Medienwirtschaft

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Zeitschriften, Fernsehen, Internet: Wie sich die Welt der Medien dreht

Axel Springer zieht sich aus der Türkei zurück

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Das „Bild“-Unternehmen Axel Springer lässt bald das Türkei-Geschäft hinter sich. Durch den Verkauf der Dogan-Gruppe wird das Medienfeld wohl frei für ein Unternehmen mit Regierungsnähe. Für Springer-Vorstandsvorsitzenden Döpfner ist die Pressefreiheit an vielen Orten in Gefahr.

© dpaMathias Döpfner

Der Verkauf von Geschäftsanteilen im Ausland bringt dem Berliner Medienunternehmen Axel Springer SE früher als gedacht eine dreistellige Millionensumme ein. Dennoch betrübt der Vorgang den Vorstandsvorsitzende. „Das ist ein außerordentlich bedauernswertes Zeichen für den Journalismus in der Türkei“, sagte Mathias Döpfner am Dienstag vor Journalisten zur Bekanntgabe der Geschäftszahlen für das erste Quartal.

Für den schon zuvor anvisierten Ausstieg aus dem Türkeigeschäft und erhält Springer voraussichtlich 160 Millionen Euro. Das Geld für den Minderheitsanteil am dortigen Dogan TV kommt nun früher als gedacht. Wirtschaftlich sei es erfreulich, dass Springer die Einnahmen schneller erhält und dies für andere Geschäfte einsetzen kann.

Grund für den vorzeitigen Abgang aus der Türkei ist, dass die dortige Dogan Holding ihre Medienaktivitäten an die türkische Mediengruppe Demirören verkauft. Das umfasst auch die Zeitung „Hürriyet“ und den Nachrichtensender CNN Türk. Für Aufsehen sorgte das Geschäft, da Demirören im Gegensatz zu Dogan eine Nähe zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nachgesagt wird. Springer taucht an dieser Stelle auf, weil das Berliner Unternehmen an Dogan TV neben Hauptgesellschafter Dogan mit etwa 7 Prozent beteiligt ist. Im Zuge der Transaktion kann Springer seine Anteile abgeben. Der Verkauf war zuvor mit Erlösen von 171 Millionen Euro für das Jahr 2020 und 2022 vorgesehen und soll nun deutlich früher als ursprünglich vereinbart erfolgen. Bedingung dafür ist eine unveränderte Bankbesicherung.

Gewinn und Umsatz steigt, aber der Aktienskurs nicht

„Die Pressefreiheit ist an vielen Orten der Welt geschwächt oder regelrecht in Gefahr“, sagte Döpfner. Einen Zusammenhang zur Haftentlassung des „Welt“- Journalisten Deniz Yücel im Februar gibt es laut Döpfner nicht. Im Februar wurde der slowakische Journalisten Ján Kuciak, der für eine Tochtergesellschaft von Axel Springer und dem Schweizer Medienkonzern Ringier arbeitete, zusammen mit seiner Freundin ermordet worden – mutmaßlich aufgrund seiner Berichte über Steuerhinterziehung und Subventionsbetrug von Unternehmern mit Verbindungen zur Politik in der Slowakei.

In den ersten drei Monaten diesen Jahres legten Umsatz und Gewinn des Springer-Konzerns zu, der die Zeitungen „Bild“ und „Welt“ herausbringt, zahlreiche Internetportale für Stellenanzeigen oder Immobilien betreibt und in Amerika die Mehrheit an der digitalen Nachrichtenseite „Business Insider“ gekauft hat. Dennoch ging der Aktienkurs des Unternehmens am Dienstag im Handelsverlauf um 5 Prozent auf etwa 65 Euro zurück und zählte zu den Verlierern im Nebenwerteindex M-Dax.

Enttäuscht von der Entwicklung in der Türkei

Der operative Gewinn (bereinigtes Ebitda) stieg um 16 Prozent auf 171 Millionen Euro, der Umsatz um 7 Prozent auf 774 Millionen Euro. Der Umsatzanteil digitaler Aktivitäten beziffert Springer auf mittlerweile 70 Prozent und damit 3 Prozentpunkte höher als im Vorjahreszeitraum. Durch Umstellung auf neue Bilanzregeln (IFRS 15 und IFRS 16) sind die aktuellen Geschäftszahlen nicht mit vorherigen Veröffentlichungen vergleichbar. Das Unternehmen erwartet in diesem Jahr einen Umsatzanstieg im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich und einen Zuwachs des bereinigten Gewinns (Ebitda) im niedrigen zweistelligen Prozentbereich.

Im Jahr 2007 ging Springer auch in die Türkei und kaufte ein Viertel an Dogan TV, der damals größten Fernseh- und Radiosendergruppe. Schon länger erscheint das Geschäft wenig sinnvoll. „Da wir schon in den vergangenen Jahren von der Entwicklung sehr enttäuscht waren, haben wir die Beteiligung in Absprache mit dem Hauptgesellschafter reduziert“, sagte der Vorstandsvorsitzende Döpfner.

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