Medienwirtschaft

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Zeitschriften, Fernsehen, Internet: Wie sich die Welt der Medien dreht

Bauer in Großbritannien: Mit Robbie Williams in den Kampf um die Radiohörer

Der Hamburger Bauer-Verlag wetteifert in Großbritannien um die Macht im privaten Hörfunk - mit 42 Radiosendern und Stars wie Alice Cooper. Der Zukauf des großen Konkurrenten würde aber den Radiomarkt zerstören, warnt Bauer.

Als Robbie Williams im Sommer durch die britischen Stadien rockte, war der deutsche Heinrich-Bauer-Verlag ganz nah an ihm dran. Hinter der Bühne der Manchester Arena beantwortete der Popstar die Fragen des Reporters Alex James. Williams berichtete von seinem Leben auf Tour und seiner neuen Familie – nur für die Radiosender von Bauer, der es in Großbritannien im Hörfunk und mit seichten Zeitschriften zu einer Mediengröße gebracht hat. Von der Bühne übertrug Bauer das Konzert live und startete in den Frühstückssendungen Wettbewerbe, bei denen Fans Konzertkarten gewinnen konnten. Der exklusive Sondereinsatz für Bauer lief dann auf 17 Sendern seiner britischen Radiogruppe.

So sehr sich Bauer auch über eine solche Nähe zu den Stars auf den britischen Inseln freut, so sehr sehen sie auch die dortige Radiolandschaft bedroht. Das schieben die Hamburger auf ihren großen Konkurrenten, Global, dem Marktführer im privaten Hörfunkbereich in Großbritannien mit Sendern wie „Capital“, „Heart“ und „Real“. Dieser will noch größer werden und hat für 70 Millionen Pfund, umgerechnet etwa 84 Millionen Euro, Sender der Mediengruppe Guardian gekauft. Sein Marktanteil wird damit von 35 Prozent auf 45 Prozent wachsen. „Ein solcher Zukauf durch den größten Radioanbieter wird die kommerzielle Radiolandschaft in Großbritannien für immer verändern“, sagte Paul Keenan, Geschäftsführer der britischen Bauer Consumer Media, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Ein geringerer Wettbewerb würde die vielfältige Radiolandschaft mittelfristig zerstören.“ Noch steht die Genehmigung der Kartellbehörde aus. Sie argwöhnt, dass darunter der Wettbewerb im Werbemarkt leidet und entschied, dass Global einen Teil der Sender wieder abgeben müsse. Global legte dagegen allerdings Widerspruch ein. Bis Ende November könnte die Kartellbehörde nun darüber entscheiden.

© BauerGanz nah: Robbie Williams mit Bauers Radiomann Alex James

In Deutschland gehört der Hamburger Bauer-Verlag – gemessen am Umsatz – zu den größten Zeitschriftenverlagen, der hierzulande sein Geld mit zahlreichen Frauen- und Programmzeitschriften wie „Freizeitwoche“, „Das neue Blatt“, „TV14“ und „Bravo“ verdient. Das größere Geschäft macht die Bauer Media Group mit 8000 Mitarbeitern in Europa, Amerika und Asien längst außerhalb von Deutschland: 62 Prozent des Gesamtumsatzes von fast 2,2 Milliarden Euro setzte die Bauer Media Group im vergangenen Jahr im Ausland um – Tendenz steigend. Neue Zahlen wird Verlegerin Yvonne Bauer kommenden Woche im Heimathafen Hamburg bekanntgeben.

Im Ausland baut Bauer seit langem auf den britischen Markt: Mit Magazinen, Radio- und Fernsehsendern kommt Bauer auf einen Umsatz von 350 Millionen Pfund (420 Millionen Euro) im Jahr. Jeder vierte Mitarbeiter von Bauer arbeitet in Großbritannien. Gewinne gibt das Unternehmen nicht bekannt; nach britischen Medienberichten betrug das operative Ergebnis in vergangenen Jahr mehr als ein Fünftel des Umsatzes.

Bangen um die Vielfalt im Radiomarkt

Während das Unternehmen mit 60 Zeitschriften wie die Frauentitel „Grazia“ und „Closer“ oder das Rätselheft „Su-doku Killer“ mit einem Anteil von 29 Prozent Marktführer im Magazinbereich ist, kommt Bauer im privaten Hörfunkbereich mit 42 Radiosendern auf einen Marktanteil von mehr als 25 Prozent – und ist damit nur zweite Kraft im Königreich. Kein Wunder, dass das Unternehmen nicht will, dass sich der Abstand zum Marktführer vergrößert.

So profitabel wie Bauer ist, sieht das Unternehmen durch den Zukauf des Konkurrenten Global auch keine Gefahr für das eigene Geschäft. Doch viele kleinere Sender würden benachteiligt und das würde den gesamten Radiomarkt in seiner Vielfalt einschränken. „Wir befürchten, dass kleinere Anbieter als wir von den regionalen oder lokalen Märkten ausgeschlossen werden, in denen Global stärker wird“, sagt Keenan, der seit 2008 für Bauer arbeitet. Er setzt darauf, dass Vielfalt jedem Radiosender hilft. „Gesunder Wettbewerb verbessert das Produkt und zieht ein größeres Publikum an.“

Angriff auf den Pressevertrieb

Während Bauer in Großbritannien die Vielfalt der Medien lobt, sieht dies in der Heimat anders aus. Der Hamburger Verlag attackiert seit langem den deutschen Pressevertrieb und gefährdet damit nach Meinung anderer Verlage die Pressevielfalt hierzulande. Denn das Verhalten Bauers droht das Vertriebsnetz zu sprengen, das allen Verlagen offen steht: Pressegroßhändler liefern als neutraler Dienstleister Zeitungen und Zeitschriften an den Einzelhandel in Deutschland. Bauer klagt gegen das Verhandlungsmandat des Grosso-Verbands, der gleiche Konditionen zentral für Verlage und Pressegroßhändler verhandelt, und hat in erster Instanz recht bekommen. Im Dezember wird dies das Oberlandesgericht Düsseldorf verhandeln.

© BauerAlex James im Stadion in Manchester

Sein britisches Geschäft baut Bauer deutlich aus: Im Frühjahr übernahm es den digitalen Radiosender „Planet Rock“, im Sommer folgte die Hörfunkmarke „Absolute Radio“ mit dem Titel „Radiostation des Jahres 2012“ in Großbritannien. Auf den britischen Inseln erreicht Bauer fast 16 Millionen Hörer je Woche. Insgesamt ist das Unternehmen an 50 Radio- und Fernsehsendern beteiligt: in Deutschland an Radio Hamburg sowie in Polen und der Slowakei. Die Hauptrolle im Hörfunk spielt eindeutig Großbritannien. Hinter Global Radio ist Bauer der zweitstärkste private Hörfunk-Anbieter dort und hat einen Marktanteil von 25 Prozent. Der Umsatz mit dem Radiogeschäft liegt bei 125 Millionen Pfund (150 Millionen Euro). Mit Neuzugang „Planet Rock“ hat Bauer nun auch den 65 Jahre alten Rockmusiker Alice Cooper unter den Moderatoren und verbreitet dessen Radiosendung aus dem amerikanischen Phoenix in Großbritannien, die zu den beliebtesten Shows des Senders gehören.

Paul Keenan hofft auf die Digitalisierung, um mit seinen Sendern weiter zu wachsen. „Marken wie Kiss oder Heat sind längst cross-medial aufgestellt und auf vielen Plattformen präsent“, sagt der Bauer-Manager. Mit dem britischen Fernsehsender Channel 4 betreiben sie ein Gemeinschaftsunternehmen, das Fernsehsender zu den Radiostationen „Kiss“ und „Heat“ ausstrahlt. Die Sender müsse alle Wege zu den Hörern nutzen und auch Videos für Internetkanäle drehen. „Wir sind sehr aktiv auf Facebook, Twitter und allen anderen sozialen Netzwerken, weil es die Zeit verlängert, die unser Publikum mit uns verbringt.“

An gedruckte Zeitschriften glaubt er weiter: Männer und Frauen haben eine emotionale Beziehung zu Magazinen, findet Keenan. „Gedruckte Medien müssen heute härter arbeiten und besser sein, um die gleiche Aufmerksamkeit zu bekommen, weil das Publikum viel mehr Auswahl hat.“ Vor allem bietet Bauer im Verbund mit den anderen Medienformen seinen Werbekunden gleichzeitig Anzeigen auf allen Plattformen an – im Radio, Fernsehen, in Zeitschriften und im Internet.

Ein unwiderstehliches Angebot

Keenan setzt auf die Nähe zu den Stars: Vor dem Sondereinsatz für Robbie Williams hatte Bauer ähnlich eng mit Coldplay, U2 und Kings of Leon zusammengearbeitet. Mit dem Interview, der Konzertübertragung und den Kartenverlosungen erreichten Bauer und Williams 7 Millionen Menschen. „Für ihn und seine Plattenfirma war das ein sehr unwiderstehliches Angebot“, sagt Keenan. Auch viele Magazine Bauers bekamen in der Vermarktungsmaschine einen Happen ab.

Dass Williams mit Bauer sprach, lag auch am Radiomann Alex James, der zuvor schon dessen Auftaktpressekonferenz zur Tour moderiert hatte – auf Wunsch von Williams. Nah sind sie sich. Ob in einer engen Partnerschaft dann auch kritische Berichte noch möglich wären, ist eine andere Sache. Dem Geschäft hat es jedenfalls geholfen: Williams digitale Verkaufszahlen kletterten nach der Ausstrahlung.

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