen. Er will die Stimmung aus Kalifornien mitnehmen. Dass dort immer die Sonne scheint, sagt er, schlägt eben aufs Gemüt, auf die Einstellung, auch in der Geschäftswelt, durch: Die ohnehin optimistischen Amerikaner reden einfach nicht über Probleme, sondern nur über Herausforderungen.

Wenn also nicht die Probleme, dann liegen wenigstens die Herausforderungen der hiesigen Medienunternehmen ab Januar auch in seinen Händen: Stephan Scherzer beginnt im neuen Jahr, als Hauptgeschäftsführer den Verband Deutscher Zeitschriftenverleger VDZ zu leiten. Für die Branche zeigen alle Wegweiser auf dem Pfad der Zukunft in die digitale Richtung. 2014 soll der Umsatzanteil deutschen Zeitschriften im Internetgeschäft auf ein Drittel wachsen. “Zugriffe auf Smartphones und Tablet-Computer werden durch die Decke gehen”, sagt der neue Zeitschriftenlenker.

Bild zu: Stephan Scherzer: Ab in die Zeitschriftenzukunft
Von San Francisco nach Berlin: Stephan Scherzer ist neuer VDZ-Hauptgeschäftsführer (Foto dpa)

Scherzer, Jahrgang 1964, kommt frisch aus dem Land, in dem die Medien viel stärker als in Deutschland unter der digitalen Konkurrenz leiden. In den Vereinigten Staaten sind Zeitungen und Zeitschriften auf das Anzeigengeschäft ausgerichtet, das ins Internet abwandert. Die Digitalisierung schreite schneller voran als in jedem anderen Land, sagt er.

Das Internet ändert sich rasant

Eine Herausforderung gerade auch für ihn: Scherzer verantwortete von 2007 bis 2011 das Digitalgeschäft in den Vereinigten Staaten für die International Data Group IDG, die im Computerbereich mit Zeitschriften wie “PC World” und “GamePro” führend ist und mit ihren Marken 200 Millionen Menschen in 92 Ländern erreicht. Schon in Deutschland hatte er nach seinem Studium in München und Tätigkeit als Redakteur für IDG gearbeitet: Chefredakteur der “Macwelt”, Verlagsleiter der “PC Welt” und Mitglied der Konzerngeschäftsführung. In seinen vier Jahren in San Francisco hat sich die Netzwirtschaft tausend Runden weitergedreht: Facebook ist explodiert, während Twitter zum Anfang noch gar nicht existierte.

Gelernt hat er in der Zeit in Amerika, dass man die Zukunft nicht mit einem allzu verbindlichen Pflichtenheft für die nächsten drei Jahre festzurren kann. Das Bild, mit dem er das beschreibt, ist ein Brücke. Deren Bau kann man leicht aufschreiben; wie viel Beton diese braucht, ist klar. Nur im Medienbereich funktioniert das nicht mehr. Eine frisch eingeweihte digitale Brücke würde drei Kilometer neben ihrem eigentlichen Ziel liegen. Das Internet ändert sich alle paar Monaten: Das nächste Twitter erscheint, Google ändert fünfmal den Suchalgorithmus, Facebook fängt an, Anzeigen zu verkaufen, und alle Tageszeitungen ziehen Bezahlschranken für ihr Internetangebot hoch. Mit dem Pflichtenheft für die nächsten Jahr kommt keiner weit.

“Wir müssen noch viel agiler sein, wir müssen bereit sein, permanent Dinge anzufassen”, sagt Scherzer. “Das Internetprinzip ist für mich: Under Construction.”

Alles ist im Fluss. Scherzer probiert selbst die neuen Onlineanwendungen aus, er teilt sich etwa selbst in Kurznachrichten auf Twitter mit. In seiner Freizeit lässt er dagegen die digitale Welt hinter sich und sucht die höchsten Gipfel auf. Diesen Sommer stieg er in Nepal auf einen Berg in 6000 Meter Höhe.

Der Rat von Eric Schmidt

Das alles anders kommt, als man denkt, hat Scherzer auch schon früher erfahren. 1997 verkaufte er alle seine Apple-Aktien, als er dachte, dass aus dem Unternehmen nichts mehr werden könne. Hätte er sie gehalten, könnte Scherzer finanziell ganz anders Gipfel besteigen.

Im Silicon Valley hatte er direkt mit all jenen Internetunternehmen zu tun, die der Medienbranche im Netz zu schaffen machen, mit Google, Facebook oder Apple. Eric Schmidt, damaliger Vorstandsvorsitzender von Google, lud Scherzer einmal zu einer Runde mit vielen Vertretern der klassischen Medien ein. “Alle, die hier im Raum sitzen, denken übers nächste Jahr nach, wenn Sie Glück haben über die nächsten zwei Jahre”, sagte Schmidt da. “Wir denken über die nächsten zehn Jahre nach.”

Wie sieht denn die Medienlandschaft in zehn Jahren aus? Alle Kanäle werden weiter bestehen, ist sich Scherzer sicher. Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften bleiben. Aber die Gewichte verschieben sich: Die Wucht digitaler Kanäle nimmt zu. Und Informationen werden weniger zu festgelegten Zeitpunkten gelesen, gesehen und gehört werden, sondern fast jederzeit – immer dann, wenn der Nutzer dies will.

“Die Verlage sind exzellente Sender, wir müssen noch stärkere Empfänger werden”, sagt Scherzer. Junge Menschen gewöhnen sich nicht mehr an das Prinzip von Sendezeiten. Das sieht er jeden Tag an seiner zehn Jahre alten Tochter. Die Jungen wollen selbst bestimmen, wann sie was machen.

Doch am Ende komme es auf die Relevanz der Informationen an, starke Marken werden gesucht und bleiben bestehen. Scherzer verbreitet Optimismus – trotz oder wegen aller Herausforderungen. Die Sonne scheint.

Mehr im Blog:

Merkel auf den Zeitschriftentagen: Verlage wollen die Hilfe der Politik im digitalen Wettbewerb

Zeitschriftentage: Hubert Burda fordert Hilfe von Kanzlerin Merkel

Wolfgang Fürstner: Seine letzte Gala

Mehr zum Thema:

Wolfgang Fürstner im Videogespräch: “Die analogen Geschäftsmodelle gelten nicht mehr”

_____________________________________________________________

F.A.Z.-Blog Medienwirtschaft
www.faz.net/medienwirtschaft

Twitter: www.twitter.com/jan_hauser

 

Veröffentlicht unter: Zeitschriften, VDZ, Google, Apple, Facebook, Twitter, IDG

 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Jahrgang 1983, Redakteur in der Wirtschaft der F.A.Z.