Medienwirtschaft

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Zeitschriften, Fernsehen, Internet: Wie sich die Welt der Medien dreht

American Gods: RTL bandelt mit Amazon an

Ihre Vorzeigeserie „American Gods“ stellt die RTL Group in den Vereinigten Staaten her. Aber in Deutschland lässt die Fernsehkette den Konkurrenten im Internet den Vortritt und legt auch neue Geschäftszahlen vor.

American Gods: Die Hauptfigur der neuen Serie ist Shadow Moon (Ricky Whittle, links), ein ehemaliger Gefängnisinsasse.© FremantleHauptfigur in „American Gods“ ist der ehemalige Gefängnisinsasse Shadow Moon (Ricky Whittle, links).


Die alten Götter der Mythologie verlieren an Macht. Sie werden verdrängt von Medien und Technik, mit denen sich scheinbar viele Menschen lieber beschäftigen und oftmals auch an sie glauben. In der heutigen Zeit kämpfen daher alte Götter wie Odin gegen diese neuen Götter – das ist das Thema hinter „American Gods“, die der in Amerika lebende Engländer Neil Gaiman aufgeschrieben hat. Der preisgekrönte Roman erschien vor 15 Jahren, wurde in 30 Sprachen übersetzt und wird gerade verfilmt.

Verantwortlich für die Fernsehserie ist die Produktionsgesellschaft Fremantle Media, eine Tochtergesellschaft der Luxemburger Privatfernsehkette RTL Group: Für Fremantle ist die Göttergeschichte der Neuzeit ihre aufwendigste Serie und damit auch eine der teuersten Produktionen mit zweistelligen Millionenausgaben. Für RTL ist es überdies wichtig, um in Europa mit dem Internethandelskonzern Amazon ins Geschäft zu kommen.

Die RTL Group, die der Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann zu 75,1 Prozent besitzt, setzt diese ambitionierte Serie nicht zuerst den eigenen Zuschauern seiner Privatsender vor, zu denen in Deutschland RTL, Vox, RTL II, Super RTL, RTL Nitro, RTL Plus und N-TV zählen. Deren Tochtergesellschaft Fremantle Media International verkauft die Erstausstrahlungsrechte für Deutschland, Österreich, Großbritannien und Japan an den Onlinehandelskonzern Amazon für dessen Internetdienst Instant Video. Dieses Angebot kostet in Deutschland 49 Euro im Jahr und umfasst auch Versanderleichterungen und neuerdings ein Musikangebot. Erstmals kommt Fremantle hierbei mit Amazon bei einer Produktion ins Geschäft, die noch nicht vollendet ist, sondern erst im Entstehen ist.

Neue Götter: Der technische Junge.© FremantleNeue Götter: Der technische Junge

Überhaupt erhofft sich Fremantle viel von „American Gods“, das diese in den Vereinigten Staaten für den Bezahlsender Starz produziert und derzeit dort erst noch gedreht wird. „Glauben ist im Fernsehmarkt ein starkes Thema“, sagte Jens Richter, Vorstandsvorsitzender von Fremantle Media International, dieser Zeitung. Nicht nur deswegen verspricht er sich einen Erfolg von der Serie, die als Buch reüssierte. Er verweist gern auf die Anhängerschar von Neil Gaiman, dem auf sozialen Internetdiensten Millionen Menschen folgen. „American Gods“ soll im kommenden Jahr auf den Markt kommen und nach der Ausstrahlung in Amerika wird hierzulande Amazon damit an der Reihe sein.

Für Guillaume de Posch, den Co-Vorstandsvorsitzenden der RTL Group, soll die Zusammenarbeit mit Amazon und anderen Portalen, die Videos auf Abruf gegen Bezahlung anbieten (SVOD), die Auftragsbücher füllen. „Je mehr digitale Plattformen es gibt, umso mehr werden hochwertige Produktionen nachgefragt“, sagte er am Donnerstag zur Bekanntgabe der Halbjahresbilanz. Bisher steuert das Produktionsgeschäft, wozu Auftragsarbeiten für andere Sender und Büros rund um die Welt gehören, jedoch nur einen überschaubaren Anteil zum Gewinn bei.

In den ersten sechs Monaten erhöhte Fremantle Media den operativen Gewinn (Ebita) um 7,1 Prozent auf 30 Millionen Euro und trägt damit ein Zwanzigstel zum Ebita-Wert des gesamten Konzerns bei. Der Umsatz kommt in den ersten sechs Monaten auf 618 Millionen Euro. Allerdings fällt das Hauptgeschäft der Produktionsgesellschaft im zweiten Halbjahr an, so dass RTL für das Gesamtjahr einen operativen Gewinn von mehr als 100 Millionen Euro anpeilt.

Bilquis ist eine alte Göttin.© FremantleBilquis ist eine alte Göttin.

Insgesamt steigerte die RTL Group mit Sitz in Luxemburg ihr Geschäft im ersten Halbjahr, zu dem auch Fernsehsender in Frankreich, Spanien, der Niederlande, Belgien und Ungarn gehören. Der operative Gewinn (Ebita) stieg zwar in den ersten sechs Monaten um 8,6 Prozent auf 580 Millionen Euro an, aber aufgrund höherer Steuerzahlungen sank der den Aktionären zurechenbare Nettogewinn um 2,8 Prozent auf 341 Millionen Euro. Eine Zwischendividende von 1 Euro je Aktie will die RTL Group im September auszahlen. Der Umsatz erhöhte sich im ersten Halbjahr 2016 um 3,2 Prozent auf 2,88 Milliarden Euro.

Fast 51 Prozent des Umsatzes stammen aus der Fernsehwerbung. Pro Sieben Sat 1 gab hier jüngst einen Wert von 56 Prozent an. Der Digitalumsatz der RTL Group hat sich auf 9,2 Prozent erhöht. Die Rendite insgesamt stieg von 19,2 Prozent auf 20,2 Prozent. Die Gewinnprognose hob RTL auf ein Ergebnis zwischen 1 und 2,5 Prozent an. Der Aktienkurs des Konzern, der im Nebenwerteindex M-Dax notiert ist, ging am Donnerstag zeitweise um etwa 2 Prozent zurück und erreichte zum Handelsende ein Minus von 0,7 Prozent.

Am wichtigsten ist für die Fernsehkette weiter das Werbegeschäft im linearen Fernsehen. Daher verlief für die RTL Group das zweite Quartal aufgrund der Sportereignisse schwächer als zuvor. „Der Juni war offensichtlich von der Fußball-Europameisterschaft beeinflusst“, sagte Co-Vorstandsvorsitzende Anke Schäferkordt. In Deutschland übertrugen die Partien aus Frankreich weitgehend die öffentlich-rechtlichen Sender sowie teilweise der Privatsender Sat 1. Auch die Privatsendergruppe Pro Sieben Sat 1 bemängelte in dieser Zeit geringere Einschaltquoten.

Von April bis Juni steigerte die RTL Group ihren operativen Gewinn um 3,2 Prozent auf 351 Millionen Euro, allerdings sank der Umsatz um 2,3 Prozent auf 1,45 Milliarden Euro. Diesen Rückgang führt der Konzern auch auf Phaseneffekte von Fremantle und negative Wechselkurseffekte zurück. In Deutschland erreichte RTL aufgrund höhere Werbeeinnahmen einen neuen Rekordwert von 362 Millionen Euro und damit ein Plus um 5,5 Prozent.

Durch ihre Produktionsgesellschaften arbeiten die deutschen Privatsender immer wieder für die Konkurrenz. Pro Sieben Sat 1 stellt für Amazon über eine amerikanische Beteiligung die Serie „Bosch“ her. In Großbritannien arbeitet Fremantle mit Amazon bei der australischen Gefängnisserie „Wentworth“ und der Comedysendung „Web Therapy“ zusammen. Weitere Aufträge für Amazon dürften folgen.

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