Medienwirtschaft

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Zeitschriften, Fernsehen, Internet: Wie sich die Welt der Medien dreht

Kooperation gegen Google: Verlage arbeiten enger zusammen

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Gemeinsam statt einsam: Um sich fit für die Zukunft zu machen, werden aus Konkurrenten Partner. Worüber sich die Verlage dabei aber ärgern.

Für Axel Springer SE und die Funke-Mediengruppe ist ihr 920-Millionen-Euro-Geschäft mehr als der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften. Zum Vertrag gehört ein Schulterschluss zwischen den beiden Unternehmen dazu, die zu den größten Verlagen Deutschlands zählen: Springer („Bild“, „Welt“) hat zwar mehrere Titel an das Regionalzeitungshaus Funke („WAZ“, „Thüringer Allgemeine“) verkauft, aber Vertrieb und Anzeigen sind geblieben. Das nationale Werbe- und Vertriebsgeschäft regelt Springer seit Mai dieses Jahres im Auftrag Funkes weiter für die verkauften Titel, zu denen die Tageszeitungen „Hamburger Abendblatt“ und „Berliner Morgenpost“ sowie Zeitschriften wie „TV Digital“, „Hörzu“ und „Bild der Frau“ gehören. Zum Jahreswechsel übernimmt Springer zudem das Anzeigengeschäft weiterer Funke-Magazine wie „Das goldene Blatt“ und „Gong“. So arbeiten die Unternehmen jetzt Hand in Hand.

 

Zeit für die Zeitschrift: Die Verlage kooperieren© dpaZeit für die Zeitschrift: Die Verlage kooperieren

Immer mehr Verlage gehen einen solchen gemeinsamen Weg und suchen dafür die Hilfe der Konkurrenz. Für Philipp Welte, Verlagsvorstand der Münchner Hubert Burda Media („Focus“, „Bunte“), ist dies die Zukunft. „Wir Verlage wollen keine staatlichen Subventionen, um unsere journalistische Arbeit leisten zu können, aber wir wollen die unternehmerische Freiheit bekommen, uns nach den Spielregeln der Marktwirtschaft selbst zu stabilisieren, indem wir in den Dienstleistungen enger kooperieren“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Auch Burda arbeitet eng mit der Funke-Gruppe zusammen. Beide sind am Modernen Zeitschriften Vertrieb (MZV) mit jeweils einem Drittel beteiligt, der nicht nur die Titel beider Häuser, sondern viele andere Zeitschriften deutschlandweit vertreibt und damit mehr als 500 Millionen Euro im Jahr umsetzt.

Das Mediengeschäft ändert sich durch die Digitalisierung. Zeitschriftenverlage spüren oftmals sinkende Auflagen und konkurrieren um Werbegelder mit Internetkonzernen wie der amerikanischen Suchmaschine Google. So starten sie Kooperationen: Der Hamburger Jahreszeiten Verlag („Für Sie“, „Merian“) hat seinen Vertrieb seit Jahresanfang an Springer ausgelagert. Der mittelständische Klambt-Verlag aus Speyer arbeitet mit Gruner+Jahr bei der Modezeitschrift „Grazia“ und mit dem Heinrich Bauer Verlag bei der Illustrierten „Freizeitwoche“ zusammen. Von 2015 an ist die Axel Springer Vertriebsservice GmbH als Abodienstleister für Klambt-Magazine tätig. „Wir Verlage werden immer mehr zusammenarbeiten müssen“, sagt Klambt-Verleger Lars Rose. „Ich kann mir vorstellen, dass wir Verlage uns in einigen Jahren in einzelnen Bereichen zu größeren Einheiten aufstellen.“

„Kartellamt sagt keinen Piep, wenn Facebook Whatsapp kauft“

Springer und Funke wollen sich stärker miteinander verbinden und Gemeinschaftsunternehmen für Anzeigen und Vertrieb gründen, in denen Springer die Mehrheit haben soll. Erstmals haben sie das im Juli 2013 mit den Verkaufsplänen angekündigt. Bislang ist aus der gesellschaftlichen Zusammenarbeit jedoch nichts geworden. Einen solchen Zusammenschluss müsste auch das Bundeskartellamt noch genehmigen – und die Behörde wird sehr genau hinsehen, ob die Kooperation den Wettbewerb stört. Auch deswegen sind Springer und Funke hier noch nicht am Ziel.

Die Zeitschriftenverlage stört, dass ihre Zusammenarbeit stark beobachtet wird, während sich digitale Konkurrenten aus Amerika hierzulande unterhalb des Radars der deutschen Behörde ausbreiten. „Das Kartellamt sagt keinen Piep, wenn Facebook für 19 Milliarden Dollar Whatsapp kauft und damit den Social-Media-Weltmarkt ändert“, sagt Stephan Scherzer, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Zeitschriftenverbandes VDZ. „Wenn wir nicht aufpassen und der Gesetzgeber in Brüssel und Berlin an falschen Stellschrauben dreht, werden wir die Vielfalt der freien Presse mit Hunderten Verlagen, Tausenden Journalisten und Publikationen gegen eine publizistische Wüste tauschen.“ Das sei schon in der amerikanischen Medienlandschaft und Themensetzung zu sehen.

Hierzulande sieht er im Internet die Marktmacht von Facebook und Google sowie zwei große Fernsehvermarkter und drei dominierende Werbeagenturen. Dem gegenüber stehen 450 meist mittelständische Verlage im Zeitschriftenverlegerverband. „Da ist es klar, dass es neue Formen der Kooperationen braucht“, sagt Scherzer. „Die Entscheider im Kartellamt und in der Gesetzgebung müssen sich zukunftsfähige Gedanken machen, die nationalen Unternehmen echte Chancen im Wettbewerb lassen.“

„Medienwirtschaft vollzieht einen revolutionären Wandel“

Burda-Vorstand Welte rechnet vor: Der deutsche Werbemarkt umfasst 20 Milliarden Euro, davon gehen 9 Milliarden Euro an zwei Fernsehvermarkter und 3 Milliarden Euro an Google. Burda selbst kommt als einer der größten Zeitschriftenverlage Deutschlands auf 500 Millionen Euro. Welte versteht da nicht, warum die Kartellbehörde die Zusammenarbeit der Verlage so beäugt. Die Kooperation sei zwingend. „Wir Verlage suchen unseren Weg in einer teilweise radikal veränderten Marktsituation, und der ist eher kollaborativ statt konfrontativ“, sagt Welte. Obwohl sie sich eher am Ende des Werbemarktes sehen, müssten sie vor jedem gemeinsamen Schritt sehr lange auf das Kartellamt warten.

In das Geschäft zwischen Springer und Funke hatte sich das Bundeskartellamt schon eingemischt und den Verkauf für 920 Millionen Euro nur unter einer Auflage genehmigt: Funke musste acht Fernsehmagazine, darunter Springers „Funkuhr“, an Klambt verkaufen. Damit herrsche auf dem Markt der Programmzeitschriften weiter ein Wettbewerb von vier Verlagen, urteilte die Behörde. Kartellamtspräsident Andreas Mundt wehrt sich gegen Kritik an ihrer Aufsicht. „Die Medienwirtschaft vollzieht derzeit einen revolutionären Wandel“, sagt er. „Für uns ist es selbstverständlich, dass wir diese Veränderungen seit vielen Jahren auch in unseren Verfahren berücksichtigen.“

Dennoch seien es vielfach noch unterschiedliche Märkte und unterschiedliche wettbewerbliche Nähe. Auch bei Fernsehzeitschriften wächst der Einfluss der digitalen Medien. „Wenn man den Markt aber genauer untersucht, stellt man fest, dass die klassischen Programmzeitschriften nach wie vor ihre typische Leserschaft haben und erfolgreiche Apps und Online-Angebote wiederum ganz überwiegend von denselben vier Zeitschriftenanbietern stammen“, sagt er.

Macht das Kartellamt Springer und Funke nach der Auflage für die Fernsehmagazine auch bei den Gemeinschaftsunternehmen einen Strich durch die Rechnung? Vorgespräche dazu laufen. Bevor das Kartellamt sich regt, müssen die Verlage aber erst die neue Gemeinschaft anmelden.

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2 Lesermeinungen

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  2. Wenn es wahr ist, dass
    a) eine Zeitung/Zeitschrift heute einen Online-Auftritt de facto dringend benötigt, um am Markt bestehen zu können und
    b) ein solcher Auftritt de facto nur mit Onlinewerbung finanziert werden kann und
    c) Google im Bereich Onlinewerbung kraft Marktbeherrschung de facto
    unverzichtbar ist,
    dann ist es höchste Zeit zur Rettung der für eine Demokratie notwendigen freien Presse („4. Gewalt“), dass die Verlage konzertiert vorgehen. Googles Macht beruht hauptsächlich auch darauf, dass sie die Unternehmen gegeneinander ausspielen kann: Willst du meine Onlinewerbung nicht, kriegt sie dein Konkurrent … !

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