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Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

16. Nov. 2016
von Jonas Jansen
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Hacker-Attacken auf das Internet der Dinge verschrecken Nutzer

Je vernetzter die Häuser sind, desto größer ist die Gefahr von Angriffen. Ein deutscher Anbieter sieht darin eine Chance.

Als die Gründer von Smartfrog in China zu Gast waren, um nach Lieferanten für ihre Überwachungskameras zu suchen, sind sie auf ein Problem gestoßen: Einigen Unternehmen war das Wort „Verschlüsselung“ gänzlich unbekannt. Für das Start-up aus Berlin war diese Begegnung das wichtigste Zeichen dafür, dass es die Sicherheit seiner Produkte stark kontrollieren muss – und selbst immer wieder überprüfen.

Für ein Unternehmen, zu dessen Geschäftsmodell es gehört, ein Gefühl von Sicherheit zu verkaufen, ist Vertrauen essentiell. Gerade jetzt stehen Hersteller, die sich im sogenannten „Internet der Dinge“ auf vernetzte Geräte spezialisiert haben, unter Druck. Als kürzlich in den Vereinigten Staaten viele Internetseiten wie Amazon oder Netflix für Stunden nicht erreichbar waren, hat das viele potentielle Nutzer des Internets der Dinge verschreckt. Denn Hunderttausende mit dem Internet vernetzte Alltagsgegenstände wie Haushaltsgeräte und Babyphones wurden durch einen Schadcode von Hackern übernommen und stellten millionenfach Anfragen an die Server des Unternehmens Dyn, das mit seinem sogenannten Domain Name System (DNS) eine Art Schaltstelle für die Kommunikation im Internet ist.

DDoS-Attacken heißen diese massenhaften Anfragen, von denen es im Schnitt 124000 jede Woche gibt, Tendenz steigend. Diese Zahl hat das Cybersicherheitsunternehmen Arbor Networks jüngst ermittelt. Durch die vernetzten Geräte im Internet der Dinge (IoT) steigt die Gefahr. David Emm, Sicherheitsforscher für Kaspersky, sagt: „Diese Geräte sind ein attraktives Ziel für Hacker, weil sie viele Schwachstellen haben und sie oft rund um die Uhr mit dem Internet verbunden sind.“ Der Angriff, der mit dem Botnetz Mirai ausgeführt wurde, ist da nur der Anfang: Sein Nachfolger namens Linux/IRCTelnet vereint alle Gemeinheiten früherer Schadprogramme und ist dadurch noch gefährlicher. In nur fünf Tagen wurden 3500 Geräte infiziert.

Das Problem im Internet der Dinge ist, dass viele Geräte nicht nachgerüstet werden können. Einmal ausgeliefert, sind die Produkte kaum nachträglich zu schützen. Für Unternehmen gab es bislang wenig Anreize, besonders auf Sicherheit zu achten, weil Nutzer eher auf Ausrüstung, wie die Kameraauflösung, oder die Reichweite des Funknetzes achten. Jan-Peter Kleinhans, der den Bereich IT-Sicherheit im Internet der Dinge beim Berliner Thinktank „Stiftung Neue Verantwortung“ leitet, schrieb jüngst in einem Beitrag für diese Zeitung; „Wir vernetzen immer mehr Geräte mit dem Internet, kümmern uns jedoch wenig um deren Sicherheit – weder in den Fabriketagen noch zu Hause.“ Zu oft seien Aufwand und Kosten zu hoch, smarte Geräte vernünftig abzusichern. Doch das ändert sich gerade.

Einfache Installation vs. Sicherheit

Nach außen wirbt Smartfrog vor allem damit, wie leicht das Überwachungssystem zu installieren sei – damit spricht man freilich immer noch mehr Kunden an als mit Sicherheitsaspekten. Trotzdem setzen die Berliner stark auf Security: Smartfrog verkauft seine Überwachungskameras in einem Abonnement-Modell. Wer knapp sechs Euro im Monat zahlt, bekommt die Kamera und kann 24 Stunden Videomaterial speichern und damit etwa nachschauen, ob die Katzen die Vase auf der Fensterbank stehen lassen, die Kinder nicht schlafwandeln oder ob sich Einbrecher an den Rollladen zu schaffen machen.

Wer mehr bezahlt, kann länger aufzeichnen, bis zu 30 Tage. Spätestens dann werden die Videodaten gelöscht, die ohnehin verschlüsselt übertragen werden. Die Daten seiner deutschen Kunden speichert Smartfrog nur auf Servern hierzulande, von außen kann niemand auf die Kamera zugreifen, weil die sogenannten Ports alle gesperrt sind. So verspricht es das Unternehmen. Produzieren lässt Smartfrog aus Kostengründen trotzdem in China, eine Software überprüft allerdings, ob im Werk etwas verändert wurde.

Charles Fränkl hat früher die Gigaset AG geleitet und war Chef des Zahlungsanbieters Clickandbuy, den die Telekom zuerst gekauft und in diesem Jahr eingestellt hat. Bei Clickandbuy hat er auch Andreas Rudyk kennengelernt, einen der späteren Gründer von Smartfrog. Nun hat Fränkl die Leitung des Berliner Start-ups übernommen. „Solche Attacken erhöhen die Achtsamkeit von Nutzern und Unternehmen. Das zeigt, dass IoT kein Spielzeug ist, und bietet Chancen gerade für die Unternehmen, die ihre Hausaufgaben machen“, sagt Fränkl. Anbieter für solche Sicherheitskameras, wie sie Smartfrog verkauft, gibt es zuhauf. Bekannte Hersteller wie das von Google gekaufte Unternehmen Nest gehören dazu, genauso etablierte deutsche Familienunternehmen wie der Schlosshersteller Burg-Wächter. Genauso gibt es Hunderte No-Name-Hersteller, auf der Suche nach Überwachungskameras kann man sich im Dickicht der Anbieter ganz schön verirren.

Umsatzpotential von 23 Milliarden Euro

Die Anzahl der Geräte im Internet der Dinge steigt rasant. Eine bislang unveröffentlichte Studie von der Unternehmensberatung McKinsey, die dieser Zeitung vorliegt, prognostiziert allein für Deutschland ein Umsatzpotential von rund 23 Milliarden Euro für das Jahr 2020. Den größten Teil macht mit fast 9 Milliarden die Industrie 4.0, also die vernetzte Produktion aus, für den gesamten Bereich der vernetzten Häuser („Smart Homes“) rechnet McKinsey mit etwas weniger als einer Milliarde Euro. In Zukunft sei neben der Heimautomatisierung mit intelligenten Stromzählern oder Überwachungstechnik noch viel mehr denkbar: Fernwartung von unterwegs, intelligente Thermostate oder Türschlösser.

Das starke Wachstum der Sensoren im Internet der Dinge hängt laut den Studienautoren auch damit zusammen, dass die Attraktivität steigt: Sensoren und Komponenten würden billiger, mit einer zunehmenden Anzahl von Produkten interessierten sich auch mehr Entwickler für die IoT-Plattformen. Und je mehr Anwendungen und Apps programmiert werden, desto normaler wird es, sie zu benutzen. Noch vor wenigen Jahren gab es keine App-Stores, heute gibt es Milliarden Programme für Apples iOS und für das Android-System des Internetkonzerns Google. Goldman Sachs sieht im Internet der Dinge schon für das kommende Jahr ein Marktvolumen von 18 Milliarden Dollar, allerdings global gerechnet. Die Marktforscher von Deloitte haben ermittelt, dass besonders im Bereich der vernetzten Häuser noch Zurückhaltung herrscht. Der Grund dafür sind bislang die häufig hohen Preise für die Technik und Vorbehalte wegen des Datenschutzes. Unsicherheiten in der Hardware, also den verkauften Produkten im Internet der Dinge, sieht auch McKinsey als Risiko. Während die Autoindustrie in der Sicherheit schon recht fortgeschritten sei – gleichwohl man immer wieder von Hackerattacken auch auf vernetzte Autos hört -, seien gerade die Kommunikationswege der klugen Babyphones, Kameras oder Thermostate mit der Außenwelt, also Servern, Modems oder Netzwerkkarten, noch zu anfällig für Angriffe.

Smartfrog will sich nicht nur mit seinem Sicherheitskonzept, sondern vor allem mit seinem Abo-Modell von vergleichbaren Anbietern abheben. Die Berliner haben unter anderen mit Amazon, Otto, Mediamarkt oder Conrad ein gutes Jahr nach Marktstart ein Vertriebsnetz aufgebaut. Offenbar sehen die Partner Potential in dem Geschäftsmodell hinter der Heimüberwachung: Smartfrog hat kürzlich ein Investment von 20 Millionen Euro bekanntgegeben. Dahinter stehen vor allem die Versandhändler.

16. Nov. 2016
von Jonas Jansen
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15. Nov. 2016
von Jonas Jansen
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Welche Gefahr droht, wenn alles mit allem vernetzt ist

Das Internet der Dinge macht das Leben leichter. Doch viele billige Geräte sind leicht angreifbar

Von Jonas Jansen und Marcus Jung

Es gibt zwei Arten von Unternehmen: Jene, die schon gehackt wurden. Und solche, die gehackt wurden, und es noch nicht wissen. Die Weisheit kursiert unter Sicherheitsexperten in der IT-Branche, und sie steht auch dafür, dass alles, was vernetzt wird, von Hackern angegriffen werden kann. Mit zunehmender Vernetzung aller Geräte werden allerdings nicht nur Konzerne, sondern auch Smartphone-Nutzer und vor allem Verbraucher, die ihre Häuser mit allerlei Technik zu klugen Gebäuden hochrüsten wollen, immer gefährdeter.

Der jüngste Fall in den Vereinigten Staaten, als viele Internetseiten wie Amazon oder Netflix für Stunden nicht erreichbar waren, zeigt das eindrucksvoll. Über Hunderttausende mit dem Internet vernetzte Alltagsgegenstände wie Haushaltsgeräte und Babyphones wurden durch einen Schadcode von Hackern übernommen und stellten millionenfach Anfragen an die Server des Unternehmen Dyn, das mit seinem sogenannten Domain Name System (DNS) eine Art Schaltstelle für die Kommunikation im Internet ist.

DDoS-Attacken heißen diese massenhaften Anfragen, und sie sind keine Neuheit. Global gibt es im Schnitt 124 000 solcher Angriffe – jede Woche, Tendenz steigend. Das hat das Cybersicherheitsunternehmen Arbor Networks jüngst ermittelt. Durch die vernetzten Geräte im Internet der Dinge (IoT) steigt die Gefahr. David Emm, Sicherheitsforscher für Kaspersky, sagt: „Diese Geräte sind ein attraktives Ziel für Hacker, weil sie viele Schwachstellen haben und sie oft rund um die Uhr mit dem Internet verbunden sind.“

Mike Murray leitet die Sicherheits-Forschung von Lookout, dessen Mitarbeiter nicht nur den Pegasus-Hack, eine schwerwiegende Sicherheitslücke in iPhones, vor einigen Monaten entdeckt haben (F.A.Z. vom 27. August), sondern auch die ersten waren, die einen Tesla übernommen und ferngesteuert haben. Murray sagt: „Das ist der Beginn einer sehr anderen Welt.“ Viele dieser Geräte würden über alte Versionen des Android-Betriebssystems laufen, die viele Schwachstellen haben.

Immer nach Updates schauen

Die wichtigste Regel für Nutzer, immer nach Updates zu schauen und jedes mitgelieferte Standard-Passwort zu ändern, wird damit ausgehebelt, weil schlicht keine Updates verfügbar sind oder die Technik noch viel zu kompliziert ist, damit Nutzer sie nachträglich sicherer machen können. Dass sie das überhaupt tun müssen, ist schon fatal genug: Zu viele Hersteller setzen noch auf einfache Benutzbarkeit und vernachlässigen die Sicherheit. Zwar ist die Komplettvernetzung vor allem hierzulande noch nicht sehr weit fortgeschritten, doch schon jetzt gibt es viele billige Geräte, die leicht angreifbar sind.

Ein Großteil der im jüngsten Hack verwendeten Produkte sollen alle von einem einzigen chinesischen Händler gekommen sein. Und es werden mehr: Nach Prognosen des Netzwerkausrüsters Ericsson werden im Jahr 2018 mehr IoT-Geräte als Smartphones vernetzt sein. Heute gibt es etwa 15 Milliarden vernetzter mobiler Geräte, in wenigen Jahren sollen es doppelt so viele sein, miteinander kommunizierende Wasserkocher, Toaster oder Kameras sind dann in der Überzahl.

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und das Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit informieren regelmäßig über Sicherheitslücken und wie sich Unternehmen und Verbraucher schützen können. Einen Hebel, um gegen Kriminelle vorzugehen, gibt es häufig nicht: Wer Schaden anrichten will, findet schnell eine Anleitung im Netz, DDoS-Attacken kosten dort 50 Dollar. Murray sieht die zunehmenden Attacken als eine Parallele zu den häufig auftretenden Computerwürmern Anfang des Jahrtausends. Auch damals waren viele überrascht von der Durchschlagskraft der Angriffe. Im Internet der Dinge müssten Hersteller und Sicherheitsunternehmen nun zusammenarbeiten, um wie damals die Gefahr der Angriffe zu senken.

Was Kunden tun können

Nun sind aber viele der bedrohten Geräte noch am Netz, und nach den jüngsten Hackerattacken dürften Verbraucher verunsichert sein und sich fragen: Wer haftet, wenn sensible Informationen entwendet werden und ein Schaden entsteht? Der Händler, bei dem man das Produkt gekauft hat, oder der Hersteller des Geräts? Bei Cyberattacken ist der Verkäufer der falsche Ansprechpartner. Stehen Ansprüche gegen den Hersteller einer Kamera oder eines Babyphones im Raum, ist die Frage, ob schon beim Kauf ein Fehler vorgelegen hat. Nur dann liegt eine Produkthaftung vor. Haftungsexperten sind sich einig, dass ein Unternehmen nicht bei einem Angriff über das Internet haftet. Die Manipulation komme gezielt und vorsätzlich durch den Hacker, sagt Thomas Klindt, Experte für Produkthaftungsfälle bei der Kanzlei Noerr: „Die Industrie ist in solchen Fällen nicht der Täter, sondern das Opfer.“ Schadensersatzansprüche des Kunden scheiden demnach ebenfalls aus.

Jedoch müssen sich nach Änderungen im Telemediengesetz inzwischen auch App-Entwickler und Programmierer fragen, inwieweit ihr Produkt sicher gegen Angriffe von außen ist. Marc Störing, IT- und Datenschutzexperte bei der Kanzlei Osborne Clarke, geht daher von einer stetigen Markbeobachtungspflicht für Produkthersteller und Softwareentwickler aus: „Treten Risiken auf, muss ich Kunden einen Warnhinweis geben oder ein Update anbieten.“ Viele Produkte, berichtet Störing, hätten sich aber so entwickelt, dass ein Update nicht mehr möglich sei. Dann gibt es für Kunden nur zwei Optionen: Das alte Gerät abschalten oder ein neues kaufen.

15. Nov. 2016
von Jonas Jansen
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14. Nov. 2016
von Jonas Jansen
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Wo die Online-Werbung hinwill

Facebook und Google dominieren den Werbemarkt im Internet – wird sich das noch ändern?

Das britische Supermodel Cara Delevingne weiß nicht, wo Cuxhaven und wo Kaiserslautern liegt, aber sie war schon da. In einer Werbekampagne des Online-Versandhändlers Zalando tauchte sie sogar an 60 000 Orten gleichzeitig auf, nicht in den Weltmetropolen, sondern kleineren Städten in acht europäischen Ländern. Möglich wurde das durch Computerstimmen – niemals würde ein Supermodel so viele Städtenamen aufzählen – und durch zielgenaue Werbung im sozialen Netzwerk Facebook. Durch große Datenmengen und dadurch, dass Facebook sehr viel über seine Nutzer weiß, konnten die Werbefilmchen, in denen das Model eine Zalando-Lieferung in der Nähe bewarb, genau dort ausgespielt werden, wo die potentiellen Kunden wohnten. Die Werbung wirkte: Die Verkäufe der beworbenen Marke Topshop stiegen um 63 Prozent, 79 Millionen Euro an Umsatzwachstum kamen allein durch die Kampagne zustande.

Sehr viel Werbung, auf die man im Internet stößt, nehmen Nutzer auf Facebook oder in Diensten von Google wahr. Die beiden amerikanischen Tech-Unternehmen sind zwei der größten Spieler im Markt mit Online-Werbung. Hierzulande wächst der Markt aber für alle stark: Umsätze mit Online-Werbung in Deutschland sind im vergangenen Jahr um 27 Prozent gestiegen. Das zeigt der kürzlich veröffentlichte Report „Wirtschaft Digital“ des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Der Anteil des Internetumsatzes am Werbemarkt steigt. Werbekonzerne wie Ströer aus Köln haben die Online-Werbung als Wachstumsmotor identifiziert. Bei Ströer macht die Online-Sparte schon mehr als ein Drittel des Umsatzes aus.

Die Analysten von PwC rechnen noch für dieses Jahr damit, dass die Internetwerbung die Fernsehwerbung überholt (siehe Grafik). In der Studie vom Vorjahr war PwC noch davon ausgegangen, dass das erst im Jahr 2019 passiert. Vor allem die sogenannte Programmatische Werbung, in der vollautomatisch um Werbeplätze geboten wird und nicht mehr Menschen miteinander Verträge aushandeln, könnte ein Wachstumsmotor werden. Allein in Deutschland könnte das Marktvolumen bis zum Jahr 2019 auf 2,8 Milliarden Euro steigen. Das prognostiziert die Unternehmensberatung Deloitte in einer noch unveröffentlichten Untersuchung, die dieser Zeitung vorliegt. Im Vergleich etwa mit Großbritannien holt Deutschland allerdings nur langsam auf. Vom Algorithmus gebuchte Werbung ist im Ausland schon etablierter. Google und Facebook nutzen sie längst.

Eine Plattform wie Facebook mit mehr als 1,7 Milliarden Nutzern und noch Milliarden mehr Daten passt sich schnell an Trends an: Der zu Facebook gehörende Fotodienst Instagram hat allein in den vergangenen sechs Monaten für seine Videos ein Wachstum von 150 Prozent gezählt – für Videowerbung kann man höhere Preise verlangen. Günstigere Bandbreiten, schnellere Smartphones und veränderte Sehgewohnheiten treiben die Vermarkter vor sich her. Google und Facebook ziehen bei Trends mit und befördern sie zugleich. Google verdient 90 Prozent seines Umsatzes, der im letzten Quartal bei 21,5 Milliarden Dollar lag, mit Werbung. Bei Facebook sieht das ähnlich aus, erst kürzlich hat das Unternehmen mit seinem „Marketplace“ eine Art Flohmarkt auf seiner Plattform vorgestellt, mit der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg nun ins Revier von Ebay vordringen will.

grafik

Freilich läuft auch für das soziale Netzwerk nicht alles rund: Im September musste es zugeben, die Sehdauer von Videos um 60 bis 80 Prozent überschätzt zu haben. Und der Marketingvorstand von Procter & Gamble, mit einem Werbeetat von 8 Milliarden Dollar im Jahr kein kleiner Marktteilnehmer, beschwerte sich in diesem Jahr über das zu eng geknüpfte Targeting, also eine zu starke Fokussierung auf kleine Zielgruppen. Trotzdem sei Procter & Gamble auch jetzt noch einer von Facebooks wichtigsten Partnern, wie die Marketingchefin von Facebook für Europa, Asien und den Nahen Osten, Nicola Mendelsohn, gegenüber dieser Zeitung versichert. Gerade in sozialen Medien konkurriert Werbung mit vielen anderen Inhalten. „Wir müssen die Art verändern, wie wir Geschichten erzählen“, sagt Mendelsohn. Klassische Fernsehwerbung oder Bannerwerbung auf Internetseiten werde nicht verschwinden. Aber wenn die Nutzer immer mehr unterwegs Videos schauen, müssen Werber um die Aufmerksamkeit der Zielgruppe kämpfen. Klassische Bannerwerbung im Netz wird kaum angeklickt, die Rate liegt bei 0,02 Prozent. Targeting, wie es Zalando über Facebook versucht hat, kann funktionieren, ist aber längst nicht der Weisheit letzter Schluss, wie Procter & Gamble gezeigt hat.

14. Nov. 2016
von Jonas Jansen
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11. Okt. 2016
von Jonas Jansen
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Der Feind in meinem Herzschrittmacher

Wenn alles vernetzt ist, ist auch alles angreifbar: Besonders die Medizintechnik ist in Gefahr und rüstet sich nun gegen Attacken. Ein deutsches Unternehmen tut sich besonders hervor.

Die zunehmende Vernetzung aller Lebensbereiche durch das Internet fasziniert Verbraucher nicht nur, sondern macht ihnen auch Angst. Immer, wenn Sicherheitslücken bekanntwerden, werden Nutzer daran erinnert, dass Technik fehlerhaft ist. Wer behauptet, ein System sei nicht angreifbar oder nicht zu überlisten, der irrt. Entwickler stehen ständig vor der Frage, wie sie die Wahrscheinlichkeit minimieren, dass ihre Software attackiert werden kann. Cybersicherheit muss sich immer weiterentwickeln, weil immer neue Angriffsmöglichkeiten entstehen. Je mehr Geräte vernetzt sind, desto mehr potentielle Schwachstellen gibt es.

Nicht zu knacken: Das Roth-Dräger-Narkosegerät aus dem Jahr 1902, dass den Ruf des Medizintechnikherstellers begründet hat.© Dräger AG/dpaNicht zu knacken:
Das Roth-Dräger-Narkosegerät aus dem Jahr 1902, dass den Ruf des Medizintechnikherstellers begründet hat.

Manche Fälle wiegen in der Wahrnehmung besonders schwer: Immer dann, wenn Menschenleben in Gefahr sind. Wenn ein iPhone von Hackern übernommen wird, gehen sehr persönliche Daten verloren. Wenn Kriminelle aber ein vernetztes Auto unter ihre Kontrolle bringen oder wie im jüngsten Fall eine Insulinpumpe des Medizintechnikherstellers Johnson&Johnson ferngesteuert werden kann, werden Sicherheitslücken lebensbedrohlich. Die gute Nachricht für Kunden: Unternehmen lernen gerade mehr und mehr sich zu wehren.

Daniel Busch hat früher für das Sicherheitsunternehmen IOActive gearbeitet, das Geld damit verdient, Schwachstellen in der Software oder den Systemen großer Unternehmen zu finden. Busch hat dabei auch medizinische Geräte untersucht. Heute ist er Teil eines losen Zusammenschlusses von Entwicklern, die Hersteller für Sicherheitsrisiken sensibilisieren wollen. „I am the Cavalry“ heißt der Verbund, in dem sich IT-Sicherheitsleute, professionelle Hacker und Entwickler zusammengeschlossen haben, um eine Art Kavallerie für Sicherheit aufzubauen. Sie fokussieren sich vor allem auf vernetzte Autos und Medizintechnik.

„Wir sehen die Bedrohung, die von den Devices ausgeht und dass davon Menschenleben bedroht sind“, sagt Busch. Mit einem ferngesteuerten Herzschrittmacher könnte ein Krimineller dem Opfer nicht nur einen tödlichen Stromstoß verpassen, sondern den Code, mit dem er das Gerät unter seine Kontrolle gebracht hat, sogar wieder löschen. Keinerlei Spuren bleiben. Wenn eine Insulinpumpe manipuliert ist und der Sender an die Pumpe funkt, dass sie mehr Insulin ausschütten soll, als ein Diabetiker verträgt, ist das lebensgefährlich. In der vergangenen Woche hatte Johnson&Johnson Briefe an Ärzte und 11 4000 Patienten geschickt und gewarnt, dass eine vernetzte Insulinpumpe gehackt werden könnte. Zwar sei das Risiko eines unautorisierten Zugangs extrem gering, weil die Pumpe nicht über das Internet mit dem Sender verbunden ist, sondern über Radiofrequenz-Technik kommuniziert. Allerdings werden die Befehle nicht verschlüsselt übertragen und sind somit leichter angreifbar. Das Unternehmen erklärt in dem Brief, wie Patienten die automatisierte Steuerung ausschalten können, um sich vor einem Angriff zu schützen. Es ist das erste Mal, dass ein Hersteller von Medizintechnik solch einen Brief mit Warnhinweisen verschickt hat.

Deshalb ist Jay Radcliffe, der die Sicherheitslücke entdeckt hat, voll des Lobes für den amerikanischen Medizintechnikhersteller. (Link zum Blog mit Fehlererklärung) Radcliffe arbeitet für das IT-Sicherheitsunternehmen Rapid7, er ist selbst Diabetiker. Das Eingeständnis, einen Fehler gemacht zu haben, und seine Patienten zu warnen sei ein gutes Zeichen , sagt Radcliffe. „Nur mit Transparenz können wir Patienten schützen, damit sie verstehen, welche Risiken es gibt.“

Risiken und Nebenwirkungen

Besonders in der Medizintechnik müssen Risiken und Nebenwirkungen ständig abgewogen werden. Umso erstaunlicher mag es zunächst erscheinen, dass J&J sogar von der Konkurrenz gelobt wird. „Wie J&J über seine Schwachstelle informiert hat, ist eigentlich kein Grund zum Aufregen, sondern zum Feiern“, sagt Hannes Molsen. Der Informatiker kümmert sich für den deutschen Medizintechnikhersteller Dräger um Sicherheit aller Produkte. Denn jeder Hersteller, der ein Risikobewusstsein und den Willen habe, seine Sicherheitssysteme jederzeit anzupassen und weiterzuentwickeln, sei ein Gewinn für die Branche. Dräger wird von „I am the Cavalry“ gelobt, dass es eines der vorbildlichsten Unternehmen sei, wenn es um Produktsicherheit gehe. So folgt der Konzern aus Lübeck etwa dem speziellen Hippokratischen Eid für Medizingeräte, den das Sicherheitsnetzwerk entwickelt hat. Dieser gibt Empfehlungen für den Umgang mit Software und Sicherheitslücken in einer digital vernetzten Welt.

„Alle Hersteller haben damit zu kämpfen, dass es Systeme gibt, die 30 Jahre alt sind“, sagt Molsen. Gerade medizinische Geräte sind so komplex und dadurch teuer, dass sie – anders als Smartphones – nicht alle zwei Jahre ausgewechselt werden. Dieses Geräte sind heute von Sicherheitsrisiken bedroht, von denen früher noch niemand Ahnung hatte. Technischer Fortschritt bringt nicht nur bessere Geräte mit sich, sondern macht es auch leichter, sie zu hacken. Radcliffe etwa hat die Befehle seiner Insulinpumpe mit Technik auslesen können, die sich heute jeder für wenig Geld im Internet bestellen kann. Als die Pumpe im Jahr 2008 auf den Markt kam, gab es Vergleichbares noch nicht. Das lernen auch die Regulatoren: Die FDA, die amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde, hat Anfang des Jahres ein Dokument mit Empfehlungen herausgegeben, wie Medizintechnikhersteller Risikomanagement betreiben sollten, wenn ein Produkt auf dem Markt ist.

Technik, die heute sicher ist, wird in Zukunft leicht zu entschlüsseln sein

Trotzdem stehen die Unternehmen vor einem Dilemma: Auch Technik, die heute entwickelt wird und auf dem neuesten Stand der Sicherheit ist, wird in Zukunft vielleicht leicht zu entschlüsseln sein. Doch immerhin hat sich das Problembewusstsein verbessert. Während früher vor allem Autohersteller schnell geklagt haben, wenn Hacker sie auf Sicherheitslücken in vernetzten Autos hinwiesen, ermuntern Konzerne wie Tesla heute sogar dazu, nach Schwachstellen zu suchen, damit Systeme sicherer werden. „Früher oder später wird jedes Unternehmen von einer Sicherheitslücke betroffen sein“, sagt Molsen. Wichtig sei, wie die Hersteller damit umgingen. J&J habe es mit dem transparenten Brief vorbildlich gemacht, lobt der Dräger-Sicherheitsexperte. Natürlich ist es für jedes Unternehmen weniger peinlich, wenn sie Schwachstellen selbst finden und nicht darauf hingewiesen werden. Deshalb bezahlen alle großen Unternehmen professionelle Hacker dafür, dass sie die Systeme angreifen. Penetrationstests gehören zur Entwicklung dazu.

Die zunehmende Vernetzung auch der Medizintechnik bringe neben größeren Risiken allerdings auch Nutzen. „Hersteller digitalisieren ja nicht, weil es so unglaublich cool ist, sondern weil es Anwendungsmodelle gibt“, sagt Molsen. Etwa wenn Ärzte nicht ständig Quarantänezimmer betreten müssten, um die Daten von fünf Maschinen abzulesen, weil sie auf einem Gerät zusammengefasst werden. Helfen kann Vernetzung auch bei der sogenannten Alarmmüdigkeit. In Krankenhäusern piepst und schellt es ständig, Ärzte nehmen wichtige Alarme mitunter nicht mehr wahr. Wenn Maschinen nun miteinander kommunizieren und sich absprechen, dass nur ein Gerät klingelt, dafür aber laut, könnten Leben gerettet werden. Dass solch eine Vernetzung mehr Sicherheit braucht, kommt im Problembewusstsein der Hersteller langsam an. Und das ist, bei allem Risiko, doch ein gutes Zeichen für die Patienten.

11. Okt. 2016
von Jonas Jansen
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25. Aug. 2016
von Jonas Jansen
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Der Herr der Sprachen

Luis von Ahn hat das Captcha erfunden und damit Millionen Menschen Zeit geraubt. Nun macht er Maschinen klüger – und hilft uns mit Duolingo, Sprachen zu lernen.

Irgendwann beschlich den Zeitdieb Luis von Ahn das schlechte Gewissen. Der Informatiker aus Guatemala hatte vor 16 Jahren das sogenannte Captcha erfunden, das jeder kennt, der sich schon einmal im Internet bewegt hat. Diese kleinen Fenster, in die man verzerrte Zahlen und Buchstabenreihen einträgt, um zu beweisen, dass auf die Seite gerade ein Mensch und keine Maschine zugreifen will. Captcha („Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart“) nannte er es, auf die Idee kam von Ahn durch einen Yahoo-Mitarbeiter, der sich darüber beklagte, dass Computer-Bots automatisiert Millionen Mail-Accounts anlegten, der Yahoo-Mann fragte, ob man das nicht irgendwie stoppen könnte.

Luis von Ahn© Foto DuolingoLuis von Ahn

Konnte man, denn Menschen erkennen solche Zeichen besser als Computer. Millionen Internetnutzer tippten daraufhin ständig Captchas, worauf von Ahn zunächst einmal stolz war, weil seine universitäre Forschung plötzlich Gewicht hatte. Bis ihm diese Zahl übermittelt wurde, die ihm das schlechte Gewissen einpflanzte. 200 Millionen Captchas wurden nämlich seinerzeit täglich getippt, bei einer durchschnittlichen Zeit von 10 Sekunden, die man zum Tippen braucht, gingen der Menschheit durch von Ahns Erfindung 500 000 Stunden an möglicher Produktivität verloren – jeden Tag.

Von Ahns Lösung hieß Recaptcha und sie war so gut, dass Google sie ihm abkaufte. Denn Menschen digitalisieren mit Hilfe des Recaptchas ganze Bücher. Computer, die Texte scannen, erkennen Wörter in alten Büchern ziemlich schlecht, im Gegensatz zu Menschen. Internetnutzer helfen beim Eintippen somit dabei, die Wörter zu entziffern. Wenn zehn Personen sich einig sind, wie etwas heißt, dann ist das Wort erfolgreich erkannt – aus einer Zeitverschwendung wurde also eine Hilfe, zumindest für diejenigen, die Bücher digitalisieren. Wer heute Captchas erkennen muss, sieht immer öfter Zahlen.

Das liegt daran, dass Google sich von Menschen dabei helfen lässt, Hausnummern zu erkennen, die Googles Street-View-Autos fotografiert haben. Von Ahn findet das nützlich, er ist ohnehin einer der Begründer von Crowdsourcing, also dem Erlangen von Wissen durch die Masse – und Google hat auf seinem Forschungsweg, der durch viele Universitäten führte, immer eine wichtige Rolle gespielt. In seiner Doktorarbeit beschäftigte sich der heute 37 Jahre alte Informatikprofessor etwa mit sogenannten „Games with a purpose“, Spielen mit Sinn also. In seinem Online-Spiel ESP beschrieben zwei zufällig ausgewählte Internetnutzer ein Bild – auch hier konnten das zumindest früher Menschen noch besser als Computer. Fand Google auch, weshalb es Teil zur Verbesserung der Bildersuche wurde, bevor das gesamte Projekt gemeinsam mit dem zuständigen Google Labs vor fünf Jahren eingestellt wurde.

Duolingo hat rund um die Welt mehr als 120 Millionen Nutzer

Von Ahn bastelte da aber schon an anderen Spielen. Eines davon hieß Babble: Darin wurden englisch sprechenden Spielern Sätze in einer fremden Sprache gezeigt und darunter mögliche Übersetzungen – wenn sich wieder genügend Menschen auf eine mögliche Übersetzung einigen, ist dies meist die korrekte. So konnte mit Hilfe der Ideen des Informatikers Text übersetzt werden. Kein Wunder also, dass sich von Ahn immer noch mit Sprache beschäftigt, er hat nämlich die App Duolingo gegründet. Die soll dabei helfen, Sprachen zu lernen. Sie hat rund um die Welt mehr als 120 Millionen Nutzer. Es ist die größte Plattform der Welt für solche Zwecke. „Als wir 100 000 Nutzer hatten, dachte ich, das wäre das Größte“, sagt von Ahn dieser Zeitung. „Doch was mich jetzt besonders stolz macht, ist die Diversität. Schulen in Costa Rica und Kolumbien nutzen Duolingo genauso wie der reichste Mann der Welt.“ Bill Gates hat tatsächlich einmal zugegeben, die App zu nutzen, wenngleich weniger erfolgreich, als er sich das ursprünglich vorgenommen hatte.

Von Ahns Plan mit Duolingo hat sich auch etwas verändert. Wollte er anfangs auch mit der Sprachlern-App gleichzeitig noch Texte übersetzen – so etwa die englische Seite des Nachrichtensenders CNN ins Spanische – so setzt er heute nur noch auf die Wirkung durch Lernen. „Ich komme aus Guatemala, dort bringt Bildung Ungleichheit für die Menschen. Nur wer Geld hat, bekommt eine gute Ausbildung. Ich wollte jedem Bildung ermöglichen“, sagt von Ahn. Die meisten Nutzer lernen mit Duolingo allein, mal für fünf Minuten an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer vom Arzt. Nach Angaben von Duolingo benutzen es die meisten Menschen, um sich auf Reisen vorzubereiten oder sich in einem neuen Beruf in einem fremden Land zurechtzufinden. In Europa, den Vereinigten Staaten und Lateinamerika hat die App die meisten Nutzer, am häufigsten lernen sie Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch. Von Ahn selbst sagt, er spreche zweieinhalb Sprachen: Englisch, Spanisch und ein „kleines bisschen Portugiesisch“.

Rund um die Welt nutzen nach Angaben von Duolingo allerdings auch 100 000 Lehrer die App – Studien haben gezeigt, dass gerade schwächere Schüler, die im Unterricht nicht gut mitkommen, im Einzeltraining mit der Sprachlernfunktion zu Hause große Fortschritte machen. Ein weiterer Vorteil für die Lehrer: Sie können mit verschiedenen Aufgaben auf den unterschiedlichen Lernstand der Schüler eingehen und die Hausaufgaben digital besser prüfen. Geld verdient die App mit Gebühren für Zertifikate wie etwa Toefl-Tests, die App selbst ist kostenlos. Mehr als 83 Millionen Dollar ist das Risikokapitalgebern inzwischen wert, seitdem von Ahn Duolingo vor fünf Jahren gegründet hat. Mehr als die Hälfte des Geldes kommt von – Überraschung: Google. Nicht ohne Grund: Rund 80 Mitarbeiter hat Duolingo, fast alle arbeiten an dem System selbst, denn durch die vielen Nutzer kann die App inzwischen sogar lernen zu lehren.

25. Aug. 2016
von Jonas Jansen
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23. Aug. 2016
von Jonas Jansen
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Moderne Mineure

Das Münchener Start-up Celonis macht Unternehmen schlauer – und Berater vielleicht bald überflüssig

Wer seine Gesundheit verbessern will, geht ins Fitnessstudio oder engagiert einen Personal Trainer. Wenn Unternehmen das erreichen wollen, heuern sie Berater an, etwa von McKinsey oder Roland Berger. Doch so wie es heute Apps für Smartphones gibt, die einen dabei unterstützen, fit zu werden, gibt es auch digitale Prozesse, um permanent zu analysieren, was sich in einem Unternehmen tut.

Haben gut lachen: Martin Klenk, Bastian Nominacher und Alexander Rinke - die Gründer von Celonis© Foto Jan RoederHaben gut lachen: Martin Klenk, Bastian Nominacher und Alexander Rinke – die Gründer von Celonis

Process Mining heißt das im Fachjargon, und ein Münchener Start-up schickt sich an, damit die Unternehmenswelt zu verändern. Denn noch gibt es nur sehr wenige Unternehmen, die eine Software anbieten, die sich durch ungenutzte Datenberge wühlt und Wissen fördert über entgangenes Potential: Wo stockt die Produktion, wo hakt es in der Lieferkette, wo bricht der Kunde im Bestellprozess auf der Internetseite ab, weil ihm etwas sauer aufstößt? All das kann man mit Datenanalyse herausfinden, und Celonis gräbt sich schon für über 200 Kunden durch Daten. Vor fünf Jahren gegründet, macht Celonis heute mehr als 10 Millionen Euro Umsatz, die rund 80 Mitarbeiter arbeiten jetzt schon profitabel. Und seine drei Gründer freuen sich schon auf das, was kommt.

Bastian Nominacher, Martin Klenk und Alexander Rinke haben sich im Studium an der TU München kennengelernt und zuerst einmal ihren eigenen Beruf überflüssig gemacht. Die drei haben nämlich eine studentische Unternehmensberatung geführt, so wie es sie an jeder größeren Universität gibt. Der Bayerische Rundfunk wollte sich von ihnen seine Prozesse verbessern lassen, in der Fernsehanstalt hatten sie das Gefühl, dass es noch Optimierungspotential gäbe. „Wir haben alle möglichen Verfahren ausprobiert und uns drei Monate durch Daten gewühlt ohne richtige Ergebnisse“, sagt Alexander Rinke. Irgendwann sind sie auf Process Mining gestoßen, das vor nicht allzu langer Zeit an der TU Eindhoven erfunden wurde. Heute gibt es Hunderte wissenschaftliche Arbeiten zu dem Thema, vor fünf Jahren waren es gerade mal eine Handvoll.

Große Unternehmen nutzen inzwischen die Celonis-Software

Weil es damals keine ordentlichen Programme gab, die eine Analyse der BR-Daten hergaben, haben sich der Mathematiker, der Wirtschaftsinformatiker und der Informatiker hingesetzt und selbst eine Software geschrieben. Am Schluss haben sie der Fernsehanstalt 300 Röntgenbilder des Unternehmens an die Wand gehängt, auf denen ganz genau verzeichnet war, was alles noch schiefläuft. Mit den Rundfunkanstalten kamen dann auch größere Kunden, zuerst Siemens, dann auch Bayer. Große Unternehmen wie Nestlé, Edeka, Vodafone oder UBS nutzen inzwischen die Software von Celonis.

RWE muss zum Beispiel Millionen Kundenanfragen pro Jahr bearbeiten, die kommen über verschiedene Kanäle, am Telefon oder in E-Mails und Faxen. Das System von Celonis meldet dann: In fünf Millionen Fällen läuft das gut, in 2 Millionen zu langsam, und bei 300 000 Anfragen dreht der Kundenservice drei Schleifen und ist ineffizient. Die ständige Überwachung ist dabei losgelöst von einzelnen Personen, es geht nicht darum, Mitarbeiter zu diskreditieren, sondern Abläufe in den Unternehmen effizienter zu machen. In Unternehmen wie Siemens oder Nestlé werden Millionen Lieferungen beschafft, verpackt, verschickt. In einem Riesenprozess, an dem viele Mitarbeiter beteiligt sind, kann deshalb schnell etwas schieflaufen.

Nun lernt das System vergleichsweise schnell: Wo gibt es Probleme? Warum laufen die so ab, wie sie ablaufen? Ist ein Produkt schuld daran oder ein Lieferant oder ein Kunde? Die erste Version, die die Studenten damals entwickelten, hatte noch sehr wenige Funktionen, mit wachsender Mitarbeiter- und Kundenzahl wurde auch die Celonis-Software schlauer. „Es ist für uns sehr wertvoll gewesen, dass wir uns nur aus unseren Einnahmen finanziert haben“, sagt Rinke heute. „Dadurch waren wir immer gezwungen, ein Produkt abzuliefern, das auch richtig funktioniert.“ Der 27 Jahre alte Mathematiker ist manchmal selbst davon überrascht, wie schnell sein Unternehmen gewachsen ist. Schon in der Schule hatte Rinke eine Nachhilfeagentur gegründet, die ihnen anscheinend eingepflanzte Risikobereitschaft hat ihm und seinen beiden Mitgründern dabei geholfen, es mit einem eigenen Unternehmen zu versuchen, statt sich nach dem Studium mit gutdotierten Verträgen bei Großkonzernen anstellen zu lassen.

27,5 Millionen Dollar von Risikokapitalgebern

Im vergangenen Jahr haben sich die Gründer, die allesamt um die 30 Jahre alt sind, das erste Mal Eigenkapital ins Unternehmen geholt. Mit Accel Partners und 83 North sind zwei Risikokapitalgeber eingestiegen, die auch bei anderen Technologieunternehmen wie Facebook, Slack oder Dropbox investiert sind. 27,5 Millionen Dollar haben sie investiert, eine Minderheitenbeteiligung, wie Rinke versichert. Die Investoren haben sich reizen lassen von dem Marktpotential, das in der Datengraberei liegt.

Die Gründer haben den fachlichen Hintergrund, um Stochastiken und Statistiken zu verstehen und auszuwerten. Und eine ambitionierte Vision: Sie wollen eine Art „deutscher Weltmarktführer“ werden. In dem zugegebenermaßen noch sehr kleinen Bereich Process Mining sind sie jetzt schon die Größten. Was Rinke nicht vom Träumen abhält: In vier Jahren wollen sie eins der Einhörner-Unternehmen sein, also mit mehr als 1 Milliarde Dollar bewertet werden – und außerdem an der Börse sein.

So wie Celonis seine Software im eigenen kleinen Unternehmen nutzt, um Reisekostenanträge, Kundenanfragen oder den Vertrieb zu optimieren, so testen sie mit den großen Kunden neue Funktionen ihrer Software. „Einen Echtdatensatz aus einem Lagerinformationssystem von Siemens kann man sich nicht ausdenken. Damit zu arbeiten bringt wahnsinnig viel“, sagt Rinke. Falls das Geschäftsmodell, das derzeit nur in Richtung Wachstum strebt, irgendwann stockt, will Gründer Rinke nichts missen. „Man muss gleichzeitig lernen und schon können und stößt ständig an Grenzen, ich hätte nie woanders mehr lernen können.“ Plötzlich musste er als Mathematiker Mitarbeiter führen, Strategien entwickeln und verkaufen. Was den Gründern an Erfahrung fehlte, haben sie mit Leidenschaft wettgemacht. Und mit einer Vision für das Fachgebiet – dessen Ende noch nicht abzusehen ist.

23. Aug. 2016
von Jonas Jansen
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09. Aug. 2016
von Jonas Jansen
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Soziale Verwechselwerke

Instagram möchte so aussehen wie Snapchat, das Erinnerungen schaffen will wie Facebook. Warum?

Snapchat oder Instagram? Sieht alles gleich aus.© dpaSnapchat oder Instagram? Sieht alles gleich aus.

Seit einigen Tagen hat die Fotografie-App Instagram neue Funktionen: Wer in dem Bereich „Instagram Stories“ Fotos und Videos veröffentlicht, stellt damit sicher, dass sie sich nach 24 Stunden wieder selbst zerstören. Außerdem können Nutzer die Fotos noch verzieren, mit den Emoji-Gesichtern, die man aus Chat-Nachrichten kennt oder mit eigenen Texten oder Zeichnungen. Normalerweise ist für die Nutzer des Fotodienstes der sogenannte „Like“, also die Gefällt-mir-Bekundung, essentiell wichtig. In den „Instagram Stories“ gibt es sie nicht, genauso wenig wie Kommentare. Wer eine Rückmeldung geben will, kann dies nur in einer persönlichen Nachricht machen. Statt wie früher also vor allem stark inszenierte Fotos zu teilen, sollen die Nutzer nun auch flüchtige Momente hochladen. Instagram bekommt so mehr Inhalte, eine längere Verweildauer der Nutzer in der App und damit bessere Argumente im Gespräch mit Werbern.

Wem das jetzt bekannt vorkommt, der hat vielleicht schon einmal von der App Snapchat gehört und wie sie funktioniert. Dort gibt es sogenannte „Snapchat Stories“, die sich nach 24 Stunden löschen, Nachrichten und Kommentare gibt es nur persönlich, lustige Grafiken aber für alle sichtbar. Bis zum Namen hin hat Instagram also das Konzept von Snapchat kopiert. Die Neuausrichtung von Instagram ist symptomatisch für eine Entwicklung in den sozialen Medien: Sie sehen alle gleich aus. Was erfolgreich ist, wird schamlos kopiert. Was den Nutzern der einen App gefällt, müsste den eigenen Nutzern schließlich auch gefallen, so die Logik dahinter.

Durchblick zu behalten, wird schwieriger

Die Liste solcher Angleichungen ist lang: Nachdem Facebook 2011 das sogenannte Cover-Foto einführte, also das große querformatige Bild über dem Profil, ging das soziale Netzwerk damit stärker auf den Wunsch seiner Nutzer nach großformatigen Selbstdarstellungsmöglichkeiten ein. Der Suchmaschinenkonzern Google zog 2013 nach mit seinem sozialen Netzwerk Google Plus. Inzwischen ähneln selbst Karrierenetzwerke wie Linkedin mit ihren Nachrichtenfunktionen den eher aufs private Vergnügen ausgerichteten Netzwerken. Die Verwechslungsgefahr für die Nutzer wird immer größer, mit jeder neuen Änderung stellt sich die Frage, was eine App oder eine Plattform nun noch für Mehrwert oder Einzigartigkeit bietet.

Der Kurznachrichtendienst Twitter versucht seiner chronischen Geldverluststrategie mit immer neuen Funktionen entgegenzutreten, was die Nutzer regelmäßig verärgert. Selbst zehn Jahre nach Gründung schreibt Twitter rote Zahlen. Um für Werbekunden attraktiver zu werden und die Nutzer länger in den Apps zu halten, denken sich die Marketingverantwortlichen Funktionen wie 10 000 Zeichen umfassende private Nachrichten, längere Videoformate oder mehr Bilderfunktionen aus – und entfernen sich dabei immer mehr von ihrem Kern. Selbst der Wortteil Kurz im Kurznachrichtendienst droht zu verschwinden, es gerüchtet immer wieder, dass die 140-Zeichen-Begrenzung fallen soll. Schon jetzt werden Links zu anderen Medien nicht mehr dazugezählt, wer sich nicht kurzfassen kann, muss es inzwischen nicht mehr tun.

Snapchat verändert sich auch

Selbst Snapchat, die vor allem bei Jugendlichen beliebte App, ist sich nicht treu geblieben. Diente das Programm früher einzig dazu, besondere Momente festzuhalten ohne sie eben wie auf Netzwerken wie Instagram zu inszenieren, kann man inzwischen auch früher geschossene Fotos in seine Geschichten einfügen oder ganze Momente für später speichern und in eigenen Ordnern auf Snapchats Servern speichern. Schon früher konnte man einzelne Fotos herunterladen – jetzt können etwa Ordner mit einem Passwort geschützt werden, wenn also die Eltern nicht Fotos von der ausgearteten Abiturfeier sehen sollen. Damit näherte sich Snapchat vor einigen Wochen an die Welt von Facebook an – und an dessen Fotodienst Instagram.

Facebook dominiertFacebook dominiert

Die Kanäle sind erbitterte Konkurrenten: Auf Snapchat werden jeden Tag rund 700 Millionen Fotos hochgeladen, das sind zehnmal so viele wie bei Instagram. Unter amerikanischen Jugendlichen wird Snapchat auch von 28 Prozent als liebstes soziales Netzwerk genannt, wie eine Umfrage der amerikanischen Investmentbank Piper Jaffray unter 6500 Jugendlichen ergeben hat. Früher führte Instagram diese Liste immer an. Betrachtet man die monatlichen Nutzer, liegt Instagram aber noch vor Snapchat (siehe Grafik). Grundsätzlich beherrscht Facebook mit seinen Diensten den Markt mit sozialen Netzwerken und Messengern: Zählt man Facebook, den Facebook Messenger, Instagram und Whatsapp zusammen, kommt man auf gut vier Milliarden Nutzer – freilich sind das nicht alles verschiedene Menschen, die meisten Nutzer haben schließlich gleich mehrere Profile. Facebook hatte Instagram im Jahr 2011 für 1 Milliarde Dollar gekauft, für Whatsapp hat Zuckerberg sogar 19 Milliarden Dollar bezahlt. Alles, was Erfolg verspricht, verleibt sich Facebook ein. Google ist zwar ein großer Konkurrent auf dem Werbemarkt, aber nicht im Bereich der Messenger und sozialen Netzwerke – nur Snapchat gilt als hartnäckig.

Dahinter steht eine lange Geschichte, die sich zwischen Facebook-Chef Mark Zuckerberg und Evan Spiegel, dem Snapchat-Gründer, vor vier Jahren entwickelt hat. Am 28. November 2012 erreichte Spiegel eine E-Mail von Zuckerberg mit dem Vorschlag eines Treffens, um über Snapchat zu sprechen. In der Konferenz zeigte sich offenbar die Kaufabsicht Zuckerbergs, der sich Snapchat als Partner vorstellte und angeblich drei Milliarden Dollar bot. Spiegel lehnte ab und bestellte für sich und seine damals nur sechs Mitarbeiter das Buch „Die Kunst des Krieges“ von Sun Tzu. Denn Zuckerberg drohte, mit der App Poke genau das Geschäft von Spiegel anzugreifen. Poke kam, stieg in den App-Stores kurz auf Platz 1 – und verschwand im Jahr 2014 wieder. Die Veränderung von Instagram ist eine abermalige Kampfansage an Snapchat, die mehr Erfolg verspricht: Einer bestehenden App Funktionen hinzuzufügen ist leichter, als Nutzer für eine neue App zu gewinnen.

Das merken auch alle Konkurrenten, die versuchen, sich abzugrenzen. So wollte die App „Beme“ die Flüchtigkeit der Momente auf die Spitze treiben: Momente aufnehmen konnte nur, wer seinen Smartphonebildschirm verdeckt. Das sollte dazu führen, dass nichts inszeniert wird. Die Aufregung um die App verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Das zeigt sich auch, wenn man auf andere Länder blickt. Erfolg haben dort nur Netzwerke wie Sina Weibo oder VKontakte – also klassische Klone.

09. Aug. 2016
von Jonas Jansen
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05. Aug. 2016
von Jonas Jansen
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Viele Wege führen in die Cloud

In Deutschland entstehen immer mehr Internetplattformen, die den deutschen Mittelstand von amerikanischen Anbietern unabhängig machen. Drei Beispiele.

Foto: Blue Coat Photos© Blue Coat PhotosWolkig mit Aussicht auf Spargel

Früher musste Bauer Funck immer 40 Kilometer zu seinen Feldern fahren, heute reicht ein Blick auf sein Smartphone. Das zeigt ihm nämlich an, wie warm es unter den Planen ist, wie sich die Temperatur im Laufe der vergangenen Tage verändert hat und wie die Wettervorhersage aussieht. Peter Funck baut Erdbeeren und Spargel an – und während ihm für die Früchte seine normalen Thermometer reichen, setzt er beim Spargel voll auf die Cloud. Jetzt, da die Spargelsaison vorbei ist, kann der Bauer aus Eisenberg in der Pfalz gut abschätzen, was seine Temperatur-Sensoren in den vergangenen Monaten geleistet haben. „Also eine Rekordernte war’s nicht“, sagt Funck, dafür sei es allerdings auch zu kalt gewesen. Zufrieden mit der Ausbeute ist der Bauer trotzdem. Denn die Köpfe sind nicht aufgegangen oder rot geworden – was schlecht für den Verkauf gewesen wäre. Manchmal hat der Bauer nicht auf seine App gehört und statt der weißen, die Sonne reflektierende Folie die schwarze draufgelassen, damit es darunter wärmer bleibt und der Spargel schneller wächst. Da gewinnt die in mehr als 20 Jahren angesammelte Landwirtschafts-Erfahrung über die Technik. Und trotzdem möchte er sie nicht mehr missen.

Funck benutzt die Cloud von Bosch, das Unternehmen hat extra für Spargelbauern eine App-Umgebung entwickelt. Sensoren messen im Boden die Temperatur und senden die Daten über die Cloud an die App. Der recht überschaubare Kundenstamm der Spargelbauern soll dabei nur der Beginn des größeren Geschäftsfeldes Landwirtschaft sein. Doch schon dieses Angebot werde stark nachgefragt, heißt es bei Bosch. Auch Bauer Funck zeigt sich vom Potential der Datenwolke begeistert. Allerdings ist er auch ein Symptom für die Entwicklung der Cloud in Deutschland: Denn von allein hätte er sich nicht dafür entschieden, Bosch ist in einer Testphase auf ihn zugekommen. Wenn das nicht passiert wäre, würde Funck vielleicht heute noch jeden Tag 40 Kilometer zu seinen Feldern fahren, um unter den Planen abzulesen, wie es seinem Gemüse geht.

Funck ist kein Digitalskeptiker, inzwischen schaut er jeden Morgen zuerst auf sein Smartphone. Doch von der Cloud hat er lange die Finger gelassen, weil er schlicht nicht wusste, dass es solch eine technische Erleichterung für den Anbau gibt. Big Data hat zwar schon viele Bauernhöfe erreicht, doch noch lange nicht alle. Zaghaft sind übrigens nicht nur Bauern, auch viele Mittelständler zögern – ein wichtiger Grund ist vor allem Skepsis gegenüber amerikanischen Anbietern. Namen wie Amazon Web Service oder General Electric sind zwar allen ein Begriff. Doch hatte der amerikanische SAP-Rivale Salesforce nicht ohne Grund auf der Cebit gleich mehrere Hallen gesponsert: Was deutsche Kunden angeht, bietet der Cloud-Markt noch großes Wachstumspotential, und auf Veranstaltungen wie der Hannover-Messe oder eben der Cebit kommt man gut ins Gespräch.

Der Bauer schaut jeden Morgen zuerst auf sein Smartphone

Das bestätigen auch deutsche Unternehmen – die vielfach von der Skepsis gegenüber den Amerikanern profitieren. Beispiel Bosch: „Viele Unternehmen und Verbraucher nennen Sicherheitsbedenken als Hindernis für die Nutzung von Cloud-Technologien und Vernetzungslösungen“, sagt Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Bosch. Deshalb landen die Daten von Peter Funck auch nur in einem Rechenzentrum in der Nähe von Stuttgart.

Den Wettbewerbsvorteil „Sicherheit durch den richtigen Standort“ haben auch andere Unternehmen erkannt: Siemens bietet seit ein paar Monaten seine offene Industrie-Cloud namens Mindsphere an. Auf der Hannover-Messe hat das Unternehmen damit außergewöhnlich viele Kundenanfragen bekommen. „Das ist fast schon verblüffend, wie etwas, das noch so jung ist, ein so großes Interesse hervorruft“, sagt Ralf Wagner, der das Segment „Plant Data Services“ bei Siemens leitet. Die Idee hinter der Cloud: Nichts stört Industriekunden so sehr wie ein Ausfall von Maschinen, immer geht es um Verfügbarkeit. Durch maschinelles Lernen über die Cloud sollen etwa Haarrisse in Maschinen früher erkannt werden, soll schon jetzt vorausgesagt werden, warum die Produktion in drei Monaten stillstehen könnte. Siemens richtet sich dabei an die produzierende Industrie, also etwa an Maschinenbauer, die Flaschenabfüllanlagen für einen Getränkehersteller liefern. Den interessiert nur, dass seine Flaschen voll werden, der Zulieferer will, dass seine verkaufte Maschine tadellos funktioniert. Wenn nun die Maschine an die Siemens-Cloud funkt, dass sich der Stromverbrauch erhöht hat, kann dort eine Warnung rausgehen, dass eine Wartung vielleicht vor den geplanten 1000 Betriebsstunden nötig wäre.

Cloud-Plattformen als „erhebliches Investment“

 „Offen“ ist die Cloud deshalb, weil Siemens in Zukunft eine vernetzte Plattform aufbauen will, auf die auch andere Hersteller ihre Apps aufsetzen können – gegen eine Gebühr, versteht sich. Je mehr Anwendungen und vernetzte Maschinen dann verbunden sind, desto attraktiver wird die Plattform. Dass so eine Cloud von einem großen Unternehmen wie Siemens aufgebaut wird, ist für Wagner nur logisch: „So innovativ unser Maschinenbau-Mittelstand ist, so sehr scheuen noch viele davor zurück. Solch eine Plattform bereitzustellen ist ein erhebliches Investment.“

Doch gerade die Maschinenbauer vertrauen gerne ihresgleichen: Das merkt vor allem Trumpf. Deren erste Cloud wurde sogar schon vor acht Jahren entwickelt und heißt Telepräsenzportal. „Ich glaube, der Name ist einer der Erfolgsfaktoren, weil anders als bei der Cloud nicht jeder direkt an die NSA denkt“, sagt Softwarechef Stephan Fischer. Das Telepräsenzportal hilft den Kunden dabei, wenn sie an der Maschine stehen und nicht mehr weiterkommen. Mehr als 10 000 Maschinen sind dort angeschlossen. Die melden sich bei Trumpf, wenn es ein Problem gibt. Das ist das Konzept des Maschinenbauers: die Wartungsprognose als Auftragsprogramm.

Für die Prozessvernetzung in der Industrie 4.0 – bei der die gesamte Wertschöpfungskette von der Auftragsverwaltung bis zur Auslieferung abgedeckt wird – hat Trumpf eine zweite Cloud installiert, die auch wirklich so heißt und von der Tochterfirma Axoom betrieben wird. Stephan Fischer hat früher bei SAP gearbeitet, der IT-Fachmann glaubt, dass der Maschinenbau in der Digitalisierung große Chancen hat. „Das Potential einer Maschine zu verstehen, ist viel komplizierter als das Potential der IT“, sagt Fischer. Soll heißen: Google würde sich eher nicht in das Feld mit komplizierten Fertigungsmaschinen begeben. Allerdings ändert sich mit der Digitalisierung die Geschwindigkeit. Allein die Cloud habe sich in den vergangenen zwei Jahren schon schneller entwickelt, als es der normale Maschinenbauer gewöhnt sei, sagt Fischer. Deshalb ist für die deutschen Anbieter neben dem Datenschutz nichts so wichtig wie Bedienung: Alles muss möglichst einfach und vorkonfektioniert sein.

Wenn alles so einfach bedienbar bleibt wie jetzt, kann sich auch Bauer Funck vorstellen, seinen Hof weiter zu digitalisieren: Irgendwann will er seine Traktoren und Lieferfahrzeuge vernetzen, um immer zu wissen, wo die Fahrer sind. Damit nicht nur die Ernte reicher, sondern auch die Wege effizienter werden.

Dieser Text ist zuerst am 6. Juli in der Redaktionsbeilage „Die 100 Größten“ erschienen. Die 58. Ausgabe über die 100 Größten Unternehmen in Deutschland, Europa und der Welt.

05. Aug. 2016
von Jonas Jansen
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03. Aug. 2016
von Jonas Jansen
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Wie Big-Data-Analysen die Unternehmen verändern

Mit Sensoren auf Maschinen und Kundenerkennung können Unternehmen heute große Datenmengen sammeln. Die Frage ist nur: Wollen sie das auch nutzen?

9276962702_57d9bfddd4_o© Jeremy Keith on Flickr (CC BY 2.0)By Jeremy Keith on Flickr (CC BY 2.0)

Wer Filialen der St. George Bank in Sydney betritt, wird schon am Eingang erkannt. Über sogenannte iBeacons, kleine Sender, bekommen Kunden eine Nachricht über die Beratung auf ihr Smartphone geschickt. So weiß die Bank schneller, was der Kunde will. Konsequent weitergedacht – und vorausgesetzt, die Kunden stimmen der Datenverwendung zu – bedeutet das: Wenn die Bank schon vorher weiß, wofür sich die Kunden interessieren und was sie für Produkte brauchen könnten, kann Beratung in Zukunft schneller und effizienter werden. Oder sogar schon jetzt wissen, was die Kunden morgen gerne haben möchten.

Das mag beängstigend klingen, funktioniert aber mit der richtigen Datenmenge schon heute vergleichsweise zuverlässig: Dinge vorhersagen. Der Zukunftsforscher Lars Thomsen sagt: „Ein guter Verkäufer weiß: Ich gebe noch einen guten Tipp, er wird Sie auf etwas hinweisen, was Sie noch brauchen.“ Diese Intelligenz eines Fachverkäufers müssten Unternehmen heute übertragen, damit Maschinen es verstehen und lernen. Wer heute eine Fotokamera kauft, bekommt häufig danach im OnlineHandel noch eine Empfehlung für 97 andere Kameras. Dabei fordern Kunden eine Weiterentwicklung. Thomsens Erfahrung ist: Menschen gewöhnen sich unglaublich schnell an Innovationen, vor allem, wenn sie ihnen einen Mehrwert bringen. Gerade die vielgescholtenen mittelständischen Unternehmen seien bei der technologischen Entwicklung innovativ, bemerkt Thomsen.

Darauf setzen auch Unternehmen wie der amerikanische Softwarehersteller SAS, das sich auf Big-Data-Analysen spezialisiert hat und sich selbst als Marktführer in dem Bereich „Business Analytics“ bezeichnet. Andere, große Unternehmen wie SAP bieten solche Services freilich auch an. Sie nutzen die technologischen Möglichkeiten der Echtzeitüberwachung – und müssen gerade in Deutschland darauf setzen, dass sich die Vorbehalte gegenüber Datenanalyse zerstreuen.

Daten zu sammeln wird immer leichter

Daten zu sammeln ist in den vergangenen Jahren immer leichter geworden: Denn Datenzugriff und Speicherung sind deutlich günstiger als früher, vor allem getrieben durch die Entwicklungen im Online-Handel und durch Sozialen Medien. Analytische Modelle, die sich aus großen Datenmengen berechnen, werden heutzutage nicht mehr von einer Festplatte gelesen, sondern mit sogenannten Memory-Techniken in Echtzeit an die Unternehmen ausgeliefert. So kann eine Bank sehen, wie sich die Kunden entscheiden, oder ein Autozulieferer eine Diagnose seiner Fertigungsstraße überwachen.

In der Produktion sollen die Big-Data-Analysen vor allem dabei helfen, dass Maschinen selbst lernen können und Algorithmen entwickeln, um etwa nötige Reparaturen früher zu erkennen. Noch funktioniert in der Industrie vieles nach dem Prinzip des Ingenieurswissens: Wenn der Druck über einen gewissen Wert steigt, wird ein Ventil ausgelöst. Doch die an den Maschinen angebrachte Sensoren können nicht nur Daten sammeln für Wartungsberichte, sondern sie auch gleichzeitig auswerten.

Für Dienstleister wie Banken geht es vor allem um Kommunikation: Die Kunden kommunizieren heute über alle Kanäle gleichzeitig, ob über das Telefon, die Website, per E-Mail oder in sozialen Netzwerken. Die Informationen über Kunden kann man theoretisch über alle diese Kanäle verknüpfen, um so mehr Informationen darüber zu haben, welches Konto oder welcher Kredit nun passend wäre. Oder es im Extremfall machen wie die australische Bank. „Wir helfen dabei, Intelligenz zu entwickeln“, sagt Christoph Sporleder, der seit Jahren für SAS in Deutschland die Analyse betreut und das Unternehmen berät. „Entscheidung beruht auf Erfahrung. Da hat sich jemand hingesetzt und gesagt: ,Wenn A, dann B.‘ Doch alle Entscheidungsregeln müssen eigentlich analytisch getrieben sein, am besten durch selbstlernende Algorithmen“, sagt Sporleder. Je mehr Daten ein Unternehmen allerdings sammeln will, desto komplizierter ist deren Aufbereitung. Jedes analytische Modell altert ab dem Zeitpunkt, ab dem man es verwendet, weshalb es beobachtet und quasi „neu trainiert“ werden muss.

Die Skepsis ist groß

Unternehmen wie SAS wollen ihre Beratung allerdings auch verkaufen, weshalb sie Studien beauftragen, die das Potential zeigen. Ein Ergebnis: Ganz vorne im Bezug auf Analysen in Echtzeit sind in Deutschland nur zwei Prozent der Unternehmen. Die geben an, mehr als 75 Prozent der verfügbaren Daten zu erschließen. Und die Skepsis ist groß: Immerhin ein Fünftel der Befragten nutzt weniger als ein Fünftel der verfügbaren Daten. Das hat der Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Electronic Government der Universität Potsdam herausgefunden bei einer Befragung von Managern mittelständischer und großer Unternehmen. Allerdings gebe es eine sukzessive Bewegung weg von reinen Berichten hin zur Vorhersage.

Wird also der Kunde in Zukunft mit seiner Gläsernheit zufrieden sein, wenn es ihm nur genügend Vorteile bietet? Und Unternehmen alle ihre Daten auswerten, wenn sie ihnen helfen, Kosten zu sparen? Die Antwort lautet vermutlich: ja. Zukunftsforscher Thomsen ist jedenfalls davon überzeugt, dass wir vor einer neuen industriellen Revolution stehen, von der man in 100 Jahren sprechen wird: „Wir erleben das Ende der Dummheit: Maschinen werden schlauer, können sich verändern und modernisieren.“

Neue Definitionen seien nötig, wie die Beantwortung der Frage, wie wir unsere Arbeit in Zukunft sinnvoll gestalten, wenn uns Maschinen mehr und mehr davon abnehmen. „Sitzen wir nur noch vor dem Fernseher, oder finden wir neue Wege für Kreativität?“ Denn Kreativität könnte schließlich auch daraus entstehen, dass man mehr Zeit hat.

03. Aug. 2016
von Jonas Jansen
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21. Jul. 2016
von Jonas Jansen
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Selbst der Abfall wird nun digital

Mülldaten statt Datenmüll produziert das finnische Start-up Enevo.  Kluge Routen sollen Effizienz schaffen, doch Konkurrenz und Vorbehalte sind groß.

Ger Vervoorn sammelt seit 32 Jahren Müll ein, er kennt sich also aus damit. Doch seit kurzem hat der Niederländer in seinem Müllwagen ein Tablet hängen, das ihm sagt, welche Strecke er fahren soll und wo es sich gerade am meisten lohnt, die Papiertonne zu leeren. Statt wie früher wöchentlich dieselbe Route zu fahren, führt sein Weg nun nur zu den Abfalleimern, die auch wirklich voll oder bald voll sind. enevo 3„Ich möchte nicht mehr zurück zu dem alten System“, sagt der 57 Jahre alte Mann von der Müllabfuhr. Rotterdam hat 4800 unterirdische Müllcontainer, noch einmal jeweils 650 für Papier und Glas, der Verwaltung der 600 000-Einwohner-Stadt ist es sehr wichtig, dass das Stadtbild sauber ist. Deshalb setzt Rotterdam auf das Start-up Enevo aus Finnland, das Sensoren entwickelt, die mit der Technik eines Sonars messen, wie weit gefüllt Mülltonnen sind.

Wer heute von intelligenten Städten und dem Internet der Dinge spricht, kommt auch an Abfall nicht vorbei: die Städte werden immer größer, mehr Menschen konsumieren immer mehr, und trotz Recycling und Bio-Trend steigt auch der Verpackungsmüll. Während vor zwei Jahren noch 1,5 Milliarden Tonnen Abfall produziert wurde, rechnet man schon in sieben Jahren mit 2,2 Milliarden Tonnen. Nach Berechnungen der Beratungsfirma Navigant Consulting bedeutet das ein Marktpotential für Abfallwirtschaftsbetriebe von 6,5 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2023 – und das alleine für den Bereich der „smarten“ Müllverarbeitung.

In diesen Markt drängt Enevo. Das Start-up ist eine dieser zahlreichen Gründungen, die von den Nokia-Entlassungen profitiert haben, weil sie technik-affine Mitarbeiter werben konnten, Tausende von ihnen wurden entlassen, Tausende fanden neue Arbeit bei aufstrebenden Start-ups in der Region.

In Espoo, unweit von Helsinki, sind die 50 Mitarbeiter von Enovo allerdings derzeit noch die einzigen Mieter in dem Haus, an dessen Eingang noch die alten Nokia-Schilder verstauben. Von hier aus entwickelt das 2010 gegründete Unternehmen seine faustgroßen, orangenen Sensoren, die in Mülltonnen geklebt werden und dann Daten funken. Hauptabnehmer sind bislang die Benelux-Staaten, gerade die Niederländer sind ganz wild auf die kluge Technik. Doch auch nach Deutschland drängt der Gründer Fredrik Kekäläinen. „Die Deutschen mögen Effizienz, das ist gut für uns“, sagt Kekäläinen.

Ein Enevo-Sensor im Einsatz© Jonas JansenEin Enevo-Sensor im Einsatz

Risikokapital hat Enevo daher auch vom deutschen Investor Earlybird Ventures bekommen, genauso vom taiwanischen Apple-Zulieferer Foxconn, auf 26 Millionen Euro beläuft sich das Fremdkapital bereits. 20 000 Sensoren hat Enevo bereits verkauft, für dieses Jahr peilen sie 100 000 an. Das Start-up hat ehrgeizige Wachstumsziele, Kekäläinen hat sich bei der EU-Kommission auf eine Förderung beworben, will in fünf Jahren 916 Millionen Euro Umsatz machen und 1500 Mitarbeiter eingestellt haben. Derzeit sind es allerdings erst 80. Doch die Aufträge würden täglich mehr, erzählt Kekäläinen in seinem Besprechungsraum in Espoo. Zu der Reise nach Finnland hat die Stadt Helsinki eingeladen.

Konkurrenten gibt es aber reichlich. Der Marktführer für kluge Abfallwirtschaft verkauft seine Sensoren bereits seit zehn Jahren, Big Belly kommt aus den Vereinigten Staaten und ist vor allem dort präsent, hat aber auch in Hamburg einige Mülleimer mit seinen Sensoren ausgestattet. Andere Start-ups wie die irische Firma Smart Bin drängen genauso in den Markt wie große Spieler wie IBM. Und dann war da noch ein Skandal aus London, der zwar schon drei Jahre her ist, aber der ganzen Branche noch heute anhängt: Eine Werbefirma hatte Mülleimer mit W-Lan und Displays ausgestattet, aber gleichzeitig über die sogenannte Mac-Adresse Handy- und Ortungsdaten von all den Leuten abgegriffen, die an den öffentlichen Mülltonnen vorbeigelaufen sind. Die spionierenden Mülleimer wurden sogleich entfernt, doch die Angst vor dem Missbrauch der Daten schwingt noch bei jedem „smarten“ Gerät mit.

So sehen die faustgroßen Sensoren aus© Jonas JansenSo sehen die faustgroßen Sensoren aus

Kekäläinen versichert zwar, dass seine Sensoren nichts aus der Umgebung aufzeichnen, aber klar ist, dass die enthaltene Sim-Karte und die Internetverbindung genauso eine Technik ist, die wie in einem Handy theoretisch gehackt werden könnte. Gleichzeitig legt Enevo Wert darauf, eine intelligentere Technik zu verwenden als die Konkurrenz. Während die Mülltonnen dort E-Mails ans System schicken, wenn sie voll sind, kommunizieren die Enevo-Sensoren ständig mit den Servern. Auf Twitter kann man das unter @trashcanlife verfolgen, dort senden die Mülleimer Füllstände, Temperaturen oder Signalstärke in das soziale Netzwerk. Das Datensystem, das hinter den Sensoren liegt, erkennt nicht nur, welche Mülltonnen wie voll sind, und empfiehlt auf dieser Basis die Routen: Es lernt sogar dazu, welche Mülleimer sich besonders schnell oder langsam füllen, und entwickelt so Prognosen für künftige Routen. Das soll Sprit sparen, Zeit und natürlich irgendwann auch Personal. Wer weniger und effizienter fährt, braucht weniger Fahrer.

Eine Beispielroute des Unternehmens.© Jonas JansenEine Beispielroute des Unternehmens.

Auf einer Karte kann man sehen, wie das funktioniert. So sind an diesem Morgen die Müllwagen in Rotterdam um halb sieben Uhr morgens losgefahren, sechs Stunden und 52 Minuten später ist das Tagwerk vollbracht, im Vergleich zu früher hat der Wagen 64 Kilometer gespart. Auf einer Liste zeigt das System an, wie viel Müll im Monat abgeholt wurde, so waren es im Januar 117 Tonnen, im März 127. Geld verdient das Start-up übrigens nicht in erster Linie mit den Sensoren, deren Batterie hält nämlich zehn Jahre und wird deshalb kaum ausgetauscht. Doch die Datenanalyse verkauft Enevo in einem Abonnement-Modell – und da die Städte trotzdem noch Geld damit sparen, wird Ger Vervoorn, der erfahrene Abfallabholer aus Rotterdam, wohl noch lange nicht sein neues Tablet auf die Mülldeponie fahren müssen.

21. Jul. 2016
von Jonas Jansen
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19. Jul. 2016
von Jonas Jansen
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Wie viel Macht überlässt man den Maschinen?

Das Investmentunternehmen DAO will ohne Menschen auskommen, doch nach einem digitalen Millionenraub tobt eine Debatte um Sicherheit und Ethik

An diesem Mittwoch fällt ein Urteil über die Zukunft einer Zukunftsbranche. Denn dann müssen sich die Investoren von DAO, dem ersten Unternehmen ohne Menschen, entscheiden, ob sie lieber Codezeilen vertrauen oder denen, die diese Zeilen schreiben und verändern können. Dabei geht es um viel Geld von privaten Anlegern, nämlich 160 Millionen Dollar und um eine noch viel grundlegendere Frage: Wie viel Macht will man einem dezentral geschriebenen Programmiercode verleihen? Dem Code, das Herz einer jeden Internetseite, jeder App – und im Bankwesen auch jeder Transaktion.

Ein Hacker hat DAO nämlich durch eine Sicherheitslücke 50 Millionen Dollar an digitaler Währung gestohlen, die im menschenlosen Unternehmen hinterlegt war. Weil das Geld eben nur digital verfügbar war, könnten die Erschaffer des Unternehmens es zurückholen, das verbliebene Kapital haben sie bereits gesichert. Damit schaffen sie allerdings einen Präzedenzfall, denn eigentlich soll die Technologie ohne menschliche Eingriffe funktionieren, gesteuert durch sich selbst und seinen Code. Wenn schon kurz nach dem Start des Projektes, das es erst seit ein paar Monaten gibt, die grundlegenden Werte über Bord geworfen werden, gefährde das die gesamte Struktur des Projekts, fürchten einige. Andere wollen das gestohlene Geld der Anleger retten und noch einmal von vorne beginnen, mit einer sicheren Architektur.

Debatte über Ethik und Sicherheit eines ganz neuen Wirtschaftssystems

In der Gemeinschaft der Programmierer und Softwareentwickler ist eine Debatte entbrannt über Ethik und Sicherheit eines ganz neuen Wirtschaftssystems. Auch wenn die Debatte nur von einigen wenigen geführt wird, könnte sie großen Einfluss haben auf den zukünftigen Umgang mit Geld und Technologie. „Code sollte bindend sein, und subjektive Eingriffe von Menschen sollten nicht über Verträgen stehen“, sagen die einen. „Der gesellschaftliche Konsens zählt. Menschen können Maschinen immer den Stecker ziehen“, sagen die anderen.

Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, muss man eine virtuelle Reise unternehmen aus dem kleinen Städtchen Mittweida in Mittelsachsen ins kalifornische Silicon Valley, dem Epizentrum der Technologiebranche, das überläuft vor Ideen von Start-up-Gründern und Geld von Wagniskapitalgebern. Die Brüder Simon und Christoph Jentzsch, zwei Programmierer aus ebenjenem Mittweida, störten sich daran, wie stark wenige Investoren bestimmen, wie sich Technologie entwickelt. Deshalb programmierten sie ein „soziales Experiment“, eine vollautomatische Investmentfirma, deren Geschicke nicht von einem Vorstand und einem Aufsichtsrat bestimmt werden, sondern nur von denen, die in sie investieren. Das Ganze heißt deshalb auch bloß DAO – dezentrale autonome Organisation. Potentielle Anleger konnten sich im Internet melden, dass sie Teil dieses Unternehmens werden wollen, in einer Form von Crowdfunding (also Geld aus dem Schwarm) kamen so 160 Millionen Dollar zusammen; mehr als je zuvor bei einer solchen Aktion. Das eingesammelte Geld sollte nun als Wagniskapital für Start-ups eingesetzt werden, wobei jedoch alle Anleger basisdemokratisch und nach Mehrheitsverhältnissen darüber entscheiden, wer unterstützt wird.

Das Herz dieses Unternehmens ist sein Programmiercode, der offen einsehbar ist und zu dem jeder Programmierer beitragen kann mit Verbesserungen, Updates und Fehlerbehebungen. Es gibt sogar ein Belohnungssystem: Wer Schwachstellen findet, bekommt kleine Geldbeträge ausgezahlt, so soll die Struktur der dezentral organisierten Software immer sicherer werden. Technisch funktioniert die Kommunikation und Abwicklung im Unternehmen mittels sogenannter Smart Contracts, einer Art digitaler Verträge. Diese folgen einem Wenn-dann-Schema: Aktion X löst eine Reaktion Y aus. Der Vertrag, also zum Beispiel eine Überweisung eines Geldbetrags, wird von einem Algorithmus so gesteuert, dass die Auszahlung nur dann ausgeführt wird, wenn alle Computermaschinen gleichzeitig und ohne menschliches Zögern oder Abwarten zustimmen – was sie der Idee nach nur tun sollen, wenn das Geld rechtmäßig den Besitzer wechselt.

Dahinter steckt das Prinzip der Blockchain, also einer Kette von Datensätzen, die auf Hunderten Computern hinterlegt werden. So entsteht eine Datenbank, in der jeder einzelne Rechner Transaktionen prüft und die von jedem eingesehen werden kann (siehe Grafik). Die Kryptowährung Bitcoin funktioniert darüber, DAO greift hingegen auf die alternative Digitalwährung Ethereum zurück, die nicht nur Geld, sondern eben auch Verträge und Unternehmenswerte über eine Blockchain abbilden kann. Während die ursprüngliche Tauschfunktion von Währungen jedem schnell einleuchten sind die neuen Systeme sehr schwer zu verstehen. Die Komplexität schließt derzeit noch viele potentielle Marktteilnehmer aus, weil sie – noch – nur einer kleinen Gruppe zugänglich ist.

blockchain grafik

Das widersprecht der Idee der Macher von DAO allerdings, die eine Demokratisierung des Finanzsystems erreichen wollen ohne Zwischenhändler. Sie setzen auf totale Transparenz, theoretisch kann jeder nachverfolgen, was sich im Code des Unternehmens verändert. Die Programmierer tauschen sich in Blogbeiträgen aus, allerdings häufig begleitet von Programmierzeilen, die wie eine Fremdsprache wirken, wenn man sie nicht beherrscht. Transparenz ist die größte Stärke und die größte Schwachstelle der neuen Technologie: Was für Sicherheit sorgen soll, kann durch die Offenlegung des Codes ausgerechnet Kriminellen helfen. So sieht sich der mutmaßliche Hacker im Recht, der die 50 Millionen Dollar aus dem Bestand von DAO auf ein unbekanntes, ebenfalls aus Codezeilen bestehendes Konto gebucht hat. Er hat einen offenen Brief über eine verschlüsselte und damit nicht nachverfolgbare Nachricht auf dem Online-Dienst Github veröffentlicht. Der Hacker profitierte von einer Schwachstelle im Code, quasi eine offene Hintertür zu einem Tresor. In seinem Brief schreibt er, dass er nur die offene Struktur der Technologie genutzt habe, er sei nirgendwo unrechtmäßig eingedrungen und habe deshalb auch jedes Recht, seine Beute zu behalten. Sein Brief schließt mit den Worten: „Ich hoffe, dass dieses Ereignis eine Lernerfahrung ist und ich wünsche euch allen viel Glück.“

Die Schwachstelle ist behoben, der Angriff hat die Entwicklung der Technologie beschleunigt. Dutzende Entwickler haben das System sicherer gemacht. Trotzdem ist der Vertrauensverlust für die Plattform immens. Noch ist das gestohlene Digitalgeld für den Angreifer gesperrt, doch bald könnte es für ihn verfügbar sein. Man muss sich das vorstellen wie einen gläsernen Geldtransporter, der für alle sichtbar ist, aber zu dem nur einer einen Schlüssel hat. Nun liegt die Entscheidung bei den Investoren: Knacken sie den Transporter und retten das Geld – aber verraten so ihre Idee? Oder lassen sie das Geld davonziehen? Dann würden sie das verlorene Kapital als Fehlinvestment rechnen und ihrem System treu bleiben in der Hoffnung, dass es nicht noch einmal ausgehebelt wird.

19. Jul. 2016
von Jonas Jansen
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21. Jun. 2016
von Martin Gropp
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Veränderungsvorschläge für die Datennutzung

Seitdem soziale Medien ihren Siegeszug im Internet angetreten haben, stellt sich die Frage, wie die Nutzung persönlicher Daten durch Unternehmen und die Rechte der Nutzer auf Privatsphäre ausbalanciert werden können. Gerade das Wachstum des sozialen Netzwerks Facebook, mit derzeit mehr als 1,65 Milliarden Mitgliedern das größte Netzwerk der Welt, hat die Auseinandersetzung mit dieser Frage wie kaum ein anderes Unternehmen befeuert. Die Mitglieder des Netzwerks stellen dort Tag für Tag zahlreiche Bilder ein, sie geben an, wo sie sich gerade aufhalten, teilen ihre Vorlieben und Meinungen. Diese Daten nutzt das Unternehmen wiederum, um den Nutzern zielgerichtet Werbung anzuzeigen. Damit verdient Facebook sein Geld. Im ersten Quartal dieses Jahres belief sich der mit Werbung generierte Umsatz auf gut 5,2 Milliarden Dollar. Gleichzeitig müssen sich Facebook und andere Unternehmen immer wieder mit Kritik auseinandersetzen, dass sie ihr Geschäft auf Daten fußen. Der Nutzer und seine persönlichen Daten werden damit zum eigentlichen Produkt der Dienste, heißt es dann.

Wohl auch wegen dieser Vorwürfe hat Facebook in den vergangenen Monaten in runden Tischen rund um die Welt mit fast 180 Fachleuten erörtert, wie die Balance zwischen Datennutzung und Privatsphäre in Zukunft gestaltet werden kann. Die Diskussionsrunden fanden unter anderem in New York, Warschau, Paris und Sao Paolo statt. Das Ergebnis ist der an diesem Dienstag veröffentlichte Bericht „Ein neues Paradigma für persönliche Daten“, den das Unternehmen Ctrl-Shift, ein Anbieter von Marketinglösungen, im Auftrag von Facebook erstellt hat.

Herausgekommen ist ein Bericht, der in allgemeiner Form fünf Veränderungen ausmacht, mit denen sich nach Meinung der Autoren der oft festgestellte Zielkonflikt zwischen Datennutzung durch Unternehmen und der Privatsphäre der Nutzer lindern ließe. Der Bericht will dabei über einzelne Unternehmen hinausgehen – und damit auch über den Auftraggeber der Studie, also Facebook.

Das schlägt sich unter anderem darin nieder, dass die Veränderungen eher abstrakt auf alle Dienste bezogen sind, die ihr Geld verdienen, indem sie auf Nutzerdaten angepasste Werbung zeigen. Diese Allgemeinheit ist den Autoren auch bewusst. „Unser Ziel ist es eher die Kernthemen der datengetriebenen Wirtschaft aufzuzeigen als auf einzelne Unternehmen zu fokussieren“, heißt es in dem Bericht.

Die angesprochenen Veränderungen beziehen sich unter anderem auf die Schulung der Nutzer im Umgang mit ihren Daten. Demnach seien Transparenz und Ausbildung der Nutzer im Umgang mit Daten zwar essentiell für ein funktionierendes Daten-Ökosystem. Auf der anderen Seite führe zu viel Information mitunter zu einem Informationsüberfluss, der das eigentliche Ziel verfehle, also den Datenschutz. Als Beispiel nennt der Bericht die innerhalb der Europäischen Union vorgeschriebenen Warnhinweise vor Cookie-Dateien, die Internet-Nutzer oft übersehen würden. „Wo innerhalb der Bevölkerung Fähigkeiten im Umgang mit Daten gebraucht werden, werden diese Fähigkeiten am besten vermittelt, wenn sie über die Zeit absorbiert werden statt gelehrt zu werden“, heißt es.

Ein zweiter Punkt betrifft den Wert des Datenaustausches. Bisher seien Unternehmen die Hauptnutznießer der Daten gewesen, „einfach weil sie die Technik und die Ressourcen haben, sie zu nutzen“. Dies habe zu der Wahrnehmung geführt, dass der Wert des Datenaustausches nicht ausbalanciert sei. „Wir brauchen eine Debatte darüber, was fair und unfair ist“, heißt es im Bericht. Das könne auch dazu führen, dass sich Erwartungen anpassten. Zum Beispiel, dass manche Menschen nicht mehr automatisch davon ausgehen, dass im Internet alles umsonst ist. Oder dass manche Unternehmen erkennen, dass nicht alle Menschen im Austausch für kostenlose Dienste ihnen ungehinderten Zugang zu und die Nutzung von Daten erlauben wollen. Gerade Unternehmen hätten hier die Möglichkeit, ihre Absichten zu demonstrieren, dass sie die Daten nicht ausbeuten sondern dass sie sie vertrauenswürdig nutzen wollen. „Ein Weg dahin ist es, den Nutzern Auswahl und Kontrolle zu geben“, heißt es.

Ein dritter Lösungsansatz bezieht sich auf die Art, wie Regulierer sowie Gesetzgeber und die Unternehmen kooperieren, die ihr Geschäftsmodell darauf fußen, Daten zu verwerten. Ein vierter fokussiert darauf, dass Unternehmen sich bewusst machen sollten, nicht nur an kurzfristige Profite zu denken, sondern langfristige und nachhaltige Beziehungen zu ihren Nutzern aufzubauen.

„Je mehr wir während der runden Tische gehört haben, desto mehr wurde klar, dass es nicht die Frage ist, wie wir Daten beschränken oder wie wir die Menschen schützen. Die Frage ist, wie wir Menschen Kontrolle über die Daten geben“, schreibt in einem begleitenden Blog-Eintrag der Facebook-Manager Stephen Deadman, der sich als stellvertretender „Chief Privacy Officer“ des Netzwerks für den Privatsphäreschutz der Nutzer mitverantwortlich zeichnet. Für Deadman ist der nun veröffentlichte Bericht der Ausgangspunkt für weitere Diskussionen rund um das Thema. Damit sollen Wege gefunden werden, „wir wir einerseits Innovationen ermöglichen und andererseits den Menschen die Möglichkeit geben, ihre Daten zu kontrollieren“. Facebook habe nicht auf alle Fragen Antworten, sei aber zuversichtlich dass es als Unternehmen eine Rolle dabei spielen könne, diese „neue Diskussion zu führen und praktikable Lösungen zu ermöglichen“.

Allerdings wird auch innerhalb dieser Diskussion erst noch zeigen müssen, wie Deadmans Arbeitgeber und andere Daten nutzende Unternehmen die erarbeiteten Vorschläge dann auch tatsächlich umsetzen.

21. Jun. 2016
von Martin Gropp
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14. Mai. 2016
von Roland Lindner
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Diese Wojcickis: Die Frauendynastie aus dem Silicon Valley

Esther Wojcicki ist eine angesehene Pädagogin, und zwei ihrer Töchter sind zu Superstars in der Technologiebranche geworden. In der Geschichte von Google hat die Familie eine spezielle Rolle gespielt.
Die Wojcickis: Anne, Janet, Stanley, Esther und Susan (von links)© PrivatDie Wojcickis: Anne, Janet, Stanley, Esther und Susan (von links)

Esther Wojcicki erinnert sich noch gut an den ungläubigen Blick ihres Lehrers, als sie zu ihm in den Mathematikunterricht kam. „Hier gibt es keine Mädchen. Bist du im falschen Kurs?“, habe er zu ihr gesagt. Damals war sie 17 Jahre alt. Später, als angehende Journalistin in den sechziger Jahren, stellte sie fest, dass der Presseclub in San Francisco keine Frauen aufnahm. Und als sie für die „Los Angeles Times“ zu arbeiten begann, sei ihr aufgetragen worden, sie solle sich von ihrem Schreibtisch aus um vermeintliche Frauenthemen wie Mode kümmern. Die Begründung: „Wir können dich nicht als Reporterin rausschicken. Du könntest vergewaltigt werden.“

Als Frau diskriminiert zu werden, ist Wojcicki also nicht fremd. Das hielt sie aber nicht davon ab, drei Hochschulabschlüsse zu machen und eine respektierte Pädagogin zu werden. Und sie kann nicht nur auf ihre eigene Karriere stolz sein, sondern auch auf die ihrer drei Töchter: Zwei von ihnen gehören zu den erfolgreichsten Frauen im Silicon Valley, der kalifornischen Hochburg der Technologiebranche. Susan, die älteste mit 47 Jahren, war eine der ersten Mitarbeiterinnen des Internetkonzerns Google und führt heute dessen Videoseite Youtube. Nesthäkchen Anne, 42 Jahre alt, ist Gründerin und Vorstandsvorsitzende des Gentestunternehmens „23 and Me“. Janet, die mittlere Tochter, ist Anthropologin und Epidemiologin. Mutter Esther zeigt sich vom Erfolg ihrer Töchter selbst etwas überrascht: „Ich wusste, dass sie einmal etwas Großartiges tun würden, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie einmal so tragende Rollen im Silicon Valley spielen würden“, sagte sie im Gespräch mit dieser Zeitung auf der Digitalkonferenz DLD in New York.

Die Karrieren der Wojcickis sind umso bemerkenswerter, weil der Technologiebranche bis heute nachgesagt wird, ein frauenfeindliches Revier zu sein. In Unternehmen wie Google, Facebook oder Apple liegt der Frauenanteil nur um die 30 Prozent. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass es einige weibliche Starmanager gibt – wie Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook, Marissa Mayer, die Vorstandsvorsitzende von Yahoo, oder eben die Wojcickis. Auch Esther Wojcicki findet trotz des Erfolges ihrer Töchter, dass es Frauen im Silicon Valley schwer haben: „De facto gibt es Diskriminierung, auch wenn sie oft unbewusst geschieht.“ Nicht nur kämpften Frauen gegen die weit verbreitete Auffassung, sich durch Kinderpläne von ihrer Karriere ablenken zu lassen. Sie würden auch als zu angepasst und nicht risikobereit genug wahrgenommen.

Wojcicki hält das nicht einmal für gänzlich aus der Luft gegriffen, wenn sie an ihre Arbeit an der Palo Alto High School denkt, wo sie das Journalistenprogramm verantwortet. Sie unterrichtet von der neunten Klasse an und hat einen großen Unterschied zwischen ihren weiblichen und männlichen Schülern festgestellt. „Die Mädchen sprechen weniger und wollen weniger anecken.“ Wojcicki versucht, das zu ändern und ihre Schülerinnen im Unterricht aus der Reserve zu locken. „Ich hole besonders die schüchternen Mädchen nach vorne und lasse sie Geschichten erzählen.“ Sie bemüht sich, auch selbst ein Vorbild zu sein. „Ich lasse nie locker und habe keine Probleme zu sagen, dass mir etwas nicht passt. Meine Schülerinnen sagen mir oft, dass sie sich das von mir abschauen.“

Ähnlich fordernd ging es auch bei den Wojcickis zu Hause zu, als die Kinder aufwuchsen. Esther Wojcicki erinnert sich, wie ihr Mann Stanley, ein heute emeritierter Physik-Professor an der Stanford-Universität, beim Abendessen alles hinterfragte, was seine Töchter erzählten. „Er wollte immer Beweise hören.“ Auf der anderen Seite bekamen die Kinder viele Freiheiten. Ihnen wurde zum Beispiel erlaubt, mit fünf Jahren ihr eigenes Zimmer zu dekorieren, und Mutter Esther denkt mit Grauen an einen scheußlichen Teppich in Neonpink zurück, den Susan unbedingt haben wollte und auch bekam. Den Töchtern wurde auch immer wieder eingebleut, dass sie genau die gleichen Dinge tun können wie Jungen. Deshalb habe zum Beispiel Anne gar nicht realisiert, dass es überhaupt so etwas wie Diskriminierung gibt, bis sie Biologie an der Eliteuniversität Yale studierte, wo sie eine von wenigen Frauen war.

Esther Wojcicki beschreibt ihre Töchter als sehr unterschiedlich. Susan, die heute selbst fünf Kinder hat, habe schon als Kind eine sehr fürsorgliche Art gehabt und sei deshalb oft damit beauftragt worden, auf die eineinhalb Jahre jüngere Schwester Janet aufzupassen. Janet sei immer das Genie gewesen und habe sich schon mit drei Jahren selbst das Lesen beigebracht. Anne sei als „Superstar“ angehimmelt worden: „Jeder wollte mit ihr befreundet sein.“ Heute kann sich Esther Wojcicki in allen drei erwachsenen Töchtern wiedererkennen. Etwa in Susans Hang zur Vernunft, aber auch in Annes Rebellentum.

Ihre eigene Zähigkeit führt Esther Wojcicki auf ein tragisches Ereignis aus ihrer Kindheit zurück. Ihr 18 Monate alter Bruder starb, als sie zehn Jahre alt war, nachdem er versehentlich zu viele Aspirin-Tabletten geschluckt hatte. Mangels Krankenversicherung fand die Familie nach Wojcickis Erzählung erst nach mehreren Anläufen ein Krankenhaus, das ihren Bruder aufnehmen wollte, und dort sei er wegen Behandlungsfehlern gestorben. „Ich habe mir damals geschworen, ich werde mich nie wieder von einem schlechten System unterkriegen lassen.“ Auch sei sie seit damals eine miserable Patientin und genieße alle Ratschläge von Ärzten mit Vorsicht. Tochter Anne erzählt gern die Episode eines entnervten Arztes, der sich beklagte, dass sich ihre Mutter an keinerlei Instruktionen halte.

Seit 1984 ist Esther Wojcicki an der Schule in Palo Alto und hat dort ein renommiertes Journalismusprogramm aufgebaut. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war es, die für ihre Kurse vorgesehenen Lehrbücher wegzuwerfen, weil sie sie für katastrophal hielt. Der aufmüpfige Akt hat ihr nicht geschadet, und im Laufe der Jahre schrieben sich immer mehr Schüler in ihre Kurse ein, darunter auch der Schauspieler James Franco. Im vergangenen Jahr hat sie ein Buch über Ausbildung veröffentlicht. Zwischenzeitlich hat sie auch als Beraterin für Google gearbeitet.

Zu Google hat die Wojcicki-Familie viele Verbindungen. Susan ist nicht nur Chefin von Youtube, sondern hat auch eine besondere Rolle in der Geschichte des Unternehmens. 1998 vermietete sie die Garage und ein paar Zimmer in ihrem Haus im Silicon Valley an Larry Page und Sergey Brin, die beiden Gründer. Anne wiederum war mit Brin verheiratet und hat zwei Kinder mit ihm, seit knapp einem Jahr ist das Paar geschieden. Esther Wojcicki hat aus nächster Nähe mitbekommen, welchen Reichtum Google ihren Kindern gebracht hat. Sie gibt zu, dass sie die Dimensionen dieses Reichtums schwer begreiflich findet, zumal sie selbst aus sehr ärmlichen Verhältnissen kommt. Und sie lässt durchblicken, dass sie eine etwas andere Einstellung zum Geldausgeben hat als ihre Töchter. „Ich muss nicht erster Klasse fliegen, und ich brauche keine Designerklamotten. Ich würde das Geld lieber für Stipendien hergeben.“

In jedem Fall legen die Wojcickis auf Familie großen Wert. Jeden Sonntag steht ein gemeinsames Abendessen auf dem Programm, mit Esther und ihrem Mann, den drei Töchtern inklusive etwaiger Partner, den insgesamt neun Enkeln und vier Hunden. Der Clan fährt auch gemeinsam in Urlaub, für dieses Jahr steht eine Reise nach Italien auf dem Programm. Und Mutter Esther ist sichtbar stolz auf die Aufmerksamkeit, die ihre Töchter genießen. Zum Beispiel als Anne kürzlich auf der exklusiven Met Gala in New York war, neben Superstars wie Taylor Swift und Lady Gaga. Anderntags war ein Foto von ihr im Boulevardblatt „New York Post“. Esther Wojcicki hat sich die entsprechende Zeitungsseite aufgehoben und in ihre Handtasche gesteckt.

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14. Mai. 2016
von Roland Lindner
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01. Mai. 2016
von Roland Lindner
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Teenie-Schwarm: Snapchat-Chef Evan Spiegel im Porträt

Evan Spiegel war ein verzogenes Söhnchen aus gutem Haus. Dann erfand er die App Snapchat – und ist mit 25 Jahren Milliardär.
Evan Spiegel© APEvan Spiegel

Eine Modekollektion von Mark Zuckerberg, das hört sich ziemlich absurd an. Deshalb war es auch ein hübscher Aprilscherz, als zu Beginn des Monats verkündet wurde, der Vorstandsvorsitzende des sozialen Netzwerks Facebook habe sich mit H & M zusammengetan. Angeblich wollte die schwedische Modekette einfarbige graue T-Shirts und Jeans unter Zuckerbergs Namen verkaufen. Das ist die Standardkluft des Facebook-Chefs, in der er fast immer zu sehen ist. Zuckerberg hat einmal gesagt, er wolle keine Energie damit verschwenden, jeden Tag darüber nachzudenken, was er anziehen soll. Also wählt er immer das gleiche Outfit. Eine ähnliche Marotte pflegte schon Steve Jobs, der verstorbene Mitgründer des Elektronikkonzerns Apple, mit seiner Vorliebe für schwarze Rollkragenpullover.

Evan Spiegel ist da ganz anders, mit ihm hätte der Aprilscherz so nicht funktioniert. Der Mitgründer und Vorstandschef der aufstrebenden Smartphone-Anwendung Snapchat hat einen Hang zum Glamour. Vor ein paar Monaten ließ er sich in Designerbekleidung für eine längere Fotostrecke in der italienischen Ausgabe der Männer-„Vogue“ ablichten. Mal wie ein Dandy in einem Anzug von Bottega Veneta, auf einer Ledercouch liegend und mit Ladykiller-Blick in die Kamera. Mal im Auto mit einer Lederjacke von Louis Vuitton. Und mal von einer sanfteren Seite mit einem Pelzmantel von Burberry und einem Hündchen auf dem Arm.

Wenn Spiegel nicht für Modezeitschriften fotografiert wird, taucht er in Klatschspalten auf. Er ist mit Miranda Kerr liiert, die als Model für die Dessousmarke Victoria’s Secret berühmt wurde. Wer Kerrs Profil auf der Smartphone-App Instagram aufruft, kann dort Fotos des Paares in verliebter Pose finden. Auch eine Romanze mit Pop-Superstar Taylor Swift wurde Spiegel schon nachgesagt.

In das Klischee des linkischen Strebertypen, mit dem Gründerfiguren der Internetbranche gerne in Verbindung gebracht werden, passt der 25 Jahre alte Spiegel also nicht so recht. Sein Unternehmen ist nicht einmal im Silicon Valley zu Hause, wo Facebook und viele andere prominente Vertreter der amerikanischen Internetszene ihre Heimat haben. Snapchat sitzt weiter südlich in Los Angeles, fast direkt am Strand des Stadtteils Venice, und ist damit viel näher an der Glitzerwelt von Hollywood. Von hier aus hat Spiegel Snapchat zu einem der am höchsten bewerteten Start-up-Unternehmen Amerikas gemacht. Sich selbst hat er damit auf Platz 854 der „Forbes“-Liste der reichsten Menschen der Welt katapultiert, mit einem geschätzten Vermögen von 2,1 Milliarden Dollar, umgerechnet sind das 1,9 Milliarden Euro.

Snapchat ist noch keine fünf Jahre alt, aber hat schon jetzt die Art und Weise revolutioniert, wie in sozialen Netzwerken kommuniziert wird. Das Grundprinzip unterscheidet sich radikal von Facebook. Snapchat-Nutzer schicken einander Fotos und Videos, die für den Empfänger nur für kurze Zeit zu sehen sind und dann wie von Geisterhand wieder verschwinden – daher auch das Gespenst im Unternehmenslogo. Wenn man an Facebook gewöhnt ist, mag sich das zunächst haarsträubend anhören. Aber die Vergänglichkeit dessen, was auf Snapchat geschieht, erlaubt es, viel offenherziger zu sein, und lässt die Hemmschwelle sinken. Gerade für junge Menschen, die es stört, dass längst auch ihre Eltern und Lehrer auf Facebook sind, hat sich das als extrem reizvoll herausgestellt.

Snapchat ist nicht dazu da, sein Leben zu dokumentieren, hier dreht sich alles um flüchtige Momentaufnahmen. Während Facebook-Nutzer dazu neigen, immer ein möglichst schmeichelhaftes Bild von sich zu vermitteln, ist Snapchat ein Ort zum Austoben. Hier fällt es leichter, Blödeleien, Peinlichkeiten und Anzüglichkeiten auszutauschen. Ein Markenzeichen der App ist ihre geradezu kindliche Verspieltheit. Man kann sich in seinen Selfies Hundeohren oder einen Wikingerhelm verpassen und Videos drehen, in denen man Tomatenscheiben oder einen Regenbogen erbricht.

Das mag alles infantil und pubertär klingen. Aber Spiegel hat aus Snapchat mittlerweile ein komplexeres Produkt gemacht, es geht jetzt um viel mehr als das Versenden von Fotos und Videos, die sich in maximal zehn Sekunden selbst zerstören. Snapchat erlaubt es seinen Nutzern heute, aus ihren Fotos und Videos eine Art Profil zusammenzustellen, dessen Inhalte zwar nicht unbegrenzt, aber immerhin 24 Stunden zu sehen sind. Erst vor wenigen Wochen wurde die App außerdem erheblich überarbeitet und unter anderem um neue Chatfunktionen ergänzt. Damit drängt Snapchat weiter auf das Revier der zu Facebook gehörenden Kurzmitteilungsdienste Whatsapp und Messenger.

Die Ambitionen von Spiegel sind indessen noch größer. Er will seine App zu einer Medienplattform machen und beschreitet damit einen Weg, den auch Facebook und andere Internetunternehmen eingeschlagen haben. Snapchat soll nicht allein für die Kommunikation da sein, sondern auch für Information und Unterhaltung. Beispielsweise fasst eine unternehmenseigene Redaktion Nutzervideos von bestimmten aktuellen Großereignissen zusammen und präsentiert sie in gebündelter Form, wie in dieser Woche vom Coachella-Musikfestival in Kalifornien oder vom Marathon in Boston.

Das Unternehmen hat auch Allianzen mit knapp zwei Dutzend Medienmarken wie „Vice“, „Buzzfeed“ oder dem „Wall Street Journal“ geschlossen, die Inhalte unter der Rubrik „Discover“ direkt auf der App publizieren. Das Angebot wird offenbar rege genutzt. Mehr als ein Fünftel der Inhalte von Buzzfeed werden schon auf Snapchat aufgerufen. Die Medienpartner werden von Snapchat an den Werbeumsätzen beteiligt.

Spiegel ist in Los Angeles als ältestes von drei Kindern aufgewachsen. Er kommt aus guten Verhältnissen, beide Eltern sind Anwälte. In einem Interview sagte er einmal, er sei in der Schule schüchtern gewesen und habe in der sechsten Klasse einen eigenen Personalcomputer gebaut. Seine Zurückhaltung legte er offenbar im Laufe der Jahre ab. Noch als Schüler machte er ein Praktikum beim Energy-Drink-Hersteller Red Bull, wo es seine Aufgabe war, Partys zu organisieren.

Spiegel streckte seine Fühler auch in ganz andere Richtungen aus. Er arbeitete im Forschungslabor eines Gesundheitsunternehmens an Computersimulationen, und er ging nach Kapstadt, um dort Schülern bei der Jobsuche zu helfen. Zum Studieren verließ er Los Angeles und ging an die berühmte Stanford University im Silicon Valley, sein Hauptfach war Produktdesign. Wie so viele andere Stanford-Studenten versuchte auch er sich als Unternehmer. Mit dem späteren Snapchat-Mitgründer Bobby Murphy entwickelte er zunächst „Future Freshman“, einen Online-Dienst, der Universitätsbewerbungen erleichtern sollte, aber kaum Nutzer fand. Reggie Brown, ein anderer Stanford-Kommilitone, brachte Spiegel und Murphy auf die Idee für eine Smartphone-Anwendung mit Fotos, die von selbst verschwinden. Das Trio arbeitete im Haus von Spiegels Vater an der Entwicklung der App, die im Juli 2011 zunächst unter dem Namen „Picaboo“ herauskam, bevor sie wenige Monate später in „Snapchat“ umbenannt wurde. Spiegel brach sein Studium ab, um sich auf seine Unternehmerkarriere zu konzentrieren.

Nach jüngsten Angaben hat Snapchat 100 Millionen Mitglieder, die den Dienst mindestens einmal am Tag nutzen. Damit liegt die App noch weit hinter Facebook mit seinen mehr als einer Milliarde täglichen und fast 1,6 Milliarden monatlichen Nutzern. Auch die zu Facebook gehörenden Dienste Messenger, Whatsapp und Instagram haben mehr Mitglieder. Aber Snapchat holt auf und gehört in Amerika und mittlerweile auch in Deutschland regelmäßig zu den fünf am meisten heruntergeladenen kostenlosen Smartphone-Apps, oft vor Messenger und Instagram. In der jüngsten Version einer regelmäßig von der Investmentbank Piper Jaffray veröffentlichten Erhebung, in der Teenager nach ihrem wichtigsten sozialen Netzwerk gefragt werden, landete Snapchat zum ersten Mal an der Spitze.

Aus seiner Popularität schlägt das Unternehmen mehr und mehr Kapital. Vor eineinhalb Jahren zeigte Snapchat zum ersten Mal Anzeigen, mittlerweile gibt es eine ganze Reihe verschiedener Werbeformate. Unter den Werbekunden sind bekannte Marken wie Pepsi und Budweiser, auch Präsidentschaftskandidaten wie Bernie Sanders und Ted Cruz haben Snapchat-Anzeigen geschaltet. Snapchat macht heute auch mit den Nutzern selbst Kasse und lässt sie dafür bezahlen, wenn sie Foto- und Videonachrichten mehr als einmal ansehen wollen. Nach einem Bericht des Technologieblogs „Recode“ peilt das Unternehmen für dieses Jahr einen Umsatz von 300 Millionen bis 350 Millionen Dollar an. Es gibt Pläne für einen Börsengang, wie Spiegel selbst bestätigt hat, ohne dafür aber einen Termin zu nennen.

Den Wert von Vergänglichkeit, wie sie Snapchat verspricht, kennt Spiegel selbst besser, als ihm lieb ist. Seine für ihn nicht immer schmeichelhafte Vergangenheit hat ihn schon öfters eingeholt. Ein Klatschblog grub vor zwei Jahren sexistische alte E-Mails von ihm aus seiner Stanford-Zeit aus, in denen er Studentinnen „Schlampen“ nannte und darüber sprach, auf Frauen zu urinieren und Kokain einzukaufen. Spiegel sah sich zu einer kleinlauten öffentlichen Entschuldigung gezwungen und sagte, die E-Mails seien „idiotisch“ gewesen und reflektierten nicht, wer er heute sei und welche Einstellung er zu Frauen habe. Andere Dokumente kamen während des Scheidungskriegs seiner Eltern ans Licht und lassen ihn als verwöhnten Teenager dastehen. Die Zeitung „L.A. Weekly“ berichtete über einen Brief, in dem der damals 17 Jahre alte Spiegel seinen Vater um einen BMW gebeten haben soll, mit dem Hinweis: „Autos bringen mir schiere Freude.“ Auch soll er von seinem Vater ein monatliches Taschengeld von 2000 Dollar verlangt haben, plus einen Reservefonds von 2000 Dollar. Seine Rechtfertigung: „Mein Leben ist voller unvorhergesehener Ausgaben.“

Das Gefühl, unsanft an peinliche Episoden aus der Vergangenheit erinnert zu werden, kennt auch Mark Zuckerberg. Der Facebook-Chef wurde einmal mit alten Kurznachrichten aus Studententagen konfrontiert, in denen er die Nutzer einer frühen Version des sozialen Netzwerks „Vollidioten“ nannte. Es gibt noch eine andere Gemeinsamkeit zwischen Zuckerberg und Spiegel: Beide haben sich juristische Schlammschlachten mit früheren Weggefährten geliefert, die sich von ihnen auf dem Weg zum Erfolg ausgebootet fühlten. Im Fall von Zuckerberg wurde dies sogar zum Stoff für Hollywood im Film „The Social Network“. Spiegel stritt sich mit Reggie Brown, der das Unternehmen schon im Gründungsjahr verließ und sich danach um seinen Anteil gebracht fühlte. Nach einigem Hin und Her schlossen die beiden Seiten einen Vergleich.

Spiegel wird manchmal nachgesagt, arrogant und schwierig zu sein. Aber er ist offenbar auch zu Reflexion fähig und gibt sich nicht dem Glauben hin, sein Erfolg sei nur der eigenen Brillanz zu verdanken. Auf einer Konferenz gab er einmal zu, wie sehr er von seinem privilegierten Statuts profitiert habe. „Ich bin jung, weiß, männlich, mit guter Ausbildung. Ich hatte wirklich, wirklich Glück.“ Es gebe nun einmal Ungleichheit auf der Welt, und die angeblich im Silicon Valley herrschende Leistungsgesellschaft, die harte Arbeit belohne, sei ein Mythos. Spiegels Fazit: „Das Leben ist nicht fair.“

01. Mai. 2016
von Roland Lindner
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01. Feb. 2016
von Martin Gropp
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Safe-Harbor-Abkommen: Damit die Daten weiter fließen

Mit der Suchmaschine Google recherchieren, ein Möbelstück auf der Auktionsplattform Ebay ersteigern, einen Online-Einkauf über den Bezahldienst Paypal begleichen oder auf dem sozialen Netzwerk Facebook den „Gefällt mir“-Knopf drücken – wer heute im Internet einen amerikanischen Dienst nutzt, der muss damit rechnen, dass die Unternehmen seine persönlichen Daten auch in den Vereinigten Staaten verarbeiten. Noch bis vor kurzem war das ohne weiteres möglich, doch an diesem Montag beginnt für Millionen europäischer Internetnutzer und zahlreiche Unternehmen jenseits wie diesseits des Atlantiks eine Phase der rechtlichen Unsicherheit. Weiterlesen →

01. Feb. 2016
von Martin Gropp
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04. Nov. 2015
von Roland Lindner
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Videoplattform Younow: Der Reiz des Alltags

Lebt vom "Trinkgeld" seiner mehr als 30000 Fans: Brent Morgan© Foto: Screenshot YounowLebt vom „Trinkgeld“ seiner mehr als 30000 Fans: Brent Morgan

Es ist Zeit zum Frühstücken. Nina Jasmin wirft Bananen, gefrorene Himbeeren und eine Maracuja in den Mixer und gießt etwas Wasser dazu. Mangos seien leider nicht mehr im Haus gewesen, sagt sie bedauernd. Während die 21 Jahre alte Hannoveranerin mit den Früchten hantiert, jammert einer ihrer Zuseher über einen gezogenen Weisheitszahn. Nina Jasmin zeigt sich mitfühlend und sagt, bei ihr sei das Entfernen der Weisheitszähne auch „richtig schlimm“ gewesen. Als das Getränk fertig ist, ruft sie triumphierend: „Smoothie-Time“ – und trinkt mit einem Strohhalm direkt aus dem Mixer. Später in dem einstündigen Video fragt sie jemand nach ihrer veganen Ernährung. Sie habe im vergangenen Jahr damit angefangen, sagt Nina Jasmin. Seither sei ihre Haut besser, und sie sei glücklich, dass für sie kein Lebewesen sterben oder leiden müsse.

Manchem mag all das etwas belanglos vorkommen. Aber solche und ähnliche Episoden aus dem Alltag ziehen auf der Videoplattform Younow ein stattliches Publikum an. Weiterlesen →

04. Nov. 2015
von Roland Lindner
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22. Sep. 2015
von Roland Lindner
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Lust auf Medien im Silicon Valley

Einmal am Tag trifft sich Daniel Roth mit seinen Kollegen vom Karrierenetzwerk Linkedin zur Redaktionskonferenz. Das zwölfköpfige Team kommt zusammen, um Themen zu entwickeln, ganz ähnlich wie Roth das von der Zeitschrift „Fortune“ kennt, seinem früheren Arbeitgeber. Aber die Umsetzung bei Linkedin ist eine ganz andere. Hier werden keine Redakteure darauf angesetzt, Geschichten zu recherchieren und aufzuschreiben. Stattdessen werden die Redaktionsmitglieder beauftragt, im riesigen Linkedin-Netzwerk nach Mitgliedern zu suchen, die vielleicht etwas Interessantes zu einem bestimmten Thema zu sagen haben. Geht es zum Beispiel um Bildung, könnten Professoren identifiziert und gebeten werden, einen Beitrag auf Linkedin zu verfassen, erzählt Roth. Bei der Suche nach Autoren nehmen die Redaktionsmitglieder einen Algorithmus zu Hilfe.

Manchmal muss das Linkedin-Personal gar nicht eingreifen. Zum Beispiel als kürzlich in der „New York Times“ eine Geschichte über die schlechten Arbeitsbedingungen beim Online-Händler Amazon erschien. Ein Amazon-Mitarbeiter sah sich genötigt, sein Unternehmen in einem langen Linkedin-Aufsatz zu verteidigen. Nicht nur wurde er damit hinterher in vielen traditionellen Medien zitiert, ihm folgten auch Dutzende andere und teils für Amazon deutlich weniger schmeichelhafte Beiträge von gegenwärtigen und ehemaligen Mitarbeitern. Das Sahnehäubchen auf Linkedin sind aber die „Influencer“ („Beeinflusser“). Das ist eine elitäre Gruppe von 500 Zeitgenossen, die Linkedin für besonders wichtig hält, darunter der Unternehmer Richard Branson oder Angela Ahrendts aus der Führungsriege des Elektronikkonzerns Apple. Diese „Influencer“ schreiben auf Linkedin über Karriere und andere Themen, die meisten Inhalte hat das Netzwerk exklusiv. Es sind oft Stoffe, die auch als Gastbeiträge in gewöhnlichen Zeitungen oder Zeitschriften stehen könnten.

Insgesamt haben schon mehr als eine Million Linkedin-Mitglieder Einträge verfasst, und das ohne jede Bezahlung. Das Kalkül hinter all diesen redaktionellen Initiativen ist es, die Mitglieder länger auf der Plattform zu halten. „Wir wollen einen Mehrwert schaffen,“ sagt Alexandra Kolleth aus der Geschäftsleitung der deutschen Linkedin-Tochtergesellschaft. Internes Ziel von Linkedin ist es, dass Nutzer mindestens 15 Minuten am Tag auf der Seite verbringen.

Die Strategie, sich mit eigenen Inhalten für sein Publikum interessanter zu machen, verfolgt nicht nur Linkedin. Weiterlesen →

22. Sep. 2015
von Roland Lindner
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25. Aug. 2015
von Martin Gropp
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„43 Hügel und 1 Tal“: Ein Duschkopf entzückt das Silicon Valley

Unter dem Duschkopf des kalifornischen Unternehmens Nebia sind nur die ersten Augenblicke unspektakulär. Wer sich im Büro des Start-ups in San Francisco unter die Testdusche stellt, muss wie in vielen Nasszellen rund um die Welt erst einmal das Wasser aufdrehen. Doch sobald es läuft, wird schnell deutlich, warum das Unternehmen und dessen Produkt Nebia heißt, angelehnt an das italienische Wort „nebbia“ für Nebel. Es gluckert kurz, dann zischt es, und neun Düsen sprühen feinste Wassertröpfchen von oben auf Kopf und Schultern. Eine Art Handbrause sorgt dafür, dass die Tröpfchen auch von der Seite kommen. In Sekunden ist der ganze Körper wie von Wasser umhüllt. Das ist keine Dusche, es ist eine Mischung aus Dampfbad und norddeutschem Nieselregen. Nur wohltemperierter.

„Wir atomisieren das Wasser“, umschreibt Philip Winter, Mitgründer und Geschäftsführer des Unternehmens, was da im und unter dem Duschkopf geschieht. Das Wasser wird mit hohem Druck durch die Düsen geschossen, und das hat Folgen: Der Duschkopf senkt nach Winters Angaben den Wasserverbrauch während des Duschens um 70 Prozent. Statt 9,5 Liter je Minute verbrauche Nebia lediglich 2,8 Liter. Das liegt daran, dass der Duschkopf statt eines konstanten Wasserstrahls viele Millionen kleinste Tröpfchen ausspuckt. Das vergrößert laut Winter die gesamte Wasseroberfläche und macht den Wassereinsatz dadurch effizienter. Weiterlesen →

25. Aug. 2015
von Martin Gropp
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17. Aug. 2015
von Martin Gropp
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„43 Hügel und 1 Tal“: Rarer Raum für Gründer

An der Market Street im Zentrum von San Francisco fährt draußen die Vergangenheit vorbei, während drinnen vielleicht die Zukunft entsteht. Vor dem Haus mit der Nummer 925 rumpeln die zum großen Teil mehr als 50 Jahre alten historischen Straßenbahnwagen der F-Linie, die heute ein fahrendes Verkehrsmuseum ist. Im Innern des Gründerzeitbaus arbeiten gut 20 junge Menschen auf zwei Etagen verteilt konzentriert an ihren Laptops und ihren Ideen für das mobile Internetzeitalter. Sie alle sind Gäste des größten Online-Händlers der Welt. Das Gebäude mit der Adresse 925 Market Street beheimatet seit dem vergangenen Oktober dauerhaft das Pop-up Loft von Amazon Web Services, der Cloudcomputing-Sparte des Internethändlers, die Speicher- und Rechnerkapazitäten an Unternehmen vermietet.

###© Martin GroppEingang des Pop-up Lofts von Amazon Web Services in San Francisco

„Das Loft ist ein Raum, wo jeder sich einen Kaffee nehmen, an seiner App arbeiten und persönliche Antworten zu technischen Fragen erhalten kann – und zwar kostenfrei“, beschreibt Amazon Web Services die Aufgabe des Lofts. Tatsächlich gibt es nicht nur einen Kaffeespender, sondern auch Cornflakes, Milch und Wassereis umsonst, Internetzugang sowieso. Auch der für jedes aufstrebende Internetunternehmen fast schon sinnbildlich gewordene Tischkicker steht zwischen den unverputzten Backsteinwänden.

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17. Aug. 2015
von Martin Gropp
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