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Zeitschriften, Fernsehen, Internet: Wie sich die Welt der Medien dreht

„Deutschland sucht den Superstar“ zieht nach Amerika

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Für das Geschäft der RTL Group zählt „Deutschland sucht den Superstar“ gleich doppelt. Im Fernsehen taucht die Castingshow immer weiter auf – und „American Idol“ kehrt auch zurück. In Deutschland werden schon Sänger für das nächste Jahr gesucht.

© APDie Jury zuletzt in Amerika: Keith Urban (von links), Jennifer Lopez und Harry Connick

Gerade hat der Privatsender RTL wieder einen vermeintlichen Superstar gekürt, doch haben die Castingsendung „Deutschland sucht den Superstar“ in diesem Jahr weniger Menschen verfolgt. Das Finale der 14. Staffel schalteten am Wochenende dreieinhalb Millionen Menschen ein. Zum Auftakt des Vorsingens in den Jahren 2002 und 2003 wollten bis zu 15 Millionen Zuschauer wissen, wie die jungen Menschen singen. Seither hat sich das Fernsehverhalten durch Youtube-Filmchen, digitale Mediatheken und anderen Internetangeboten sowie der wachsenden Schar klassischer Fernsehsender derart gewandelt, dass eine zweistellige Millionenzahl an Zuschauern die Ausnahmen ist. Eine solche Menschenmasse erreichen hierzulande noch Fußballspiele der deutschen Nationalmannschaft oder auch mancher „Tatort“ in der ARD.

Für die börsennotierte RTL Group, Europas größter Privatfernsehkette, zählt der Verlauf der wichtigen Samstagabendsendung „Deutschland sucht den Superstar“ nicht nur, da die Werbeeinnahmen der hiesigen RTL-Mediengruppe wesentlich den Gewinn stützen und die Castingsendung weiter Aushängeschild ist. Gleichzeitig steckt die Tochtergesellschaft Fremantle Media als Produzent hinter dem internationalen Format, das als „Pop Idol“ zunächst in Großbritannien entstand und in 55 Ländern eigene Ableger bekam.

Besonders wichtig ist für Fremantle das Geschäft in den Vereinigten Staaten, wo ein Großteil des Jahresumsatzes der RTL Group von 802 Millionen Euro auf das Konto der Produktionsgesellschaft geht. Das zeigt sich auch an den Folgen durch das Aus von „American Idol“ mit Sängerin Jennifer Lopez in der Jury, von dem sich der Fernsehsender Fox im vergangenen Jahr verabschiedete. So ging in den ersten drei Monaten des Jahres der Umsatz der RTL Group um 1,9 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro zurück. Hätte es „American Idol“ noch gegeben, wäre der Umsatz um etwa 4 Prozent gestiegen, wie die RTL Group zur Vorlage der Geschäftszahlen am Donnerstag mitteilte. Von Januar bis März ist der Vorsteuergewinn (Ebitda) von Fremantle Media nun um ein Drittel auf 13 Millionen Euro zurückgegangen. Schon in den Vorjahren hatte teilweise weniger Erlöse aus der Show und auch das Aus für die Musiksendung „X Factor“ in Amerika das Ergebnis geschmälert.

Auch in Amerika spürt die Castingsendung den Wandel der Fernsehwelt und einen deutlichen Zuschauerrückgang: Von einst 37 Millionen Zuschauern verfolgten die vergangene Staffel von „American Idol“ noch mehr als 11 Millionen Menschen. Wer allerdings auf das Ende der Castingshows hofft, sollte ebenfalls nach Übersee schauen. Fremantle verkündete diese Woche eine gute Nachricht für die RTL Group mit, die mehrheitlich im Besitz des Gütersloher Medienkonzerns Bertelsmann ist: Nach einem Jahr Pause übernimmt der Fernsehsender ABC die Suche nach dem amerikanischen Superstar und beschert der Produktionsgesellschaft wieder Einnahmen mit „American Idol“.

© Fremantle„American Gods“ zeigt die Götter der Neuzeit..

Cécile Frot-Coutaz, der Vorstandsvorsitzenden von Fremantle Media, spricht nun über „American Idol“ von der „idealen Zeit für die Rückkehr einer der erfolgreichsten Shows in der Geschichte des zeitgenössischen Fernsehens“. Sie übernahm im Jahr 2012 den Chefposten, hat das Produktionsgeschäft in den vergangenen Jahr ausgebaut und Unternehmen zugekauft. Neben den Unterhaltungsshows wie „Got Talent“ oder „Project Runaway“ mit Heidi Klum produziert das Unternehmen zunehmend auch Drama-Serien wie „American Gods“ oder „The Young Pope“. Das gibt dem Medienunternehmen insgesamt auch Rückenwind: So erwarten Bert Habets und Guillaume de Posch, die beiden Vorstandsvorsitzenden der RTL Group, dass der Umsatz von Fremantle nun steigt, da die Ausstrahlung von „American Gods“ vor einigen Wochen begonnen hat. Überdies gab Fremantle am Freitag bekannt, dass eine zweite Staffel der Serie gedreht wird.

Im vergangenen Jahr steigerte Fremantle den Vorsteuergewinn (Ebita) um 7 Prozent auf 110 Millionen Euro. Die Mediengruppe RTL Deutschland erreichte mit einem Plus von 3 Prozent ein Rekordergebnis von 705 Millionen Euro und reagiert selbst mit neuen Sendern wie „RTL Plus“ auf die Zergliederung des Fernsehmarktes. Die gesamte RTL Group kam auf einen Vorsteuergewinn von 1,2 Milliarden Euro und den Umsatz von 6,2 Milliarden Euro.

Die hiesige RTL-Mediengruppe, zu der neben dem Hauptsender RTL auch Vox, RTL II, N-TV und Super RTL gehören, muss die älteren Formate pflegen, damit diese den Zuschauern nicht altbacken vorkommen. Immer wieder ändern die RTL-Macher nicht nur Details ihrer langjährigen Sendungen wie der Quizshow „Wer wird Millionär?“ oder der täglichen Vorabendserie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, die kommende Woche schon 25 Jahre lang läuft und auch eine Fremantle-Tochtergesellschaft produziert.

© RTL„Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ läuft auch noch.

Für „Deutschland sucht den Superstar“ wechselte RTL immer wieder die Juroren aus, nur die beißenden Kommentare des Popmusikers Dieter Bohlen verblieben. Der Privatsender schaut ungern auf den Vergleich mit den Zuschauerzuspruch in der Vergangenheit, sondern gibt sich mit dem aktuellen Blick auf anderen Shows und den Marktanteil zufrieden. Zur aktuellen Staffel hebt RTL hervor, dass das Finale am Samstagabend mit einer Einschaltquote von 18,3 Prozent unter den Zuschauern im Altern von 14 bis 49 Jahren die Nummer 1 auf dem Sendeplatz war. Dennoch wird der Sender nun die jüngste Staffel analysieren und entscheiden, wie und in welcher Form es mit „Deutschland sucht den Superstar“ weitergeht. Schon laufen die Aufrufe zum Bewerben für die nächste Staffel der Sängerauswahl, die in Deutschland noch keinen Sieger zum Superstar machte.

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