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Zeitschriften, Fernsehen, Internet: Wie sich die Welt der Medien dreht

Zeitschriftenverleger setzen auf digitale Bezahlkultur

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Der Verband fordert ein rasches Vorgehen gegen Google. Die Verleger haben die Deutschen zu ihrer Mediennutzung befragt: Für relativ hoch halten zwei Drittel die Rundfunkgebühr.

Wenn je ein Titel den Namen Jugendzeitschrift verdient hat, dann traf das auf „Bravo“ zu. Das Magazin aus dem Hamburger Bauer-Verlag schien den Draht zu den Stars zu haben und gab sich nicht nur mit „Dr. Sommer“ als Ansprechpartner für alle Fragen der Heranwachsenden. Das ist vorbei. „Die Stars machen ihre Facebook-Nachrichten selbst, und Aufklärungsformate auf Youtube sind dichter an den Jugendlichen als Dr. Sommer“, sagte Stephan Scherzer, Hauptgeschäftsführer des Verbands deutscher Zeitschriftenverleger VDZ, dieser Zeitung.

Die „Bravo“ sei schlicht durch das Internet überholt worden. Von einer Millionenauflage in den siebziger Jahren ist das Magazin mit nunmehr 140195 verkauften Exemplaren weit weg. Verlegerin Yvonne Bauer stellt zu Weihnachten die Erscheinungsweise des Magazins um: Vom Jahresende an erscheint „Bravo“ nicht mehr jede Woche, sondern nur noch alle 14 Tage.

Das Internet ändert die Mediennutzung – auch zum Vorteil der Verlage. „Durch Web und Mobile sind die Reichweiten der Zeitschriften so hoch wie noch nie“, sagte Scherzer. Die digitalen Angebote nutzen drei Viertel der Gesamtbevölkerung. Neun von zehn Menschen in Deutschland, die älter als 14 Jahre sind, lesen gedruckte Zeitschriften und geben dafür jeden Monat mehr als 270 Millionen Euro aus.

© jch.Zeitschriften im Presseregal

Auch die Technikberichterstattung wandert ins Internet ab, und die Auflagen von Computermagazinen wie „Computer Bild“ und „PC Welt“ sinken. Gruner + Jahr spart zudem umfangreich und kürzt bei seinen Zeitschriften „Stern“, „Geo“ und „Brigitte“. Doch im Presseregal finden sich auch wieder neue Titel, und das belebt den Markt: Mehr als 40 Prozent des Branchenumsatzes geht auf Zeitschriften zurück, die jünger als zehn Jahre sind.

Im Spannungsfeld zwischen sinkenden Auflagen und digitalem Ausbau lädt der Zeitschriftenverlegerverband VDZ an diesem Donnerstag und Freitag zu seinem Jahreskongress „Publishers’ Summit“ nach Berlin. In einer repräsentativen Umfrage, die dort vorgestellt wird, hat der Verband untersuchen lassen, warum die Deutschen Zeitschriften lesen: 62 Prozent sagten, dass sie in ihnen immer wieder interessante Anregungen und Ideen erhalten. 48 Prozent finden im Alltag nützliche Tipps, und 46 Prozent können beim Zeitschriftenlesen gut entspannen. Dafür hat das Institut für Demoskopie Allensbach 1520 Personen befragt. Im Durchschnitt lesen die Befragten 67 Minuten in einer Zeitschrift, die sie interessiert.

Die Bürger schätzen die bestehende Medienlandschaft: Zwei Drittel schätzten die Vielfalt in der Umfrage als sehr hoch ein, ein Drittel hält diese für hoch. Auch mit der Qualität sind die Befragten zufrieden: 81 Prozent der Menschen in Deutschland, die mindestens 16 Jahre alt sind, beurteilen das Angebot aller Mediengattungen als gut und 16 Prozent sogar als sehr gut. Der Preis von Zeitungen und Zeitschriften kann nach der Umfrage noch steigen: Nur etwa jeder Vierte hält die Preise der gedruckten Medien für zu hoch. Dagegen stören sich immer mehr Bürger an der Zwangsgebühr für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Zwei Drittel der Befragten halten diese Abgabe für jeden Haushalt von 215,76 Euro im Jahr für relativ hoch.

Während Leser für gedruckte Titel seit langem zahlen, müsse dies auch im Internet folgen. Dort sind die meisten Internetseiten der Verlage kostenfrei. „Die Finanzierung journalistischer Inhalte im Internet ausschließlich über Banner ist zu wenig“, sagte Scherzer. „Wir brauchen eine digitale Bezahlkultur.“

Er erzählt von zwei jungen Unternehmen, die sich vor zwei Monaten auf Veranstaltungen des Verbandes den Verlagen vorgestellt haben – und gerade enger an deutsche Großverlage gerückt sind: An der Bezahlplattform Blendle aus den Niederlanden haben sich die Axel Springer SE („Bild“, „Welt“) und die amerikanischen Tageszeitung „New York Times“ jüngst für 3 Millionen Euro beteiligt. Der Dienst bietet den Kauf einzelner Artikel für Cent-Beträge an. Und der digitale Zeitschriftenkiosk Readly aus Schweden ist gerade in Deutschland gestartet: Für 9,99 Euro erhält der Kunde mittels einer App den Zugang zu digitalen PDF-Ausgaben von mehr als 750 Zeitschriften aus aller Welt. In Deutschland beteiligen sich daran der Hamburger Bauer-Verlag („Bravo“, „Freizeitwoche“), die Essener Funke-Mediengruppe („Hörzu“) und der IDG-Verlag („PC Welt“, „Gamestar“). Beides könnte den Weg dafür bereiten, das Leser digital für journalistische Produkte zahlen. Bislang waren die technischen Hürden oft hoch und damit die Bezahlungen für den Leser nicht einfach genug, findet er. „Der Leser wird digital mehr zahlen müssen“, sagte Scherzer. „Umsonst ist gar nichts.“ Andere Internetdienste ließen sich schließlich mit den Daten der Nutzer bezahlen.

Besorgt ist Scherzer über Entwicklungen in Brüssel: Er warnt vor weiteren Werbebeschränkungen für Kindernahrung sowie in der Kosmetik- oder Automobilwerbung. Scherzer kritisiert, dass die EU-Kommission noch nicht im Wettbewerbsverfahren gegen Google gehandelt habe, obwohl dies schon seit 2009 in Brüssel anhängig sei. Seither habe Google mit Android, einem Betriebssystem für Smartphones, ein neues Feld angegriffen und dominiere hier deshalb diesen Markt. „Das bestehende EU-Kartellrecht, das für alle gilt, muss jetzt dringend auf Google angewendet werden“, sagte Scherzer. „Falls sich Europa nicht bewegt, hat der deutsche Gesetzgeber selbst genügend Möglichkeiten, Worten auch Taten folgen zu lassen.“

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