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Zeitschriften, Fernsehen, Internet: Wie sich die Welt der Medien dreht

Snapchat zieht es nach Deutschland

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In Amerika ist Snap mit seiner App unter jüngeren Menschen groß. Nun folgt der Blick nach Deutschland. Hierzulande will das Unternehmen mit mehr deutschsprachigen Medien zusammenarbeiten.

Snapchat: Die App mit Hundeohren

Fast zwei Monate nach dem Börsengang setzt das amerikanische Internetunternehmen Snap Inc. zum Gang nach Deutschland an. Hierzulande baut der Betreiber der Snapchat-App, mit der besonders junge Menschen mit Fotos und kurzen Filmen kommunizieren, sein Geschäft aus und schaut auf seine deutschsprachigen Anhänger. Ein Teil davon geschieht am 1. Mai, wenn das Unternehmen erstmals die hiesigen Snapchat-Nutzer dazu aufruft, kurze Videos ihrer Tagesaktivitäten einzusenden: Eine Auswahl davon mit allerlei Alltagsszenen zeigt das Unternehmen am gleichen Tag unter dem Titel „Meine Geschichte“ – wie es schon oft in anderen Länder passiert ist.

In Deutschland ist gerade „Snapchat Discover“ gestartet: In dieser Rubrik erstellen vier deutschsprachige Medien täglich neue Artikel für die Nutzer der Smartphone-Anwendung und teilen sich dafür die Werbeeinnahmen mit Snap. Allerdings beteiligen sich in anderen Ländern schon wesentlich mehr Medien an dem Medienangebot der in der App. Wenn es nach Snapchat geht, soll es nicht bei der geringen Anzahl in Deutschland bleiben. „Wir erwarten, dass sich mehr Medien Snapchat Discover anschließen“, sagt Nick Bell, Snaps Vize-Präsident für Inhalte, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Von 158 Millionen Menschen, die Snapchat laut dem Unternehmen im Durchschnitt täglich nutzen, stammt etwa jede dritte Person aus Europa. Zahlen für Deutschland nennt Snap nicht. Als beliebt gilt die App vor allen unter Jüngeren, die ihr Konterfei gern mit Hundeohren und anderen lustigen Filtern verfremden.

„Als ich aufwuchs, bin ich nach der Schule nach Hause gegangen und habe Fernsehen geschaut. Wenn nichts im Fernsehen lief, habe ich einen Freund angerufen“, sagt Nick Bell. Das war einmal. Heutzutage stehen Jugendliche durch Smartphones ständig im Austausch miteinander. „Die Kommunikation mit ihren Freunden bringt die Menschen zu Snapchat“, sagt Snaps Vize-Präsident Bell. Mittels der App kann jeder anderen Nutzern, die er kennt, Fotos und 10 Sekunden lange Filme schicken, die in der Regel nach einem Tag nicht mehr sichtbar sind. Auch lassen sich Fotos und Filme mit Text, Filtern und Tiermasken gestalten.

Nick Bell arbeitete mehrere Jahre für den Medienkonzern News Corp von Rupert Murdoch („Wall Street Journal“, Fox“). Eines Tages zeigte dieser Interesse an den Unternehmen der mobilen Digitalwelt und das Gespräch kam auf Snapchat. Bell organisierte ein Kennenlernen mit Evan Spiegel, einem der Gründer und Vorstandsvorsitzenden von Snap. So kam auch er mit Spiegel in Kontakt und unterhielt sich ein paar Wochen später, wie sich Medien auf Snapchat präsentieren können. Im April 2014 fängt Nick Bell bei Snapchat an und arbeitet an einer Medienplattform für Snapchat.

Im Januar 2015 startet dies unter dem „Discover“ zuerst in den Vereinigten Staaten, wo heute fast 40 Medien wie die Zeitungen „New York Times“ und „Washington Post“ sowie Fernsehsender wie MTV ihre Inhalte verbreiten. Danach starteten regionale Angebote in Kanada, Großbritannien und Australien sowie in Frankreich und Norwegen. „Wir schaffen ein Produkt, in dem die Nutzer eine Medienmarke anklicken und jeden Tag wiederkommen“, sagt Bell. Denn auch die Inhalte der Medienpartner verschwinden nach 24 Stunden und werden dann wieder aktualisiert. In Deutschland beteiligen sich daran „Spiegel Online“, „Bild“, „Vice“ und „Sky Sports“.

Snap erhält Einnahmen durch kurze Werbefilme und verkauft Filter ebenfalls an Unternehmen. Ein Kleidungshersteller kann damit etwa mit einem Filter werben, in dem sich der Nutzer virtuell eine neue Kapuzenjacke seiner Marke überzieht. Genügend Geld hat dies Snap bisher nicht eingebracht. Im Jahr 2016 war der Verlust mit etwa einer halben Milliarde Dollar höher als der Umsatz von 405 Millionen Dollar.

Für mehr deutsches Werbegeld soll Marianne Bullwinkel sorgen, die Anfang Mai in der neu geschaffenen Position als Geschäftsführerin für Deutschland, Österreich und die Schweiz beginnt. Ein Büro für Snap soll bis Jahresmitte in Deutschland gefunden sein. Bullwinkel arbeitet zuvor als Deutschlandchefin für das soziale Netzwerk Facebook.

Gerade Facebook bringt Snapchat unter Druck, da es viele Funktionen der Anwendung in seine Dienste integriert. So hat das zum Konzern gehörende Instagram mittlerweile 200 Millionen tägliche Nutzer der dortigen „Stories“, die deutlich an Snapchat angelehnt ist, und damit den Wettbewerber überholt hat. Das Nutzerwachstum von Snapchat hat zumindest zuletzt nachgelassen.

Als Gegenspieler zu Facebook hatten Medienmanager auf Snapchat gehofft: Von einem nötigen Wettbewerb hatten dabei Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE („Bild“), und Shane Smith, Vorstandsvorsitzender von Vice Media, im vergangenen Jahr gesprochen. Dafür müsste Snap besonders in Deutschland noch mehr Millionen Menschen erreichen.

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