Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (5)
 

Das Internet ist wieder eine Jobmaschine

29.02.2008, 22:40 Uhr  ·  Die großen Internetunternehmen konkurrieren mit Hunderten Start-ups um Softwareentwickler und Fachkräfte für das Online-Marketing. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Die Gehälter steigen kräftig. Aber Entspannung ist in Sicht: Die Start-up- Begeisterung wird 2008 abflachen, weil vielen kleinen Unternehmen das Geld ausgeht.

Von

Beim zweiten Mal ist alles anders. Zumindest im Internet. In der aktuellen zweiten Web-Welle sind alle Websites in einem ständigen “Beta-Stadium”, werden pausenlos weiterentwickelt, mit anderen Seiten verknüpft. Statt selbsternannter Web-Gurus, die Millionen für eine Werbekampagne verpulvern, sind daher vor allem Softwareentwickler gesucht. Händeringend. Die 320 Start-ups, die allein 2007 gegründet wurden, suchen ebenso wie die großen Internetunternehmen nach den begehrten Spezialisten – und finden sie nicht. “Wir suchen – wie unsere Mitbewerber auch – verstärkt nach Softwareingenieuren. Aber die sind extrem schwer zu bekommen”, sagt Google-Sprecher Stefan Keuchel. 16 000 Mitarbeiter beschäftigt das amerikanische Unternehmen in aller Welt, davon aber bisher nur rund 150 in Deutschland.

Bild zu: Das Internet ist wieder eine Jobmaschine

“Der Fachkräftemangel bedeutet für die überwiegende Zahl der Dienstleistungsfirmen in der digitalen Wirtschaft eine ernsthafte Wachstumsbedrohung. Ein Ausbleiben der Fachkräfte bedeutet Stillstand”, warnt Arndt Groth, Präsident des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW). Auch im Online-Marketing oder im elektronischen Handel fehlen Spezialisten an allen Ecken und Enden. “Einige Dienstleister und Agenturen lehnen Aufträge ab, da sie kein Personal haben, das die Aufträge abarbeiten kann. Viele tun sich schwer, selbst mit Headhuntern adäquate Mitarbeiter zu finden. Zudem sind bei Mitarbeitern mit mehr als drei Jahren Online-Erfahrung die Gehaltsvorstellungen in den letzten Monaten drastisch gestiegen”, sagt Christoph Salzig vom BVDW. Das schreckt Google nicht. Der Suchmaschinenanbieter hofft nicht nur auf Nachwuchs aus den Universitäten, sondern auch auf erfahrene, wechselwillige Kandidaten aus anderen Internetunternehmen. Denn das Personalkarussell dreht sich in der Internetbranche wieder schnell.

Mehrere hundert offene Positionen hat allein United Internet. Das Unternehmen beschäftigt zurzeit 3800 Mitarbeiter und sucht vor allem Informatiker, Netzwerktechniker und Produktmanager. “Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die Fachkräfte zu finden, die unseren eigenen hohen Qualitätsstandards entsprechen. Unsere Messlatte für Bewerber ist bewusst hoch aufgelegt”, sagt United-Internet-Chef Ralph Dommermuth. Etwa 100 neue Mitarbeiter sucht Freenet, und um 50 auf etwa 470 Beschäftigte will Tomorrow Focus seinen Mitarbeiterstamm in diesem Jahr aufstocken.

Auf der Jagd nach den Talenten für das Internetzeitalter haben die etablierten Unternehmen aber starke Konkurrenz von den Start-ups bekommen. “Wir bekommen verstärkt Bewerbungen von Menschen, die vor drei oder vier Jahren in Internetunternehmen begonnen haben, weil sie dort etwas bewegen wollten. Viele dieser Unternehmen haben heute jedoch Konzernstrukturen, was junge kreative Leute eher wechseln lässt”, sagt Dirk Hensen von StudiVZ, der selbst von Yahoo zu StudiVZ gekommen ist. Das Unternehmen hat seinen Vorstandschef Marcus Riecke von Ebay geholt und beschäftigt inzwischen 130 Menschen.

30 bis 40 neue Mitarbeiter sollen in diesem Jahr dazukommen, vor allem Softwareentwickler und Datenbankadministratoren. StudiVZ sucht wie viele andere Unternehmen aus der Branche aber auch Spezialisten für die Online-Werbung, denn in diesem Jahr müssen alle jungen Internetunternehmen beginnen, Geld zu verdienen. “Im Moment ist es aber sehr schwierig, Mitarbeiter mit zwei bis drei Jahren Online-Marketing-Erfahrung zu finden. Young Professionals mit einigen Jahren Berufserfahrung sind vorsichtiger mit einem Wechsel geworden, vor allem wenn der neue Arbeitgeber ein Start-up ist”, sagt Jörg Malang, der einst die Preissuchmaschine Kelkoo aufgebaut hat und inzwischen Vorstandschef des Berliner Unternehmens Plazes ist.

Malang warnt vor einem übereilten Wechsel: “In der Internetbranche ist momentan noch ein Nachfrageüberhang auf dem Arbeitsmarkt festzustellen. Allerdings könnte bereits 2008 eine Wende einleiten, da das Phänomen ,Web 2.0′ an Bedeutung verliert und viele Start-ups ganz andere Sorgen haben werden”, sagte Malang. Junge Unternehmen, die in den vergangenen beiden Jahren mit Hilfe einer Anschubfinanzierung gegründet wurden, müssen in diesem Jahr entweder eine Anschlussfinanzierung eines Risikokapitalgebers bekommen oder auf eine Übernahme spekulieren. Beide Wege werden zurzeit aber erkennbar schwieriger, weswegen der Gründerboom in diesem Jahr wohl stark abflachen wird.

Die ersten Gründer machen ihre Unternehmen daher jetzt wieder dicht und bewerben sich bei anderen Start-ups, denen sie eine bessere Zukunft zutrauen. Wie dem Leipziger Unternehmen Unister, das 2002 gegründet wurde, inzwischen 190 Mitarbeiter beschäftigt und weitere 130 Menschen in diesem Jahr einstellen will. Unister betreibt und vermarktet Internetseiten wie das schnell wachsende Auktionshaus Auvito, Preisvergleich.de oder das soziale Netzwerk Jux.de. Auch die Seite Verwandt.de, auf der inzwischen mehr als eine Million Deutsche rund 750 000 Stammbäume angelegt haben, will die Zahl ihrer Mitarbeiter aufstocken, wenn auch auf niedrigerem Niveau: von 17 auf 30 in diesem Jahr.

Große Hoffnung auf gute Hochschulabsolventen macht sich Sven Schmidt, Gründer von Verwandt.de, aber nicht. “In Deutschland kommt nur für jeden zehnten Hochschulabsolventen in Frage, zu einem Start-up zu gehen. Dieser Anteil ist in anderen Ländern wie den Vereinigten Staaten viel höher. Deutsche Studenten wollen lieber bei einem bekannten Markenartikler anfangen. Die breite Masse der Studenten hat den Boom der Start-ups daher gar nicht wahrgenommen. Entsprechend stark hat der Wettbewerb um die wenigen Willigen zugenommen”, sagt Schmidt.

Um die Marketingspezialisten buhlen auch die Tochtergesellschaften amerikanischer Unternehmen, die ihre Technik meist in Amerika entwickeln, aber ihr Produkt in Deutschland vermarkten wollen. Wie die Online-Gemeinschaft MySpace, die ihr Team von 20 Mitarbeitern in diesem Jahr in Deutschland mindestens verdoppeln will. Viele Menschen wechselten aus den klassischen Medien, der Unterhaltungs-, Musik- und der Werbebranche ins Internet, sagt MySpace-Deutschland-Chef Joel Berger, der zuvor Geschäftsführer von MTV Networks war. Auch Microsoft sucht vor allem Vertriebsmitarbeiter.

Es müssen aber nicht nur Techniker und Marketingspezialisten sein. Ebay sucht in erster Linie Mitarbeiter für den Kundenservice. 1100 Menschen beschäftigt der Internet-Marktplatz in Deutschland bereits; weitere 80 bis 100 sollen in diesem Jahr dazukommen. Der Online-Händler Amazon, der in aller Welt bereits 17 000 Mitarbeiter auf der Gehaltsliste hat, sucht mehrere Dutzend Mitarbeiter für den Einkauf, die neue Produktgruppen aufbauen sollen. Auch in den Logistikzentren des Unternehmens entstehen neue Positionen, zumal Amazon gerade die Genehmigung für ein zweites großes Lager in Bad Hersfeld erhalten hat.

Zurzeit werden auch wieder stärker spezialisierte Portale gegründet. Zum Beispiel sucht Tomorrow Focus Tourismusfachleute für den Ausbau seiner Reisegemeinschaft Holidaycheck. Weitere Portale für Finanzen und Gesundheit sollen bald folgen. Überhaupt ist das Thema Gesundheit sehr beliebt unter den Gründern. “Wir suchen Mitarbeiter, die sowohl Kenntnisse in der Medizin und im Internet haben. Diese Qualifikation ist auf dem Arbeitsmarkt aber kaum zu bekommen”, sagt Ingo Horak, Gründer von DocInsider, einer Seite für den Vergleich von Ärzten.

 

Veröffentlicht unter: Softwareentwickler, Arbeitsmarkt

  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden
Lesermeinungen zu diesem Artikel (5)
Sortieren nach
0 Uwe 02.03.2008, 13:41 Uhr

Ich kann diesen Beitrag leider...

Ich kann diesen Beitrag leider nur bestätigen. Wir haben für den Aufbau eines 10-köpfigen Teams bei Tripsbytips.de ein Jahr benötigt, IT-Fachkräfte mit Berufserfahrung sind momentan nur äußerst schwierig zu bekommen. Dies gilt insbesondere für Berlin, die "Start up-Hauptstadt" Deutschlands, in der besonders viele Softwareentwickler von jungen Unternehmen gesucht werden.

0 Miguel Rego Gomes dos Reis 03.03.2008, 05:41 Uhr

Der besagte Fachkräftemangel...

Der besagte Fachkräftemangel macht sich wie beschrieben auch sehr stark in unserem Unternehmen bemerkbar. Seit langem bin ich auf der Suche nach zwei internetaffinen und im Online-Marketing versierten jungen Aushilfskräften, finde jedoch keine im Ruhrgebiet. Düsseldorf, München und Hamburg und insbesondere Berlin haben meiner Meinung nach weitaus interessiertere junge angehende Akademiker mit entsprechender Interessenlage anzubieten. In Hochachtung, Miguel Rego Gomes dos Reis

0 Andre 09.03.2008, 20:56 Uhr

Es gibt durchaus fähige Leute...

Es gibt durchaus fähige Leute die gerne einen solchen Job ausüben würden. Sehr gerne sogar. Allerdings haben viele von denen nicht studiert und dadurch fallen diese durchs Raster. So bleibt einem nicht studiertem Handelsfachwirt wie mir nur der Weg es selbst mit eigenen Projekten zu versuchen. Nach wenigen Monaten verdiene ich nun schon ein ordentliches Zubrot und ich bin mir sicher das ich eines Tages komplett davon leben kann, weil ich weiß was ich kann und weil ich voll motiviert bin und alles dafür tue später mal von meinem Traumjob leben zu können. SEO/SEM ist für mich kein Beruf sondern Leidenschaft, ja ich würde fast sagen mein Leben. Leider habe ich nie studiert, aber viele Studierte fragen mich immer ganz erstaunt wie ich denn im Netz Geld verdiene. ;-)

0 robert 17.05.2008, 08:26 Uhr

stellenanzeigen schalten in...

stellenanzeigen schalten in medien, die nicht von jedermann, sondern von der genannten weborientierten zielgruppe gelesen werden, hilft! warum nach SEO, PHP oder Java Experten in Tageszeitungen oder anderen käseblättern suchen?

0 Mathias Ziegler 18.07.2010, 15:17 Uhr

Leider hat sich die Situation...

Leider hat sich die Situation noch immer nicht gebessert. Wir haben bei unserer Entwicklung auf Java und MySQL gesetzt. Leider nutzen diese Technologie auch viele Banken die den Markt geradzu leersaugen Wir Zeit für die nächste Bankenkrise ;-)

Chronik 2014