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Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

21. Jul. 2016
von Jonas Jansen
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Selbst der Abfall wird nun digital

Mülldaten statt Datenmüll produziert das finnische Start-up Enevo.  Kluge Routen sollen Effizienz schaffen, doch Konkurrenz und Vorbehalte sind groß.

Ger Vervoorn sammelt seit 32 Jahren Müll ein, er kennt sich also aus damit. Doch seit kurzem hat der Niederländer in seinem Müllwagen ein Tablet hängen, das ihm sagt, welche Strecke er fahren soll und wo es sich gerade am meisten lohnt, die Papiertonne zu leeren. Statt wie früher wöchentlich dieselbe Route zu fahren, führt sein Weg nun nur zu den Abfalleimern, die auch wirklich voll oder bald voll sind. enevo 3„Ich möchte nicht mehr zurück zu dem alten System“, sagt der 57 Jahre alte Mann von der Müllabfuhr. Rotterdam hat 4800 unterirdische Müllcontainer, noch einmal jeweils 650 für Papier und Glas, der Verwaltung der 600 000-Einwohner-Stadt ist es sehr wichtig, dass das Stadtbild sauber ist. Deshalb setzt Rotterdam auf das Start-up Enevo aus Finnland, das Sensoren entwickelt, die mit der Technik eines Sonars messen, wie weit gefüllt Mülltonnen sind.

Wer heute von intelligenten Städten und dem Internet der Dinge spricht, kommt auch an Abfall nicht vorbei: die Städte werden immer größer, mehr Menschen konsumieren immer mehr, und trotz Recycling und Bio-Trend steigt auch der Verpackungsmüll. Während vor zwei Jahren noch 1,5 Milliarden Tonnen Abfall produziert wurde, rechnet man schon in sieben Jahren mit 2,2 Milliarden Tonnen. Nach Berechnungen der Beratungsfirma Navigant Consulting bedeutet das ein Marktpotential für Abfallwirtschaftsbetriebe von 6,5 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2023 – und das alleine für den Bereich der „smarten“ Müllverarbeitung.

In diesen Markt drängt Enevo. Das Start-up ist eine dieser zahlreichen Gründungen, die von den Nokia-Entlassungen profitiert haben, weil sie technik-affine Mitarbeiter werben konnten, Tausende von ihnen wurden entlassen, Tausende fanden neue Arbeit bei aufstrebenden Start-ups in der Region.

In Espoo, unweit von Helsinki, sind die 50 Mitarbeiter von Enovo allerdings derzeit noch die einzigen Mieter in dem Haus, an dessen Eingang noch die alten Nokia-Schilder verstauben. Von hier aus entwickelt das 2010 gegründete Unternehmen seine faustgroßen, orangenen Sensoren, die in Mülltonnen geklebt werden und dann Daten funken. Hauptabnehmer sind bislang die Benelux-Staaten, gerade die Niederländer sind ganz wild auf die kluge Technik. Doch auch nach Deutschland drängt der Gründer Fredrik Kekäläinen. „Die Deutschen mögen Effizienz, das ist gut für uns“, sagt Kekäläinen.

Ein Enevo-Sensor im Einsatz© Jonas JansenEin Enevo-Sensor im Einsatz

Risikokapital hat Enevo daher auch vom deutschen Investor Earlybird Ventures bekommen, genauso vom taiwanischen Apple-Zulieferer Foxconn, auf 26 Millionen Euro beläuft sich das Fremdkapital bereits. 20 000 Sensoren hat Enevo bereits verkauft, für dieses Jahr peilen sie 100 000 an. Das Start-up hat ehrgeizige Wachstumsziele, Kekäläinen hat sich bei der EU-Kommission auf eine Förderung beworben, will in fünf Jahren 916 Millionen Euro Umsatz machen und 1500 Mitarbeiter eingestellt haben. Derzeit sind es allerdings erst 80. Doch die Aufträge würden täglich mehr, erzählt Kekäläinen in seinem Besprechungsraum in Espoo. Zu der Reise nach Finnland hat die Stadt Helsinki eingeladen.

Konkurrenten gibt es aber reichlich. Der Marktführer für kluge Abfallwirtschaft verkauft seine Sensoren bereits seit zehn Jahren, Big Belly kommt aus den Vereinigten Staaten und ist vor allem dort präsent, hat aber auch in Hamburg einige Mülleimer mit seinen Sensoren ausgestattet. Andere Start-ups wie die irische Firma Smart Bin drängen genauso in den Markt wie große Spieler wie IBM. Und dann war da noch ein Skandal aus London, der zwar schon drei Jahre her ist, aber der ganzen Branche noch heute anhängt: Eine Werbefirma hatte Mülleimer mit W-Lan und Displays ausgestattet, aber gleichzeitig über die sogenannte Mac-Adresse Handy- und Ortungsdaten von all den Leuten abgegriffen, die an den öffentlichen Mülltonnen vorbeigelaufen sind. Die spionierenden Mülleimer wurden sogleich entfernt, doch die Angst vor dem Missbrauch der Daten schwingt noch bei jedem „smarten“ Gerät mit.

So sehen die faustgroßen Sensoren aus© Jonas JansenSo sehen die faustgroßen Sensoren aus

Kekäläinen versichert zwar, dass seine Sensoren nichts aus der Umgebung aufzeichnen, aber klar ist, dass die enthaltene Sim-Karte und die Internetverbindung genauso eine Technik ist, die wie in einem Handy theoretisch gehackt werden könnte. Gleichzeitig legt Enevo Wert darauf, eine intelligentere Technik zu verwenden als die Konkurrenz. Während die Mülltonnen dort E-Mails ans System schicken, wenn sie voll sind, kommunizieren die Enevo-Sensoren ständig mit den Servern. Auf Twitter kann man das unter @trashcanlife verfolgen, dort senden die Mülleimer Füllstände, Temperaturen oder Signalstärke in das soziale Netzwerk. Das Datensystem, das hinter den Sensoren liegt, erkennt nicht nur, welche Mülltonnen wie voll sind, und empfiehlt auf dieser Basis die Routen: Es lernt sogar dazu, welche Mülleimer sich besonders schnell oder langsam füllen, und entwickelt so Prognosen für künftige Routen. Das soll Sprit sparen, Zeit und natürlich irgendwann auch Personal. Wer weniger und effizienter fährt, braucht weniger Fahrer.

Eine Beispielroute des Unternehmens.© Jonas JansenEine Beispielroute des Unternehmens.

Auf einer Karte kann man sehen, wie das funktioniert. So sind an diesem Morgen die Müllwagen in Rotterdam um halb sieben Uhr morgens losgefahren, sechs Stunden und 52 Minuten später ist das Tagwerk vollbracht, im Vergleich zu früher hat der Wagen 64 Kilometer gespart. Auf einer Liste zeigt das System an, wie viel Müll im Monat abgeholt wurde, so waren es im Januar 117 Tonnen, im März 127. Geld verdient das Start-up übrigens nicht in erster Linie mit den Sensoren, deren Batterie hält nämlich zehn Jahre und wird deshalb kaum ausgetauscht. Doch die Datenanalyse verkauft Enevo in einem Abonnement-Modell – und da die Städte trotzdem noch Geld damit sparen, wird Ger Vervoorn, der erfahrene Abfallabholer aus Rotterdam, wohl noch lange nicht sein neues Tablet auf die Mülldeponie fahren müssen.

21. Jul. 2016
von Jonas Jansen
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19. Jul. 2016
von Jonas Jansen
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Wie viel Macht überlässt man den Maschinen?

Das Investmentunternehmen DAO will ohne Menschen auskommen, doch nach einem digitalen Millionenraub tobt eine Debatte um Sicherheit und Ethik

An diesem Mittwoch fällt ein Urteil über die Zukunft einer Zukunftsbranche. Denn dann müssen sich die Investoren von DAO, dem ersten Unternehmen ohne Menschen, entscheiden, ob sie lieber Codezeilen vertrauen oder denen, die diese Zeilen schreiben und verändern können. Dabei geht es um viel Geld von privaten Anlegern, nämlich 160 Millionen Dollar und um eine noch viel grundlegendere Frage: Wie viel Macht will man einem dezentral geschriebenen Programmiercode verleihen? Dem Code, das Herz einer jeden Internetseite, jeder App – und im Bankwesen auch jeder Transaktion.

Ein Hacker hat DAO nämlich durch eine Sicherheitslücke 50 Millionen Dollar an digitaler Währung gestohlen, die im menschenlosen Unternehmen hinterlegt war. Weil das Geld eben nur digital verfügbar war, könnten die Erschaffer des Unternehmens es zurückholen, das verbliebene Kapital haben sie bereits gesichert. Damit schaffen sie allerdings einen Präzedenzfall, denn eigentlich soll die Technologie ohne menschliche Eingriffe funktionieren, gesteuert durch sich selbst und seinen Code. Wenn schon kurz nach dem Start des Projektes, das es erst seit ein paar Monaten gibt, die grundlegenden Werte über Bord geworfen werden, gefährde das die gesamte Struktur des Projekts, fürchten einige. Andere wollen das gestohlene Geld der Anleger retten und noch einmal von vorne beginnen, mit einer sicheren Architektur.

Debatte über Ethik und Sicherheit eines ganz neuen Wirtschaftssystems

In der Gemeinschaft der Programmierer und Softwareentwickler ist eine Debatte entbrannt über Ethik und Sicherheit eines ganz neuen Wirtschaftssystems. Auch wenn die Debatte nur von einigen wenigen geführt wird, könnte sie großen Einfluss haben auf den zukünftigen Umgang mit Geld und Technologie. „Code sollte bindend sein, und subjektive Eingriffe von Menschen sollten nicht über Verträgen stehen“, sagen die einen. „Der gesellschaftliche Konsens zählt. Menschen können Maschinen immer den Stecker ziehen“, sagen die anderen.

Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, muss man eine virtuelle Reise unternehmen aus dem kleinen Städtchen Mittweida in Mittelsachsen ins kalifornische Silicon Valley, dem Epizentrum der Technologiebranche, das überläuft vor Ideen von Start-up-Gründern und Geld von Wagniskapitalgebern. Die Brüder Simon und Christoph Jentzsch, zwei Programmierer aus ebenjenem Mittweida, störten sich daran, wie stark wenige Investoren bestimmen, wie sich Technologie entwickelt. Deshalb programmierten sie ein „soziales Experiment“, eine vollautomatische Investmentfirma, deren Geschicke nicht von einem Vorstand und einem Aufsichtsrat bestimmt werden, sondern nur von denen, die in sie investieren. Das Ganze heißt deshalb auch bloß DAO – dezentrale autonome Organisation. Potentielle Anleger konnten sich im Internet melden, dass sie Teil dieses Unternehmens werden wollen, in einer Form von Crowdfunding (also Geld aus dem Schwarm) kamen so 160 Millionen Dollar zusammen; mehr als je zuvor bei einer solchen Aktion. Das eingesammelte Geld sollte nun als Wagniskapital für Start-ups eingesetzt werden, wobei jedoch alle Anleger basisdemokratisch und nach Mehrheitsverhältnissen darüber entscheiden, wer unterstützt wird.

Das Herz dieses Unternehmens ist sein Programmiercode, der offen einsehbar ist und zu dem jeder Programmierer beitragen kann mit Verbesserungen, Updates und Fehlerbehebungen. Es gibt sogar ein Belohnungssystem: Wer Schwachstellen findet, bekommt kleine Geldbeträge ausgezahlt, so soll die Struktur der dezentral organisierten Software immer sicherer werden. Technisch funktioniert die Kommunikation und Abwicklung im Unternehmen mittels sogenannter Smart Contracts, einer Art digitaler Verträge. Diese folgen einem Wenn-dann-Schema: Aktion X löst eine Reaktion Y aus. Der Vertrag, also zum Beispiel eine Überweisung eines Geldbetrags, wird von einem Algorithmus so gesteuert, dass die Auszahlung nur dann ausgeführt wird, wenn alle Computermaschinen gleichzeitig und ohne menschliches Zögern oder Abwarten zustimmen – was sie der Idee nach nur tun sollen, wenn das Geld rechtmäßig den Besitzer wechselt.

Dahinter steckt das Prinzip der Blockchain, also einer Kette von Datensätzen, die auf Hunderten Computern hinterlegt werden. So entsteht eine Datenbank, in der jeder einzelne Rechner Transaktionen prüft und die von jedem eingesehen werden kann (siehe Grafik). Die Kryptowährung Bitcoin funktioniert darüber, DAO greift hingegen auf die alternative Digitalwährung Ethereum zurück, die nicht nur Geld, sondern eben auch Verträge und Unternehmenswerte über eine Blockchain abbilden kann. Während die ursprüngliche Tauschfunktion von Währungen jedem schnell einleuchten sind die neuen Systeme sehr schwer zu verstehen. Die Komplexität schließt derzeit noch viele potentielle Marktteilnehmer aus, weil sie – noch – nur einer kleinen Gruppe zugänglich ist.

blockchain grafik

Das widersprecht der Idee der Macher von DAO allerdings, die eine Demokratisierung des Finanzsystems erreichen wollen ohne Zwischenhändler. Sie setzen auf totale Transparenz, theoretisch kann jeder nachverfolgen, was sich im Code des Unternehmens verändert. Die Programmierer tauschen sich in Blogbeiträgen aus, allerdings häufig begleitet von Programmierzeilen, die wie eine Fremdsprache wirken, wenn man sie nicht beherrscht. Transparenz ist die größte Stärke und die größte Schwachstelle der neuen Technologie: Was für Sicherheit sorgen soll, kann durch die Offenlegung des Codes ausgerechnet Kriminellen helfen. So sieht sich der mutmaßliche Hacker im Recht, der die 50 Millionen Dollar aus dem Bestand von DAO auf ein unbekanntes, ebenfalls aus Codezeilen bestehendes Konto gebucht hat. Er hat einen offenen Brief über eine verschlüsselte und damit nicht nachverfolgbare Nachricht auf dem Online-Dienst Github veröffentlicht. Der Hacker profitierte von einer Schwachstelle im Code, quasi eine offene Hintertür zu einem Tresor. In seinem Brief schreibt er, dass er nur die offene Struktur der Technologie genutzt habe, er sei nirgendwo unrechtmäßig eingedrungen und habe deshalb auch jedes Recht, seine Beute zu behalten. Sein Brief schließt mit den Worten: „Ich hoffe, dass dieses Ereignis eine Lernerfahrung ist und ich wünsche euch allen viel Glück.“

Die Schwachstelle ist behoben, der Angriff hat die Entwicklung der Technologie beschleunigt. Dutzende Entwickler haben das System sicherer gemacht. Trotzdem ist der Vertrauensverlust für die Plattform immens. Noch ist das gestohlene Digitalgeld für den Angreifer gesperrt, doch bald könnte es für ihn verfügbar sein. Man muss sich das vorstellen wie einen gläsernen Geldtransporter, der für alle sichtbar ist, aber zu dem nur einer einen Schlüssel hat. Nun liegt die Entscheidung bei den Investoren: Knacken sie den Transporter und retten das Geld – aber verraten so ihre Idee? Oder lassen sie das Geld davonziehen? Dann würden sie das verlorene Kapital als Fehlinvestment rechnen und ihrem System treu bleiben in der Hoffnung, dass es nicht noch einmal ausgehebelt wird.

19. Jul. 2016
von Jonas Jansen
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21. Jun. 2016
von Martin Gropp
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Veränderungsvorschläge für die Datennutzung

Seitdem soziale Medien ihren Siegeszug im Internet angetreten haben, stellt sich die Frage, wie die Nutzung persönlicher Daten durch Unternehmen und die Rechte der Nutzer auf Privatsphäre ausbalanciert werden können. Gerade das Wachstum des sozialen Netzwerks Facebook, mit derzeit mehr als 1,65 Milliarden Mitgliedern das größte Netzwerk der Welt, hat die Auseinandersetzung mit dieser Frage wie kaum ein anderes Unternehmen befeuert. Die Mitglieder des Netzwerks stellen dort Tag für Tag zahlreiche Bilder ein, sie geben an, wo sie sich gerade aufhalten, teilen ihre Vorlieben und Meinungen. Diese Daten nutzt das Unternehmen wiederum, um den Nutzern zielgerichtet Werbung anzuzeigen. Damit verdient Facebook sein Geld. Im ersten Quartal dieses Jahres belief sich der mit Werbung generierte Umsatz auf gut 5,2 Milliarden Dollar. Gleichzeitig müssen sich Facebook und andere Unternehmen immer wieder mit Kritik auseinandersetzen, dass sie ihr Geschäft auf Daten fußen. Der Nutzer und seine persönlichen Daten werden damit zum eigentlichen Produkt der Dienste, heißt es dann.

Wohl auch wegen dieser Vorwürfe hat Facebook in den vergangenen Monaten in runden Tischen rund um die Welt mit fast 180 Fachleuten erörtert, wie die Balance zwischen Datennutzung und Privatsphäre in Zukunft gestaltet werden kann. Die Diskussionsrunden fanden unter anderem in New York, Warschau, Paris und Sao Paolo statt. Das Ergebnis ist der an diesem Dienstag veröffentlichte Bericht „Ein neues Paradigma für persönliche Daten“, den das Unternehmen Ctrl-Shift, ein Anbieter von Marketinglösungen, im Auftrag von Facebook erstellt hat.

Herausgekommen ist ein Bericht, der in allgemeiner Form fünf Veränderungen ausmacht, mit denen sich nach Meinung der Autoren der oft festgestellte Zielkonflikt zwischen Datennutzung durch Unternehmen und der Privatsphäre der Nutzer lindern ließe. Der Bericht will dabei über einzelne Unternehmen hinausgehen – und damit auch über den Auftraggeber der Studie, also Facebook.

Das schlägt sich unter anderem darin nieder, dass die Veränderungen eher abstrakt auf alle Dienste bezogen sind, die ihr Geld verdienen, indem sie auf Nutzerdaten angepasste Werbung zeigen. Diese Allgemeinheit ist den Autoren auch bewusst. „Unser Ziel ist es eher die Kernthemen der datengetriebenen Wirtschaft aufzuzeigen als auf einzelne Unternehmen zu fokussieren“, heißt es in dem Bericht.

Die angesprochenen Veränderungen beziehen sich unter anderem auf die Schulung der Nutzer im Umgang mit ihren Daten. Demnach seien Transparenz und Ausbildung der Nutzer im Umgang mit Daten zwar essentiell für ein funktionierendes Daten-Ökosystem. Auf der anderen Seite führe zu viel Information mitunter zu einem Informationsüberfluss, der das eigentliche Ziel verfehle, also den Datenschutz. Als Beispiel nennt der Bericht die innerhalb der Europäischen Union vorgeschriebenen Warnhinweise vor Cookie-Dateien, die Internet-Nutzer oft übersehen würden. „Wo innerhalb der Bevölkerung Fähigkeiten im Umgang mit Daten gebraucht werden, werden diese Fähigkeiten am besten vermittelt, wenn sie über die Zeit absorbiert werden statt gelehrt zu werden“, heißt es.

Ein zweiter Punkt betrifft den Wert des Datenaustausches. Bisher seien Unternehmen die Hauptnutznießer der Daten gewesen, „einfach weil sie die Technik und die Ressourcen haben, sie zu nutzen“. Dies habe zu der Wahrnehmung geführt, dass der Wert des Datenaustausches nicht ausbalanciert sei. „Wir brauchen eine Debatte darüber, was fair und unfair ist“, heißt es im Bericht. Das könne auch dazu führen, dass sich Erwartungen anpassten. Zum Beispiel, dass manche Menschen nicht mehr automatisch davon ausgehen, dass im Internet alles umsonst ist. Oder dass manche Unternehmen erkennen, dass nicht alle Menschen im Austausch für kostenlose Dienste ihnen ungehinderten Zugang zu und die Nutzung von Daten erlauben wollen. Gerade Unternehmen hätten hier die Möglichkeit, ihre Absichten zu demonstrieren, dass sie die Daten nicht ausbeuten sondern dass sie sie vertrauenswürdig nutzen wollen. „Ein Weg dahin ist es, den Nutzern Auswahl und Kontrolle zu geben“, heißt es.

Ein dritter Lösungsansatz bezieht sich auf die Art, wie Regulierer sowie Gesetzgeber und die Unternehmen kooperieren, die ihr Geschäftsmodell darauf fußen, Daten zu verwerten. Ein vierter fokussiert darauf, dass Unternehmen sich bewusst machen sollten, nicht nur an kurzfristige Profite zu denken, sondern langfristige und nachhaltige Beziehungen zu ihren Nutzern aufzubauen.

„Je mehr wir während der runden Tische gehört haben, desto mehr wurde klar, dass es nicht die Frage ist, wie wir Daten beschränken oder wie wir die Menschen schützen. Die Frage ist, wie wir Menschen Kontrolle über die Daten geben“, schreibt in einem begleitenden Blog-Eintrag der Facebook-Manager Stephen Deadman, der sich als stellvertretender „Chief Privacy Officer“ des Netzwerks für den Privatsphäreschutz der Nutzer mitverantwortlich zeichnet. Für Deadman ist der nun veröffentlichte Bericht der Ausgangspunkt für weitere Diskussionen rund um das Thema. Damit sollen Wege gefunden werden, „wir wir einerseits Innovationen ermöglichen und andererseits den Menschen die Möglichkeit geben, ihre Daten zu kontrollieren“. Facebook habe nicht auf alle Fragen Antworten, sei aber zuversichtlich dass es als Unternehmen eine Rolle dabei spielen könne, diese „neue Diskussion zu führen und praktikable Lösungen zu ermöglichen“.

Allerdings wird auch innerhalb dieser Diskussion erst noch zeigen müssen, wie Deadmans Arbeitgeber und andere Daten nutzende Unternehmen die erarbeiteten Vorschläge dann auch tatsächlich umsetzen.

21. Jun. 2016
von Martin Gropp
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14. Mai. 2016
von Roland Lindner
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Diese Wojcickis: Die Frauendynastie aus dem Silicon Valley

Esther Wojcicki ist eine angesehene Pädagogin, und zwei ihrer Töchter sind zu Superstars in der Technologiebranche geworden. In der Geschichte von Google hat die Familie eine spezielle Rolle gespielt.
Die Wojcickis: Anne, Janet, Stanley, Esther und Susan (von links)© PrivatDie Wojcickis: Anne, Janet, Stanley, Esther und Susan (von links)

Esther Wojcicki erinnert sich noch gut an den ungläubigen Blick ihres Lehrers, als sie zu ihm in den Mathematikunterricht kam. „Hier gibt es keine Mädchen. Bist du im falschen Kurs?“, habe er zu ihr gesagt. Damals war sie 17 Jahre alt. Später, als angehende Journalistin in den sechziger Jahren, stellte sie fest, dass der Presseclub in San Francisco keine Frauen aufnahm. Und als sie für die „Los Angeles Times“ zu arbeiten begann, sei ihr aufgetragen worden, sie solle sich von ihrem Schreibtisch aus um vermeintliche Frauenthemen wie Mode kümmern. Die Begründung: „Wir können dich nicht als Reporterin rausschicken. Du könntest vergewaltigt werden.“

Als Frau diskriminiert zu werden, ist Wojcicki also nicht fremd. Das hielt sie aber nicht davon ab, drei Hochschulabschlüsse zu machen und eine respektierte Pädagogin zu werden. Und sie kann nicht nur auf ihre eigene Karriere stolz sein, sondern auch auf die ihrer drei Töchter: Zwei von ihnen gehören zu den erfolgreichsten Frauen im Silicon Valley, der kalifornischen Hochburg der Technologiebranche. Susan, die älteste mit 47 Jahren, war eine der ersten Mitarbeiterinnen des Internetkonzerns Google und führt heute dessen Videoseite Youtube. Nesthäkchen Anne, 42 Jahre alt, ist Gründerin und Vorstandsvorsitzende des Gentestunternehmens „23 and Me“. Janet, die mittlere Tochter, ist Anthropologin und Epidemiologin. Mutter Esther zeigt sich vom Erfolg ihrer Töchter selbst etwas überrascht: „Ich wusste, dass sie einmal etwas Großartiges tun würden, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie einmal so tragende Rollen im Silicon Valley spielen würden“, sagte sie im Gespräch mit dieser Zeitung auf der Digitalkonferenz DLD in New York.

Die Karrieren der Wojcickis sind umso bemerkenswerter, weil der Technologiebranche bis heute nachgesagt wird, ein frauenfeindliches Revier zu sein. In Unternehmen wie Google, Facebook oder Apple liegt der Frauenanteil nur um die 30 Prozent. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass es einige weibliche Starmanager gibt – wie Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook, Marissa Mayer, die Vorstandsvorsitzende von Yahoo, oder eben die Wojcickis. Auch Esther Wojcicki findet trotz des Erfolges ihrer Töchter, dass es Frauen im Silicon Valley schwer haben: „De facto gibt es Diskriminierung, auch wenn sie oft unbewusst geschieht.“ Nicht nur kämpften Frauen gegen die weit verbreitete Auffassung, sich durch Kinderpläne von ihrer Karriere ablenken zu lassen. Sie würden auch als zu angepasst und nicht risikobereit genug wahrgenommen.

Wojcicki hält das nicht einmal für gänzlich aus der Luft gegriffen, wenn sie an ihre Arbeit an der Palo Alto High School denkt, wo sie das Journalistenprogramm verantwortet. Sie unterrichtet von der neunten Klasse an und hat einen großen Unterschied zwischen ihren weiblichen und männlichen Schülern festgestellt. „Die Mädchen sprechen weniger und wollen weniger anecken.“ Wojcicki versucht, das zu ändern und ihre Schülerinnen im Unterricht aus der Reserve zu locken. „Ich hole besonders die schüchternen Mädchen nach vorne und lasse sie Geschichten erzählen.“ Sie bemüht sich, auch selbst ein Vorbild zu sein. „Ich lasse nie locker und habe keine Probleme zu sagen, dass mir etwas nicht passt. Meine Schülerinnen sagen mir oft, dass sie sich das von mir abschauen.“

Ähnlich fordernd ging es auch bei den Wojcickis zu Hause zu, als die Kinder aufwuchsen. Esther Wojcicki erinnert sich, wie ihr Mann Stanley, ein heute emeritierter Physik-Professor an der Stanford-Universität, beim Abendessen alles hinterfragte, was seine Töchter erzählten. „Er wollte immer Beweise hören.“ Auf der anderen Seite bekamen die Kinder viele Freiheiten. Ihnen wurde zum Beispiel erlaubt, mit fünf Jahren ihr eigenes Zimmer zu dekorieren, und Mutter Esther denkt mit Grauen an einen scheußlichen Teppich in Neonpink zurück, den Susan unbedingt haben wollte und auch bekam. Den Töchtern wurde auch immer wieder eingebleut, dass sie genau die gleichen Dinge tun können wie Jungen. Deshalb habe zum Beispiel Anne gar nicht realisiert, dass es überhaupt so etwas wie Diskriminierung gibt, bis sie Biologie an der Eliteuniversität Yale studierte, wo sie eine von wenigen Frauen war.

Esther Wojcicki beschreibt ihre Töchter als sehr unterschiedlich. Susan, die heute selbst fünf Kinder hat, habe schon als Kind eine sehr fürsorgliche Art gehabt und sei deshalb oft damit beauftragt worden, auf die eineinhalb Jahre jüngere Schwester Janet aufzupassen. Janet sei immer das Genie gewesen und habe sich schon mit drei Jahren selbst das Lesen beigebracht. Anne sei als „Superstar“ angehimmelt worden: „Jeder wollte mit ihr befreundet sein.“ Heute kann sich Esther Wojcicki in allen drei erwachsenen Töchtern wiedererkennen. Etwa in Susans Hang zur Vernunft, aber auch in Annes Rebellentum.

Ihre eigene Zähigkeit führt Esther Wojcicki auf ein tragisches Ereignis aus ihrer Kindheit zurück. Ihr 18 Monate alter Bruder starb, als sie zehn Jahre alt war, nachdem er versehentlich zu viele Aspirin-Tabletten geschluckt hatte. Mangels Krankenversicherung fand die Familie nach Wojcickis Erzählung erst nach mehreren Anläufen ein Krankenhaus, das ihren Bruder aufnehmen wollte, und dort sei er wegen Behandlungsfehlern gestorben. „Ich habe mir damals geschworen, ich werde mich nie wieder von einem schlechten System unterkriegen lassen.“ Auch sei sie seit damals eine miserable Patientin und genieße alle Ratschläge von Ärzten mit Vorsicht. Tochter Anne erzählt gern die Episode eines entnervten Arztes, der sich beklagte, dass sich ihre Mutter an keinerlei Instruktionen halte.

Seit 1984 ist Esther Wojcicki an der Schule in Palo Alto und hat dort ein renommiertes Journalismusprogramm aufgebaut. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war es, die für ihre Kurse vorgesehenen Lehrbücher wegzuwerfen, weil sie sie für katastrophal hielt. Der aufmüpfige Akt hat ihr nicht geschadet, und im Laufe der Jahre schrieben sich immer mehr Schüler in ihre Kurse ein, darunter auch der Schauspieler James Franco. Im vergangenen Jahr hat sie ein Buch über Ausbildung veröffentlicht. Zwischenzeitlich hat sie auch als Beraterin für Google gearbeitet.

Zu Google hat die Wojcicki-Familie viele Verbindungen. Susan ist nicht nur Chefin von Youtube, sondern hat auch eine besondere Rolle in der Geschichte des Unternehmens. 1998 vermietete sie die Garage und ein paar Zimmer in ihrem Haus im Silicon Valley an Larry Page und Sergey Brin, die beiden Gründer. Anne wiederum war mit Brin verheiratet und hat zwei Kinder mit ihm, seit knapp einem Jahr ist das Paar geschieden. Esther Wojcicki hat aus nächster Nähe mitbekommen, welchen Reichtum Google ihren Kindern gebracht hat. Sie gibt zu, dass sie die Dimensionen dieses Reichtums schwer begreiflich findet, zumal sie selbst aus sehr ärmlichen Verhältnissen kommt. Und sie lässt durchblicken, dass sie eine etwas andere Einstellung zum Geldausgeben hat als ihre Töchter. „Ich muss nicht erster Klasse fliegen, und ich brauche keine Designerklamotten. Ich würde das Geld lieber für Stipendien hergeben.“

In jedem Fall legen die Wojcickis auf Familie großen Wert. Jeden Sonntag steht ein gemeinsames Abendessen auf dem Programm, mit Esther und ihrem Mann, den drei Töchtern inklusive etwaiger Partner, den insgesamt neun Enkeln und vier Hunden. Der Clan fährt auch gemeinsam in Urlaub, für dieses Jahr steht eine Reise nach Italien auf dem Programm. Und Mutter Esther ist sichtbar stolz auf die Aufmerksamkeit, die ihre Töchter genießen. Zum Beispiel als Anne kürzlich auf der exklusiven Met Gala in New York war, neben Superstars wie Taylor Swift und Lady Gaga. Anderntags war ein Foto von ihr im Boulevardblatt „New York Post“. Esther Wojcicki hat sich die entsprechende Zeitungsseite aufgehoben und in ihre Handtasche gesteckt.

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14. Mai. 2016
von Roland Lindner
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01. Mai. 2016
von Roland Lindner
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Teenie-Schwarm: Snapchat-Chef Evan Spiegel im Porträt

Evan Spiegel war ein verzogenes Söhnchen aus gutem Haus. Dann erfand er die App Snapchat – und ist mit 25 Jahren Milliardär.
Evan Spiegel© APEvan Spiegel

Eine Modekollektion von Mark Zuckerberg, das hört sich ziemlich absurd an. Deshalb war es auch ein hübscher Aprilscherz, als zu Beginn des Monats verkündet wurde, der Vorstandsvorsitzende des sozialen Netzwerks Facebook habe sich mit H & M zusammengetan. Angeblich wollte die schwedische Modekette einfarbige graue T-Shirts und Jeans unter Zuckerbergs Namen verkaufen. Das ist die Standardkluft des Facebook-Chefs, in der er fast immer zu sehen ist. Zuckerberg hat einmal gesagt, er wolle keine Energie damit verschwenden, jeden Tag darüber nachzudenken, was er anziehen soll. Also wählt er immer das gleiche Outfit. Eine ähnliche Marotte pflegte schon Steve Jobs, der verstorbene Mitgründer des Elektronikkonzerns Apple, mit seiner Vorliebe für schwarze Rollkragenpullover.

Evan Spiegel ist da ganz anders, mit ihm hätte der Aprilscherz so nicht funktioniert. Der Mitgründer und Vorstandschef der aufstrebenden Smartphone-Anwendung Snapchat hat einen Hang zum Glamour. Vor ein paar Monaten ließ er sich in Designerbekleidung für eine längere Fotostrecke in der italienischen Ausgabe der Männer-„Vogue“ ablichten. Mal wie ein Dandy in einem Anzug von Bottega Veneta, auf einer Ledercouch liegend und mit Ladykiller-Blick in die Kamera. Mal im Auto mit einer Lederjacke von Louis Vuitton. Und mal von einer sanfteren Seite mit einem Pelzmantel von Burberry und einem Hündchen auf dem Arm.

Wenn Spiegel nicht für Modezeitschriften fotografiert wird, taucht er in Klatschspalten auf. Er ist mit Miranda Kerr liiert, die als Model für die Dessousmarke Victoria’s Secret berühmt wurde. Wer Kerrs Profil auf der Smartphone-App Instagram aufruft, kann dort Fotos des Paares in verliebter Pose finden. Auch eine Romanze mit Pop-Superstar Taylor Swift wurde Spiegel schon nachgesagt.

In das Klischee des linkischen Strebertypen, mit dem Gründerfiguren der Internetbranche gerne in Verbindung gebracht werden, passt der 25 Jahre alte Spiegel also nicht so recht. Sein Unternehmen ist nicht einmal im Silicon Valley zu Hause, wo Facebook und viele andere prominente Vertreter der amerikanischen Internetszene ihre Heimat haben. Snapchat sitzt weiter südlich in Los Angeles, fast direkt am Strand des Stadtteils Venice, und ist damit viel näher an der Glitzerwelt von Hollywood. Von hier aus hat Spiegel Snapchat zu einem der am höchsten bewerteten Start-up-Unternehmen Amerikas gemacht. Sich selbst hat er damit auf Platz 854 der „Forbes“-Liste der reichsten Menschen der Welt katapultiert, mit einem geschätzten Vermögen von 2,1 Milliarden Dollar, umgerechnet sind das 1,9 Milliarden Euro.

Snapchat ist noch keine fünf Jahre alt, aber hat schon jetzt die Art und Weise revolutioniert, wie in sozialen Netzwerken kommuniziert wird. Das Grundprinzip unterscheidet sich radikal von Facebook. Snapchat-Nutzer schicken einander Fotos und Videos, die für den Empfänger nur für kurze Zeit zu sehen sind und dann wie von Geisterhand wieder verschwinden – daher auch das Gespenst im Unternehmenslogo. Wenn man an Facebook gewöhnt ist, mag sich das zunächst haarsträubend anhören. Aber die Vergänglichkeit dessen, was auf Snapchat geschieht, erlaubt es, viel offenherziger zu sein, und lässt die Hemmschwelle sinken. Gerade für junge Menschen, die es stört, dass längst auch ihre Eltern und Lehrer auf Facebook sind, hat sich das als extrem reizvoll herausgestellt.

Snapchat ist nicht dazu da, sein Leben zu dokumentieren, hier dreht sich alles um flüchtige Momentaufnahmen. Während Facebook-Nutzer dazu neigen, immer ein möglichst schmeichelhaftes Bild von sich zu vermitteln, ist Snapchat ein Ort zum Austoben. Hier fällt es leichter, Blödeleien, Peinlichkeiten und Anzüglichkeiten auszutauschen. Ein Markenzeichen der App ist ihre geradezu kindliche Verspieltheit. Man kann sich in seinen Selfies Hundeohren oder einen Wikingerhelm verpassen und Videos drehen, in denen man Tomatenscheiben oder einen Regenbogen erbricht.

Das mag alles infantil und pubertär klingen. Aber Spiegel hat aus Snapchat mittlerweile ein komplexeres Produkt gemacht, es geht jetzt um viel mehr als das Versenden von Fotos und Videos, die sich in maximal zehn Sekunden selbst zerstören. Snapchat erlaubt es seinen Nutzern heute, aus ihren Fotos und Videos eine Art Profil zusammenzustellen, dessen Inhalte zwar nicht unbegrenzt, aber immerhin 24 Stunden zu sehen sind. Erst vor wenigen Wochen wurde die App außerdem erheblich überarbeitet und unter anderem um neue Chatfunktionen ergänzt. Damit drängt Snapchat weiter auf das Revier der zu Facebook gehörenden Kurzmitteilungsdienste Whatsapp und Messenger.

Die Ambitionen von Spiegel sind indessen noch größer. Er will seine App zu einer Medienplattform machen und beschreitet damit einen Weg, den auch Facebook und andere Internetunternehmen eingeschlagen haben. Snapchat soll nicht allein für die Kommunikation da sein, sondern auch für Information und Unterhaltung. Beispielsweise fasst eine unternehmenseigene Redaktion Nutzervideos von bestimmten aktuellen Großereignissen zusammen und präsentiert sie in gebündelter Form, wie in dieser Woche vom Coachella-Musikfestival in Kalifornien oder vom Marathon in Boston.

Das Unternehmen hat auch Allianzen mit knapp zwei Dutzend Medienmarken wie „Vice“, „Buzzfeed“ oder dem „Wall Street Journal“ geschlossen, die Inhalte unter der Rubrik „Discover“ direkt auf der App publizieren. Das Angebot wird offenbar rege genutzt. Mehr als ein Fünftel der Inhalte von Buzzfeed werden schon auf Snapchat aufgerufen. Die Medienpartner werden von Snapchat an den Werbeumsätzen beteiligt.

Spiegel ist in Los Angeles als ältestes von drei Kindern aufgewachsen. Er kommt aus guten Verhältnissen, beide Eltern sind Anwälte. In einem Interview sagte er einmal, er sei in der Schule schüchtern gewesen und habe in der sechsten Klasse einen eigenen Personalcomputer gebaut. Seine Zurückhaltung legte er offenbar im Laufe der Jahre ab. Noch als Schüler machte er ein Praktikum beim Energy-Drink-Hersteller Red Bull, wo es seine Aufgabe war, Partys zu organisieren.

Spiegel streckte seine Fühler auch in ganz andere Richtungen aus. Er arbeitete im Forschungslabor eines Gesundheitsunternehmens an Computersimulationen, und er ging nach Kapstadt, um dort Schülern bei der Jobsuche zu helfen. Zum Studieren verließ er Los Angeles und ging an die berühmte Stanford University im Silicon Valley, sein Hauptfach war Produktdesign. Wie so viele andere Stanford-Studenten versuchte auch er sich als Unternehmer. Mit dem späteren Snapchat-Mitgründer Bobby Murphy entwickelte er zunächst „Future Freshman“, einen Online-Dienst, der Universitätsbewerbungen erleichtern sollte, aber kaum Nutzer fand. Reggie Brown, ein anderer Stanford-Kommilitone, brachte Spiegel und Murphy auf die Idee für eine Smartphone-Anwendung mit Fotos, die von selbst verschwinden. Das Trio arbeitete im Haus von Spiegels Vater an der Entwicklung der App, die im Juli 2011 zunächst unter dem Namen „Picaboo“ herauskam, bevor sie wenige Monate später in „Snapchat“ umbenannt wurde. Spiegel brach sein Studium ab, um sich auf seine Unternehmerkarriere zu konzentrieren.

Nach jüngsten Angaben hat Snapchat 100 Millionen Mitglieder, die den Dienst mindestens einmal am Tag nutzen. Damit liegt die App noch weit hinter Facebook mit seinen mehr als einer Milliarde täglichen und fast 1,6 Milliarden monatlichen Nutzern. Auch die zu Facebook gehörenden Dienste Messenger, Whatsapp und Instagram haben mehr Mitglieder. Aber Snapchat holt auf und gehört in Amerika und mittlerweile auch in Deutschland regelmäßig zu den fünf am meisten heruntergeladenen kostenlosen Smartphone-Apps, oft vor Messenger und Instagram. In der jüngsten Version einer regelmäßig von der Investmentbank Piper Jaffray veröffentlichten Erhebung, in der Teenager nach ihrem wichtigsten sozialen Netzwerk gefragt werden, landete Snapchat zum ersten Mal an der Spitze.

Aus seiner Popularität schlägt das Unternehmen mehr und mehr Kapital. Vor eineinhalb Jahren zeigte Snapchat zum ersten Mal Anzeigen, mittlerweile gibt es eine ganze Reihe verschiedener Werbeformate. Unter den Werbekunden sind bekannte Marken wie Pepsi und Budweiser, auch Präsidentschaftskandidaten wie Bernie Sanders und Ted Cruz haben Snapchat-Anzeigen geschaltet. Snapchat macht heute auch mit den Nutzern selbst Kasse und lässt sie dafür bezahlen, wenn sie Foto- und Videonachrichten mehr als einmal ansehen wollen. Nach einem Bericht des Technologieblogs „Recode“ peilt das Unternehmen für dieses Jahr einen Umsatz von 300 Millionen bis 350 Millionen Dollar an. Es gibt Pläne für einen Börsengang, wie Spiegel selbst bestätigt hat, ohne dafür aber einen Termin zu nennen.

Den Wert von Vergänglichkeit, wie sie Snapchat verspricht, kennt Spiegel selbst besser, als ihm lieb ist. Seine für ihn nicht immer schmeichelhafte Vergangenheit hat ihn schon öfters eingeholt. Ein Klatschblog grub vor zwei Jahren sexistische alte E-Mails von ihm aus seiner Stanford-Zeit aus, in denen er Studentinnen „Schlampen“ nannte und darüber sprach, auf Frauen zu urinieren und Kokain einzukaufen. Spiegel sah sich zu einer kleinlauten öffentlichen Entschuldigung gezwungen und sagte, die E-Mails seien „idiotisch“ gewesen und reflektierten nicht, wer er heute sei und welche Einstellung er zu Frauen habe. Andere Dokumente kamen während des Scheidungskriegs seiner Eltern ans Licht und lassen ihn als verwöhnten Teenager dastehen. Die Zeitung „L.A. Weekly“ berichtete über einen Brief, in dem der damals 17 Jahre alte Spiegel seinen Vater um einen BMW gebeten haben soll, mit dem Hinweis: „Autos bringen mir schiere Freude.“ Auch soll er von seinem Vater ein monatliches Taschengeld von 2000 Dollar verlangt haben, plus einen Reservefonds von 2000 Dollar. Seine Rechtfertigung: „Mein Leben ist voller unvorhergesehener Ausgaben.“

Das Gefühl, unsanft an peinliche Episoden aus der Vergangenheit erinnert zu werden, kennt auch Mark Zuckerberg. Der Facebook-Chef wurde einmal mit alten Kurznachrichten aus Studententagen konfrontiert, in denen er die Nutzer einer frühen Version des sozialen Netzwerks „Vollidioten“ nannte. Es gibt noch eine andere Gemeinsamkeit zwischen Zuckerberg und Spiegel: Beide haben sich juristische Schlammschlachten mit früheren Weggefährten geliefert, die sich von ihnen auf dem Weg zum Erfolg ausgebootet fühlten. Im Fall von Zuckerberg wurde dies sogar zum Stoff für Hollywood im Film „The Social Network“. Spiegel stritt sich mit Reggie Brown, der das Unternehmen schon im Gründungsjahr verließ und sich danach um seinen Anteil gebracht fühlte. Nach einigem Hin und Her schlossen die beiden Seiten einen Vergleich.

Spiegel wird manchmal nachgesagt, arrogant und schwierig zu sein. Aber er ist offenbar auch zu Reflexion fähig und gibt sich nicht dem Glauben hin, sein Erfolg sei nur der eigenen Brillanz zu verdanken. Auf einer Konferenz gab er einmal zu, wie sehr er von seinem privilegierten Statuts profitiert habe. „Ich bin jung, weiß, männlich, mit guter Ausbildung. Ich hatte wirklich, wirklich Glück.“ Es gebe nun einmal Ungleichheit auf der Welt, und die angeblich im Silicon Valley herrschende Leistungsgesellschaft, die harte Arbeit belohne, sei ein Mythos. Spiegels Fazit: „Das Leben ist nicht fair.“

01. Mai. 2016
von Roland Lindner
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01. Feb. 2016
von Martin Gropp
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Safe-Harbor-Abkommen: Damit die Daten weiter fließen

Mit der Suchmaschine Google recherchieren, ein Möbelstück auf der Auktionsplattform Ebay ersteigern, einen Online-Einkauf über den Bezahldienst Paypal begleichen oder auf dem sozialen Netzwerk Facebook den „Gefällt mir“-Knopf drücken – wer heute im Internet einen amerikanischen Dienst nutzt, der muss damit rechnen, dass die Unternehmen seine persönlichen Daten auch in den Vereinigten Staaten verarbeiten. Noch bis vor kurzem war das ohne weiteres möglich, doch an diesem Montag beginnt für Millionen europäischer Internetnutzer und zahlreiche Unternehmen jenseits wie diesseits des Atlantiks eine Phase der rechtlichen Unsicherheit. Weiterlesen →

01. Feb. 2016
von Martin Gropp
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04. Nov. 2015
von Roland Lindner
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Videoplattform Younow: Der Reiz des Alltags

Lebt vom "Trinkgeld" seiner mehr als 30000 Fans: Brent Morgan© Foto: Screenshot YounowLebt vom „Trinkgeld“ seiner mehr als 30000 Fans: Brent Morgan

Es ist Zeit zum Frühstücken. Nina Jasmin wirft Bananen, gefrorene Himbeeren und eine Maracuja in den Mixer und gießt etwas Wasser dazu. Mangos seien leider nicht mehr im Haus gewesen, sagt sie bedauernd. Während die 21 Jahre alte Hannoveranerin mit den Früchten hantiert, jammert einer ihrer Zuseher über einen gezogenen Weisheitszahn. Nina Jasmin zeigt sich mitfühlend und sagt, bei ihr sei das Entfernen der Weisheitszähne auch „richtig schlimm“ gewesen. Als das Getränk fertig ist, ruft sie triumphierend: „Smoothie-Time“ – und trinkt mit einem Strohhalm direkt aus dem Mixer. Später in dem einstündigen Video fragt sie jemand nach ihrer veganen Ernährung. Sie habe im vergangenen Jahr damit angefangen, sagt Nina Jasmin. Seither sei ihre Haut besser, und sie sei glücklich, dass für sie kein Lebewesen sterben oder leiden müsse.

Manchem mag all das etwas belanglos vorkommen. Aber solche und ähnliche Episoden aus dem Alltag ziehen auf der Videoplattform Younow ein stattliches Publikum an. Weiterlesen →

04. Nov. 2015
von Roland Lindner
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22. Sep. 2015
von Roland Lindner
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Lust auf Medien im Silicon Valley

Einmal am Tag trifft sich Daniel Roth mit seinen Kollegen vom Karrierenetzwerk Linkedin zur Redaktionskonferenz. Das zwölfköpfige Team kommt zusammen, um Themen zu entwickeln, ganz ähnlich wie Roth das von der Zeitschrift „Fortune“ kennt, seinem früheren Arbeitgeber. Aber die Umsetzung bei Linkedin ist eine ganz andere. Hier werden keine Redakteure darauf angesetzt, Geschichten zu recherchieren und aufzuschreiben. Stattdessen werden die Redaktionsmitglieder beauftragt, im riesigen Linkedin-Netzwerk nach Mitgliedern zu suchen, die vielleicht etwas Interessantes zu einem bestimmten Thema zu sagen haben. Geht es zum Beispiel um Bildung, könnten Professoren identifiziert und gebeten werden, einen Beitrag auf Linkedin zu verfassen, erzählt Roth. Bei der Suche nach Autoren nehmen die Redaktionsmitglieder einen Algorithmus zu Hilfe.

Manchmal muss das Linkedin-Personal gar nicht eingreifen. Zum Beispiel als kürzlich in der „New York Times“ eine Geschichte über die schlechten Arbeitsbedingungen beim Online-Händler Amazon erschien. Ein Amazon-Mitarbeiter sah sich genötigt, sein Unternehmen in einem langen Linkedin-Aufsatz zu verteidigen. Nicht nur wurde er damit hinterher in vielen traditionellen Medien zitiert, ihm folgten auch Dutzende andere und teils für Amazon deutlich weniger schmeichelhafte Beiträge von gegenwärtigen und ehemaligen Mitarbeitern. Das Sahnehäubchen auf Linkedin sind aber die „Influencer“ („Beeinflusser“). Das ist eine elitäre Gruppe von 500 Zeitgenossen, die Linkedin für besonders wichtig hält, darunter der Unternehmer Richard Branson oder Angela Ahrendts aus der Führungsriege des Elektronikkonzerns Apple. Diese „Influencer“ schreiben auf Linkedin über Karriere und andere Themen, die meisten Inhalte hat das Netzwerk exklusiv. Es sind oft Stoffe, die auch als Gastbeiträge in gewöhnlichen Zeitungen oder Zeitschriften stehen könnten.

Insgesamt haben schon mehr als eine Million Linkedin-Mitglieder Einträge verfasst, und das ohne jede Bezahlung. Das Kalkül hinter all diesen redaktionellen Initiativen ist es, die Mitglieder länger auf der Plattform zu halten. „Wir wollen einen Mehrwert schaffen,“ sagt Alexandra Kolleth aus der Geschäftsleitung der deutschen Linkedin-Tochtergesellschaft. Internes Ziel von Linkedin ist es, dass Nutzer mindestens 15 Minuten am Tag auf der Seite verbringen.

Die Strategie, sich mit eigenen Inhalten für sein Publikum interessanter zu machen, verfolgt nicht nur Linkedin. Weiterlesen →

22. Sep. 2015
von Roland Lindner
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25. Aug. 2015
von Martin Gropp
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„43 Hügel und 1 Tal“: Ein Duschkopf entzückt das Silicon Valley

Unter dem Duschkopf des kalifornischen Unternehmens Nebia sind nur die ersten Augenblicke unspektakulär. Wer sich im Büro des Start-ups in San Francisco unter die Testdusche stellt, muss wie in vielen Nasszellen rund um die Welt erst einmal das Wasser aufdrehen. Doch sobald es läuft, wird schnell deutlich, warum das Unternehmen und dessen Produkt Nebia heißt, angelehnt an das italienische Wort „nebbia“ für Nebel. Es gluckert kurz, dann zischt es, und neun Düsen sprühen feinste Wassertröpfchen von oben auf Kopf und Schultern. Eine Art Handbrause sorgt dafür, dass die Tröpfchen auch von der Seite kommen. In Sekunden ist der ganze Körper wie von Wasser umhüllt. Das ist keine Dusche, es ist eine Mischung aus Dampfbad und norddeutschem Nieselregen. Nur wohltemperierter.

„Wir atomisieren das Wasser“, umschreibt Philip Winter, Mitgründer und Geschäftsführer des Unternehmens, was da im und unter dem Duschkopf geschieht. Das Wasser wird mit hohem Druck durch die Düsen geschossen, und das hat Folgen: Der Duschkopf senkt nach Winters Angaben den Wasserverbrauch während des Duschens um 70 Prozent. Statt 9,5 Liter je Minute verbrauche Nebia lediglich 2,8 Liter. Das liegt daran, dass der Duschkopf statt eines konstanten Wasserstrahls viele Millionen kleinste Tröpfchen ausspuckt. Das vergrößert laut Winter die gesamte Wasseroberfläche und macht den Wassereinsatz dadurch effizienter. Weiterlesen →

25. Aug. 2015
von Martin Gropp
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17. Aug. 2015
von Martin Gropp
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„43 Hügel und 1 Tal“: Rarer Raum für Gründer

An der Market Street im Zentrum von San Francisco fährt draußen die Vergangenheit vorbei, während drinnen vielleicht die Zukunft entsteht. Vor dem Haus mit der Nummer 925 rumpeln die zum großen Teil mehr als 50 Jahre alten historischen Straßenbahnwagen der F-Linie, die heute ein fahrendes Verkehrsmuseum ist. Im Innern des Gründerzeitbaus arbeiten gut 20 junge Menschen auf zwei Etagen verteilt konzentriert an ihren Laptops und ihren Ideen für das mobile Internetzeitalter. Sie alle sind Gäste des größten Online-Händlers der Welt. Das Gebäude mit der Adresse 925 Market Street beheimatet seit dem vergangenen Oktober dauerhaft das Pop-up Loft von Amazon Web Services, der Cloudcomputing-Sparte des Internethändlers, die Speicher- und Rechnerkapazitäten an Unternehmen vermietet.

###© Martin GroppEingang des Pop-up Lofts von Amazon Web Services in San Francisco

„Das Loft ist ein Raum, wo jeder sich einen Kaffee nehmen, an seiner App arbeiten und persönliche Antworten zu technischen Fragen erhalten kann – und zwar kostenfrei“, beschreibt Amazon Web Services die Aufgabe des Lofts. Tatsächlich gibt es nicht nur einen Kaffeespender, sondern auch Cornflakes, Milch und Wassereis umsonst, Internetzugang sowieso. Auch der für jedes aufstrebende Internetunternehmen fast schon sinnbildlich gewordene Tischkicker steht zwischen den unverputzten Backsteinwänden.

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17. Aug. 2015
von Martin Gropp
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05. Aug. 2015
von Martin Gropp
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„43 Hügel und 1 Tal“: Drahtlos-los in San Francisco

Wer schon einmal in Amerika war, der darf sich über mangelnde Internetversorgung nicht beschweren. Natürlich nutzen viele Amerikaner ein Datenpaket von ihrem Mobilfunkanbieter. Dazu bieten aber auch viele große Geschäfte und Ladenketten kostenlosen W-Lan-Zugang an. Ob im Kaffeehaus, im Burgerrestaurant oder im Bekleidungsladen – die drahtlose Internetverbindung ist theoretisch überall, zumindest in den großen Städten. Dazu kommen Hotels und Motels, die auch oft ohne Aufpreis eine Drahtlosverbindung ermöglichen. Wer will, kann also beim Stadtbummel von einem W-Lan-Zugangspunkt zum anderen springen, um den Weg zu finden, Nachrichten zu lesen oder Mails zu schreiben.

Doch es gibt in Amerika auch durchaus drahtlos-lose Orte. Einer davon war am Dienstag meine Wohnung im Süden von San Francisco. Seit Montagabend funktionierte das Internet schon nicht mehr, am Dienstagabend nach der Arbeit sprach ich meine Vermieter darauf an. Sie sagten, dass sie auch nicht wüssten, was los sei. Und sie fragten, ob ich mich mit Computern auskenne und darum kümmern könnte?

Das war ein Schock. Da fliegt man um den halben Globus direkt ins unbestrittene Zentrum der Internetwirtschaft, um mehr darüber zu erfahren, wie die Amerikaner das so machen mit den erfolgreichen Geschäftsmodellen im Netz. Und dann soll man erst einmal das Internet wieder ans Laufen bringen.

Zum Glück funktionieren viele Netzwerk-Router rund um die Welt ähnlich. Doch auch ein längerer Aufenthalt im Konfigurationssystem löste das Problem nicht. Also half nur noch die ultimative und rund um den Globus anerkannte letzte Lösung: Die Stromversorgung kappen und von vorne beginngen. Als ich gerade den Stecker ziehen wollte, fiel mir auf, dass sich das Netzwerkkabel des Modems im falschen Steckplatz befand.  Als das Kabel wieder am richtigen Ort steckte, funktionierte auch das Internet wieder.

Wer das Kabel in den falschen Steckplatz bugsierte und warum, ist bisher nicht bekannt. Vielleicht war es die WG-Katze? Aber das ist dann doch wohl sehr unwahrscheinlich. Selbst im Silicon Valley.

05. Aug. 2015
von Martin Gropp
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03. Aug. 2015
von Martin Gropp
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„43 Hügel und 1 Tal“: Das Netzwirtschaft-Blog berichtet aus San Francisco

Als Leser dieses Blogs wissen Sie, dass mein Kollege Roland Lindner und ich normaler Weise aus New York beziehungsweise Frankfurt berichten. Zumindest der zweite Ort ändert sich nun vorübergehend. Unter der Überschrift „43 Hügel und 1 Tal“ werden sich hier in den nächsten zwei Monaten immer wieder auch Beiträge aus San Francisco und dem angrenzenden Silicon Valley finden. Der Grund: Ich werde den August und September über von San Francisco aus für die Frankfurter Allgemeine Zeitung arbeiten.

Möglich ist das, weil ich in diesem Jahr einer der elf deutschen Stipendiaten des „Arthur F. Burns Fellowships“ bin. Dieses Programm ermöglicht es amerikanischen, kanadischen und deutschen Journalistinnen und Journalisten acht Wochen lang aus einem anderen Land zu berichten und gleichzeitig bei einem Gastmedium zu arbeiten. In meinem Falle ist das Online-Medium Cnet.com mein Gastgeber. Mehr Informationen zum Stipendium finden Sie hier.

Ich freue mich, Ihnen sowohl in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als auch in diesem Blog Einblicke in die Wirtschaft und das Leben im Zentrum der amerikanischen Internetwirtschaft zu geben. Für Fragen und Anregungen erreichen Sie mich über die Kommentarfunktion unter diesem Blogbeitrag oder über mein Profil im Kurznachrichtendienst Twitter.

Transparenzhinweis:

Das „Arthur F. Burns Fellowship“ umfasst eine einmalige Stipendienzahlung in Höhe von 4000 Euro und wird finanziert von mehreren Unternehmen und Institutionen. Dazu zählen die Allianz, die Deutsche Bank, Siemens oder das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland. Eine vollständige Liste der Programmpartner finden Sie hier. Die Partner haben keinerlei Einfluss auf die Auswahl der Stipendiaten oder deren Berichterstattung.

03. Aug. 2015
von Martin Gropp
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08. Jul. 2015
von Martin Gropp
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Millionen fürs Sprachen lernen

Markus Witte macht es sich nicht leicht. Einfach wäre es für Witte zum Beispiel, sich mit der von ihm mitgegründeten Sprachlernanwendung Babbel auf professionelle Kunden zu konzentrieren, auf Unternehmen etwa oder auf Universitäten. Ihnen könnte er wohl relativ unkompliziert, schnell und in großer Zahl seine App verkaufen, mit denen Menschen inzwischen 14 Sprachen per Smartphone oder Tablet erlernen können. Doch Babbel fokussiert seit seiner Gründung auf den Verbraucher – und das kostet nach Wittes Angaben. „Wir müssen unser Produkt ständig weiterentwickeln. Denn nur so lange der Nutzer dran bleibt, verdienen wir damit Geld.“

Die nächsten Weiterentwicklungen kann die hinter Babbel stehende Lesson Nine GmbH aus Berlin nun relativ entspannt angehen. Wie das Unternehmen am Mittwoch mitteilte, hat es sich über eine Finanzierungsrunde neue Mittel erschlossen. Umgerechnet rund 20 Millionen Euro werden verschiedene Investoren dem Unternehmen zur Verfügung stellen. Zu den Finanziers gehören bisher schon an Babbel beteiligte Wagniskapitalgeber wie Reed Elsevier Ventures oder Nokia Growth Partners. Neu dabei ist die Beteiligungsgesellschaft Scottish Equity Partners (SEP), die unter anderem bei dem Berliner Online-Brillenhändler Mister Spex investiert ist. Einer der SEP-Partner, Stuart Paterson, wird mit der Finanzierung in den Aufsichtsrat der Lesson Nine GmbH einziehen.

Es handele sich bei der Runde um eine sogenannte Serie-C-Finanzierung, teilte Lesson Nine mit. Solche Runden sichern sich Unternehmen aus der Internetbranche, wenn sie schon profitabel wirtschaften, um dann weiter und vor allem schneller wachsen zu können. Das trifft auch auf Babbel zu, das nach eigenen Angaben seit 2011 Geld verdient. Welchen Anteil die Investoren sich mit der Finanzierung an Babbel nun sichern, wollte Lesson-Nine-Geschäftsführer Witte im Gespräch mit dieser Zeitung nicht äußern. Ihm sei es aber wichtig gewesen, dass die Investoren sich langfristig engagieren wollen. „Wir wollen ein großes und profitables Unternehmen aufsetzen, und es nicht so bald verkaufen.“ Mit den gefundenen Partnern sei das möglich.
Das neu aufgenommene Geld wollen Witte und seine Mitgründer Thomas Holl und Lorenz Heine nun in das weitere Wachstum stecken. Erst im Januar hatte Babbel in New York ein eigenes Büro eröffnet, um den amerikanischen Markt zu erobern. „Das erste Ziel ist die weitere Expansion mit Fokus Nordamerika“, sagt Witte nun und gesteht ein, dass das ein „relativ dickes Brett“ sei. Zudem soll das Geld aber direkt in die Anwendung fließen. „Wir können nicht bei dem stehen bleiben, was wir heute haben. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir an unserem eigenen Erfolg ersticken.“

Weil sich die Technik weiterentwickele, müsse auch Babbel in neue Plattformen und neue Ansätze investieren, sagt Witte und nennt als Beispiel aus der Vergangenheit die ans Internet angeschlossene Uhr „Watch“ des amerikanischen Technikkonzerns Apple. Für sie hatte sein Unternehmen schon eine der ersten Anwendungen überhaupt programmiert. Dadurch dass sich unter dem Stichwort Internet der Dinge immer mehr Geräte mit dem Netz verbinden, ergäben sich künftig allerdings auch Nutzungssituationen, von denen man heute womöglich noch nichts weiß. „Diese Ansätze wollen wir schnell erkennen und dann auch schnell vorantreiben“, sagt Witte.

08. Jul. 2015
von Martin Gropp
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07. Jul. 2015
von Roland Lindner
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Periscope: „Wir hätten es auch ohne Twitter geschafft“

Kayvon Beykpour© TwitterKayvon Beykpour

Es ist eine gute Zeit für Gründer in Amerika. Wer eine vielversprechende Idee hat, kann darauf hoffen, bald von Investoren umworben zu werden. Und vielleicht sogar davon träumen, es Start-Up-Unternehmen wie Uber, Airbnb oder Snapchat gleichzutun, die mit zweistelligen Milliardenbeträgen bewertet werden. Aber nicht jeder hofft auf einen solchen ganz großen Wurf. Viele Gründer entscheiden sich dagegen, es im Alleingang zu versuchen, und verkaufen ihre Unternehmen an etabliertere Adressen. Besonders schnell ging das im Fall von Periscope, einer Smartphone-Anwendung („App“) zur Übertragung von Live-Videos. Die beiden Gründer Kayvon Beykpour und Joe Bernstein verkauften Periscope nicht einmal ein Jahr nach dem Start an den Kurznachrichtendienst Twitter. Zu diesem Zeitpunkt war die App noch nicht einmal veröffentlicht. Twitter soll Schätzungen zufolge einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag bezahlt haben. Wie Beykpour im Gespräch mit dieser Zeitung sagt, sollte der Verkauf in einem so frühen Stadium die Erfolgschancen der App erhöhen. Dies sei den Gründern wichtiger gewesen als ihre Unabhängigkeit.

Seit dem Verkauf an Twitter im Januar hat Periscope ereignisreiche Monate erlebt. Die App wurde im März veröffentlicht, sah sich aber beim Start unverhofft starker Konkurrenz gegenüber. Denn kurz zuvor fuhr die rivalisierende Video-App Meerkat Periscope in die Parade und wurde zum Liebling des trendbewussten Publikums auf der Digitalkonferenz South by Southwest in Austin, wo einst auch schon Twitter den Durchbruch geschafft hat. Aber mit Twitter im Rücken konnte Periscope den Rückstand aufholen. In den Listen der populärsten Smartphone-Apps, die von der Marktforschungsgruppe App Annie veröffentlicht werden, liegt Periscope heute weit vor Meerkat. Dabei dürfte geholfen haben, dass Twitter seinem hauseigenen Dienst Periscope einen Vorteil verschaffte, indem Meerkat der Zugang zu seinen Nutzerdaten versperrt wurde.

Beykpour gibt zu, dass es in den ersten Monaten hilfreich für Periscope war, Twitter im Rücken zu haben. Er sagt aber auch, dass nach seiner Meinung der Erfolg letztlich vom Produkt abhänge, und dieses Produkt habe sich seit dem Verkauf an Twitter nicht wesentlich verändert. „Wir sind verrückt genug, zu glauben, dass wir so oder so Erfolg gehabt hätten.“ Beykpour will indessen weder Meerkat noch andere Wettbewerber abschreiben. „Jemand in einer Garage kann an etwas arbeiten, das die Welt verändert.“ Er hält es außerdem für möglich, dass sich mehrere Live-Videodienste nebeneinander behaupten können, zumal wenn sie verschiedenen Schwerpunkte haben: „Manche richten sich eher an Unternehmen, manche an Verbraucher, manche speziell an Nutzer von Videospielen.“

Periscope und ähnliche Dienste erlauben es ihren Nutzern, live zu übertragen, was sie gerade tun oder was um sie herum passiert. Beykpour beschreibt das Konzept als eine Art „Teleportation“, die das Publikum miterleben lässt, was überall in der Welt vor sich geht. Die Idee dafür kam ihm, als er vor zwei Jahren in die Türkei reisen wollte und es dort Proteste gab. Er fand, dass ihm weder Twitter noch Fernsehnachrichten ein Gefühl dafür geben konnten, wie sicher das Land für ihn wäre. Er dachte sich, dass Live-Aufnahmen, die jemand vor Ort mit seinem Smartphone macht, dafür besser geeignet sein könnten. Auf Periscope kommen solche Echtzeit-Übertragungen heute nach Angaben von Beykpour von einem breiten Spektrum von Nutzern: Prominente wie Oprah Winfrey oder Channing Tatum, Journalisten, Eltern, die die ersten Schritte ihrer Tochter für die Außenwelt aufzeichnen, oder auch ein Astronom, der seinem Publikum die Sternbilder erklärt. Amerikaner und Briten gehörten derzeit zu den eifrigsten Nutzern, wohingegen Deutschland noch nicht unter den größten Märkten für Periscope sei.

Beykpour ist klar, dass Periscope im „Selfie“-Zeitalter ein weiteres Instrument zur Selbstdarstellung liefert. Daher sei als Standardeinstellung in der App bewusst die nach außen gerichtete Kamera gewählt worden. Nutzer müssen also zumindest noch einen kleinen zusätzlichen Schritt gehen und ihre Smartphone-Kamera auf die entgegengesetzte Richtung umstellen, um sich selbst zu filmen. „Uns geht es schließlich in erster Linie darum, dass man mit Periscope die Welt erkunden kann.“

Live-Videodienste wie Periscope und Meerkat haben auch potentielle Schattenseiten. Sie können genutzt werden, um urheberrechtlich geschütztes Material zu verbreiten, zum Beispiel sonst nur im Bezahlfernsehen zugängliche Sportveranstaltungen oder Fernsehserien. Auch für Pornographie bieten sich solche Dienste an. Beykpour sagt, Periscope sei sich dessen bewusst, aber dies betreffe nur einen „extrem kleinen Prozentsatz“ der Inhalte auf der Plattform. Periscope beschäftige außerdem eine Gruppe von Moderatoren, die Beschwerden von Inhabern von Urheberrechten prüfen und gegebenenfalls Videos entfernen. Wie groß dieses Team ist, will Beykpour nicht verraten. Insgesamt habe Periscope derzeit 19 Mitarbeiter und baue sein Personal „aggressiv“ aus.

Die Periscope-Muttergesellschaft Twitter hat gerade einen Führungswechsel hinter sich. Mitgründer Jack Dorsey hat den Vorstandsvorsitz Anfang Juli übergangsweise von Dick Costolo übernommen. Eine permanente Besetzung wird gesucht, und auch Dorsey gilt als einer der Kandidaten. Beykpour sagt, ihm sei es wichtig, auf wen die Wahl am Ende falle. Er will sich aber nicht festlegen lassen, ob er Dorsey gerne auf Dauer an der Spitze sähe. Beykpour selbst jedenfalls beteuert, er habe keine Absichten, Twitter bald wieder zu verlassen, so wie manche andere Gründer es tun, nachdem sie ihr Unternehmen verkaufen. „Wir sind kaum mehr als ein Jahr alt und kommen gerade erst in die Gänge.“ Unter dem Dach von Twitter zu arbeiten, habe noch einen anderen Vorteil: Der Mutterkonzern mache ihm bisher keinen Druck, mit seinem kostenlosen Dienst Geld zu verdienen.

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07. Jul. 2015
von Roland Lindner
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10. Mai. 2015
von Roland Lindner
Kommentare deaktiviert für Tinder: Es gibt keine Formel für die Liebe

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Tinder: Es gibt keine Formel für die Liebe

Sean Rad© DLDSean Rad

Sean Rad kann sich vorstellen, dass er eines Tages selbst zu einem Beispiel für eine Tinder-Hochzeit wird. Er hat seine Freundin Alexa Dell, die Tochter des Computerunternehmers Michael Dell, über den von ihm mitgegründeten Online-Partnervermittler kennengelernt. Wenn es dazu kommt, wäre der 28 Jahre alte Rad bei weitem nicht der erste, wie er in einem Gespräch mit dieser Zeitung am Rande der Digitalkonferenz DLD in New York sagte. Tinder habe „Tausende von E-Mails“ von Nutzern bekommen, die auf der Dating-Plattform jemanden gefunden hätten, den sie später geheiratet haben. Allein in seinem Bekanntenkreis gebe es vier Fälle. Selbst seine 56 Jahre alte Großtante nutze Tinder in der Hoffnung, einen festen Partner zu finden.

Freilich eilt Tinder ein etwas anderer Ruf voraus. Der 2012 entstandenen Smartphone-Anwendung („App“) wird nachgesagt, die Partnersuche oberflächlicher und unverbindlicher zu machen und für viele Nutzer ein Vehikel für schnellen Sex zu sein. Tinder ist simpler als viele andere Dating-Portale. Die App verzichtet auf langwierige Nutzerprofile und beschränkt sich weitgehend auf Äußerlichkeiten. Nutzer bekommen Fotos potentieller Partner präsentiert und können mit einer einfachen Wischgeste nach rechts oder links entscheiden, ob sie Kontakt aufnehmen wollen. Nur wenn beide Seiten per Wisch nach rechts Interesse signalisieren, wird es möglich, miteinander zu kommunizieren und ein Treffen zu vereinbaren. Die App ist mit der Standortfunktion des Handys verbunden, was es erlaubt, sich auf Personen in der näheren Umgebung zu beschränken. Das erleichtert spontane Dates.

Das Konzept hat eingeschlagen. In amerikanischen Metropolen wie New York trifft man kaum noch auf Singles, die Tinder nicht nutzen. Rad will keine genauen Nutzerzahlen nennen und sagt lediglich, global seien es „weit mehr als 30 Millionen“ und in Deutschland mehrere Millionen. Deutschland sei erst der siebtgrößte Markt für Tinder, wachse aber „unglaublich schnell“.

Rad will nicht behaupten, dass Tinder seinen Nutzern höhere Chancen als andere Dating-Dienste bietet, einen Partner zu finden. „Aber wir können unsere Nutzer mit mehr Leuten bekannt machen. Und dann ist es an ihnen, herauszufinden, wer in Frage kommt und wer nicht.“ Versprechen anderer Portale, über spezielle Algorithmen kompatible Partner liefern zu können, sollte man nach seinen Worten nicht glauben. „Ich halte die Vorstellung für dumm, dass es eine Formel gibt.“

Den Vorwurf der Oberflächlichkeit will Rad nicht auf sich sitzen lassen: „Leute zu treffen, ist nun einmal eine oberflächliche Sache. Wenn ich in eine Kneipe oder ein Restaurant gehe und mich dort jemand interessiert, dann doch auch wegen der äußeren Erscheinung.“ Tinder sei nichts anderes und insofern besser als die reale Welt, weil man hier nicht fürchten müsse, sich einen peinlichen Korb einzuholen. Rad findet es auch unfair, Tinder als bloße „Sex-App“ abzukanzeln. Tinder werde aus unterschiedlichen Motiven genutzt. Manche seien auf Beziehungen aus, manchen gehe es ums Vergnügen, aber das sei nicht nur bei Tinder so. „Wenn Leute nur Sex wollen, dann haben sie dazu viele Mittel zur Verfügung. Ich habe Freunde, die nutzen den Fotodienst Instagram, um Frauen aufzureißen.“

Für seinen Mutterkonzern, das New Yorker Internetkonglomerat IAC Interactive Corp., wird Tinder immer wichtiger. IAC hat neben Tinder noch etliche andere Dating-Angebote wie Match.com unter seinem Dach. Tinder ist in der Basisversion gratis, bietet aber seit kurzem Zusatzfunktionen im gebührenpflichtigen Abonnement. Zahlenden Nutzern wird es zum Beispiel möglich, einen versehentlichen Wisch nach links rückgängig zu machen und damit eine Person auf den Bildschirm zurückzuholen. Das Gebührenmodell hat bei seiner Einführung für einige Aufregung gesorgt, weil Tinder von älteren Nutzern mehr Geld verlangt als von jüngeren. Rad sagt, Tinder habe jüngeren Nutzern einen „Nachlass“ geben wollen, um den Dienst für möglichst viele Menschen erschwinglich zu machen.

IAC zeigte sich gerade bei der Vorlage des Quartalsberichts zufrieden mit den bisherigen Abonnentenzahlen, ohne Details zu nennen. Seit kurzem werden auf Tinder auch Anzeigen geschaltet, als Kunden nennt Rad die Biermarke Budweiser und das Reiseportal Orbitz. Bislang stehen die Gebühren für den größten Teil der Tinder-Umsätze, aber Rad kann sich vorstellen, dass auf längere Sicht Werbung das größere Standbein wird. Der für das Dating-Geschäft von IAC verantwortliche Greg Blatt sagte jedenfalls, er sei „sehr, sehr optimistisch“, dass aus Tinder ein einträgliches Geschäft wird.

Freilich sieht sich Tinder auch verstärktem Wettbewerb gegenüber. Andere Smartphone-Apps versprechen eine gezieltere Auswahl von möglichen Partnern, der Konkurrent „Hinge“ zum Beispiel schlägt nur Kandidaten mit gemeinsamen Facebook-Freunden vor. Rad zeigt sich unbeeindruckt: „Wir sind aggressiv und hungrig, und wer uns ablösen will, muss etwas tun, das zehn Mal so gut ist. Bisher habe ich höchstens marginal andere Sachen gesehen.“

Rad hat kürzlich den Posten als Vorstandsvorsitzender an Chris Payne abgegeben, der vom Online-Händler Ebay geholt wurde. Er ist jetzt als Präsident unter anderem für Produktentwicklung zuständig. Sein Rückzug wurde eingeläutet, nachdem ihm und einem anderen Mitgründer in einer Klage von einer früheren Managerin sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde. Die Klage wurde mit einem Vergleich beigelegt. Rad will sich zu der Klage nicht näher äußern und sagt lediglich, der Vergleich sei ohne jegliches Schuldeingeständnis geschlossen worden. Und dem Vorstandsvorsitz trauere er nicht hinterher: „Ich bin viel glücklicher. Ich kann mich jetzt auf die Sachen beschränken, die ich wirklich gerne tue.“

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10. Mai. 2015
von Roland Lindner
Kommentare deaktiviert für Tinder: Es gibt keine Formel für die Liebe

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08. Mai. 2015
von Roland Lindner
Kommentare deaktiviert für Teure Car2Go-Fahrt: Mobilitäts-Apps mit Tücken

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Teure Car2Go-Fahrt: Mobilitäts-Apps mit Tücken

Nicht "regelkonform": Der verhängnisvolle Parkplatz in Brooklyn© Roland LindnerNicht „regelkonform“: Der verhängnisvolle Parkplatz in Brooklyn

Neulich in Brooklyn: Ein Geschäftstermin macht es nötig, von einem Viertel des New Yorker Stadtteils zu einem anderen zu kommen. Wie gut, dass es Car2Go gibt, das Carsharing-Angebot, mit dem der Stuttgarter Daimler-Konzern in mittlerweile mehr als 30 Städten der Welt vertreten ist. Denn die U-Bahnen in New York sind auf den zentralen Stadtteil Manhattan ausgerichtet, der Transport innerhalb von Brooklyn ist oft umständlich. Seit Car2Go im vergangenen Herbst mit seiner Flotte von blau-weißen Smart-Zweisitzern in Brooklyn gestartet ist, gibt es eine praktische Alternative. Man kann einfach in den nächstgelegenen Car2Go-Wagen einsteigen, den man auf der Straße sieht oder über seine Smartphone-App findet, und fährt dann zu seinem Ziel. Abgerechnet wird minutenweise. Verglichen mit anderen Carsharing-Diensten wie Zipcar ist Car2Go deshalb attraktiv, weil die Autos nicht zu ihrem Ausgangsort zurückgebracht werden müssen. Man kann sie einfach an seinem Ziel stehen lassen, jedenfalls sofern man einen legitimen Parkplatz findet. Und so ist Car2Go an diesem Abend eigentlich auch die perfekte Lösung für den Trip ins aufstrebende Trendviertel Bushwick. Aber diesmal offenbaren sich einige Tücken, die am Ende dafür sorgen, dass fast 90 Dollar in Rechnung gestellt werden. Ein Taxi hätte hin und zurück höchstens 30 Dollar gekostet.

Angebote wie Car2Go oder auch der Fahrdienst Uber gelten als Paradebeispiele für die Mobilität der Zukunft. Um von A nach B zu kommen, ist man gerade auf kürzeren Distanzen immer weniger auf ein eigenes Auto, auf Taxis oder sogar auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Im Smartphone-Zeitalter haben Menschen Zugriff auf immer mehr Apps, die ihnen Transportlösungen anbieten. Sie können sich dabei chauffieren lassen wie mit Uber oder selbst fahren wie mit Car2Go. Diese Angebote sind eine Herausforderung für die etablierten Kräfte im Markt, ob Autohersteller oder auch Taxiunternehmen.

Aber bei aller Bequemlichkeit können auch diese jungen Mobilitätskonzepte ihre Nutzer bisweilen frustrieren. So passiert es bei Uber schon einmal, dass man deutlich länger als auf dem Smartphone angezeigt auf ein Auto warten muss. Das kann an einem orientierungslosen Fahrer liegen oder auch am unzuverlässigen Kartensystem der App. Im Falle von Car2Go kommen an dem Abend in Brooklyn mehrere Dinge zusammen: Bedienungsunfreundliche Technik paart sich mit schlechtem Kundendienst und allzu vollmundiger Werbung.

Car2Go lockt seine Kundschaft mit knackigen Versprechen: „Einfach. Immer. Überall“ – so wird der Dienst in Brooklyn auf der Internetseite beworben. Wer das wörtlich nimmt und sich von dem Wort „überall“ einlullen lässt, dem entgeht womöglich die Tatsache, dass das Geschäftsgebiet („Home Area“) von Car2Go keineswegs ganz Brooklyn umfasst, sondern nur einen sehr begrenzten Teil davon. Außerhalb dieser Zone kann die Fahrt nicht beendet werden. Man kann den Smart zwar parken, aber dann läuft die gebührenpflichtige Zeit weiter. Dummerweise liegt das Ziel der Fahrt an diesem Abend just außerhalb der „Home Area“. In Unkenntnis dieser Einschränkung schlägt also der Versuch fehl, das Auto zu parken. Der Grund dafür wird aber nicht deutlich erklärt. Vielmehr erscheint auf dem Bildschirm im Auto die Nachricht, die Fahrt könne nicht beendet werden, weil man in einer „Restricted Area“ sei, also einer gesperrten Zone. Was damit wohl gemeint ist? Auf einer Gebrauchsanweisung im Auto werden als Beispiele für solche gesperrten Gebiete Ladezonen und Behindertenparkplätze genannt. Die Vermutung liegt nahe, dass Car2Go den Wagen irrtümlicherweise auf einem solchen unzulässigen Platz wähnt, schließlich hatte der Carsharing-Dienst schon öfters mit Softwareproblemen zu kämpfen. Also wird verzweifelt ein neuer Parkplatz gesucht, und dann noch einer und noch einer, aber jedes Mal kommt die gleiche Botschaft. Erst später wird sich als Grund für die Verwirrung herausstellen, dass Car2Go die Begriffe „Home Area“ und „Restricted Area“ durcheinanderbringt. Das bleibt aber zunächst einmal im Unklaren, denn der Kundendienst erweist sich als nicht erreichbar. Ein Anruf bei der Hotline führt in eine lange Warteschleife und schließlich zu einem Anrufbeantworter. Man fragt sich, wie man sich fühlen würde, wenn man eine Panne oder einen Unfall hätte und an niemanden von Car2Go herankäme. Fast zehn Minuten vergehen am Telefon bis zur entnervten Kapitulation. Der Wagen wird stehen gelassen, um den Termin zumindest mit Verspätung noch wahrnehmen zu können. Der Gebührenzähler läuft freilich weiter, bis er am Ende des Abends bei fast 90 Dollar stehen wird. Dabei ist der Smart nur eine halbe Straße von der „Home Area“ entfernt.

Eine Beschwerde bei Car2Go führt zu nichts. Eine Mitarbeiterin namens Madolyn meldet sich per E-Mail, weist unterkühlt auf die „Vertragsbedingungen“ hin und lehnt eine Rückerstattung ab. Auf einen Versuch, sie umzustimmen, reagiert Madolyn nicht mehr.

Einige Tage später zeigt sich Thomas McNeil, der das Brooklyner Büro von Car2Go führt, deutlich zerknirschter. Er sagt, in dem Fall sei einiges auf seiner Seite schief gelaufen, und er beteuert, dass Car2Go eigentlich sogar sehr großzügige Kulanzregeln habe. So könnten Mitglieder üblicherweise bei solchen Geschehnissen zumindest einmal auf Entgegenkommen zählen. Car2Go zahle sogar Strafzettel für Falschparken, sofern dies einem Nutzer zum ersten Mal passiere. McNeil gibt auch zu, dass die Regeln von Car2Go „ein bisschen verwirrend“ sein können.

Eine Sprecherin von Car2Go gesteht weitere Defizite ein: Die Kommunikation auf den Bildschirmen mit Begriffen wie „Home Area“ und „Restricted Area“ könne missverstanden werden. Sie sagte, Car2Go sei dabei, die Software für die Autos entsprechend zu überarbeiten. Auch sieht sie nach eigenen Worten Bedarf, Werbebotschaften wie „überall“ klarzustellen. Car2Go arbeite gerade an Veränderungen der Internetseite.

Auf der Bewertungsseite Yelp finden sich auch einige andere Nutzer, die über schlechte Erfahrungen mit Car2Go berichten. Dabei wird zum Beispiel eine langsame Navigation oder schlechte Kundenbetreuung bemängelt. Aber Car2Go-Manager McNeil beteuert, dass Beschwerden die Ausnahme seien. Er weist darauf hin, dass Brooklyn der am schnellsten wachsende Markt für Car2Go in Amerika sei und es hier mittlerweile mehr als 26000 Mitglieder gebe. Außerdem stehen die Zeichen auf Expansion: Denn vor wenigen Tagen wurde das Geschäftsgebiet deutlich ausgeweitet, unter anderem auch auf Bushwick, den Ort des teuren Ausflugs. Die Chance, sich mit seinem Smart außerhalb der „Home Area“ wiederzufinden, wird künftig also geringer sein.

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08. Mai. 2015
von Roland Lindner
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05. Mai. 2015
von Martin Gropp
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Bestellplattform Delivery Hero schluckt nächsten Konkurrenten

Mit Blick auf die geographische Ausdehnung ist das Kalkül von Essensbestellplattformen im Internet klar. Wer auf seiner Internetseite die meisten Restaurants versammelt, über die Kunden dann gegen Provision ihr Essen online bestellen, der hat höhere Chancen, auch die meisten Besteller zu gewinnen. Vielfalt ist Pflicht, und in den Anfangstagen der Branche entstand sie meist durch Überzeugungskraft (und manchmal auch durch Abschreiben bei der Konkurrenz). Die Plattformen schickten Mitarbeiter zu Restaurantbetreibern oder Essenslieferdiensten, um sie zum Mitmachen auf ihren Internetseiten zu bewegen. Inzwischen sind manche Marktteilnehmer aber so gut mit Investorengeld ausgestattet, dass sie auf Einkaufstour gehen können. Entsprechend kommt es immer häufiger zu Zusammenschlüssen.

Eine der wohl größten Fusionen der Branche hat nun die Berliner Bestellplattform Delivery Hero verkündet, die in Deutschland unter der Marke Lieferheld firmiert. Für umgerechnet rund 529 Millionen Euro kauft das in Berlin ansässige Unternehmen den türkischen Konkurrenten Yemeksepeti. Weiterlesen →

05. Mai. 2015
von Martin Gropp
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21. Mrz. 2015
von Roland Lindner
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Google X: Scheitern gehört zum System

Astro Teller auf der SXSW© APAstro Teller auf der SXSW

Eigentlich wäre es ein Anlass zum Jubel gewesen: Astro Teller und seine Mitarbeiter testeten zum ersten Mal einen Prototypen für eine fliegende Windturbine, und alles lief wie geschmiert. Dies ist eines von vielen Projekten bei Google X, der von Teller geführten Forschungseinheit des amerikanischen Internetkonzerns. Anders als bei einer konventionellen Windanlage mit Turm lässt Google eine mit Rotoren ausgestattete flugzeugähnliche Konstruktion durch die Luft kreisen, die über ein Seil mit dem Boden verbunden ist. Auf diese Weise könnte nach Hoffnung von Google Windenergie viel billiger gewonnen werden, und das wiederum könnte erneuerbaren Energien allgemein einen Schub geben. Teller erinnert sich, was ihm Google-Vorstandschef Larry Page auf den Weg gegeben hat, als die Zeit für einen Test unter realen Bedingungen gekommen war: „Sorg‘ dafür, dass fünf von den Dingern abstürzen.“ Hinter der Aufforderung steckte keine Zerstörungswut, sondern die Überzeugung, dass auf dem Weg zu wirklich großen Taten Dinge schiefgehen müssen, denn andernfalls mache man wahrscheinlich nur kleine Fortschritte. Teller suchte sich also für den ersten Test eine der windigsten Gegenden in Kalifornien aus. Aber das Gerät stürzte nicht ab, sondern funktionierte einwandfrei. Anstatt sich darüber zu freuen, hatte Teller gemischte Gefühle. Und fragte sich, ob das Projekt vielleicht nicht ambitioniert genug ist.

Diese Episode hat Teller gerade auf der Digitalkonferenz South by Southwest in Austin erzählt. Er lieferte Einblicke in die geheimnisumwitterte Forschungsabteilung, der Heimat von zukunftsweisenden Vorhaben wie dem selbstfahrenden Auto, Drohnen oder „Project Loon“, womit Google entlegene Regionen der Welt von hoch über der Erde schwebenden Ballons ans Internet anbinden will. Wie Teller sagte, gehört Scheitern bei Google X zum Alltag, ja es ist sogar erwünscht. Das lässt freilich auch an die hier entstandene und höchst umstrittene Computerbrille Google Glass denken, deren Verkauf an Endverbraucher das Unternehmen kürzlich vorerst gestoppt hat.

Google X ist vor fünf Jahren ins Leben gerufen worden. Teller erinnert sich, wie er damals mit Larry Page über die Mission der Abteilung diskutierte. Ein sollte nicht einfach eine weitere Geschäftseinheit von Google sein und auch kein gewöhnliches Forschungszentrum. Stattdessen wurde das einst vom amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy vorgegebene Ziel, einen Menschen auf den Mond zu bringen, zur Inspiration. Google X sollte ein Ort für „Moonshots“ werden, womit nicht buchstäblich Flüge zum Mond gemeint sind, sondern im übertragenen Sinne besonders ambitionierte Projekte. Für Google heißt das: Dinge nicht nur um 10 Prozent verbessern, sondern um den Faktor 10. Und weil Google X sich vom Rest des Konzerns abheben will, hat Teller nicht einen gewöhnlichen Titel wie etwa „Senior Vice President“, sondern er nennt sich „Captain of Moonshots“.

Was an dem 44 Jahre alten Astro Teller sofort auffällt, sind sein Name und seine Frisur. Er hat langes, krauses Haar, das meist zu einem Pferdeschwanz gebunden ist. Geboren ist er als Eric Teller, das „Astro“ ist also ein Spitzname, allerdings gibt es dafür keinen wissenschaftlichen Zusammenhang, wie man vermuten könnte. Vielmehr gaben Schulfreunde ihm den Namen, weil seine damalige Frisur sie an den Kunstrasen „Astro Turf“ erinnerte.

Teller wurde im britischen Cambridge geboren und wuchs in der Nähe von Chicago auf. Er stammt aus einer Familie mit mehreren berühmten Akademikern. Einer seiner Großväter war der Physiker Edward Teller, der als „Vater der Wasserstoffbombe“ gilt, der andere war Gérard Debreu, der einst den Wirtschaftsnobelpreis gewann. Teller kann selbst einige akademische Titel vorweisen: Er hat zwei Informatik-Abschlüsse der kalifornischen Stanford-Universität und einen Doktortitel in künstlicher Intelligenz von der Carnegie Mellon University. Er schlug danach bald eine Unternehmerkarriere ein, auch wenn er zwischenzeitlich noch in Stanford lehrte. Ende der neunziger Jahre gründete er zum Beispiel Body Media, einen Anbieter von am Körper tragbaren Geräten, die Gesundheitsdaten messen. Teller wagte sich damit schon früh in das sogenannte „Wearable“-Geschäft, das heute als Wachstumsmarkt gilt. Er verkaufte Body Media später an den Wettbewerber Jawbone. Auch einen Hedgefonds hat Teller schon gegründet.

2010 hat er sich von Google für die Forschungseinheit rekrutieren lassen. Die von ihm hier vertretene Philosophie des Scheiterns hat mit seiner Überzeugung zu tun, dass Projekte möglichst schnell das Labor verlassen und in der realen Welt getestet werden sollten, auch wenn sie noch nicht ausgereift sind: „Man wird nie die richtigen Antworten bekommen, wenn man nur in einem Konferenzzimmer sitzt“. In Austin nahm Teller das selbstfahrende Auto als Beispiel. So habe sich eines der Google-Autos vor einigen Monaten in einer höchst ungewöhnlichen Situation wiedergefunden. Mitten auf der Straße sei eine Frau in einem Rollstuhl gewesen, die versucht habe, mit einem Besen eine Ente zu verscheuchen. Auf ein solches Szenario wäre Google selbst nie gekommen, sagte Teller. Das Auto habe das Richtige getan und gewartet, bis die Frau samt Ente die Straße verlassen habe. Genau um solchen kniffligen Situationen zu begegnen, legten die Google-Autos jeden Tag Tausende von Meilen zurück. Denn das helfe, die Software zu verbessern.

Auch die Brille Google Glass ist ein Beispiel für ein Produkt, das in frühem Stadium auf die Menschheit losgelassen wurde. Hier aber ging die Strategie nach hinten los, denn dem Produkt schlug eine Welle der Feindseligkeit entgegen. Viele Menschen empfanden den auf der Nase sitzenden Minicomputer nicht nur als scheußlich, sondern auch als Angriff auf die Privatsphäre, weil er unauffälligeres Fotografieren erlaubt als ein Smartphone. In vielen Kneipen wurde das Tragen der Brille verboten. Teller sagte, er halte es bis heute für die richtige Entscheidung, die Brille schon früh in der Öffentlichkeit getestet zu haben. Aber er gab zu, dass Google einen gewichtigen Fehler begangen hat. Das Unternehmen habe es zugelassen und sogar selbst dazu beitragen, dass das Produkt „zu viel Aufmerksamkeit“ bekommen habe. Google habe dazu ermuntert, die Brille als fertiges Produkt zu sehen, obwohl sie nur ein Prototyp war. Dies habe zu überzogenen Erwartungen an das Produkt geführt.

Teller wollte freilich nicht so weit gehen, Kritikern der Brille recht zu geben. Die Sorgen um den Datenschutz etwa hält er für überzogen: „Es verblüfft mich, wie sensibel die Leute reagiert haben.“ Wenn man etwa in die Kneipe gehe, sei man ohnehin von Kameras umringt, ob sie nun in Smartphones sind oder von der Decke hängen. Neben all diesen anderen Kameras sei Google Glass kaum ins Gewicht gefallen und nicht mehr als ein „Rundungsfehler“ gewesen. Damit nahm Teller freilich eine im Silicon Valley verbreitete Haltung ein: Er fühlt sich vom Rest der Welt unverstanden und ungewürdigt.

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21. Mrz. 2015
von Roland Lindner
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05. Mrz. 2015
von Roland Lindner
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Tinder: Online-Dating im Turbogang

Gefunden© TinderGefunden

 

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Brian Bittner kaum die Finger von seinem Smartphone lassen konnte. Fast jede freie Minute ging dafür drauf, das schier endlose Angebot an Frauen zu durchforsten, das dem 31 Jahre alten New Yorker Banker von der Dating-Anwendung Tinder serviert wurde. Keine Mittagspause verging mehr ohne Suche, Toilettenbesuche dauerten auf einmal doppelt so lange. Und wenn es in den New Yorker U-Bahnen durchgängigen Handy-Empfang gäbe, dann hätte er auch das tägliche Pendeln mit „Tindern“ verbracht. Denn man weiß nie, der nächste Blick auf die App könnte eine Traumpartnerin liefern. Ob nun für eine Nacht oder auch fürs Leben. Auch Frauen sind in den Bann gezogen. Die 26 Jahre alte Diana Tracy ertappte sich immer wieder dabei wie sie das Programm aufrief, wenn sie auf der Straße unterwegs war. Oder nachts im Bett. „Das ist wie Unterhaltungsprogramm im Fernsehen.“

Willkommen im Zeitalter von Tinder, der App zum Anbandeln, die das milliardenschwere Geschäft mit der Partnersuche aufmischt. Tinder ist Online-Dating im Turbogang. Herkömmliche Partnerbörsen mit ihren ausführlichen Profilen sehen daneben geradezu spießig aus. Es reduziert die Informationen auf die Äußerlichkeiten und pfeift auf langatmige Personenbeschreibungen. Die App ist so schlicht gestrickt, dass sie ihre Nutzer ermutigt, in Sekundenbruchteilen Urteile zu fällen. Schnell sollen sie aussortieren, welcher Kandidat nicht in Frage kommt.

Das passt perfekt in eine hektische Stadt wie New York. Aber die App, die es inzwischen seit mehr als zwei Jahren gibt, hat sich von Amerika aus mittlerweile auf der ganzen Welt verbreitet. Deutschland ist einer der wichtigsten Märkte, und hierzulande gibt es auch einheimische Konkurrenzdienste wie Lovoo, die nach einem ähnlichen Muster funktionieren.

Dieser neuen Generation von Dating-Apps eilt der Ruf voraus, dass es bei ihnen vor allem um Sex geht, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Aber auf Tinder kommen auch ernsthafte Beziehungen zustande, so wie im Fall von Brian und Diana aus New York. Die beiden sind seit fast einem Jahr ein Paar.

Smartphone-Apps wie Tinder bringen Partnersuche noch einen Schritt weiter in die digitale Welt. Das Internet hat schon viele Bereiche des Lebens dramatisch verändert, und die Liebe ist keine Ausnahme. Für viele Menschen ist es heute selbstverständlich, sich nicht mehr nur auf traditionelle Wege zu verlassen und darauf zu hoffen, jemanden in der Kneipe oder auf einer Party zu treffen. Ebenso wie sie auf Amazon einkaufen, nutzen sie das Internet auch, um einen Partner zu finden. Das unterstreicht eine Studie, die vor zwei Jahren in einem amerikanischen Wissenschaftsmagazin veröffentlicht wurde. Von den dafür befragten verheirateten Paaren haben sich fast 35 Prozent online kennengelernt.

Die steigende Bereitschaft, das Internet zur Partnersuche zu nutzen, hat eine ganze Industrie von Dating-Portalen entstehen lassen. Das Marktforschungsinstitut IBIS World schätzt den jährlichen Umsatz von Partnervermittlungsdiensten allein in den Vereinigten Staaten auf 2,2 Milliarden Dollar (1,9 Milliarden Euro). Die Online-Portale versprechen ihren Mitgliedern üblicherweise, mittels Algorithmen kompatible Partner zu finden. Das geschieht auf Basis all der Informationen, mit denen die Nutzer ihre Profile füllen: Körpermaße, Hobbys oder Weltanschauungen. Viele dieser Dienste richten sich an ein breites Publikum, daneben gibt es etliche Nischenportale, die auf einen sehr spezifischen Nutzerkreis abzielen, von Singles mit Lebensmittelallergien über Fans von Vampiren bis hin zu Clowns.

Tinder tickt völlig anders. Allzu viele Informationen würden hier nur stören. Das Profil der Mitglieder besteht im Wesentlichen aus Vornamen, Alter und Fotos. Sie wählen aus, in welcher Altersgruppe sich ein etwaiger Partner bewegen soll, und die App setzt ihnen eine Flut von Kandidaten vor. Wer nicht gefällt, wird durch einen Wisch nach links auf dem Handy-Bildschirm ins digitale Nirvana befördert, ein Wisch nach rechts signalisiert Interesse. Allerdings: Nur wenn der Auserwählte ebenfalls nach rechts wischt, kommt eine Verbindung zustande, die es dann erlaubt, miteinander zu kommunizieren und ein persönliches Treffen zu vereinbaren.

Der besondere Pfiff liegt darin, dass die App mit der Standortfunktion auf dem Handy verbunden ist. Damit können sich die Nutzer auf Personen in der näheren Umgebung beschränken. Wer also auf ein spontanes Date aus ist, kann den logistischen Aufwand minimieren. Mit dem Ortungsdienst spielt Tinder den Vorteil von Smartphones gegenüber Computern aus. Nicht zuletzt das hat Tinder den Ruf einer Sex-App eingebracht.

Diese schnörkellose Vorgehensweise gefällt nicht nur den Nutzern, sondern findet auch unter Forschern Anhänger. Harry Reis, ein Professor an der University of Rochester, war an wissenschaftlichen Studien über Online-Dating beteiligt, und er hält das Versprechen vieler traditioneller Portale, mittels eines wundersamen Algorithmus einen passenden Partner zu liefern, schlicht für „Nonsens“. Reis will zwar nicht sagen, dass er Tinder eher als anderen Diensten zutraut, „Mr. Right“ oder „Mrs. Right“ zu finden. Aber er schätzt, wie „simpel und unprätentiös“ die App daherkommt. „Der Wert von Tinder liegt gerade darin, weniger Informationen zu liefern.“

Der New Yorker Banker Brian hat schon eine ganze Reihe von Dating-Diensten ausprobiert. Er verfasste lange Profile für „Match.com“ und „OK Cupid“. Aber er fand Tinder so „berauschend“, dass er die anderen Portale völlig links liegen ließ. „Tinder ist sexy“, sagt er. „Es dreht sich alles um die einfache Frage: Macht die Frau mich an oder nicht?“ Dass innere Werte hinten anstehen, hat ihn nicht gestört. Er kam gerade aus einer langjährigen Beziehung, als er bei bei dem Dienst einstieg, und war nicht unbedingt auf eine feste Beziehung aus – bis ihm dann nach drei Monaten doch seine heutige Freundin Diana über den Weg lief.

Die wiederum schätzt sich glücklich, dass sie eine ernsthafte Beziehung gefunden hat. Doch das gelingt nicht vielen. „Ich habe so viele Freundinnen, die Tinder frustriert gelöscht haben,“ sagt sie. Das „geistlose und endlose Wischen“ habe zwar seinen Reiz, sei aber irgendwie auch deprimierend. Gina Stewart, die ein Beratungsunternehmen für die virtuelle Partnersuche mit dem Namen „Expert Online Dating“ betreibt, sieht in dem Überfluss an Optionen einen der großen Nachteile. „Es lockt immer die Aussicht auf etwas Besseres beim nächsten Wisch. Warum also sollte man sich auf jemanden einlassen?“ Die App habe etwas von einem einarmigen Banditen im Kasino. Dessen Reiz liege schließlich auch in der Hoffnung, dass der nächste Versuch einen Volltreffer bringt.

Diana hat auf Tinder eine Mentalität der Austauschbarkeit erlebt, die dazu animiert, möglichst viele Eisen im Feuer zu halten. „Wenn ich mich mit jemandem auf Tinder verabrede, kann ich davon ausgehen, dass ich nicht die einzige bin, die er trifft.“

Ihre eigene Geschichte sieht sie als Sonderfall. Denn ohne es vorher zu wissen, hatten die beiden eine gemeinsame Facebook-Freundin. Und darauf wurden sie aufmerksam gemacht, als sie einander auf Tinder begegneten, weil die App mit Facebook verknüpft ist. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, nicht gleich zur nächsten Person weiterzuspringen. Vielleicht ist es die Hoffnung auf einen ähnlichen Glücksfall, die einige von Dianas Freundinnen dazu bewogen hat, die aus Enttäuschung gelöschte App wieder neu zu installieren. Manche halten an ihren romantischen Vorstellungen fast schon verzweifelt fest: „Eine Freundin von mir hat fast jeden Abend ein Tinder-Date und sie hofft jedes Mal, dass das ihr nächster Freund wird.“

Die 27 Jahre alte New Yorkerin Kirra Cheers ist gerade dabei, ein ganzes Buch über ihre Erfahrungen bei Tinder zu schreiben. Cheers sagt, sie habe Freunde gefunden ebenso wie One-Night-Stands, und im Moment stecke sie sogar in den Anfängen einer über die App zustande gekommenen Beziehung. Trotzdem ist ihr Fazit nach mehreren Dutzend Dates gespalten: Es sei oft anstrengend, unromantisch und wie Fast Food. Dabei verfolgt Cheers eine „feministische Dating-Philosophie“, wie sie es formuliert. Das bedeutet: Optimal sei es, wenn eine feste Beziehung entstünde, sonst aber gerne auch nur Sex. Sie spielt mit traditionellen Rollenverständnissen. Für ein Kunstprojekt mit dem Namen „Tinderella“ habe sie die getroffenen Männer zu Objekten reduziert und am Ende eines Dates fotografiert, erzählt Cheers. Auch allzu plumpe Anmachversuche in Tinder-Chats hat sie dokumentiert: Einer bescheinigte ihr „hübsche Titten“, ein anderer sagte ganz unverblümt: „Du bist scharf! Lass‘ uns Sex haben“

Partnersuche über den Aufenthaltsort ist keine Erfindung von Tinder. Homosexuelle Männer können schon seit 2009 die Dating-App „Grindr“ nutzen, neben der selbst Tinder noch harmlos daherkommt. Denn Grindr dreht sich noch viel mehr um schnellen Sex mit jemandem in der unmittelbaren Umgebung. „Grindr ist sehr seicht, und das mit voller Absicht,“ sagt Jaime Woo, der die App selbst benutzt und ein Buch über sie geschrieben hat. Grindr habe Schwulen ein simples Instrument gegeben, einen Partner zu finden, ohne dafür in spezielle Clubs oder Kneipen zu müssen. Tatsächlich beklagen viele Schwulenkneipen in Amerika, dass ihnen wegen Grindr die Kundschaft ausbleibt. Woo sagt, Tinder habe bei der Grundidee von Grindr angesetzt, aber dann einige Mechanismen für die heterosexuelle Welt eingebaut, gerade um dem weiblichen Publikum ein gewisses Gefühl der Sicherheit zu geben. Die Verknüpfung mit Facebook zum Beispiel macht die App weniger anonym.

Tinder ist ohne Zweifel ein Produkt der Smartphone-Ära, aber gleichzeitig ist die App auch ein Sprung in die Vergangenheit, in die Zeit vor dem Internet, als man sich in der realen Welt kennenlernen musste. Denn ein Flirt auf einer Party oder in einer Bar kommt in der Regel vor allem deshalb zustande, weil sich zwei Menschen äußerlich attraktiv finden und nicht, weil sie viel voneinander wissen. Erst die Dating-Portale mit ihren ausführlichen Profilen liefern den Nutzern schon beim virtuellen Erstkontakt einen großen Informationsschatz. Der entfällt nun wieder auf Tinder.

„Menschen waren schon immer oberflächlich und sprangen auf äußere Reize an,“ sagt Michael Norton, Professor an der Universität Harvard, der sich in Studien mit Online-Dating beschäftigt hat. Ebenso wenig habe Tinder etwas daran geändert, dass die meisten Menschen letztlich doch eine langfristige Partnerschaft anstreben, auch wenn sie Dating-Apps zwischenzeitlich nutzen, um sich auszutoben.

Tinder verfolgt ein anderes Geschäftsmodell als viele traditionelle Dating-Portale, die von ihren Nutzern Mitgliedsgebühren verlangen. Die App ist zumindest in seiner Basisversion gratis. Der New Yorker Internetkonzern IAC Interactive Corp., dem die App mehrheitlich gehört, fängt jetzt erst an, für bestimmte Zusatzfunktionen Geld zu verlangen. Tinder setzt also auf ein sogenanntes Freemium-Modell, das viele andere Internetdienste ebenfalls nutzen. Auch Werbung soll künftig eine Einnahmequelle sein.

Derzeit ist Tinder aus Sicht von IAC ein zweischneidiges Schwert. Zwar wächst die App „wie Unkraut“, wie der für das Dating-Geschäft von IAC zuständige Greg Blatt vor einigen Monaten sagte. Andererseits kannibalisiert Tinder das Geschäft von IAC mit gebührenpflichtigen Partnervermittlungsdiensten, ohne bislang selbst nennenswerte Umsätze zu bringen. IAC hat mehrere Dutzend Portale unter seinem Dach, darunter Match.com. Im jüngsten Quartalsbericht wurde der Tinder-Effekt deutlich, denn erstmals seit mehreren Jahren meldete das Unternehmen einen Rückgang bei den zahlenden Abonnenten für seine Dating-Dienste. Für IAC steht viel auf dem Spiel: Das Dating-Geschäft brachte dem Konzern im vergangenen Jahr einen Umsatz von fast 900 Millionen Dollar ein.

Auch der Wettbewerb wird härter: Eine neue Generation von Dating-Apps positioniert sich als Anti-Tinder, zum Beispiel indem sie eine gezieltere Auswahl von möglichen Partnern versprechen. „Hinge“ zum Beispiel schlägt nur Kandidaten mit gemeinsamen Facebook-Freunden vor. Dating-Expertin Stewart sagt: „Tinder sollte auf der Hut sein. Viele Nutzer sind frustriert. Der Reiz des Neuen ist vorbei.“

Harvard-Professor Norton sieht derweil einen Zukunftsmarkt in Diensten, in denen es nicht um die Anbahnung, sondern um die Pflege von Beziehungen geht. Er denkt an Apps mit ähnlich spielerischen Elementen, die Paaren dabei helfen, an ihrer Beziehung zu arbeiten. Wer es schafft, mit einem solchen Dienst erfolgreich zu sein, könnte auch darauf hoffen, dass seine Nutzer ihm längerfristig erhalten bleiben. Denn das Paradoxe am Geschäft der gewöhnlichen Partnervermittlungen: Nichts wirkt sich so miserabel auf das Geschäft aus, wie der Erfolg: Mit jeder gelungenen Kuppelei gehen Kunden verloren. So war es jedenfalls im Fall des New Yorker Tinder-Paares Brian und Diana. Die beiden haben sich längst abgemeldet.

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05. Mrz. 2015
von Roland Lindner
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