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Die Höhle der Löwen: Wie Vox Deutschland zum Start-up-Land macht

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Gründer tauchen im Fernsehen nur sehr selten auf. Die Sendung „Die Höhle der Löwen“ will das ändern und zeigt einen Ausschnitt der Investorensuche.

© VoxHier sitzen mögliche Geldgeber: Carsten Maschmeyer (von links), Judith Williams, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl und Ralf Dümmel.

Der Verkauf von Eis, die Entwicklung weicher Schuhpolster für Pumps und das Angebot eines unsichtbaren Schutzes für den Bildschirm des Smartphones: In der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ landen allerlei Produkte, von denen sich deren Entwickler einen guten Verdienst versprechen. Sie buhlen am Dienstagabend im privaten Fernsehsender Vox um das Geld von fünf Investoren. Diese setzen eigenes Vermögen ein, wenn sie sich an den vorgestellten Unternehmen beteiligen wollen. Die beiden Gründer von „Protect Pax“ erhoffen sich 100 000 Euro für 15 Prozent Unternehmensanteile und die Gründer von „Luicella’s Ice Cream“ 120 000 Euro für 10 Prozent Unternehmensanteile. Vor der Kamera erhalten diese auch die Kapitalzusage mehreren Investoren, wenn auch zu etwas anderen Konditionen.

Die wöchentliche Sendung soll mehr als Unterhaltungsfernsehen sein. „Wir brauchen dringend mehr Start-ups und Menschen, die in Startups arbeiten wollen oder diese unterstützen“, sagt der Internetinvestor Frank Thelen. Er bezeichnet „Die Höhle der Löwen“, die jetzt ins vierte Jahr kommt, als „Start-up-Crashkurs für das Wohnzimmer“. Als Thelen früher Unternehmen gegründet hatte, bedeutete Start-ups noch nicht viel mehr, als dass der Gründer wohl keine richtige Arbeit gefunden hat. „Ich will zeigen, wie Start-ups funktionieren, und damit für mehr Leute diesen Weg zu öffnen“, sagt er.

Thelen sitzt neben der Homeshopping-Verkäuferin Judith Williams seit der ersten Staffel im Jahr 2014 in der Riege der Vermögenden, die über die Geschäftsmodelle der Gründer im Fernsehen richten. Im vergangenen Jahr kamen Ralf Dümmel, Gesellschafter des Handelshauses DS, sowie Carsten Maschmeyer hinzu, der mit dem Aufbau des Finanzvertriebs AWD Geld machte. „Wir werden mehr Deals sehen, es werden höhere Bewertungen aufgerufen“, sagt Maschmeyer zur vierten Staffel. Erstmals als „Löwin“ dabei ist die CSU-Politikerin und Unternehmerin Dagmar Wöhrl, deren Mann Hans Rudolf Wöhrl sich derzeit mit der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin beschäftigt. Thelen berichtet von unzähligen Zuschriften von Zuschauern, denen die Sendung Impulse gesetzt hat, zu gründen, ihr Studium ernster zu nehmen oder einfach neue Perspektiven zu entdecken.

Doch vieles von dem, was Gründer und Investoren besprechen, landet nicht auf dem Fernsehbildschirm. Tatsächlich dauern die Verhandlungen zwischen beiden Seiten oft mehr als eine Stunde. In der Sendung wird dies zusammengeschnitten. Dort sind in der Regel zehn bis 15 Minuten von den Gesprächen zu sehen. Vor allem gehen die Verhandlungen auch dann weiter, wenn die Fernsehkamera ausgeschaltet ist. Die Investoren prüfen, ob die Angaben des Gründers stimmen und ob er alles gesagt hat, was relevant wäre. Sie stellen sich dabei die Frage: Läuft das Geschäft so ab, wie ich es mir in der Sendung vorgestellt habe? Genauso kann es sich der Gründer noch überlegen und im Anschluss von dem Verkauf der Geschäftsanteile absehen.

Fix ist das Geschäft erst, wenn beide Seiten die Abmachung nach eingehender Prüfung mit Unterschriften besiegeln. Daher übersteigen die Geschäftsabschlüsse, die in der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ vereinbart werden, die final realisierten Abmachungen. In den ersten beiden Staffeln sollen drei von vier Abschlüssen nach der Sendung gescheitert sein. Nur neun Einstiege von Investoren hat es nach einer Auswertung von „Gründerszene.de“ gegeben. In der dritten Staffel soll die Erfolgsquote mitsamt Investitionssumme deutlich höher gewesen sein. In Branchenkreisen heißt es, dass in der vierten Staffel wieder viel investiert worden ist.

© Vox/Bernd-Michael MaurerFrank Thelen

Dass im Anschluss an die Sendung weiterverhandelt wird, liegt auch daran, dass Gründer und Investoren erst zur Aufzeichnung der Sendung aufeinandertreffen. „Die Investoren haben keine Gelegenheit das vorher zu prüfen“, sagt Florian Nöll, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Start-ups und Gründer mehrerer Digitalunternehmen. Die Sendung sei auf ein Fernsehformat angepasst, aber nah an der Realität von Gründern dran. In so kurzer Zeit könne nicht alles besprochen werden. Und wenn die Geschäftsideen vorab geprüft werden, geht der Überraschungseffekt verloren. Nöll lobt die Sendung dafür, dass sie Start-ups in eine breite Öffentlichkeit bringt. Die Folgen merkt er daran, dass er nun öfter mit Menschen, die Sendung schauen, im Gegensatz zu früher über Start-ups sprechen kann.

Investor Ralf Dümmel berichtet davon, dass von 23 zugesagten Geschäften in der vergangenen Staffel 17 beim Notar waren. In der Sendung hat er mehr als 3 Millionen Euro investiert und nennt zudem einen hohen zweistelligen Millionenbetrag für Arbeitskosten. „Manchmal kommt man gemeinsam zu dem Schluss, dass es besser ist, keine Beteiligung einzugehen, weil man beispielsweise unterschiedliche strategische Auffassungen hat“, sagt er. Dabei sind ihm Verhandlungen auf Augenhöhe wichtig. So habe seine Mannschaft auch die fünf Unternehmen im Vertrieb oder mit Produktionsfragen unterstützt, an denen er sich nicht beteiligt hat.

Für Thelen sind in den vergangenen Staffeln zu viele Geschäfte gescheitert. „Ich war hiermit nicht zufrieden, aber ich werde mein Geld nicht investieren, wenn ich nach eingehender Prüfung Zweifel habe“, sagt er. Zu den künftig ausgestrahlten Folgen dürfen sich die Beteiligten noch nicht äußern. In der vierten Staffel konnte Thelen die Quote zwischen Zusage und tatsächlichen Geschäften verdoppeln, wie er sagt. „Mein Aufgabe als Investor bleibt eine sehr große Herausforderung: In sehr kurzer Zeit muss ich Champions von Blendern unterscheiden.“

Eine Geschäftsidee klingt dann doch spannender als andere. Die Gründerin von „Moveaid“ entwickelte ein Gerät, das die Körperhaltung ihrer halbseitig gelähmten Tochter mit elektrischen Impulsen unterstützt. Um ihre Erfindung weiterzuentwickeln, bietet sie den Investoren ein Fünftel des Unternehmens für 200 000 Euro an. Dagmar Wöhrl und Carsten Maschmeyer steigen hier ein. Mal sehen, was daraus entsteht.

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