Medienwirtschaft

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Zeitschriften, Fernsehen, Internet: Wie sich die Welt der Medien dreht

Presse-Grosso: Der Zeitschriftenkiosk wird digital

Die Pressegroßhändler nehmen das Internet in ihr Vertriebsgeschäft mit auf. Modelle wie Mykiosk.com und Eazers sorgen dafür. Auch bargeldlos könnte so im Einzelhandel bezahlt werden.

Wer die „Bild“-Zeitung, das Springersche Boulevard-Flaggschiff, sucht, hat es leicht. Schließlich liegt das Blatt mit Millionenauflage in vielen Presseregalen. Wer dagegen ein Rarität unter den Zeitschriften sucht, kann sich nicht immer sicher sein, dass es diese im Supermarkt um die Ecke oder dem nahen Kiosk gibt. Die Zeitschrift für veganes Kochen, das Musikszenemagazin oder das Pferdeheft hat meist eine geringere Auflage und kommt seltener ins Presseregal. Umso bedauernswerter, wenn Liebhaber und Rarität, also Käufer und Kaufobjekt, nicht zusammenfinden, weil sie nicht wissen, wo sie sich begegnen sollen. Wenn ein Geschäft aufgrund fehlender Informationen nicht klappt, ist es ein Ärgernis für Verkäufer und für Käufer. Das müsste nicht sein.

Das haben auch die Pressegroßhändler gemerkt, die als neutrale Instanz die Publikationen der Verlage an den Einzelhandel in Deutschland liefern. „Wenn der Verbraucher sich online einen Printtitel sucht, hat er bisher keine Möglichkeit dazu gehabt“, sagt der Pressegroßhändler Philip Salzmann aus dem baden-württembergischen Schopfheim. „Sie können im Internet sehen, wo Miele Waschmaschinen hat. Warum sollte das nicht für Zeitungen und Zeitschriften gehen?“ Er startete mit seinen Kollegen die Internetseite Mykiosk.com, die nach eigenen Angaben größte Suchmaschine für Zeitschriftenhändler auf der Welt – Werbeslogan: „Der schnellste Weg zu meiner Zeitschrift“.

Wer dort nach einer Zeitung oder eine Zeitschrift sucht, sieht die Verkaufsstellen in einer Region mit dem Titel und kann dann dorthin gehen, um das gewünschte Magazin zu kaufen. „In Zeiten des Internets ist es selbstverständlich, dass wir diese Lücken schließen“, sagt Salzmann. Er ist Bereichsleiter für digitale Märkte im Bundesverband der Großhändler. Seit 2007 arbeitet er als Pressegroßhändler wie schon sein Vater und sein Großvater. Als geschäftsführenden Gesellschafter führt er den Haberer Medienvertrieb, den er vor sieben Jahren übernahm. Ihm geht es um die Frage, wie sich die Vorteile des stationären Einzelhandels mit dem Internet verbinden lassen.

© ScreenshotAb an den Kiosk: Zeitungen in Frankfurt

Bislang ist der Pressegroßhandel ein ziemlich klassisches Geschäft: Verlage drucken Zeitungen und Zeitschriften, sie bringen ihre Publikationen zu den 60 Pressegroßhändlern in Deutschland, diese liefern täglich die gedruckten Medien an die 110.000 Einzelverkaufsstellen in Deutschland – in den Supermarkt, zum Tabakhändler, an die Tankstelle, zum Bäcker und den Kiosk um die Ecke. Der Leser nimmt sich das Magazin seiner Wahl und bezahlt es. Was nicht verkauft wird, bringt der Pressegroßhändler zurück. Fast 40 Prozent der an den Einzelhandel gelieferten Exemplare wird nicht verkauft.

Über Mykiosk.com kann sich jeder digital auf die Suche nach der gedruckten Zeitung oder Zeitschrift machen und vom Sofa oder Schreibtisch aus sehen, an welche Läden die Großhändler „Spiegel“, „Gala“ oder „Nido“ geliefert haben. 110.000 Verkaufsstellen und mehr als 5000 Titel umfasst das System, dem die Pressegroßhändler jeden Tag die Bezugsdaten melden. Der vereinfachte Zugang soll den Abverkauf steigern. Der Zeitschriftenverlegerverband VDZ lobt die neuen Angebote der Pressegroßhändler: Die Bedeutung des Vertriebs steigt und die Leser hierzulande haben eine hohe Zahlungsbereitschaft. Modelle wie Mykiosk.com bieten Komfort und erschließen so neue Kunden, heißt es.

Das soll nicht alles sein: Die Pressegroßhändler starten auch ein digitales Gutscheinsystem für Zeitungen und Zeitschriften. Gerade bringen sie dafür QR-Codes an der Kasse von bis zu 20.000 selbständigen Einzelhändlern an, über die sich dort jeder mit seinem Smartphone anmelden und digitale Gutscheine einlösen kann. Betreiber von Mykiosk.com ist die Presse-Grosso Marketing GmbH als Wirtschaftsgesellschaft des Grosso-Bundesverbandes. Für die QR-Codes arbeitet das Grosso-Unternehmen mit dem Esslinger Unternehmen Eazers GmbH zusammen, einer Tochtergesellschaft des dortigen Pressegroßhändlers. Die Kooperation dafür haben beide Seiten gerade vereinbart.

© Eazers-AppApp an den Kiosk: Gutscheine von Eazers
© Eazers-AppRabatt auf Zeitschriften

Wer die Eazers-App auf seinem Smartphone oder Tabletcomputer nutzt, soll damit von 2015 an Gratis-Ausgaben oder Rabatte auf Zeitungen und Zeitschriften über die QR-Codes erhalten. Eazers nutzt dafür das System von Mykiosk.com. Derzeit läuft eine Testphase im Großraum Stuttgart an 500 Verkaufsstellen. „Die Einzelhändler und Verlage sind mit den Zahlen zufrieden – und wir auch“, sagt Michael Nock, Geschäftsführender Eazers-Gesellschafter. Innerhalb von drei Monaten sind 1500 Zeitschriften mit den digitalen Gutscheinen verkauft worden. Ab dem bundesweiten Start fallen für die Verlage Gebühren für das Angebot an. Bis dahin wird Eazers etwa eine Million Euro investiert haben.

Für Mykiosk.com waren Anfangsinvestitionen im niedrigen sechsstelligen Bereich nötig. Die laufenden Kosten seien überschaubar. Die Pressegroßhändler zahlen das, ohne damit direkt Einnahmen zu generieren. „Bisher steht kein konkretes Geschäftsmodell dahinter, außer dass wir ein Zeichen für den Markt setzen“, sagt Salzmann. Es geht darum, den Einzelhandel zu stärken und ihn an digitalen Entwicklungen teilhaben zu lassen. „Das, was wir im Stammgeschäft verlieren, wird es nicht aufhalten“, sagt Salzmann. Der Umsatz im Pressegroßhandel geht seit Jahren zurück. Im vergangenen Jahr lag er mit fast 2,4 Milliarden Euro um 5 Prozent unter dem Vorjahr. „Wir müssen das mit Verlagen gemeinsam zur ersten Anlaufstelle machen, mit dem der Käufer sich gedruckte Zeitungen und Zeitschriften sucht“, sagt Salzmann. Auf die Internetseite kommen im Monat etwa 25.000 einzelne Besucher. Die meisten von ihnen steuern die Seite direkt an.

Neben Gutscheinsystemen sei die Nutzung der QR-Codes auch für andere Produkte und Hersteller möglich. „Wir sind da sehr offen. Jeder, der Interesse hat, Zugang zu dem Einzelhändlernetz zu bekommen, ist mehr als willkommen“, sagt Salzmann. Mit mehreren Unternehmen führen sie schon Gespräche. „Es ist auch denkbar, dass darüber Bonusprogramme oder bargeldloses Bezahlen erfolgen.“ Für Mykiosk.com gebe es Gespräche mit Österreich und der Schweiz, das Angebot dort ebenfalls umzusetzen.

Über den QR-Code an der Kasse wird der Kunde im Einzelhandel im kommenden Jahr dann auch mit seinem Smartphone durch den Pressebestand stöbern können. Trotz ihrer Millionenauflage findet übrigens nicht jeder die „Bild“-Zeitung am Kiosk. In den Statistiken des Digitalkiosks ist sie jedenfalls der Titel, nach dem am meisten gesucht wird. Nicht nur Raritäten sind gefragt.

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