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Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Facebook: Das Tor zum Internet

Was Microsoft mit Facebook vorhat? Die Antwort lautet: Facebook könnte das Betriebssystem des Web 2.0 werden. Aber Google hält dagegen.

Wenn Microsoft 240 Millionen Dollar für einen winzigen Anteil am sozialen Netzwerk Facebook zahlt, klingt das auf den ersten Blick aberwitzig: Die Investition bewertet das Unternehmen, das gerade einmal 150 Millionen Dollar Umsatz macht, mit 15 Milliarden Dollar. Auf den zweiten Blick könnten die 240 Millionen Dollar aber eine der wichtigsten Investitionen in die Zukunft des Softwarekonzerns gewesen sein. Nicht, weil Microsoft in kurzer Zeit eine satte Rendite erwarten darf. Die braucht der weltgrößte Softwareanbieter mit seinen prall gefüllten Taschen gar nicht. Was er wirklich braucht, ist die Eintrittskarte in das rasant wachsende Web 2.0, in die Welt der sozialen Netzwerke, und die Option, am Betriebssystem der nächsten Generation beteiligt zu sein. Beides hat sich Microsoft mit den 240 Millionen Dollar für den Facebook-Anteil erkauft.

Zwar gibt es viele Online-Gemeinschaften, in der sich Menschen zusammenfinden und miteinander kommunizieren. Aber Facebook mit seinen 50 Millionen aktiven Nutzern hat in mehrfacher Sicht eine Ausnahmestellung erreicht: 200 000 neue Mitglieder am Tag bedeuten ein rasantes Wachstum, das Facebook – wegen 420 Prozent Wachstum wahrscheinlich schon im kommenden Jahr am Marktführer MySpace vorbeiziehend – zur Nummer eins unter den sozialen Netzwerken machen wird. Fast wichtiger als die große Popularität ist aber die technische Überlegenheit des Unternehmens. Nach dem geradezu genialen Schachzug des jungen Gründers Mark Zuckerberg, Facebook als Plattform für externe Softwareentwickler und andere Unternehmen zu öffnen, gibt es inzwischen Tausende Zusatzprogramme, die von den Nutzern in ihre Facebook-Oberflächen eingebaut werden. Dazu gehören Anwendungen für den Handel auf Ebay ebenso wie Verbindungen zu anderen Netzwerken.

Bild zu: Facebook: Das Tor zum Internet 

Statt eine Vielzahl verschiedener Internetseiten zu nutzen, erledigen die Nutzer also immer mehr Netzanwendungen direkt auf ihrer Facebook-Seite. Das könnte das junge Unternehmen zu einer Art Web-Betriebssystem oder Tor zum Internet machen. Die Idee dahinter ist einfach: Je mehr Anwendungen dort installiert sind, desto mehr Zeit verbringt ein Nutzer auf Facebook und desto höher ist der Online-Werbeumsatz. Dieser Markt ist bereits 40 Milliarden Dollar schwer und wird sich bis zum Ende des Jahrzehnts wahrscheinlich verdoppeln.

Damit wird klar, warum die 240 Millionen Dollar für Microsoft, den Betriebssystem-Giganten der alten Welt, einen wichtigen Schritt in die neue Internet-Welt bedeuten können: Microsoft vermarktet nicht nur die Online-Werbung auf Facebook, sondern wird sicher schon bald auch mit seinen Internet-Programmen, die unter dem Namen Windows Live bekannt sind, auf der Facebook-Plattform vertreten sein. Als erster großer Schritt wird die Integration der Microsoft-Suchmaschine erwartet. Microsoft wird mit dieser Investition also zu einem Teil eines heißen Kandidaten, eines der zentralen Tore zum Internet zu werden – und könnte gleichzeitig sein lahmendes Suchmaschinengeschäft beschleunigen. Und Facebook? Sicher wird das Geschäft dem Unternehmen keine Sympathiepunkte bringen, dafür aber genügend Geld, um schon vor dem angestrebten Börsengang mehr Softwareentwickler einzustellen und die internationale Expansion voranzutreiben.

Facebook und Microsoft haben allerdings gewichtige Gegenspieler, allen voran Google. Die Suchmaschine will selbst zum Tor ins Internet werden, um sich weitere Werbeeinnahmen zu erschließen. Das Unternehmen koppelt dafür in seinem Produkt iGoogle die ebenfalls von externen Entwicklern zu Zehntausenden bereitgestellten Zusatzprogramme mit der nächsten Generation seiner Suchmaschine, die persönliche Vorlieben der Nutzer berücksichtigt.

Gegen Facebooks Dynamik im Web 2.0 setzt Google seine Ausnahmestellung im Suchmaschinenmarkt: Der Branchenprimus bearbeitet 60 Prozent aller Suchanfragen in der Welt und damit viermal mehr als der Zweitplazierte Yahoo. Googles Anteil am Online-Werbemarkt ist in wichtigen Märkten wie den Vereinigten Staaten oder Deutschland auf 40 Prozent gestiegen – und wächst scheinbar unaufhaltsam weiter. Obwohl viele Unternehmen versuchen, im Geschäft mit der Internetsuche Fuß zu fassen, ist zur Zeit niemand in Sicht, der Google Paroli bieten kann. Weder Yahoo noch Microsoft noch eines der Start-ups wie Powerset oder Hakia, die als selbsternannte oder hochgejubelte Google-Killer gehandelt werden, können mithalten. Als direkte Antwort auf Facebook will Google noch im November eine Art sozialen Layer vorstellen, der alle Google-Applikationen miteinander verbindet. Das Geheimprojekt wird unter dem Namen „Maka-Maka“ auf dem Googleplex entwickelt.

Der Wettbewerb um das zentrale Tor ins Web ist aber kein Zweikampf. Jerry Yang, Yahoos Gründer und neuerdings auch wieder Vorstandsvorsitzender, trimmt sein Unternehmen ebenfalls in diese Richtung. Er kann darauf setzen, dass Yahoo trotz seiner Schwächephase immer noch die populärste Internetseite der Welt ist. Auch neue Anbieter wie Netvibes oder Pageflakes haben mehr als Außenseiterchancen, denn ihre Plattformen sind die einzigen wirklich offenen Systeme, die allen Anbietern offenstehen. Vielleicht ist gerade die Offenheit die Chance der Kleinen, eine echte Chance gegen die Web-Giganten zu bekommen.

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